Apostelgeschichte 6,1-7 | 13. Sonntag nach Trinitatis | 30.08.2026
Einführung in die Apostelgeschichte
In den letzten Jahrzehnten ist in der Forschung intensiv über das Genre und die Datierung der Apostelgeschichte
1. Verfasser
Die Apostelgeschichte wurde wie auch das Lukasevangelium, auf das Apg 1,1
2. Adressaten
Beide Teile des lukanischen Doppelwerks sind einem gewissen Theophilus
3. Entstehungsort
Über den Entstehungsort der Apostelgeschichte lässt sich nur spekulieren, und diese Frage ist in der Forschung dementsprechend umstritten. In der altkirchlichen Tradition werden vor allem Rom
4. Wichtige Themen
Während die Apostelgeschichte lange Zeit um 80/90 u.Z. datiert wurde, ist in den letzten Jahrzehnten wieder intensiv diskutiert worden, ob es sich nicht um ein Dokument des zweiten Jahrhunderts handele, während vereinzelt auch Frühdatierungen vorgeschlagen worden sind. Die Spätdatierungen reichen dabei von etwa 100-130 bis hinauf zu 150 u.Z. Als Argumente gelten etwa die äußere Bezeugung (d.h. die relativ späte Rezeption in der altkirchlichen Literatur) und die gegenüber älteren Zeugnissen sozial- wie theologiegeschichtlich veränderten Verhältnisse, die die Apostelgeschichte bezeugt, z.B. in Bezug auf das Verhältnis zur umgebenden Gesellschaft generell und im Hinblick auf Ablösungsprozesse vom Judentum im Besonderen. Hier wird nicht zuletzt diskutiert, inwiefern die Apostelgeschichte als anti-jüdisch oder supersezessionistisch angesehen werden muss (vgl. Matthews). Die Datierung hat nicht nur Einfluss auf unser Bild von der Entwicklung des frühen Christentums, sondern u.a. auch auf die Bewertung der Frage, ob der Verfasser das Oeuvre des Flavius Josephus oder die Paulusbriefe gekannt haben könnte – unabhängig davon, ob diese letztlich auch benutzt worden sind. In Bezug auf die Paulusrezeption ist losgelöst von Datierungsfragen eine Tendenz auszumachen weg von der Frage, inwieweit die Aussagen der Apostelgeschichte exakt mit denen der Paulusbriefe übereinstimmen, hin zu der Nachzeichnung der Rezeptionsgeschichte (vgl. Marguerat).
5. Besonderheiten
In der Forschung herrscht ein weitgehender Konsens darüber, dass Lukasevangelium und Apostelgeschichte beide vom selben Verfasser geschrieben wurden, u.a. wegen der (im Neuen Testament singulären) Prologe und der Widmung an Theophilus, der Himmelfahrt Jesu als erzählerischem Bindeglied und sprachlich-stilistischer wie theologischer Übereinstimmungen. Da sie allerdings nie in direkter Abfolge überliefert sind, etwa in Handschriftensammlungen oder Kanonlisten, wurde in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert, ob die beiden Teile des Doppelwerks in der Antike jemals als Einheit gelesen wurden und inwieweit dies Konsequenzen etwa für eine narrative Exegese haben sollte, die beide Texte – sowohl literarisch wie theologisch – als eng miteinander verwoben ansieht (z.B. Tannehill). Die Frage der Einheit spielt teilweise auch in die der Bestimmung des Genres hinein, insofern das Doppelwerk hierbei anders zu bestimmen ist als die Apostelgeschichte für sich genommen. Für letztere gehen die Vorschläge weit auseinander und reichen von Historiographie, über kollektive Biographie bis hin zu fiktiver Romanliteratur.
Literatur:
- Helen Bond u.a., Art. Luke-Acts, Encyclopedia of the Bible and its Reception online, 2019.
- Wilfried Eckey, Die Apostelgeschichte: Der Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, Band 1-2, Göttingen 22011.
