Deutsche Bibelgesellschaft

2. Timotheus 1,7-10 | 16. Sonntag nach Trinitatis | 20.09.2026

Eine Einführung in den Titusbrief können Sie in der Bibelkunde lesen.

A) Exegese kompakt: 2. Timotheus 1,7–10

Weiß ich, an wen ich glaube?

NA28
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Übersetzung

7 Denn nicht einen Geist der Feigheit hat uns Gott gegeben, sondern der Kraft und Liebe und Zurechtweisung. 8 Schäme (du, Timotheus) dich also nicht für das Zeugnis unseres Herrn und auch nicht für mich (Paulus), der für ihn in Gefangenschaft ist, sondern leide mit für die Frohbotschaft gemäß der Kraft Gottes, 9 der uns gerettet hat und mit heiliger Berufung berufen hat, nicht entsprechend unseren Taten, sondern entsprechend seinem eigenen Vorsatz und seiner Gunst, die uns erwiesen wurde in Christus Jesus vor ewigen Zeiten, 10 jetzt aber bekannt gemacht worden ist durch die Erscheinung unseres Retters, Christi Jesu, der den Tod vernichtet hat und Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch die Frohbotschaft.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 7 ist als correctio gestaltet (nicht A, sondern B): Positive Eigenschaften werden durch den Kontrast einer hypothetischen negativen Eigenschaft umso eindrücklicher. δειλία bedeutet nicht „Furcht“, sondern „Feigheit“ angesichts einer herausfordernden Aufgabe (vgl. Dtn 31,6-8; Jos 1,9). Der geläufige Gegensatz wäre in der Antike ἀνδρεία „Tapferkeit“ bzw. „Männlichkeit“. Doch stattdessen steht δύναμις, „Kraft“ Gottes: Gott bewirkt, dass Menschen eine Aufgabe ausführen können, die er ihnen gegeben hat (2Tim 1,8.12; 2,1; 3,5; 4,17). σωφρονισμός ist kein Synonym zu σωφροσύνη („Besonnenheit“), sondern bedeutet „Zurechtweisung“: jemanden σώφρων machen, d.h. darauf hinwirken, dass die Person ihre mentalen und emotionalen Fähigkeiten gut nutzen kann. Der Geist Gottes wirkt in und auf Timotheus und hilft ihm, trotz widriger Umstände seine Aufgabe zu erfüllen.

V. 8 μὴ ἐπαισχυνθῇς/συγκακοπάθησον: Antike Strafen zielen auf Beschämung und Ausschluss des Delinquenten aus der Gesellschaft. Timotheus soll etwas Unerwünschtes, Gefährliches tun und „unverschämt“ zwei Verbrechern treu bleiben: Jesus, der vor Pilatus Zeugnis ablegte (1Tim 2,6; 6,13), und Paulus, der seinetwegen im Gefängnis ist (2Tim 2,9f.).

V. 9: σῴζειν steht zusammenfassend für alles Folgende. Gott hat uns gerettet. Von Anfang bis Ende der Welt hat all sein Tun dieses eine Ziel. Darunter fällt auch sein Ruf (κλῆσις ἁγία). Dieser ist heilig, weil Gott sein Subjekt ist und weil er ein Ruf zur Heiligung ist (2Tim 2,21; Röm 1,7; 1Kor 1,2; 1Thess 4,7). Gott ruft nicht wegen vorangehender guter Taten (Tit 3,5; Eph 2,8f), ja trotz böser Taten (1Tim 1,12-17), aber er ruft zu guten Taten. Dabei stehen seine Gunst und daher unsere Rettung schon vor ewigen Zeiten in Christus unwiderruflich fest.

V. 10: ἐπιφάνεια bezieht sich auf das irdische Leben Jesu (anders 1Tim 6,14; Tit 2,13, wo es die Parusie meint). Dieses wirkt durch das Medium der Frohbotschaft bis in die Gegenwart weiter: Was Jesus getan hat, bringt „jetzt“ allen Rettung, die die Botschaft darüber glauben. Auch angesichts erfahrenen Leids (2Tim 2,9; 3,10-12) und bevorstehenden Todes (2Tim 4,6-8.18) ist diese Rettung unerschütterlich: Jesus Christus hat den Tod vernichtet und hat Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht.

