Deutsche Bibelgesellschaft

1. Korinther 3,9-17 | 12. Sonntag nach Trinitatis | 23.08.2026

Einführung in den 1. Korintherbrief

1 Kor ist, verglichen mit den anderen paulinischen Briefen (ausgenommen Röm) und insbesondere auch im Vergleich mit antiken Privatbriefen, ungewöhnlich umfangreich. Die paulinische Verfasserschaft wird im Allgemeinen nicht in Frage gestellt, die neuere Exegese kommt ganz überwiegend zu dem Ergebnis, dass 1 Kor literarisch einheitlich ist.

1. Verfasser

Über Denken und Wirken des Paulus, die uns historisch am besten bekannte Gestalt des frühen Urchristentums, informieren die sieben allgemein als authentisch angesehenen neutestamentlichen Briefe. Eine wichtige Quelle für die paulinische Biographie ist darüber hinaus die Apostelgeschichte des Lukas, auch wenn deren historische Verlässlichkeit nicht immer gegeben ist. In ihrer Darstellung des ersten Aufenthalts des Paulus in Korinth wird der römische Statthalter Gallio erwähnt (Apg 18,12), dessen Amtszeit laut einer in Delphi gefundenen Inschrift auf das Jahr 50/51 oder 51/52 zu datieren ist. Demnach war Paulus also in den frühen 50er Jahren in Korinth. Er schrieb dann mehrere Briefe nach Korinth, einen in 1 Kor 5,9 erwähnten, nicht erhaltenen Brief sowie einige kürzere, später als „2 Kor“ vermutlich redaktionell zusammengestellte Briefe.

2. Adressaten

Aus der Provinz Asia kommend war Paulus in Philippi und Thessaloniki. Nach kurzem Aufenthalt in Athen (Apg 17,15-18,1) kam er nach Korinth, wo er Aquila und Priska traf, die aufgrund des Claudius-Edikts aus Rom nach Korinth gekommen waren. Sie waren offenbar (Juden-)Christen, aber eine Gemeinde von Christusgläubigen gab es in Korinth noch nicht. Die Gemeinde entstand nach Darstellung der Apg im Umfeld der Synagoge (18,4-11). Aus 1 Kor geht hervor, dass zu den korinthischen Christusgläubigen auch Juden gehörten (7,18), aber die Gemeinde lebte im Gegenüber nicht nur zu „Heiden“ (Griechen), sondern auch zu Juden (10,32). Die Briefkorrespondenz zeigt, dass die korinthische Gemeinde für Paulus besonders wichtig war; in den Briefen nach Korinth nimmt er, anders als etwa im Gal, zu den aktuellen innergemeindlichen Problemen in einer Weise Stellung, als gehöre er selbst zu ihr.

3. Entstehungsort

1 Kor wurde in Ephesus geschrieben. Die in 15,32 (vgl. 2 Kor 1,8) erwähnte lebensbedrohliche Situation, die möglicherweise mit den in Apg 19,23-40 geschilderten dramatischen Ereignissen in Verbindung stand, war offensichtlich überwunden, denn Paulus kündigt in 16,6-8 an, er wolle „bis Pfingsten“ in Ephesus bleiben und erst dann wieder nach Korinth reisen. In Apg 20,31 wird von einem dreijährigen Aufenthalt in Ephesus gesprochen, könnte 1 Kor könnte also etwa vier Jahre nach dem Gründungsbesuch in Korinth verfasst worden sein, etwa im Jahre 54/55.

4. Wichtige Themen und Argumentationsgang des 1 Kor

Paulus kritisiert im Eingangsteil des 1 Kor die Existenz innergemeindlicher „Parteien“; dabei richtet er den Brief immer an die ganze Gemeinde, wobei er schon in der Adresse (1,2) die Adressaten auf ihren „ökumenischen“ Kontext verweist (vgl. 4,17; 7,17; 11,16; 14,33). Die Konflikte in Korinth sind offenbar „hausgemacht“; dass „von außen“ gekommene fremde Missionare („Gegner“) aktiv geworden wären, ist im 1 Kor – anders als dann vor allem in 2 Kor 10-13 – nicht zu erkennen.

