Matthäus 3,1-12 | Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis) | 24.06.2025
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 3,1-12
Übersetzung
1 In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf, predigte in der Wüste Judäas 2 und sagte: „Kehrt um! (wörtlich: Denkt um!) Denn das Himmelreich ist nahegekommen.“ 3 Das aber ist, was gesagt worden ist durch den Propheten Jesaja: ›Eine Stimme von einem, der ruft in der Einöde: Bereitet den Weg für den Herrn, macht gerade seine Pfade!‹ (Jes 40,3 LXX). Er aber, Johannes, hatte sein Gewand aus Kamelhaar und einen ledernen Gürtel um seine Hüfte; seine Speise aber war Heuschrecken und wilder Honig. 5 Damals ging hinaus zu ihm Jerusalem und ganz Judäa und die ganze Umgebung des Jordans. 6 Und sie ließen sich taufen im Fluß Jordan von ihm, indem sie ihre Sünden bekannten.
7 Als er sah, dass viele von den Pharisäern und Sadduzäern zu seiner Taufe kamen, sagte er zu ihnen: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch geheißen, vor dem kommenden Zorn(gericht) zu fliehen? 8 Bringt also Frucht angemessen der Umkehr 9 und meint nicht, bei euch sagen zu können: ,Wir haben den Abraham als Vater.‘ Denn ich sage euch, dass Gott aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken kann. 10 Aber schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum aber, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen werden und ins Feuer geworfen. 11 Ich taufe euch zwar mit Wasser zur Umkehr, aber der nach mir Kommende, er ist stärker als ich, und ich bin nicht würdig (seine) Sandalen abzunehmen. Er wird euch taufen mit Heiligem Geist und Feuer! 12 Er, in dessen Hand die Worfschaufel ist, wird seine Tenne reinigen und seinen Weizen einsammeln in die Scheune, aber die Spreu wird er verbrennen mit unlöschbarem Feuer.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.1 Ἐν δὲ ταῖς ἡμέραις ἐκείναις „In jenen Tagen“ – mit dieser unbestimmten Zeitangabe setzt der Evangelist einen zeitlichen Neueinsatz, denn zwischen dem Ende von Kapitel 2 und dem Beginn von Kapitel 3 liegen ca. 30 Jahre. Diese Wendung ist auch sonst häufig, s. Gen 6,4
V.2 ὁ βαπτιστής – „der Täufer“: das Wort entsteht für die Tätigkeit des Täufers, d.h. diese Neuschöpfung
V.3 Der Evangelist sieht im Auftreten des Täufers die Erfüllung von Jes 40,3
Wegmetapher: Die Wegmetaphorik begegnet bei Mt hier zum ersten Mal (die weiteren Stellen sind 7,13f.
V.4 Die Kleidung und Nahrung des Johannes verweisen auf einen Urzustand zurück. Kamele
V.6 ἐβαπτίζοντο … ὑπ’ αὐτοῦ: Zu beachten ist das Passiv. Es ist keine Selbstreinigung, sondern ein Vorgang, der von einem anderen durchgeführt wird.
ἐξομολογούμενοι τὰς ἁμαρτίας αὐτῶν: Sünden werden bekannt, aber noch nicht vergeben. Die Vergebung ist bei Matthäus an den Tod von Jesus gebunden (Mt 26,28
V.7 Pharisäer und Sadduzäer: dieses in den Evangelien nur von Matthäus bezeugte Wortpaar (außer hier noch in 16,1.6.11f.
γεννήματα ἐχιδνῶν – „Brut von Vipern/Ottern“: diese Wortverbindung ist vor dem NT in der biblisch-jüdischen Tradition nicht bezeugt und geht darum entweder auf den Täufer oder auf Jesus (Mt 12,34
V.8 Zu μετάνοια schreibt Helmut Merklein (EWNT II,1026), dass der Begriff für Jesus nicht mehr in derselben Weise typisch ist, wie er es für den Täufer war. Gemeinsam ist beiden die Auffassung, „wer nicht umkehrt, zieht sich das Gericht zu“, doch anders als beim Täufer verlangt der Begriff bei Jesus „das Sich-Einlassen auf Jesu Wort und Tat“ und „muß daher im Kontext der Basileia-Verkündigung gesehen werden.“ Umkehr bedeutet dann das nach vorne ausgreifende „Leben aus dem angekündigten und schon präsenten, alle Schuldvergangenheit aufhebenden Heil der Gottesherrschaft.“
V.11 βαπτίσει ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ πυρί – die Taufe mit „heiligem Geist und Feuer
V.12 Zur Tenne
2. Literarische Gestalt und Kontext
Die Perikope umfasst die ersten beiden der insgesamt drei Teile über das Auftreten des Johannes:
- 3,1–6: Über den Täufer und seine Taufe
- 3,7–12: Die Mahnrede an Pharisäer und Sadduzäer, die zur Taufe kommen
- 3,13–17: Das Auftreten des kommenden Stärkeren und seine Taufe (nicht mehr Teil des Predigttextes)
Der matthäische Bericht ist eine eindrucksvoll gestaltete Kombination von Material, das sich auch bei Markus (Mk 1,2–6
3,1–6 stellen den Täufer in 2 x 3 knappen Aussagen vor: seinen Ort (die Einöde in Judäa), seine Botschaft (Umkehr angesichts des nahenden Himmelreiches), und seinen Platz in der Heilsgeschichte (Jesaja-Zitat); in der zweiten 3er-Reihe (3,4-6) wird seine Kleidung und Nahrung (V.4), sein geographischer Radius (V.5) und seine Taufe beschrieben (V.6).