2. Literarische Gestaltung

Die Abgrenzung der Predigtperikope stört leider den Zusammenhang. Sie beruht auf der geläufigen Tendenz, den Text in Einzelstücke zerteilt wahrzunehmen, und verstärkt sie noch. V. 7 ist in der Lutherfassung und ohne Kontext ein beliebter Tauf- oder Konfirmationsspruch. V. 9f. wurde in der Bibelwissenschaft als „Credo-Formel“ oder „Hymnus“ identifiziert und künstlich herausgelöst. Doch eigentlich bilden V. 6–14 einen durchgehenden Zusammenhang. Nach allen Regeln antiker Überzeugungskunst wird Timotheus motiviert: Paulus stellt ihm vor Augen, wie groß und bedeutend seine Aufgabe ist, an der Verkündigung der Frohbotschaft mitzuwirken. Er verweist auf sich selbst als Beispiel für Ausdauer in Schwierigkeiten. Er erinnert an ihre persönliche Verbundenheit und das Vertrauen, das er in ihn setzt. Er ermutigt Timotheus, indem er ihm deutlich macht, was er alles an Befähigung bekommen hat. Vor allem aber macht er klar, dass alles auf einem unerschütterlichen Fundament aufruht: dem, was Gott in Christus für uns getan hat.

3. Kontexte

Der 2. Timotheusbrief ist der persönlichste der drei Pastoralbriefe (1Tim, 2Tim, Tit). Die Situation des Paulus – Gefangenschaft in Rom (2Tim 1,16f.), drohende Hinrichtung (2Tim 4,6-8) – und sein enges, väterliches Verhältnis zu Timotheus (2Tim 1,2.5; 3,10-17) bestimmen den Inhalt und den Ton des Briefes. Man kann das für die historische Situation der Entstehung halten oder für die fiktive Situation eines Schreibens, das erst nach dem Tod des Paulus im Rückblick formuliert wurde. Für beides gibt es plausible Argumente. Für das Verständnis (und noch viel mehr für die Predigt) ist entscheidend, sich ganz in diese sei es reale, sei es fiktive Situation hineinzubegeben: Es geht hier um die Beziehung zweier Menschen zueinander, die in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Gott gründet.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Leider schneidet die Perikopenabgrenzung V. 12 weg. Dort liegt der Schlüssel für den Text: „Ich weiß, wem ich mein Vertrauen geschenkt habe.“ Man kann den Satz so verstehen, dass das Gott ist; aber man kann ihn auch so lesen, dass es Timotheus ist. Beides gehört zusammen: Gott hat uns in Jesus Christus unwiderruflich gerettet. Auf ihn vertraut Paulus. Darum kann er auch Timotheus vertrauen und ihm etwas zutrauen. Bereits im Brief wird dieses Beziehungsgeflecht auf weitere Menschen ausgeweitet und auf die Zukunft hin geöffnet (2Tim 2,2): Vertrauenswürdige Menschen (nota bene: auch im griechischen Text nicht „Männer“!) führen es weiter.

Zu diesem Prozess der Aneignung der Frohbotschaft in die je eigenen Lebensbeziehungen gehört ein Geist, der nicht von ängstlichem Misstrauen geprägt ist, weder sich selbst gegenüber noch gegenüber anderen – und auch nicht gegenüber Gott. Es ist ein Geist, in dem Menschen nicht ermahnt, getadelt oder beschämt werden, sondern ermutigt, befähigt und herausgefordert.

Dass der Briefschreiber mit seiner verletzenden, sexistischen Polemik in 2Tim 3,1-9 selbst hinter diesem Ideal zurückbleibt, sei nicht verschwiegen und ist nicht zu entschuldigen.

