1. Korinther 3,9-17 | 12. Sonntag nach Trinitatis | 23.08.2026
Einführung in den 1. Korintherbrief
1 Kor ist, verglichen mit den anderen paulinischen Briefen (ausgenommen Röm
1. Verfasser
Über Denken und Wirken des Paulus, die uns historisch am besten bekannte Gestalt des frühen Urchristentums, informieren die sieben allgemein als authentisch angesehenen neutestamentlichen Briefe. Eine wichtige Quelle für die paulinische Biographie ist darüber hinaus die Apostelgeschichte
2. Adressaten
Aus der Provinz Asia kommend war Paulus in Philippi und Thessaloniki
3. Entstehungsort
1 Kor wurde in Ephesus
4. Wichtige Themen und Argumentationsgang des 1 Kor
Paulus kritisiert im Eingangsteil des 1 Kor die Existenz innergemeindlicher „Parteien“; dabei richtet er den Brief immer an die ganze Gemeinde, wobei er schon in der Adresse (1,2
1 Kor ist durchgängig bestimmt durch die Reaktionen auf die akute Lage in Korinth; kein anderer Paulusbrief informiert (uns) so detailliert über die bei den Adressaten bestehende Situation. Paulus hatte durch „die (Leute) der Chloe“ (1,11
Aus 1,12
In 5,1–7,40
In Kap. 8-11
Da es offenbar Tendenzen gab, die üblichen Konventionen im Verhältnis von Männern und Frauen zu verwischen, fordert Paulus, Frauen sollten die übliche Haartracht tragen, wenn sie im Gottesdienst predigen und beten (11,2-16
Das Pneumatikertum ist in Korinth stark entwickelt (1 Ko
5. Besonderheiten
Der Argumentationsgang des Paulus im 1 Kor lässt eine innere Kohärenz erkennen: Es gibt eine christologische, kreuzestheologische Grundlage für die Aussagen zu den unterschiedlichen Themen. Schwer zu beantworten ist die Frage nach dem religiösen bzw. philosophischen Hintergrund der korinthischen Parteienbildung; die Annahme, hier zeige sich eine frühe Form christlicher „Gnosis“, wird im Allgemeinen verneint, aber „weisheitliche“ Tendenzen sind deutlich erkennbar (1,18-31
Literatur:
- Hans Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 21981.
- Eva Ebel, Die Attraktivität früher christlicher Gemeinden. Die Gemeinde von Korinth im Spiegel griechisch-römíscher Vereine (WUNT II/178), Tübingen 2004.
- Andreas Lindemann, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/I), Tübingen 2000.
- Margaret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG4 Band 4, Tübingen 2001, Sp. 1688–1694.
- Dieter Zeller, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 2009.
A) Exegese kompakt: 1. Korinther 3,9-17
Der für die Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagene Text 1 Kor 3,9–17 steht in einem größeren Zusammenhang. Die begründende bzw. erläuternde Kopula γάρ zeigt, dass an die vorangegangenen Aussagen angeknüpft wird; es wäre also zumindest kurz auf die Rolle der korinthischen Parteien und die begrenzte Bedeutsamkeit ihrer möglichen „Helden“ (3,5–8
Übersetzung
10 Gemäß der mir verliehenen Gnade Gottes habe ich als ein kluger Architekt das Fundament gelegt. Ein anderer aber baut darauf auf: doch ein jeder sehe zu, wie er aufbaut.
11 Ein anderes Fundament nämlich vermag niemand zu legen als das, das gelegt ist – das ist Jesus Christus
13 es wird eines jeden Werk offenbar werden, denn der Tag wird es kundmachen, weil er sich im Feuer
14 Wenn jemandes Werk, das er aufgebaut hat, bleiben wird, wird er Lohn
15 Wenn jemandes Werk verbrennen wird, wird er bestraft werden. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch’s Feuer.