1 Kor ist durchgängig bestimmt durch die Reaktionen auf die akute Lage in Korinth; kein anderer Paulusbrief informiert (uns) so detailliert über die bei den Adressaten bestehende Situation. Paulus hatte durch „die (Leute) der Chloe“ (1,11; leider erfahren wir nichts Näheres über sie) wie auch durch Stephanas und dessen Begleiter (16,17f.) sowie durch mündliche Nachrichten (5,1) und durch den in 7,1 erwähnten korinthischen Brief von den Problemen in Korinth erfahren und sah sich zu einer umfassenden Reaktion herausgefordert, wobei der Brief einen persönlichen Besuch vorläufig ersetzen soll (16,5–9; vgl. 11,34).

Aus 1,12 geht hervor, dass es Gruppen („Parteien“) gab, die sich an bestimmten Führern orientierten (1,12); Ursache könnte ein ausgeprägtes Interesse an „Weisheit“ gewesen sein, die Suche nach spekulativer religiöser Erkenntnis (1,17; 1,18ff.). Welche Vorstellungen die einzelnen Gruppen vertraten, ist für uns nicht erkennbar; Paulus geht nicht auf Einzelheiten ein, sondern lehnt die  Existenz von Parteien ab. Er wertet die soziale Zusammensetzung der Gemeinde als Indiz dafür, dass Gott den Maßstäben menschlicher Weisheit widerspricht (1,18-31) Möglicherweise gab es in Korinth einen religiösen Enthusiasmus (vgl. 4,8), der sich in Schlagworten wie „Alles ist erlaubt“ oder „Wir alle haben Erkenntnis“ niederschlug (vgl. 6,12; 8,1; 10,23). Paulus betont dagegen die Theologie des Kreuzes: Die Existenz der Christusgläubigen ist dadurch bestimmt, dass ihr Herr sich am Kreuz, d.h. in Niedrigkeit, und nicht in Glorie offenbart hat.

In 5,1–7,40 nimmt Paulus zu aktuellen moralischen Problemen Stellung. Ein Mann, der „die Frau seines Vaters hat“, muss aus der Gemeinde ausgeschlossen werden (5,1-13), angesichts von Konflikten um Vermögensfragen (6,1–6) schlägt Paulus die Bildung einer innergemeindlichen Zivilgerichtsbarkeit vor, betont aber, dass der Verzicht auf die Durchsetzung von Rechtsansprüchen das eigentlich Angemessene wäre (6,7-11). In diesem Zusammenhang wird betont, dass der Christ auch körperlich seinem Herrn gehört – offenbar gab es einen religiös motivierten „Libertinismus“ ebenso wie umgekehrt die Forderung nach strikter Askese (6,12-20; vgl. 7,1). Aus 1 Kor 7 geht hervor, dass die Frage der Ehe und insbesondere der „Mischehen“ in Korinth umstritten war.

In Kap. 8-11 erörtert Paulus die Tatsache, dass korinthische Christusgläubige an Mahlzeiten teilnehmen, die auch kultischen Charakter haben können. Paulus betont die Freiheit zum Essen des „Götzenopferfleisches“ (8,1ff.), doch gebe es diese nicht abstrakt, sondern nur konkret in der Gemeinschaft der Glaubenden. Der Verzehr von Opferfleisch ist nicht wegen einer womöglich kultischen Qualität des Fleisches verboten, aber der Verzicht ist geboten aus Rücksicht auf andere, die tatsächlich Anstoß nehmen. Eine unmittelbare Teilnahme am Opferkult („Tisch der Dämonen“) ist unvereinbar mit der Teilhabe am „Tisch des Herrn“ (10,14-22).

Da es offenbar Tendenzen gab, die üblichen Konventionen im Verhältnis von Männern und Frauen zu verwischen, fordert Paulus, Frauen sollten die übliche Haartracht tragen, wenn sie im Gottesdienst predigen und beten (11,2-16; das dazu im Widerspruch stehende rigorose „Sprechverbot“ in 14,34.35 ist sehr wahrscheinlich eine später eingefügte Interpolation). Zur Mahlfeier erfuhr Paulus von Verhaltensweisen, die es aus seiner Sicht „unmöglich“ machten, das „Herrenmahl“ zu feiern, da jeder „sein eigenes Mahl“ vorwegnimmt (11,17-34). Da aber in diesem Mahl der Tod des Herrn verkündigt wird „bis er kommt“, ist ein individualistischer Missbrauch der Mahlfeier verwerflich.

