Deutsche Bibelgesellschaft

Römer 11,25-32 | 10. Sonntag nach Trinitatis Israelsonntag: Kirche und Israel | 09.08.2026

Einführung in den Römerbrief

1. Verfasser

Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1 und 16,22: eigener Gruß des Tertius; keine Mitverfasser).

Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums missionieren und plant eine Reise nach Spanien. Im Zusammenhang dieser Reise zu neuen potenziellen Missionsgebieten stellt er sich den römischen Christus-Gläubigen brieflich als Apostel der Nichtjuden vor und kündigt einen Aufenthalt in Rom an, bei dem er die römischen Christus-gläubigen Gemeindeglieder an seiner Evangeliumsverkündigung teilhaben lassen will. Außerdem hofft er auf Unterstützung bei seinen Reiseplänen. Zuvor will er aber die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, die die kleinasiatischen und griechischen Gemeinden aufgebracht haben, persönlich nach Jerusalem bringen, so dass sich sein Rombesuch noch verzögern wird.

2. Adressaten

Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.).

Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ). Die Exegeten schließen daraus, dass es in Rom in den fünfziger Jahren des 1. Jh.s nicht nur eine, sondern mehrere Gemeinden – oft als Hausgemeinden oder auch als „Gemeinden in römischen Mietblocks“ bezeichnet – gegeben habe. Wichtig ist,

  1. dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
  2. dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
  3. dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).

Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14) bestimmt.

3. Entstehungsort und Entstehungszeit

Paulus schreibt nach Rom wohl im Jahr 56 aus Korinth (Röm 16,23; 1Kor 1,14; Apg 20,4).

4. Wichtige Themen

„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).

Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.

5. Aktuelle Fragen

Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1.15) Jude (Röm 9,1-5) und Pharisäer (so Paula Fredriksen) geblieben? Diese Frage ist nicht nur für die Paulusinterpretation, sondern auch für die Rekonstruktion der Anfänge der christlichen Kirche von bleibender Bedeutung und wird exegetisch neu justiert werden müssen.

6. Besonderheiten

Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:

Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16) gilt.

  1. In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31 ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft.
  2. In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
  3. Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16 zum Abschluss bringt (11,26).

Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7 zur „Obrigkeit“; 13,8-10 Liebe als Gesetzeserfüllung; Kap. 14 Starke und Schwache in der Gemeinde).

15,14-33 gelten der aktuellen Planung, Kap. 16 enthält ausführliche Grüße.

Literatur:

  • Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
  • Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
  • Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
  • Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.

A) Exegese kompakt: Römer 11,25-32

25Οὐ γὰρ θέλω ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, τὸ μυστήριον τοῦτο, ἵνα μὴ ἦτε [παρ’] ἑαυτοῖς φρόνιμοι, ὅτι πώρωσις ἀπὸ μέρους τῷ Ἰσραὴλ γέγονεν ἄχρι οὗ τὸ πλήρωμα τῶν ἐθνῶν εἰσέλθῃ 26καὶ οὕτως πᾶς Ἰσραὴλ σωθήσεται, καθὼς γέγραπται·

ἥξει ἐκ Σιὼν ὁ ῥυόμενος,

ἀποστρέψει ἀσεβείας ἀπὸ Ἰακώβ.

27καὶ αὕτη αὐτοῖς ἡ παρ’ ἐμοῦ διαθήκη,

ὅταν ἀφέλωμαι τὰς ἁμαρτίας αὐτῶν.

28κατὰ μὲν τὸ εὐαγγέλιον ἐχθροὶ δι’ ὑμᾶς, κατὰ δὲ τὴν ἐκλογὴν ἀγαπητοὶ διὰ τοὺς πατέρας· 29ἀμεταμέλητα γὰρ τὰ χαρίσματα καὶ ἡ κλῆσις τοῦ θεοῦ. 30ὥσπερ γὰρ ὑμεῖς ποτε ἠπειθήσατε τῷ θεῷ, νῦν δὲ ἠλεήθητε τῇ τούτων ἀπειθείᾳ, 31οὕτως καὶ οὗτοι νῦν ἠπείθησαν τῷ ὑμετέρῳ ἐλέει, ἵνα καὶ αὐτοὶ [νῦν] ἐλεηθῶσιν. 32συνέκλεισεν γὰρ ὁ θεὸς τοὺς πάντας εἰς ἀπείθειαν, ἵνα τοὺς πάντας ἐλεήσῃ.