17 Wenn jemand den Tempel Gottes vernichtet, wird Gott diesen vernichten. Denn der Tempel Gottes ist heilig – das seid ihr.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 9 θεοῦ … συνεργοί meint nicht „Mitarbeiter Gottes“ im Sinne einer Kooperation mit Gott, vielmehr sind „wir“ (Paulus und Apollos) gemeinsam tätig für Gott. Das Stichwort γεώργιον schließt das vorangegangene Bild der Pflanzung ab, mit οἰκοδομή wird das dann anschließende breit ausgeführte Bild vom Bau eingeleitet.
V. 10a ἀρχιτέκτων im NT nur hier, σοφός im Sinne von „sachverständig“, aber sicher auch gebraucht vor dem Hintergrund des korinth. Interesses an σοφία. Das Bild vom „Fundament“ (θεμέλιον ἔθηκα) meint die gemeindegründende Verkündigung. In V. 10b meint ἐποικοδομεῖ zugleich den „Weiterbau“ und den „Aufbau“; mit ἄλλος ist nicht eine bestimmte andere Person gemeint, wie ἕκαστος zeigt. Der Weiterbau erfordert besondere Aufmerksamkeit (… βλεπέτω πῶς ἐποικοδομεῖ).
In V. 11 die Grundaussage: Ein anderes Fundament kann niemand legen, denn Jesus Christus
In V. 12 eine bildhafte Darstellung der für einen Weiterbau geeigneten oder aber ungeeigneten Materialien, in absteigender Linie bezogen auf die jeweilige Feuerfestigkeit.
In V. 13 bezeichnet ἡμέρα den Gerichtstag; „Feuer“ ist wohl metaphorisch gemeint, nicht im Sinne eines „Fegfeuers“.
In V. 14.15a werden die möglichen Folgen genannt, wenn der Bau im Feuer geprüft werden wird; der „Lohn“ (μισθός) wird nicht näher beschrieben, ebenso wenig die Bestrafung (ζημιωθήσεται).
In V. 15b wird die zweite Aussage leicht modifiziert: Auch wenn jemandes Bau verbrennt, wird der Betreffende gerettet werden, jedoch ὡς διὰ πυρός.
In V. 16.17 das Bild vom Tempel, die Gemeinde als ναὸς θεοῦ mit der Gegenwart des Geistes Gottes. ναὸς θεοῦ ist wohl als constructus-Verbindung zu lesen („der Tempel Gottes“), jedenfalls nicht undeterminiert („ein Tempel eines Gottes“); die rhetorische Frage οὐκ οἴδατε impliziert, dass die Adressaten wissen, wovon Paulus spricht.
2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext: Wie und womit wird argumentiert?/Was ist das Argument? Welche sprachlichen, stilistischen Elemente kommen zum Einsatz?
In 1Kor 3,5
3. Kontext und historische Einordnung
Themen in 1Kor 1–4 sind die „Parteien“ und das Interesse an religiöser „Weisheit“; dabei besteht zwischen beiden Themen offenbar ein Zusammenhang. Eine besondere Rolle spielt der (aus Apg 18,24-19,1
4. Schwerpunkte der Interpretation
Das Bild vom „Bau“ wird nur in V.11 im eigentlichen Sinne „gedeutet“, ansonsten ist es in sich stimmig und bedarf keiner womöglich allegorischen, „Bild-“ und „Sachhälfte“ unterscheidenden Auslegung der hier begegnenden Elemente. Gerade diese innere Kohärenz könnte dazu ermutigen, den Bezug auf einen sachgemäßen und sinnvollen „Bau“ der gegenwärtigen Gemeinde hervorzuheben. Man könnte an Röm 12,2
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
Das Bild vom „Bau“ lädt ein zu einer Übertragung auf die aktuelle Gegenwart der Kirche bzw. der Gemeinde. Eine zu direkte Übertragung ist aber problematisch, weil sich der Gedanke entwickeln könnte, die eigene Position sei „feuerfest“, andere Positionen seien hingegen „feuergefährdet“. Das Bild vom Bau ließe sich aber im Sinne einer Selbstprüfung deuten, etwa gemäß der Jahreslosung 2025 mit 1Thess 5,21
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen: Zwischen Milieu und Materialität
Der Textabschnitt ist trotz der komplexen Ausgangslage in der Gemeinde von Korinth (Verhältnis zwischen Apollos und Paulus; Agieren der ‚Parteien‘; worin besteht die „hausgemachten Konflikte“? – vgl. die Einführung zum 1 Kor [hier bitte Link setzen]) ausgesprochen greifbar und bietet Anlass für viele gegenwartsbezogene Assoziationen.