Das Pneumatikertum ist in Korinth stark entwickelt (1 Kor 12-14). Paulus betont deshalb das Zusammenwirken aller „Glieder“ innerhalb des „Leibes“, in dem es keinerlei Hierarchie gibt; dann bezeichnet er abschließend die Gemeinde ganz betont als „Leib Christi“ (12,27). In 13,1-13 beschreibt er die Liebe als kritischen Maßstab für alles Handeln; dieser Text ist kein „Lied“, sondern bezieht sich durchgängig auf die Gemeindesituation. Paulus schreibt nicht, dass es der korinthischen Gemeinde an Liebe mangelt, aber er betont, dass die Liebe höherwertig ist als alle „Geistesgaben“ und alle „Erkenntnis“. In Kap. 14 zum „Zungenreden“ fordert er, die geistgewirkte Ekstase müsse danach beurteilt werden, was sie zum Aufbau der Gemeinde beiträgt; dann verliere die Ekstase ihren besonderen Wert, und zugleich erweise sich jede Leistung für die Gemeinde als eine Wirkung des Geistes. Auch in Kap. 15 wird die Gemeindesituation sichtbar: Einige sagen „Es gibt keine Auferstehung der Toten“ (V. 12), andere hingegen lassen sich sogar „für die Toten“ taufen, um ihnen Anteil an der Auferstehung zu geben (V. 29). Dagegen argumentiert Paulus vom Bekenntnis her (V. 1-11): Aus dem Glauben an Jesu Auferstehung folgt die Hoffnung auf die noch in der Zukunft liegende Auferstehung der Toten (V. 20). Die Frage, auf welche Weise die Toten auferstehen werden, ist töricht (V. 35), denn die Erfahrung lehrt doch, dass der gesäte Same zuerst „stirbt“ und dass Gott ihm dann einen neuen Leib gibt (V. 35-41); in der Auferstehung der Toten wird Gott ebenso handeln (V. 42-49). Am Ende offenbart Paulus ein „Geheimnis“: Es werden alle – die Toten und die bei der Parusie Lebenden – verwandelt werden, und erst dann wird der Tod besiegt sein (V. 50-55). Gegenwärtig aber wird die Macht des Todes erfahren in Form der durch das Gesetz wirksamen Sünde (V. 56). Am Ende (16,1-24) stehen organisatorische Anweisungen zur Sammlung der Kollekte für Jerusalem, sodann eine Besuchsankündigung sowie Grüße.

5. Besonderheiten

Der Argumentationsgang des Paulus im 1 Kor lässt eine innere Kohärenz erkennen: Es gibt eine christologische, kreuzestheologische Grundlage für die Aussagen zu den unterschiedlichen Themen. Schwer zu beantworten ist die Frage nach dem religiösen bzw. philosophischen Hintergrund der korinthischen Parteienbildung; die Annahme, hier zeige sich eine frühe Form christlicher „Gnosis“, wird im Allgemeinen verneint, aber „weisheitliche“ Tendenzen sind deutlich erkennbar (1,18-31; 2,1-16). Kontrovers diskutiert wird die Frage, welche Vorstellung hinter der in Korinth ausgesprochenen Ablehnung der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (1 Kor 15,12) steht: Möglich ist, dass die Erwartung der Auferstehung als „unvernünftig“ angesehen wird; die in 15,12 zitierte Aussage könnte aber im Gegenteil auch „enthusiastisch“ gemeint gewesen sein in dem Sinne, die Glaubenden seien „bereits auferstanden“ (vgl. 2 Tim 2,18).

Literatur:

  • Hans Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 21981.
  • Eva Ebel, Die Attraktivität früher christlicher Gemeinden. Die Gemeinde von Korinth im Spiegel griechisch-römíscher Vereine (WUNT II/178), Tübingen 2004.
  • Andreas Lindemann, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/I), Tübingen 2000.
  • Margaret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG4 Band 4, Tübingen 2001, Sp. 1688–1694.
  • Dieter Zeller, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 2009.