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Übersetzung

25 Ich will euch, Brüder, nicht in Unwissenheit über dies Geheimnis lassen, damit ihr nicht von euch selbst aus klug seid: Verstockung ist Israel teilweise widerfahren, bis die Fülle/volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Retter/Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Aus der Perspektive des Evangeliums sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte wegen der Väter. 29 Denn unbereubar sind die Gnadengaben (Charismen) und die Berufung Gottes. 30 Denn wie ihr früher Gott ungehorsam gewesen seid, jetzt aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. 

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Πλήρωμα = die Vollzahl.

2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung

Paulus schreibt einen Schlusstext (Kap. 9–11) in der literarisch gehobenen Form eines „Geheimnisses“ (μυστήριον öfter bei Paulus, vgl. besonders 1Kor 15,51), einer Spielart apokalyptischer Rede (hebr. raz). Das bedeutet: hier geht es um Endzeitwissen, aber nicht im kosmologischen Rahmen des Endes der Welt, sondern im heilsgeschichtlichen Rahmen des Planes Gottes mit den Menschen, die Paulus als Jude in Juden und „Völker“/ Nichtjuden/Heiden aufgeteilt sieht. Paulus gestaltet dies „Geheimnis“ nicht als endzeitliche Erzählung oder Vision, sondern als Gegenwartsanalyse (νῦν). Sein heilsgeschichtliches Fazit heißt: Gott wird sich aller Menschen, Juden und Nichtjuden, erbarmen (V. 32 als Schlusspointe der Kap. 9–11). Dieses heilsgeschichtliche Urteil über die Menschheit in ihrem Verhältnis zu Gott beruht auf einer einfachen Argumentation. Paulus setzt das Verhalten der christusgläubigen nichtjüdischen Römer in ein Parallelverhältnis zu den nicht-christusgläubigen Juden (Lohse, Der Brief an die Römer, 323 zu V. 30/31):

„Wie ihr [die früher heidnischen Römer] einst

so sind jetzt auch diese [Juden]

Gott ungehorsam wart,

ungehorsam geworden,

jetzt aber Erbarmen erfahren habt 

um des Erbarmens über euch willen,

um ihres [der Juden] Ungehorsams willen

damit auch sie nun Erbarmen erfahren.“

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Dies Parallelverhältnis ist „hinkend“: zuerst die Heiden, dann analog die Juden. Das heißt: Die früheren Heiden sind zum Glauben an Christus gekommen, während die Juden mehrheitlich nicht an Christus glauben, so dass zunächst die Heiden zum Christusglauben kamen. Wenn die Vollzahl der Heiden christusgläubig geworden ist, werden auch die jetzt nicht christusgläubigen Juden zum Christusglauben kommen.

3. Kontext und historische Einordnung

Mit dieser Argumentation schließt Paulus seinen großen Traktat über „seine Brüder, seine Stammverwandten nach dem Fleisch, die Israeliten“ (9,3f.) ab. In drei komplizierten Kapiteln ringt er um die Frage, wie Israel gerettet werden kann.

Wie kommt er in Korinth zu dieser Thematik? Paulus schreibt den Römerbrief 56 n. Chr. aus Korinth im Fadenkreuz dreier geplanter Reisen. Erstens geht es um die Vorbereitung auf seine geplante Spanienmission, für die er die Unterstützung der römischen christusgläubigen Vereinigungen in Anspruch nehmen möchte. Zweitens will er zuvor seine nächste Reise antreten: von Korinth aus nach Jerusalem, um mit einer Delegation zusammen die Kollekte der heidenchristlichen Gemeinden an die judenchristliche Gemeinde unter Jakobus in Jerusalem zu überbringen. Drittens will er von Jerusalem aus nach Rom fahren, um dort um Unterstützung für die Spanienreise zu werben. Alle drei Reisen hängen zusammen, und Spanien soll die Mission des Paulus an Nichtjuden im Westen des römischen Reiches zum Abschluss bringen.