- Daniel Marguerat, Die Apostelgeschichte, KEK Göttingen 2022.
- Shelly Matthews, The Acts of The Apostles: An Introduction and Study Guide: Taming the Tongues of Fire, London 2017.
- Rudolf Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1-2, Göttingen 32005/22013.
- Robert C. Tannehill, The Narrative Unity of Luke-Acts. A Literary Interpretation, Band 1-2, Philadelphia 1986/1990.
- Alfons Weiser, Die Apostelgeschichte 1-2, ÖTK V/1-2, Gütersloh 21989/1985.
A) Exegese kompakt: Apostelgeschichte 6,1-7
Die Kirche zukunftsfähig machen in Zeiten des Wandels
Übersetzung
1 In diesen Tagen aber, als die Jünger und Jüngerinnen viele wurden, kam es zu einem Aufbegehren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen beim täglichen Dienst übersehen wurden. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jüngerinnen und Jünger herbei und sagten: „Es ist nicht akzeptabel, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tisch dienen. 3 Seht euch also um, Geschwister, nach sieben Männern unter euch, die ein (gutes) Zeugnis ausgestellt bekommen, voll von Geist und Wahrheit; die wollen wir einsetzen für diese Aufgabe; 4 wir aber werden beim Gebet und dem Dienst des Wortes bleiben.“ 5 Die Rede gefiel der ganzen Menge, und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia, 6 die stellten sie vor die Apostel, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger und Jüngerinnen in Jerusalem mehrte sich; auch eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.1: πληθυνόντων τῶν μαθητῶν = Genitivus absolutus. Μαθητής, das in den Evangelien oft diejenigen bezeichnet, die dem irdischen Jesus folgten, ist grammatisch maskulin, jedoch hier und in VV.2.7 inklusiv übersetzt, da in der Antike für gemischtgeschlechtliche Gruppen i.d.R. nur die männliche Form verwendet wurde. Der weitere Kontext setzt nämlich voraus, dass auch Frauen zur Gruppe der Nachfolgenden gehörten (z.B. 1,14; 5,14), auch wenn dort nicht der Begriff μαθητής verwendet wird.
V.2: ἡμᾶς … διακονεῖν = AcI; καταλείψαντας = Participium coniunctum zu ἡμᾶς.
V.3: ἀδελφοί ist grammatisch maskulin, wörtlich also Brüder; siehe zur inklusiven Übersetzung oben zu V.1.
V.5: ἤρεσεν … ἐνώπιον παντός τοῦ πλήθου = ἤρεσεν … παντὶ τῷ πλήθει; die Formulierung mit ἐνώπιον könnte ein Semitismus sein (vgl. BDR § 48).
2. Literarische Gestaltung
Der unbestimmte Ausdruck „in diesen Tagen“ in V.1 knüpft lose an den vorausgehenden Kontext an und markiert, wie u.a. auch in 1,15
3. Kontext und historische Einordnung
Der Perikope unmittelbar voraus geht der Konflikt der Apostel mit dem Synedrium (5,17–42
Für die Delegation von Aufgaben an Einzelpersonen oder Gruppen finden sich u.a. etliche alttestamentliche Vorbilder (vgl. z.B. Num 11,1–30
Der Ausdruck „Hellenist“ ist außerhalb des Neuen Testaments nicht belegt, scheint hier jedoch als bekannt vorausgesetzt zu sein und bezeichnet Menschen, deren Muttersprache Griechisch war. Im vorliegenden Kontext handelt es sich um christusgläubige Diasporajuden (vgl. 2,5
Das Substantiv διακονία (V.1.4), das Lukas als einziger der Evangelisten verwendet, bedeutet Dienst oder Dienstleistung. Das „zu Tisch Dienen“ (V.2) wird oft als Unterstützung von Bedürftigen durch Almosen oder Nahrungsmittel verstanden (vgl. als Aufgabe der Jünger auch Lk 9,12–17
4. Schwerpunkte der Interpretation
Der Streit um die Witwenversorgung steht an sich im Widerspruch zu dem in 2,44f.