Im Blick auf die sog. ‚Milieus‘ könnte man ihn dem Handwerksmilieu zuordnen, dem sich Paulus nach dem kurzen Ausflug in den Acker- und Gartenbau (V.6-9) zuwendet. Wahrscheinlich hoffte er sich damit in der Gemeinde besser verständlich machen zu können. Am deutlichsten wird das beim paulinischen Gemeindeverständnis des „Hausbaus“ (οἰκοδομή V.9b).
Gemeindearbeit war in der Zeit der ersten Christinnen und Christen eine Frage kluger Organisation. Paulus macht das durch die Beschreibung von Rollen und Funktionen deutlich: Er selbst ist kluger Architekt (σοφός als „sachverständig“ zu übersetzen ist hilfreicher als „weise“ in Luther 2017), Apollos und alle anderen einzelnen Mitarbeiter:innen bauen darauf auf und bauen weiter. Das Verhältnis zwischen Gründerfiguren und den Nachfolgenden kann konfliktreich sein, es kann aber auch gelingen, wenn sich Synergien entwickeln. Das wirft Fragen nach der Organisationskultur von Gemeinde(n) auch in den heutigen Transformationsprozessen auf.
Paulus zählt einzelne Baumaterialien auf, deren Gradmesser ihre Feuerfestigkeit ist. Dabei nennt Paulus, sicher absichtlich, drei für den Bau gänzlich ungeeignete Materialien: Es handelt sich hier nicht um eine Brandschutzverordnung, sondern Paulus macht sich durch metaphorische Rede verständlich. Dennoch sind gerade Fragen der Materialität ungemein anschlussfähig für praktisch-theologische Überlegungen.
2. Thematische Fokussierung: „Wie die Dinge hier so laufen“ – Organisationskulturen in der Kirche
Vor dem Verfassen und Halten einer Predigt steht eine bewusst theoretische Analyse von Text- und Gemeindesituation. Hier ist 1Kor 3
Aber: Die Klärung organisationaler Prozesse gehört eher in die Gemeindeversammlung, weniger auf die Kanzel. In der Predigt lohnt es sich deshalb, mit der Materialität des Textes zu spielen.
3. Theologische Aktualisierung: Die Dinge und ihre Verwendung – zur Materialität der Frömmigkeit
In der Praktischen Theologie hat die Frage nach Materialität, den Beziehungen zwischen Material, Artefakten und Objekten und Menschen neue Aufmerksamkeit gewonnen. Gerade in liturgischen Handlungen erfährt die Verwendung und Positionierung von Gegenständen neue Aufmerksamkeit im privaten wie im gemeindlichen Gebrauch. Die Art und Weise, wie und wo Menschen Andacht finden in heiligen Räumen (Sakralbauten, Räume der Stille etc., vgl. Roggenkamp 2025) hängt auch von Material und Textur ab. Paulus zählt unterschiedliche Materialien auf, die mehr oder weniger zum Bauen geeignet sind: „Gold, Edelsteine, Holz, Heu und Stroh“ (V.12). Das kann anregen zu einer Betrachtung heutiger Materialien im Kirch- und Gemeinderaum.