5. Von der Exegese zur Predigt

„Ich weiß, woran ich glaube“, heißt es in EG 357. Das ist an 2Tim 1,12 angelehnt und führt doch in eine falsche Richtung. Es geht nicht um das Wissen und Für-richtig-Halten von Sachverhalten, sondern um ein begründetes Vertrauen. In seiner persönlichen Geschichte erlebt der Paulus des Briefes Ermutigung, Befähigung und Rettung. Aus diesem begründeten Gottvertrauen heraus kann er anderen Menschen vertrauen. Er nimmt sie ernst, traut ihnen etwas zu und verlässt sich darauf, dass sie das, was er ihnen zutraut, mit Gottes Hilfe tun können.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Wenn ich Vers 7 lese, erinnere ich mich dunkel an die Hochphase der Corona-Pandemie. Zunächst kann ich es noch nicht genau einordnen, doch die Internetrecherche hilft weiter: Damals, 2020, stieß ich auf Worte des damaligen EKD-Ratsvorsitzenden, der sich dieses Verses für seine ermutigende Botschaft in jener Krisenzeit – in der bekannten Übersetzung „Geist der Furcht“ – bediente. Im Umfeld des Suchergebnisses finde ich aber noch andere Bezugnahmen auf den Vers in den Pandemiejahren: Mit „Der Geist der Furcht“ ist z. B. ein Artikel von 2022 über Gemeinden überschrieben, die strikt die „2G-Regel“ durchsetzen und der Autorin zufolge damit verhindern würden, dass sich Menschen hier versammeln und eine Gemeinschaft sein können. Sie entdeckt Vers 7 an einer Kirche ihres Wohnorts und fordert, dass die Kirche im Geiste seiner Aussage handeln soll. Ich teile die Anfragen oder auch Vorwürfe nicht, die der Kirche vielfach gemacht wurden, denke aber an den epochalen Einschnitt zurück, der von großer Furcht geprägt war, in der der Tod in einer Weise präsent war, dass er nicht, wie es in Vers 10 heißt, „vernichtet“ erschien und die Botschaft von „Leben und Unvergänglichkeit“ für viele nicht so hell leuchtete, dass sie diesen Geist oder andere böse Geister vertreiben konnte. Auf was kann ich mich noch verlassen, wenn eine Katastrophe die ganze Welt wie auch mich persönlich und all die Menschen, mit denen ich Beziehungen pflege, trifft? Als nichts mehr sicher war, galt es, vertrauen zu können. Vertrauen musste ich z. B. darauf, dass sich mein jeweiliges Gegenüber gewissenhaft in unserer Begegnung verhält. Er oder sie musste wiederum auf mein verantwortliches Handeln setzen. Wir waren aufeinander angewiesen.

2. Thematische Fokussierung

Der Predigttext behandelt „die Beziehung zweier Menschen zueinander, die in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Gott gründet“ (s. o.). In Zeiten, in denen man sich vor kleiner werdenden Gemeinden fürchtet, besteht die Gefahr, den wertvollen Austausch der drei – oder eben nur zwei! – zu vergessen, die über das Wagnis ihres Glaubens sprechen. Kirchliche Großevents mit Menschenmassen, die feiernd ihre Glaubensgemeinschaft festigen – sichtbar u. a. auf dem letzten Deutschen Evangelischen Kirchentag –, können erfüllend sein, doch nicht weniger erfüllend sind die Begegnungen der „Wenigen“. Mit ihnen begann die Geschichte der Kirche: mit den Wenigen, die wussten, an wen sie glauben (s. o.), die gemeinsam verstehen wollten, was sie glauben, und sich gegenseitig bestärken und auch „zurechtweisen“ konnten, um ihren Glauben im Leben zu gestalten.  

3. Theologische Aktualisierung

Der Glaube daran, gehalten zu werden, insbesondere in den Zeiten, in denen uns die Vergänglichkeit besonders nah kommt, ist ein Geschenk. Den Glauben an das verheißene Leben allein aufrecht zu erhalten, ist aber nicht nur schwer – es war nie so gedacht, die Frohbotschaft ganz allein ‚zu verbürgen‘. Gefährdet ist der Glaube an ihn, Jesus Christus, an den so viele nicht glauben, wie die beiden Männer aus dem Predigttext mit Blick auf ihr Umfeld nur zu gut wissen. Sie lassen sich auf das ein, was sie ergriffen hat und was beide letztlich nicht in der Hand haben. In ihrer Hand liegt jedoch, sich in diesem Glauben gegenseitig zu bestärken.

Der „Paulus“ des Predigttextes ermutigt den Adressaten – und zwar mit deutlichen Worten. Er spricht vom „Geist der Feigheit“, der nicht das Handeln bestimmen soll. Zugleich zeigt er, dass er auf den Glaubensbruder, der dasjenige mitträgt, an das beide glauben, setzt: Nutze deine Gaben, denn du bist mit ihnen beschenkt! Unterscheide die Geister – wir werden doch beide von demselben einen Geist geführt! Das ist die „Zurechtweisung“, die die Exegese in Erinnerung ruft. In der Beziehung der beiden Männer gilt, was für jede gute und ressourcenstärkende Beziehung gilt: Sie wird nie Vorwürfe in den Mittelpunkt rücken, auch wenn die Christentumsgeschichte übervoll von unheilvollen Zurechtweisungen vermeintlich böser Geister ist. Konnte es dort heißen „Wir wollen, dass du anders wirst!“, spricht derjenige, der vom Geist „der Kraft und Liebe und Zurechtweisung“ getragen ist: „Ich traue dir zu, dass sich mit dir etwas ändern kann!