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
Der Fokus der kurzen Erzählung liegt nicht auf dem Schicksal der Witwen, sondern auf der Einsetzung der Sieben und der Bestimmung ihres Verhältnisses zu den Aposteln, als deren Kernaufgabe die Verkündigung des Wortes hervorgehoben wird. Gleichzeitig illustriert der Text, wie die Kirche sich wandelnden Umständen anpassen kann und muss, ohne dabei ihre theologischen oder ethischen Aufgaben zu vernachlässigen, und sich dadurch als zukunftsfähig erweist. Das ist eine ermutigende Botschaft. Was mich nachdenklich macht, ist, dass es damals wie heute viel öfter Frauen als Männer sind, die von Armut
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen: Was hat die Exegese erbracht/angeregt
Die Exegese arbeitet heraus, dass der Textabschnitt wenig Interesse an den einzelnen Personen, sondern vor allem an der Entwicklung der christlichen Gemeinde bzw. der Kirche als Ganzes hat. Es geht um einen (sozialen) Konflikt, um Arbeitsteilung (Tischdienst – Verkündigungsdienst) und um die Lösung des Konfliktes durch Einsetzung eines neuen Leitungsgremiums für die sozialen Aufgaben in der Gemeinde. Das alles steht unter dem Anspruch, sich lösungsorientiert an neue Aufgaben und Situationen anzupassen. Ist das so, wie der Text es erzählt, wirklich ermutigend?
Die thematisch und literarisch so gut abgrenzbare Erzählung, die zugleich vielfach mit dem literarischen Kontext in Apg verwoben ist, provoziert Widerspruch und Fragen: Ist die geschilderte „Männerwirtschaft“ historisch realistisch und wie ist sie hermeneutisch relevant? Die Exegese deutet hier interpretatorische Spielräume an. Sind Frauen auch auf andere Weise, nicht nur als „abhängige Witwen“, in der frühen Gemeinde präsent gewesen? Haben sie möglicherweise selbst auf den sozialen Missstand aufmerksam gemacht? Wenn für den Erzähler die vernachlässigten Witwen eine „narrative Prothese“ sind – sollte und könnte dann die Predigt eine andere Perspektive einnehmen?
2. Thematische Fokussierung: An welchen Punkten fördert die Exegese meine Predigt?
Vor diesem Hintergrund fallen mir Widersprüche auf, die mir für eine Predigt anregender erscheinen als die vordergründig allzu idealisierende Erzählweise der Apostelgeschichte. Diese Widersprüche werden durch die Exegese deutlich und zeigen sich vor allem im Verhältnis von Text und unmittelbarem literarischen Kontext: Der Darstellung der abhängigen Witwen in Apg 6,1
Der Widerspruch zwischen dem Konflikt in Apg 6
Im Hintergrund der Geschichte steht auch die Frage nach der Inklusion verschiedener kultureller Prägungen („Hellenisten“ / „Hebräer“). Besonders die Figur des zuletzt genannten Nikolaus (V 5, „Proselyt aus Antiochia“) ist dabei interessant. Diese Vielfalt wird ergänzt – oder sogar gesteigert – durch die am Schluss der Perikope (V 7) beiläufig erwähnten gläubig gewordenen Priester.
3. Theologische Aktualisierung: Wie hilft der Text dazu, „jetzt“ von Gott und Christus zur Gemeinde zu sprechen?
Konflikte gab es in der frühen christlichen Kirche von Anfang an. Das ist nicht verwunderlich und vielleicht sogar tröstlich. Es hilft uns, unsere Situation heute nicht absolut zu sehen: Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die mit Konflikten (in der Kirche) umgehen müssen.