A) Exegese kompakt: 1. Korinther 3,9-17

Der für die Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagene Text 1 Kor 3,9–17 steht in einem größeren Zusammenhang. Die begründende bzw. erläuternde Kopula γάρ zeigt, dass an die vorangegangenen Aussagen angeknüpft wird; es wäre also zumindest kurz auf die Rolle der korinthischen Parteien und die begrenzte Bedeutsamkeit ihrer möglichen „Helden“ (3,5–8) einzugehen. Inhaltlich bringt Paulus in V. 9a das vorangegangene an Saat und Ernte orientierte Bild (γεώργιον) zum Abschluss, ausgehend von V. 9b (οἰκοδομή) entfaltet er in V. 10–17 das am „Bau“ orientierte Bild.

9θεοῦ γάρ ἐσμεν συνεργοί, θεοῦ γεώργιον, θεοῦ οἰκοδομή ἐστε. 10Κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι ὡς σοφὸς ἀρχιτέκτων θεμέλιον ἔθηκα, ἄλλος δὲ ἐποικοδομεῖ. ἕκαστος δὲ βλεπέτω πῶς ἐποικοδομεῖ. 11θεμέλιον γὰρ ἄλλον οὐδεὶς δύναται θεῖναι παρὰ τὸν κείμενον, ὅς ἐστιν Ἰησοῦς Χριστός. 12εἰ δέ τις ἐποικοδομεῖ ἐπὶ τὸν θεμέλιον χρυσόν, ἄργυρον, λίθους τιμίους, ξύλα, χόρτον, καλάμην, 13ἑκάστου τὸ ἔργον φανερὸν γενήσεται, ἡ γὰρ ἡμέρα δηλώσει, ὅτι ἐν πυρὶ ἀποκαλύπτεται· καὶ ἑκάστου τὸ ἔργον ὁποῖόν ἐστιν τὸ πῦρ [αὐτὸ] δοκιμάσει. 14εἴ τινος τὸ ἔργον μενεῖ ὃ ἐποικοδόμησεν, μισθὸν λήμψεται· 15εἴ τινος τὸ ἔργον κατακαήσεται, ζημιωθήσεται, αὐτὸς δὲ σωθήσεται, οὕτως δὲ ὡς διὰ πυρός. 16Οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε καὶ τὸ πνεῦμα τοῦ θεοῦ οἰκεῖ ἐν ὑμῖν; 17εἴ τις τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ φθείρει, φθερεῖ τοῦτον ὁ θεός· ὁ γὰρ ναὸς τοῦ θεοῦ ἅγιός ἐστιν, οἵτινές ἐστε ὑμεῖς.

1. Korinther 3,9-17NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

9 Gottes gemeinsam tätige Arbeiter nämlich sind wir – Gottes Ackerfeld, Gottes Bau seid ihr.

10 Gemäß der mir verliehenen Gnade Gottes habe ich als ein kluger Architekt das Fundament gelegt. Ein anderer aber baut darauf auf: doch ein jeder sehe zu, wie er aufbaut.

11 Ein anderes Fundament nämlich vermag niemand zu legen als das, das gelegt ist – das ist Jesus Christus.

12 Wenn aber jemand aufbaut auf dem Fundament Gold, Silber, wertvolle Steine, Holz, Gras, Stroh

13 es wird eines jeden Werk offenbar werden, denn der Tag wird es kundmachen, weil er sich im Feuer offenbart; und wie eines jeden Werk beschaffen ist, wird das Feuer erproben.

14 Wenn jemandes Werk, das er aufgebaut hat, bleiben wird, wird er Lohn erhalten.

15 Wenn jemandes Werk verbrennen wird, wird er bestraft werden. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch’s Feuer.

16 Wisst ihr nicht, dass ihr der/ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

17 Wenn jemand den Tempel Gottes vernichtet, wird Gott diesen vernichten. Denn der Tempel Gottes ist heilig – das seid ihr.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 9 θεοῦ … συνεργοί meint nicht „Mitarbeiter Gottes“ im Sinne einer Kooperation mit Gott, vielmehr sind „wir“ (Paulus und Apollos) gemeinsam tätig für Gott. Das Stichwort γεώργιον schließt das vorangegangene Bild der Pflanzung ab, mit οἰκοδομή wird das dann anschließende breit ausgeführte Bild vom Bau eingeleitet.