Die geplante Reise nach Jerusalem war riskant, weil sich Jerusalem/Judäa bereits in einem Vorstadium des 1. Jüdischen Krieges befand (66–70 n.Chr.), d.h. gegen die römische („heidnische“) Besatzung agitierte und die Bevölkerung sich ethnisch-religiös radikalisierte (vgl. Apostelgeschichte 20ff.). Diese Radikalisierung wirkte sich auch auf die Jerusalemer Judenchristen aus (Apg 21,20). Paulus musste also befürchten, in Jerusalem als gleichsam abtrünniger Jude in Gefahr zu geraten. Es zeigte sich, dass die Jerusalemer Judenchristen auf Distanz zu Paulus gingen und offenbar die Kollekte der Heidenchristen, an der Paulus als Zeichen der Verbundenheit der Heidenchristen mit den Judenchristen besonders lag, nicht annahmen. Paulus wurde aufgrund jüdischer Anschuldigungen verhaftet und kam nach Jahren der Haft in Cäsarea Anfang der sechziger Jahre als Gefangener nach Rom, wo sich seine Spur verliert. Die Spanienreise hat er höchstwahrscheinlich nicht mehr durchführen können. Jakobus wurde 62 n.Chr. auf das Urteil des Hohepriesters Ananus hin gesteinigt (zeitlich möglicherweise nicht weit von Paulus‘ Hinrichtung entfernt).

Röm 9–11 lassen nichts von den politischen Wirren in Jerusalem/Judäa erkennen. Paulus deutet nicht an, dass er sich mit der politischen Problematik der römischen Herrschaft in Judäa und mit der national-religiösen Front in Jerusalem auseinandersetzt. Zu Beidem bezieht er nicht Stellung. Sein Thema ein rein theologisches: die gegenwärtige Ungleichheit des Erfolges des „Evangeliums“ (11,28) in seiner Mission bei den Nichtjuden/Völkern/Heiden, die er in Kap. 15 besonders betont, und dem relativen Misserfolg der Evangeliumsmission unter den Juden, die mehrheitlich den Christusglauben nicht annehmen und den Judenchristen das Leben schwermachen. Paulus ist in großer Sorge um das „Heil“ der nicht-christusgläubigen Juden.

Bei seinen Überlegungen kommt er zu einer heilsgeschichtlich gedachten Lösung: Hätten die Juden gleich das Evangelium angenommen, hätte es gar keine Heidenmission gegeben. Das Evangelium wäre in Jerusalem geblieben, und die Heiden wären nicht gerettet worden. Dadurch dass die Juden aber „ungehorsam“ waren, kam das Evangelium nach Damaskus, nach Syrien und Kleinasien und damit zu „Heiden“ und war dort erfolgreich. „Jetzt“ – denkt Paulus, wenn die Heiden christusgläubig geworden sind und seine Mission im Osten wie im Westen erfolgreich ist, werden die Juden gleichsam nachziehen. Ziel ist: nicht nur die Juden, sondern alle Menschen sollen gerettet werden. Daher ist seine Mission im Westen wichtig: Die Heiden müssen zur Gänze missioniert werden.

Röm 9–11 ist die theologisch-heilsgeschichtliche Antwort des Paulus auf die „hinkende“ Missionsgeschichte ohne Rücksichtnahme auf die politisch-religiöse Situation in Jerusalem.

4. Theologische Perspektivierung

Der Heidenapostel Paulus ist als ethnischer Jude tief besorgt um das Heil seiner Mitjuden. Er versucht, theologisch das Ungleichgewicht zwischen seiner Heidenmission und der Judenmission der Urapostel (Apg 15) mit dem Heilsplan Gottes zu erklären. Das Gewicht der Argumentation liegt auf der Grundüberzeugung des Paulus: „Gott wird sich aller erbarmen“ – ob durch die Annahme des Evangeliums oder in anderer Weise, lässt er offen. Es geht um das theologische Dass, nicht um das Wie.