3,7–12 überliefert die Mahnrede des Täufers gegenüber der religiösen Elite Israels, die nach der einleitenden Beschreibung (3,7a) ebenfalls in zwei Einheiten (3,7b–10 u. 3,11f.) mit jeweils vier Aussagen (2 x 4) gegliedert ist.
In der ersten 4er-Reihe steht Gott am Ende als Begründung, in der zweiten (verkürzten) steht Gott indirekt am Anfang (passivum divinum) und am Ende durch die passivischen Verben: Gericht ist angedroht und wird und am Ende vollzogen. V.11 dient dabei der Verhältnisbestimmung von Täufer und dem Stärkeren, der ihm nachkommt: eine dreifache Ich-Aussage des Täufers gipfelt im Hinweis auf den, der kommt. V.12 beschreibt das Tun dieses Stärkeren in Bildern des Gerichts. Hier ist der Übergang vom Täufer zum Messias in knappster Form eindrücklich beschrieben: ihm gehört die Ernte, er vollzieht das Scheidungsgericht.
3. Historische Einordnung
In allen vier Evangelien gehört der Täufer an den Beginn des Wirkens Jesu. Während Matthäus und Markus nichts von einer vorherigen Bekanntschaft zwischen Jesus und dem Täufer erkennen lassen, verknüpfen Lukas und Johannes auf unterschiedliche Weise die beiden Männer. Josephus verweist auf den Täufer (Ant 18.116–119), ohne eine Beziehung zu Jesus, den er im selben Buch ebenfalls, allerdings früher, erwähnt (Ant 18.63f.). Das kann bedeuten, dass für einen unbeteiligten Beobachter diese beiden innerjüdischen Reformbewegungen nicht direkt miteinander verbunden waren. Auch das NT weist darauf hin, dass es Johannesjünger gab, die vom Fortgang seiner Geschichte innerhalb der Jesusbewegung und der Taufe mit dem Heiligen Geist nichts wussten (Apg 18,25
4. Schwerpunkte der Interpretation
Das erste Wort des Täufers – zugleich das erste Wort der öffentlichen Verkündigung im Evangelium des Matthäus – ist ein Aufruf zu einer Transformation von Denken und Handeln („Kehrt/Denkt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ V.2). Er wird von Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens mit genau denselben Worten aufgegriffen (4,17
5. Theologische Perspektivierung
Der ausgewählte Absatz fokussiert allein auf Johannes, der das Kommen des Stärkeren (V.11) ankündigt. Mit dessen Erscheinen verbindet der Täufer eine entsprechend ›verstärkte‹ Taufe, bei der eine Reinigung und Scheidung (Weizen/Spreu
Literatur
- Exegese für die Predigt Artikel: Mt 11,2–10 (3. Advent, 17.12.2023)
- Roland Deines, Art. Pharisäer/Pharisäismus, in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde 3 (2024), 1428–1432.
- Ulrich B. Müller, Johannes der Täufer. Jüdischer Prophet und Wegbereiter Jesu, BG 6, Leipzig 2002.
- Johannes der Täufer, Themenheft: Welt und Umwelt der Bibel, Nr. 101 = Jg. 26, Heft 3 (2021).