V. 10a ἀρχιτέκτων im NT nur hier, σοφός im Sinne von „sachverständig“, aber sicher auch gebraucht vor dem Hintergrund des korinth. Interesses an σοφία. Das Bild vom „Fundament“ (θεμέλιον ἔθηκα) meint die gemeindegründende Verkündigung. In V. 10b meint ἐποικοδομεῖ zugleich den „Weiterbau“ und den „Aufbau“; mit ἄλλος ist nicht eine bestimmte andere Person gemeint, wie ἕκαστος zeigt. Der Weiterbau erfordert besondere Aufmerksamkeit (… βλεπέτω πῶς ἐποικοδομεῖ).

In V. 11 die Grundaussage: Ein anderes Fundament kann niemand legen, denn Jesus Christus ist das (unverrückbare) Fundament (Christus begegnet im Bild vom „Bau“ in späterer Zeit in Eph 2,20).

In V. 12 eine bildhafte Darstellung der für einen Weiterbau geeigneten oder aber ungeeigneten Materialien, in absteigender Linie bezogen auf die jeweilige Feuerfestigkeit.

In V. 13 bezeichnet ἡμέρα den Gerichtstag; „Feuer“ ist wohl metaphorisch gemeint, nicht im Sinne eines „Fegfeuers“.

In V. 14.15a werden die möglichen Folgen genannt, wenn der Bau im Feuer geprüft werden wird; der „Lohn“ (μισθός) wird nicht näher beschrieben, ebenso wenig die Bestrafung (ζημιωθήσεται).

In V. 15b wird die zweite Aussage leicht modifiziert: Auch wenn jemandes Bau verbrennt, wird der Betreffende gerettet werden, jedoch ὡς διὰ πυρός.

In V. 16.17 das Bild vom Tempel, die Gemeinde als ναὸς θεοῦ mit der Gegenwart des Geistes Gottes. ναὸς θεοῦ ist wohl als constructus-Verbindung zu lesen („der Tempel Gottes“), jedenfalls nicht undeterminiert („ein Tempel eines Gottes“); die rhetorische Frage οὐκ οἴδατε impliziert, dass die Adressaten wissen, wovon Paulus spricht.

2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext: Wie und womit wird argumentiert?/Was ist das Argument? Welche sprachlichen, stilistischen Elemente kommen zum Einsatz?

In 1Kor 3,5.6a relativiert Paulus die Rolle derer, die eine besondere Aufgabe in Korinth wahrgenommen haben; dazu stellt er in V. 6b–8 fest, dass es allein auf Gottes Handeln ankommt. Daran knüpft er in V. 9 an, aber dann verweist er doch auf beide Aspekte der Arbeit beim „Bau“ der Gemeinde: Er selber sieht sich als „Architekt“, der das Fundament geplant und gelegt hat, und dann mahnt er, den Bau angemessen und erfolgreich fortzusetzen. Es wird ein Gericht geben, in dem die Qualität des Baus bewertet werden wird.