Literatur

  • E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
  • O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
  • O. Wischmeyer, Gott neu vermessen. Eine Paulusbiographie, Reclam Verlag Ditzingen 2026.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Israelsonntag 2026 ist ein schwieriger Termin, so wie jeder Israelsonntag eine Herausforderung auf der Kanzel darstellt. Dieser Text wird im Frühjahr 2026 verfasst. Israel bombardiert in einem Rundumschlag Iran und den Libanon. Die USA führen den Krieg als Waffenbrüder auf Seiten Israels, Gaza liegt in Trümmern, es hungern die Menschen.

Der Israelsonntag beschwört seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die Versöhnung von Christen und Juden und die Nähe zwischen diesen beiden Ausformungen des Monotheismus.

In die Abgründe dieses Verhältnisses zwischen Christen und Juden kann man allerdings schauen, wenn man die Rechtfertigungsschrift des Tübinger Neutestamentlers Gerhard Kittel zur Kenntnis nimmt, die dieser im Internierungslager 1946 verfasst hat und in der er den metaphysischen Quantensprung zwischen Judentum und Christentum beschwört (vgl.  Morgenstern / Segev, Gerhard Kittels „Verteidigung“).

Bei dieser Lektüre wird auch den Nachgeborenen sonnenklar, wie verwickelt auch die akademische Theologie gemeinschaftlich mit der Kirche in den Massenmord an Menschen jüdischer Herkunft bzw. jüdischen Glaubens gewesen ist. Und in welchem Maße politisierte christliche Theologie und Predigt zur Shoa beigetragen haben.

Deshalb wäre es wohl angemessen, tagespolitische Beurteilungen der Israelpolitik lediglich im gedanklichen Horizont zu behalten. Stattdessen: Im Fürbittgebet der Opfer auf allen Seiten zu gedenken und Röm. 11 zu befragen, was diese Passage zum Frieden zwischen Juden und Christen beitragen kann.

2. Thematische Fokussierung

Wie die Exegetin beschreibt, lesen wir in Römer 11 die Conclusio der Argumentation des Paulus zum Verhältnis „Juden“ und „Heiden“ und der Frage der Erwählung des Volkes Israel.

Zugleich werden wir Zeugen der Lösung des geistigen, theologischen, spirituellen und existenziellen Lebenskampfes des Mannes Paulus zwischen seinen ethnischen und theologischen Anteilen. Paulus versucht seine geistliche Biografie zu versöhnen, nachdem er das Judentum geistig gesprengt hat und Christus als den Messias glaubt und feiert, der die Grenzen zwischen Menschen aller Herkünfte und Geschlechter für überwunden erklärt.

Um diesen inneren Kampf und inneren Weg in seiner Dramatik zu schildern, könnte die Predigt am Israelsonntag Paulus, den Juden, der Christus als den Messias erkannte, als ein Modell für innere Ambivalenzen und Polarisierungen beschreiben: Als Paulus begann, Christus als Erlöser und Retter der ganzen Welt zu verstehen, und zugleich festhielt an der ewigen Erwählung des Volkes Israel durch Gott, hat er diese Spannung persönlich ausgehalten und sie zugleich in die Geschichte des Christentums eingezeichnet.

Paulus war sich tod- und lebenssicher, dass Jesus der Christus ist und war, auf den die Juden seit 1000 Jahren warteten. Er musste zugleich schmerzlich erfahren, dass seine Glaubensbrüder diesen Schritt in der Mehrheit nicht mitgingen, ja dass sie versuchten, den Christusanhängern in den eigenen Reihen zu schaden, sie als politische Aufrührer anzuklagen und aus den Synagogen zu vertreiben. Die Predigt sollte diese Spannungen und auch die ganz persönliche Gefährdungslage des Paulus plastisch machen, wie sie in der Exegese beschrieben ist. Paulus hat es mit lebensgefährlichen Polarisierungen zu tun, die religiös motiviert, zunehmend Einfluss auf die römische Politik nahmen.

Er will mit dieser Passage die theologisch und politisch brenzlige Situation vor dem 1. Jüdischen Krieg innerlich und äußerlich befrieden.