Beim ersten Hören klingen „Paulus“’ Worte wie ein Angriff, weil wir vermuten, er spricht vom „Geist der Feigheit“ nur deshalb, weil er ihn uns vorwerfen möchte – und wenn wir nur ein Kapitel weiter schauen, wissen wir ja auch, dass „Paulus“ mit den Menschen hart ins Gericht gehen kann (s. o.). – Ich will mir schließlich keine Feigheit unterstellen lassen, weil meine Situation mich nun einmal ängstigt oder mich eine persönliche oder weltweite Krise überrollt. Wer würde denn nicht lieber das sorgenvolle Grübeln abstellen, wenn er an die Zukunft denkt? Wer würde nicht lieber hoffnungsvoll vom Leben sprechen und sich diesem – auch gegen Widerstände – stellen? Doch: Das weiß der Briefschreiber auch – er, der Mitleiden einfordert, leidet selbst, glaubt aber, dass er ausharren wird, wenn der andere ihn mitträgt. Unbequeme Worte sind dann am rechten Platz, wenn sie uns die Frohbotschaft und uns Träger:innen derselben den Weg ins Leben eröffnen. Ich kann dem „Paulus“, der mich anspricht, dann glauben, dass er, während er von Feigheit spricht, selbst allen Mut zusammennimmt, um mich in einer Weise aufzurütteln, so dass wir beide uns stützen. Er stellt sich dem „Geist der Feigheit“, den er wahrnimmt, ja selbst immer wieder von Neuem und hofft, dass ich an seiner Seite bin – gerade dann, wenn wir den ‚Dialog der wenigen‘, der Gemeinde, verlassen, und für Gesellschaft und Mitwelt Verantwortung übernehmen wollen. Gleichberechtigt stehen sich dabei die zwei, die an Christus und das ewige Leben glauben, gegenüber, so dass der Briefadressat bei einem nächsten Gespräch den Briefschreiber durchaus danach befragen könnte, ob seine späteren Ausführungen, die „sexistische Polemik“ (s. o.), nicht nur den Ton verfehlen, sondern es sogar verhindern, dem Geist der Liebe Gehör zu verschaffen, wenn er von vielen Menschen nur das Schlimmste erwartet.

Ich will darauf vertrauen, dass meine und unsere Welt zwar aus den Fugen geraten kann, aber gehalten wird und Leben und Unvergänglichkeit siegen. Das Fundament ist vor aller Zeit gelegt und damit nie abhängig von meinem Gegenüber. Die Botschaft ist unvergänglich, doch um sie immer wieder zum Leuchten zu bringen und die Geister, die sie verdunkeln, zu vertreiben, brauchen wir den anderen, der – wie ich – mitbringt, was es dafür braucht.   

4. Bezug zum Kirchenjahr

Die „Unvergänglichkeit ans Licht bringen“ – das ist nicht weniger als der Auftrag dieses Sonntags! Mit der Auferweckung des Lazarus aus Joh 11 (Evangelium) wird eine unglaubliche Geschichte erzählt, von der die christliche Frohbotschaft lebt. Fast provokativ können die ganzen „un“-Worte anmuten, von denen der Predigttext einige kennt. Worte wie „unvergänglich“ und „unerschütterlich“ haben in Zeiten von Krisen – persönlichen und weltweiten – einen schweren Stand, umso stärker können sie heute betont werden, denn sie sind begründet. Ungehört sollten sie nicht bleiben, wie auch die Taten, die aus solchem Glauben entstehen, nicht ungesehen!

5. Anregungen

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“ (Joh 11,25f) Man muss nicht sofort antworten. Womöglich wurde das „Ja“ zur christlichen Hoffnung im Laufe der Jahre mal kräftiger, mal zögerlicher ausgesprochen. Gefordert werden kann das Bekenntnis überhaupt nicht. Die große Frage ehrlich zu stellen, für sich zu bedenken, was das für das eigene Leben heißen könnte, und in den Austausch darüber zu kommen, muss nicht Aufgabe eines Gottesdienstes sein. Für Jesu große Frage können sich andere Formate des Gesprächs in der Gemeinde eignen, „Glaubenskurse“ o. ä. Werden solche Räume geschaffen, ermöglicht es der Gemeinde, in Gruppen von wenigen sich in ihrer Beziehung zu Gott gegenseitig zu bestärken.  Sie werden zu Räumen des Austauschs der zwei oder drei, die wissen, an wen sie glauben, oder es wissen wollen. Der Predigttext ermutigt dazu.

Autoren

  • Prof. Dr. Stefan Krauter (Exegese)
  • Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)

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