3. Kontext und historische Einordnung

Themen in 1Kor 1–4 sind die „Parteien“ und das Interesse an religiöser „Weisheit“; dabei besteht zwischen beiden Themen offenbar ein Zusammenhang. Eine besondere Rolle spielt der (aus Apg 18,24-19,1 mit seinem Wirken in Ephesus bekannte) Apollos, mit dessen Einfluss in Korinth sich Paulus auseinander setzt (1,12; 3,4–4,13). Paulus sieht den Aufbau und die Einheit der als „Leib Christi“ vorgestellten Gemeinde bedroht (12,28). Dem Bild vom „Bau“ entsprechend ist entscheidend, ob die für den Bau gebrauchten Materialien „feuerfest“ sind (3,12–15); wenn ein Werk (τὸ ἔργον) verbrennt, wird der dafür Verantwortliche bestraft werden, aber ihm wird verheißen, er werde schließlich gerettet werden. In V.16 fügt Paulus ein weiteres Bild an: Die Adressaten werden angesprochen als „der Tempel Gottes“, in dem Gottes Geist „wohnt“; wer diesen Tempel zerstört, dem droht das Vernichtungsgericht (V.17a), denn dieser Tempel gehört Gott (er ist „heilig“, ἅγιος, und das, so betont Paulus abschließend, „seid ihr“ (οἵτινές ἐστε ὑμεῖς)). Dass mit dem Bild von der Gemeinde als dem heiligen Tempel Gottes Polemik gegen andere Tempel (der Jerusalemer Tempel steht ja noch) verbunden ist, lässt der Text nicht erkennen.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Das Bild vom „Bau“ wird nur in V.11 im eigentlichen Sinne „gedeutet“, ansonsten ist es in sich stimmig und bedarf keiner womöglich allegorischen, „Bild-“ und „Sachhälfte“ unterscheidenden Auslegung der hier begegnenden Elemente. Gerade diese innere Kohärenz könnte dazu ermutigen, den Bezug auf einen sachgemäßen und sinnvollen „Bau“ der gegenwärtigen Gemeinde hervorzuheben. Man könnte an Röm 12,2 erinnern, an den „vernünftigen Gottesdienst“ (λογικὴ λατρεία).

5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

Das Bild vom „Bau“ lädt ein zu einer Übertragung auf die aktuelle Gegenwart der Kirche bzw. der Gemeinde. Eine zu direkte Übertragung ist aber problematisch, weil sich der Gedanke entwickeln könnte, die eigene Position sei „feuerfest“, andere Positionen seien hingegen „feuergefährdet“. Das Bild vom Bau ließe sich aber im Sinne einer Selbstprüfung deuten, etwa gemäß der Jahreslosung 2025 mit 1Thess 5,21.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen: Zwischen Milieu und Materialität

Der Textabschnitt ist trotz der komplexen Ausgangslage in der Gemeinde von Korinth (Verhältnis zwischen Apollos und Paulus; Agieren der ‚Parteien‘; worin besteht die „hausgemachten Konflikte“? – vgl. die Einführung zum 1 Kor [hier bitte Link setzen]) ausgesprochen greifbar und bietet Anlass für viele gegenwartsbezogene Assoziationen.

Im Blick auf die sog. ‚Milieus‘ könnte man ihn dem Handwerksmilieu zuordnen, dem sich Paulus nach dem kurzen Ausflug in den Acker- und Gartenbau (V.6-9) zuwendet. Wahrscheinlich hoffte er sich damit in der Gemeinde besser verständlich machen zu können. Am deutlichsten wird das beim paulinischen Gemeindeverständnis des „Hausbaus“ (οἰκοδομή V.9b).

Gemeindearbeit war in der Zeit der ersten Christinnen und Christen eine Frage kluger Organisation. Paulus macht das durch die Beschreibung von Rollen und Funktionen deutlich: Er selbst ist kluger Architekt (σοφός als „sachverständig“ zu übersetzen ist hilfreicher als „weise“ in Luther 2017), Apollos und alle anderen einzelnen Mitarbeiter:innen bauen darauf auf und bauen weiter. Das Verhältnis zwischen Gründerfiguren und den Nachfolgenden kann konfliktreich sein, es kann aber auch gelingen, wenn sich Synergien entwickeln. Das wirft Fragen nach der Organisationskultur von Gemeinde(n) auch in den heutigen Transformationsprozessen auf.

Paulus zählt einzelne Baumaterialien auf, deren Gradmesser ihre Feuerfestigkeit ist. Dabei nennt Paulus, sicher absichtlich, drei für den Bau gänzlich ungeeignete Materialien: Es handelt sich hier nicht um eine Brandschutzverordnung, sondern Paulus macht sich durch metaphorische Rede verständlich. Dennoch sind gerade Fragen der Materialität ungemein anschlussfähig für praktisch-theologische Überlegungen.