Man kann sich schon beim Predigtschreiben die Gesichter der Hörer:innen vorstellen, wenn die Begriffe „Holz“, „Dämmmaterial“, „Asbest“ oder „Beton“ fallen. Damit kann man durchaus spielen. Die Zeitschrift für Pastoraltheologie (open access: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/zpth/issue/view/609/203) hat im Jahr 2025 ein ganzes Themenheft dem wichtigsten und zugleich wenig geliebten Baustoff des 20. Jahrhunderts gewidmet: Beton. Im Kirchbau wurde er auch als Idee eingesetzt, als Ausdruck neuer sozialer, demokratischer Ideen, der Freiheitsgewinne und Transparenz, Ehrlichkeit und Nutzungsorientierung versprach. Viele der Ideen haben sich längst überlebt. Es lohnt aber, den Text des Paulus zum Ausgangspunkt einer Predigt zu machen, die sich als Entdeckungsreise in Architektur und Bauzustand, Zugänglichkeit, Materialität und Nachhaltigkeit versteht. Als Leitfaden der Kirchenerkundung können durchaus die einzelnen Verse der Predigtperikope dienen, denn dann sind alle – die Leitungsverantwortlichen, Jesus Christus als Grund, Material, Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit in Leitung und Verkündigung und die gesamte Gemeinde als bedrohter, aber unter Gottes Schutz stehender Tempel – im Blick.
4. Der Text im Kirchenjahr: Heilsame Berührungen
Der 12. Sonntag der Trinitatiszeit ist von Erfahrungen heilender Begegnungen mit Gott geprägt, wie sie in der sehr materiell geschilderten Berührung eines gehörlosen Mannes durch Jesus (Mk 7,31-37
Dieser Spur der Materialität und der Sinnlichkeit von Erfahrungen sollte darum auch die Predigt folgen. Im Gesang kann mit Paul Gerhardt die Schönheit und Heiligkeit der sommerlichen Schöpfungswelt (Geh aus mein Herz EG 503) ebenso besungen werden wie das aus dem gleichen Jahr stammende Prüflied des eigenen Machens („Ich weiß, daß all mein Tun und Werk“ EG 497).
5. Inszenierungsimpulse für Predigende: Predigt to go
Wo dies materialiter möglich ist, kann es lohnend sein, eine „Predigt to go“ zu halten, also einen Rundgang durch die Kirche zu unternehmen. Dabei kann man an markanten Gegenständen Halt machen, ihr Material, ihre Textur und Haptik, ihre Verwendung und Funktion und ihren Symbolgehalt ins Gespräch bringen. Mit Paulus lohnt es sich, auch die Bibel als Lese-Buch zur Schau zu stellen und mit V.11 zu betrachten. Am Ende ist es wichtig, das „Gesamtkunstwerk“ zu betrachten. Wenn mit V.17 die Gemeinde schließlich um den Altar oder im Chorraum zu stehen kommt, richtet sich auch die Frage nach dem Draußen und lenkt zum Fürbittgebet über, in dem auch für die Christen und Christinnen gebetet wird, deren Kirchen niedergebrannt werden und denen freie Versammlungsräume verboten werden. Sie bedürfen der Heilung und Ermächtigung zum freien Reden, Beten und Verkündigen.
Literatur
- Beck, W./Preidel C./Roser, T./Suchhart-Kroll, V., 2025, Baufällig oder zukunftsfähig? Redaktionsgespräch zum Heftthema ‚Beton‘, ZPTh 45:1, 127–130 https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8823
- Erne, T., 2025, Beton – Material und Idee. Die Karriere des Betons ím Kirchenbau der Moderne, ZPTh 45:1, 19–32. https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8815
. - Ershova, M./Hermelink, J., 2013, Spirituality, Administration, and Normativity in Current Church Organization: An empirical study of the organizational culture in three church denominations, under conditions of social change. In: International Journal of Practical Theology 16:2, 221–242 https://doi.org/10.1515/ijpt-2012-0015
. - Hermelink, J., 2011, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh
- Roggenkamp, A., 2025, Zur Materialität im Kirchenraum. Annäherungen an eine Praktische Theologie der Dinge, ZPTh 45:1, 109–125. https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8822
.
Autoren
- Prof. i.R. Dr. Andreas Lindemann (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500209
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