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Interessant und nachdenkenswert erscheint mir die exegetische Einsicht, dass mit Johannes dem Täufer und der Taufe durch ihn etwas religionsgeschichtlich Neues entstanden ist. Die Taufe nicht nur als Akt der rituellen Reinigung zu verstehen, sondern als Zeichen einer zu beginnenden Umkehr, die die äußere Handlung mit einer inneren Haltung verbindet, und damit den prophetischen Aspekt des Aufrufs zur Umkehr und Buße zu stärken, scheint mir für die Auslegung hilfreich. Gleichzeitig handelt es sich ja bei Johannes ausdrücklich um einen Typus im Übergang, dessen Charakter als Zeuge Christi und der Präsenz des Himmelreiches zu seiner Rolle als Aufrufender zur Buße tritt und so ein eigenes Gewicht bekommt. Relevant erscheint mir auch, dass die Evangelien offenbar die starke oder jedenfalls populäre Ritualpraxis der Reinigung, die in der Person des Johannes vertreten wird, mit der Rolle Jesu als Gottessohn in eine für die christlichen Gemeinden plausible Verbindung zu bringen suchen. Gerichtsansage und Heilsverheißung, Selbstbeschränkung und Selbstbetrachtung auf der einen Seite und die Eröffnung einer heilsamen und befreienden Begegnung mit Gott in der Person Jesu Christi werden zusammengebunden. Allerdings lässt sich die Spannung zwischen Heilshandeln Gottes und menschlichem Dazutun meines Erachtens nicht gänzlich auflösen. Für die Frage nach der Verheißung, die diese Verse bereithalten, heißt das, dass die Abfolge „erst Umkehr, dann Himmelreich“ nicht problemlos mit dem systematisch-theologischen Gedanken einer vorlaufenden und an keine menschliche Handlung gebundene göttlichen Zuwendung zusammenstimmt. Die hier historisierend in eine zeitliche Abfolge gestellte Darstellung von Buße, Gericht und heilbringender Gegenwart Gottes kann in ihrer Ambivalenz benannt werden. Die Wahrnehmung, dass die Botschaft des Täufers und die Botschaft Jesu nicht bruchlos ineinander übergehen, sondern sich unterscheiden oder zumindest den Schwerpunkt anders setzen, kann thematisiert werden. Denken lässt sich, dass schon der Bußruf des Täufers einen Ermöglichungsraum Gottes darstellt. Der durch Jesaja angekündigte „Weg Gottes“ eröffnet eine andere Perspektive auf das Handeln Gottes, die für den Täufer zu einer entsprechenden Reaktion ruft.
2. Thematische Fokussierung
Drei Aspekte der Perikope scheinen mir theologisch relevant.
Erstens wird die Person Johannes des Täufers als Prediger in der Wüste profiliert. Kleidung, Nahrung und Ort weisen auf eine größtmögliche Form der Selbstbeschränkung. Sie wird noch gesteigert dadurch, dass Johannes auch in seiner Wirkung in gewisser Weise von sich weg und auf Christus verweist. Er wird dargestellt als einer, der selbst keinen Anspruch geltend macht, sondern sich ganz dem Botendienst zur Verfügung stellt.
Zweitens wird in der Perikope eine Zweiteilung vorgenommen: Im ersten Abschnitt geht es um Jerusalem und Judäa samt seinem Umland, also die Bevölkerung schlechthin. Sie lässt sich taufen und „bekennt ihre Sünden“. Sie vollzieht also die innere Reflexion und Umkehr entsprechend des johanneischen Aufrufs. Im zweiten Abschnitt geht es um eine gezielte Kritik an den Pharisäern und Sadduzäern, also den religiösen Funktionsträgern, mit denen Jesus später in Kontakt und dann auch in Konflikt geriet. Ihnen droht Johannes mit einem in der Vernichtung endenden Gericht, kritisiert die Tatsache, dass sie sich offenbar (nur) auf ihre Herkunft (Abraham) beziehen, und erwartet eine Umkehr, die sich in einer erkennbaren Verhaltensänderung zeigt. Die Gegenüberstellung der beiden Haltungen lässt den Schluss zu: Die ganze Passage zielt auf die Kritik einer Religionsausübung, die sich auf einen bloßen Habitus gründet. Dessen Wirkung wird nicht mehr hinterfragt und nicht daran gemessen, ob die Praxis noch sichtbar und erkennbar die Gegenwart Gottes in der Gemeinschaft zu realisieren in der Lage ist.
Und drittens wird die „Geisttaufe“ Jesu mit apokalyptischen Bildern (Feuer) beschrieben, in der eine endgültige Trennung (Spreu und Weizen) vollzogen wird. Der göttliche Heilswille wird sich durchsetzen. Die innere Umkehr hat nicht nur persönliche Bedeutung, sondern hat öffentlich sichtbare und globale Auswirkungen. Die Taufe im Jordan hat in dieser Weise ebenfalls eine Relevanz als öffentliche Inszenierung der neu erlebten Gottesbeziehung, in die auch Jesus selbst durch die Taufe des Johannes gestellt wird.