Die Frage ist, ob der in der Predigtperikope beschriebene Weg auch heute zur konstruktiven Konfliktlösung beitragen könnte: Aufbegehren – Wahrnehmen – Zuhören – Aufgaben beschreiben und verteilen – Beten und Verantwortung übernehmen. Das sind auch in Zeiten schrumpfender Gemeinden und Ressourcen sinnvolle Schritte, um Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig leben wir heute unter anderen Voraussetzungen: Die Kirche ist in vielen Bereichen weiblich – Frauen sind als Ehrenamtliche, als Pfarrerinnen und Seelsorgerinnen, als Bischöfinnen, Theologinnen, in der Verwaltung und in Kirchenleitungen sowohl in geistlicher als auch wirtschaftlich-sozialer Hinsicht verantwortlich. Sie sind – anders als im Text – handelnde, nicht nur „behandelte“ Personen. Ändert sich durch die weibliche Perspektive der Blick auf soziale Unterschiede in Gemeinden und auf die soziale Aufgabe der Kirche?
Der Text stellt implizit die Frage nach kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden in einer Gemeinde / Kirche (Muttersprache, Herkunft, Traditionen, Vermögen, Status). Wie kann die christliche Gemeinde ein integrativer Ort sein, ohne Verschiedenheit und Vielfalt „unter den Teppich zu kehren“? Welche (soziale) Hilfe ist sinnvoll und gewünscht, ohne die, denen geholfen wird, zu beschämen?
Die Auslegung von Apg 6,1–7
Die lukanische Erzählweise idealisiert und fokussiert die Situation der frühen christlichen Gemeinde. Es soll eine Geschichte erzählt werden, in der der Christusglaube viele überzeugt und die Gemeinde wächst – eine „Erfolgsgeschichte“. Das ist im Blick auf das gegenwärtige Narrativ – und die gegenwärtige Erfahrung – von der schrumpfenden Kirche fast eine paradoxe Intervention. Aber es könnte dazu helfen, konkrete Konflikte und Aufgaben neu zu betrachten: Wer braucht konkrete Hilfe? Wer übernimmt Verantwortung? Und woher kommen dafür die Energie und die geistlichen und materiellen Ressourcen? Am Ende sind es eben doch einzelne, konkrete Menschen, die jeweils konkrete Aufgaben übernehmen.
4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr?
Das Evangelium des Sonntags (Lk 10,25-37
5. Weitere Anregungen bzw. Schreib- und Inszenierungsimpulse für Predigende
Ich würde die Predigt entlang an den Widersprüchen des Textes und seiner Provokation in gegenwärtigen sozialen Situationen entwerfen.
Wie könnte das Leben einer der namenlosen Witwen ausgesehen haben? Das kann auch eine provozierende Gegenerzählung sein, in der eine der Frauen sich beschwert, die Situation schildert, die „leitenden Männer“ auffordert, genauer hinzusehen und zu handeln. Als Pendant in der Gegenwart erzählt eine engagierte Frau, was ihr in der Gemeinde wichtig ist, welche Aufgaben sie übernommen hat, wie sie soziale Gerechtigkeit versteht. Es kann um Sozialarbeit und Hausverwaltung, um Fundraising oder den Gemeindekindergarten gehen: Wie handeln wir verantwortungsvoll, wirtschaftlich, sozial und geistlich? Und woher haben wir neben Sachverstand und Umsicht auch geistliche Motivation, uns zu engagieren?
Literatur
- Mitchell, David T. und Sharon L. Snyder: Narrative Prosthesis: Disability and the Dependencies of Discourse, Ann Arbor 2000.
- Zimmermann, Christiane: Selbstbewusst und engagiert für die Gemeinde. Witwen und Jungfrauen. In: Diakone, Witwen, Presbyter. Ämter in der frühen Kirche (WUB 3/2020).
Autoren
- Prof. Dr. Heike Omerzu (Einführung und Exegese)
- Dr. Susanne Ehrhardt-Rein (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500210
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