2. Thematische Fokussierung: „Wie die Dinge hier so laufen“ – Organisationskulturen in der Kirche

Vor dem Verfassen und Halten einer Predigt steht eine bewusst theoretische Analyse von Text- und Gemeindesituation. Hier ist 1Kor 3 extrem anregend für Vorüberlegungen zur Predigt. Das Überleben der Gemeinde in einer wenig kirchenfreundlichen Umwelt hängt nicht nur von gutem Teamwork aller „Mitarbeiter“, insbesondere aller leitenden Mitarbeitenden ab. Sie müssen nicht nur ein gemeinsames Fundament und eine gemeinsame Vision haben, sondern sich auch der „Heiligkeit“, der religiösen Bedeutung ihres Zusammenwirkens bewusst sein: Es geht nicht um sie und ihre Geltung, es geht um etwas viel Größeres, eben Heiliges! Letztlich ist es eine Frage kirchlicher Organisationskultur. Jan Hermelink versteht eine (auch kirchliche) Organisation aus institutionentheoretischer Perspektive als ein soziales Arrangement, das – von Einzelnen geschaffen um kollaborativ bestimmte Ziele zu erreichen – seine eigene Performanz kontrollieren kann und sich von seiner Umwelt klar unterscheiden lässt. Eine organisationale Kultur beschreibt, „wie die Dinge hier“ laufen und gemacht werden, auf welchen impliziten und expliziten Werten sie basieren, welche Vorannahmen, Erwartungen und kollektive Erinnerungen zur Geltung kommen. Gerade in Zeiten von Transformation braucht es Klärungsprozesse, bei denen Gemeinsamkeiten festgestellt und Differenzen, Animositäten und Abspracheprobleme geklärt werden. Es lohnt sich deshalb, den kurzen Textabschnitt aus der Korrespondenz zwischen Paulus und „seiner“ Gemeinde in Korinth aus der Perspektive der Organisationsentwicklung zwischen Gründungsphase, Etablierung und Stabilisierung zu lesen. Hermelink spricht in einer Studie mit der Managementwissenschaftlerin Maria Ershova davon, dass sich spirituell-theologische und administrative Leitungskonzepte in kirchlicher Organisationskulturen überschneiden. Das Christusbekenntnis mit Kreuz und Auferstehung (vgl. V.11) ist normativ. Rational-administrative Strukturen sind notwendig im Sinne geklärter Zuständigkeitsbereiche. Folgeabschätzung geht von Zurechenbarkeit von Verantwortung und Erfolg aus: Das hat irdische und eschatologische Bedeutung und ist als Warnung vor „Pfusch am Bau“ zu verstehen. Konflikte entstehen an unterschiedlichen Punkten und auf unterschiedlichen Ebenen und müssen richtig geklärt werden, damit es nicht zu einer Vermischung persönlicher Animositäten mit theologischen und administrativen Fragen kommt. Die Folge wären sonst Parteibildungen und Spaltung. Supervision kann helfen, wenn sie Organisationsentwicklung bedenkt und theologiesensibel ist.

Aber: Die Klärung organisationaler Prozesse gehört eher in die Gemeindeversammlung, weniger auf die Kanzel. In der Predigt lohnt es sich deshalb, mit der Materialität des Textes zu spielen.

3. Theologische Aktualisierung: Die Dinge und ihre Verwendung – zur Materialität der Frömmigkeit

In der Praktischen Theologie hat die Frage nach Materialität, den Beziehungen zwischen Material, Artefakten und Objekten und Menschen neue Aufmerksamkeit gewonnen. Gerade in liturgischen Handlungen erfährt die Verwendung und Positionierung von Gegenständen neue Aufmerksamkeit im privaten wie im gemeindlichen Gebrauch. Die Art und Weise, wie und wo Menschen Andacht finden in heiligen Räumen (Sakralbauten, Räume der Stille etc., vgl. Roggenkamp 2025) hängt auch von Material und Textur ab. Paulus zählt unterschiedliche Materialien auf, die mehr oder weniger zum Bauen geeignet sind: „Gold, Edelsteine, Holz, Heu und Stroh“ (V.12). Das kann anregen zu einer Betrachtung heutiger Materialien im Kirch- und Gemeinderaum.