Die römische Gemeinde ist, wie wir der Exegese entnehmen, zu einem kleinen Teil jüdischer Herkunft und zu einem größeren Teil „heidnischen“ Herkommens. Paulus versucht also, das Thema der Erwählung des Volkes Israel als Konfliktthema für die Gemeinde zu lösen, indem er das prophetische Motiv der „Verstockung“ aufruft. Er nimmt für sich in Anspruch, im Besitz eines Geheimwissens über Gottes Plan mit der Geschichte der Welt zu sein.

Der Erwählungsgedanke wird nun in umgekehrter Reihenfolge - erst die Heiden, dann Israel -präsentiert – mit dem Ziel der letztendlichen Gnade für alle.

3. Theologische Aktualisierung

Die Predigt kann der Gemeinde in einem ersten Teil in der Schilderung der existenziellen Spannungen und Gefährdungen des Paulus das Gewicht und die Fallhöhe dieses Textes nahebringen. Auch sollte die explosive Atmosphäre, aus deren Kontext Paulus schreibt, womöglich als transparent auf die heutige Zeit geschildert werden: die Fragen nach einem religiösen Nationalismus, ja die nach Nationalismus überhaupt, ethnischen Ausgrenzungen und zunehmenden rassistischen Übergriffen auch und wieder gegenüber den jüdischen Mitbürgern.

Zu predigen wäre dann allerdings die Gnadenbotschaft des Paulus, der alle Konflikte rund um die Erwählung der einen und der anderen Gottes Barmherzigkeit anvertraut. Damit gehören Juden und Heiden beide zu den Herausgerufenen, die alle Reihenfolgen und alle Ansprüche der Erwählung untereinander angesichts von Gottes Erbarmen aufgeben dürfen. Gottes Barmherzigkeit hebt die Erwählung am Ende auf, und wir betrachten uns alle als Begnadete und als solche, die der Gnade Gottes bedürfen.

Und: Wir erinnern uns gegenseitig daran, dass Gottes Barmherzigkeit einen Auftrag zur menschlichen Barmherzigkeit bedeutet.

4. Wie prägt der Text das (Kirchen)jahr

Die Politik Israels prägt derzeit die Kriegslandschaft in der Welt. Die Staaten Europas werden in einen Krieg hineingezogen, der ohne sie begonnen wurde und zu dem sie nicht gefragt wurden.

Der Staat Israel bombardiert seit Wochen die Nachbarländer und wie vorher in Gaza, so sind jetzt Millionen von Menschen im Libanon auf der Flucht. Ebenso flüchten die Palästinenser aus Westjordanland, weil eine von der UNO verbotene Siedlung nach der anderen entsteht.

Die religiöse politisch extreme nationalistische Gruppe in der Regierung bezieht sich auf die Erwählung des Volkes Israels und behauptet Gottes Willen und den Anspruch des Volkes auf die eroberten Gebiete hinter der Verdrängung anderer Völker und Bewohner dieser Region.

Auch dies ist eine Position, die in diesem Jahr und in dem vorgeschlagenen Text am Israel-Sonntag seine Spuren hinterlässt.

Die israelische Historikerin und Tochter des weltberühmten Schriftstellers Amos Oz formuliert in einem Spiegelinterview 2025 drastisch, aber hilfreich: »Umarmen Sie das israelische Volk. Und treten Sie der Regierung in den Arsch«

Mit Paulus ist diese politische und nationalistische Durchsetzung staatlicher Interessen und diese Art von Verletzung der Menschenrechte und der Menschenwürde der Nachbarn nicht zu vertreten, bei allem Schmerz, der den Menschen in Israel zugefügt wurde.

Die dauernde Erwählung Israels führt in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und ist Aufgabe des Gottesvolkes.

Aber wer sind wir Christen am Israelsonntag von den Kanzeln predigend, dass wir das den jüdischen Mitmenschen nahelegen könnten?

Der Text jedenfalls birgt jedenfalls Spannungsfelder genug. Die Predigerinnen und Prediger können sorgsam, vorsichtig und respektvoll diese Spannungen in die Auslegung von Röm 11 weben.

Literatur

  • Morgenstern, Matthias / Segev, Gerhard Kittels Verteidigung / Gerhard Kittel’s Defence, Berlin 2019

Autoren

  • Prof. em. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. em. Johanna Haberer (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500206

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