Man kann sich schon beim Predigtschreiben die Gesichter der Hörer:innen vorstellen, wenn die Begriffe „Holz“, „Dämmmaterial“, „Asbest“ oder „Beton“ fallen. Damit kann man durchaus spielen. Die Zeitschrift für Pastoraltheologie (open access: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/zpth/issue/view/609/203) hat im Jahr 2025 ein ganzes Themenheft dem wichtigsten und zugleich wenig geliebten Baustoff des 20. Jahrhunderts gewidmet: Beton. Im Kirchbau wurde er auch als Idee eingesetzt, als Ausdruck neuer sozialer, demokratischer Ideen, der Freiheitsgewinne und Transparenz, Ehrlichkeit und Nutzungsorientierung versprach. Viele der Ideen haben sich längst überlebt. Es lohnt aber, den Text des Paulus zum Ausgangspunkt einer Predigt zu machen, die sich als Entdeckungsreise in Architektur und Bauzustand, Zugänglichkeit, Materialität und Nachhaltigkeit versteht. Als Leitfaden der Kirchenerkundung können durchaus die einzelnen Verse der Predigtperikope dienen, denn dann sind alle – die Leitungsverantwortlichen, Jesus Christus als Grund, Material, Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit in Leitung und Verkündigung und die gesamte Gemeinde als bedrohter, aber unter Gottes Schutz stehender Tempel – im Blick.

4. Der Text im Kirchenjahr: Heilsame Berührungen

Der 12. Sonntag der Trinitatiszeit ist von Erfahrungen heilender Begegnungen mit Gott geprägt, wie sie in der sehr materiell geschilderten Berührung eines gehörlosen Mannes durch Jesus (Mk 7,31-37) zum Ausdruck kommen. Hand, Finger, Ohren, Zunge und Speichel kommen zum Einsatz, bis sich vom Stammeln und Seufzen Worte bilden und alles staunt. Auch der Wochenspruch ist dinglich sehr konkret: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42,3)

Dieser Spur der Materialität und der Sinnlichkeit von Erfahrungen sollte darum auch die Predigt folgen. Im Gesang kann mit Paul Gerhardt die Schönheit und Heiligkeit der sommerlichen Schöpfungswelt (Geh aus mein Herz EG 503) ebenso besungen werden wie das aus dem gleichen Jahr stammende Prüflied des eigenen Machens („Ich weiß, daß all mein Tun und Werk“ EG 497).

5. Inszenierungsimpulse für Predigende: Predigt to go

Wo dies materialiter möglich ist, kann es lohnend sein, eine „Predigt to go“ zu halten, also einen Rundgang durch die Kirche zu unternehmen. Dabei kann man an markanten Gegenständen Halt machen, ihr Material, ihre Textur und Haptik, ihre Verwendung und Funktion und ihren Symbolgehalt ins Gespräch bringen. Mit Paulus lohnt es sich, auch die Bibel als Lese-Buch zur Schau zu stellen und mit V.11 zu betrachten. Am Ende ist es wichtig, das „Gesamtkunstwerk“ zu betrachten. Wenn mit V.17 die Gemeinde schließlich um den Altar oder im Chorraum zu stehen kommt, richtet sich auch die Frage nach dem Draußen und lenkt zum Fürbittgebet über, in dem auch für die Christen und Christinnen gebetet wird, deren Kirchen niedergebrannt werden und denen freie Versammlungsräume verboten werden. Sie bedürfen der Heilung und Ermächtigung zum freien Reden, Beten und Verkündigen.

Literatur

  • Beck, W./Preidel C./Roser, T./Suchhart-Kroll, V., 2025, Baufällig oder zukunftsfähig? Redaktionsgespräch zum Heftthema ‚Beton‘, ZPTh 45:1, 127–130 https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8823   
  • Erne, T., 2025, Beton – Material und Idee. Die Karriere des Betons ím Kirchenbau der Moderne, ZPTh 45:1, 19–32. https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8815.
  • Ershova, M./Hermelink, J., 2013, Spirituality, Administration, and Normativity in Current Church Organization: An empirical study of the organizational culture in three church denominations, under conditions of social change. In: International Journal of Practical Theology 16:2, 221–242 https://doi.org/10.1515/ijpt-2012-0015.
  • Hermelink, J., 2011, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh
  • Roggenkamp, A., 2025, Zur Materialität im Kirchenraum. Annäherungen an eine Praktische Theologie der Dinge, ZPTh 45:1, 109–125. https://doi.org/10.17879/zpth-2025-8822.      

Autoren

  • Prof. i.R. Dr. Andreas Lindemann (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500209

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