3. Theologische Aktualisierung
Ich möchte eine historisierende Auslegung vermeiden. Dass Johannes zum Wegbereiter Jesu wird, ist Folge des Versuchs, die offenbar bestehende Bedeutung des Johannes mit der Bedeutung Jesu – und damit zwei wirkmächtige Prediger – in eine nahe Beziehung zu bringen, in der sich beide ergänzen, und dennoch Jesus als Sohn Gottes zu profilieren.
Angemessener erscheint mir – wie auch die Exegese anregt –, die Radikalität der Verkündigung des Johannes zu thematisieren: die Gegenwart Gottes hat Konsequenzen für das eigene Leben. Die Ausrichtung an der Gerechtigkeit Gottes setzt andere Maßstäbe. Es geht um die Unterscheidung der Geister und den Glauben daran, dass diese Unterscheidung und die darin liegende Heilsverheißung in der Gottesbegegnung wirksam werden. Es liegt nahe, dabei die positive Bedeutung dieser Unterscheidung, wie sie im Gedanken des Gerichts theologisch-metaphorisch aufgegriffen wird, in den Blick zu nehmen.
Johannes wird zum Inbegriff eines „Rufers in der Wüste“, der sich offenbar vor den Konsequenzen einer deutlichen Kritik an religiösen (und später im Blick auf Herodes auch politischen) Funktionsträgern nicht gescheut hat und sein eigenes Leben diesem Aufruf verschrieben hat.
Dass es solche Rufer braucht, die religiöse Praxis kritisieren, wo sie zum bloßen Ritual verblassen, erscheint mir bleibend relevant. Dabei scheint das Wording („ihr Schlangenbrut“), die Bildwelt (die Spreu verbrennen mit unauslöschlichem Feuer) und die darin aufscheinende Drastik der Kritik dem (schlechten) Stil mancher heutigen Debatten vergleichbar – und sind ebenso erschreckend. Gleichzeitig bleibt die theologisch relevante Einsicht, dass es in der Gottesbegegnung nicht nur zur Bestätigung, sondern auch zur Infragestellung der je eigenen Lebenshaltung kommt. Es entsteht eine unheilvolle Diskrepanz, wenn eine institutionell gesicherte religiöse Praxis nicht mehr dazu beiträgt, die Gerechtigkeit Gottes erkennbar werden zu lassen.
Wie wirkt sich der Glaube auf das Leben und darin fördernd und gelingend auf den öffentlichen Raum und die sozialen Beziehungen aus? – das wäre die Frage, die Johannes vor allem an Religionsrepräsentanten und -repräsentantinnen stellt, die sich ihrer Legitimität sicher sind.
Eine Abfolge, nach der zunächst die selbsttätige (oder selbstbestimmte) Umkehr und dann die Teilhabe am Reich Gottes erfolgt, könnte – gerade angesichts der Relevanz, die die eigene Infragestellung in Zeiten permanenter individueller Selbstbetrachtung hat – eine verführerische Deutungsfigur sein. Sie wäre aber mit einer protestantisch-theologischen Lesart des Wortes Gottes aus meiner Sicht nicht vereinbar, nach der jede Umkehr und jedes neue und andere Nachdenken (“meta-noia“) eine nicht von mir selbst aus initiierte Gotteserkenntnis voraussetzt. Öffentlich sichtbar stellt sie sich in der Taufe dar – aber eben nicht nur. Matthäus erlaubt uns nicht zu glauben, dass es ohne unseren Glauben an die Gerechtigkeit Gottes und dem daraus folgenden Handeln am Ende gut wird.
Die Rede von der Geisttaufe thematisiert genau dies, weil sie eben von der „Inbesitznahme“ des menschlichen Geistes durch Gottes Geist – und damit von einer anderen „Geistes“haltung – ausgeht.
Die Stärke und gleichzeitig die Grenze der Botschaft des Johannes liegen darin, dass er selbst diese Geistesänderung nicht bewirkt, sondern selbst auf den, der „stärker“ ist als er, angewiesen ist. In dieser Weise lebt Johannes, was er predigt: die Gegenwart Gottes in der Person Jesu Christi lässt die Heilszusage Gottes zur Erfahrung werden und ermöglicht eine Umkehr, die eine innere Haltung und daraus erwachsend eine an Gerechtigkeit orientierte Glaubens- und Lebenspraxis eröffnet.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Tag der Geburt Johannes des Täufers widmet sich der Erinnerung an seine Person und Botschaft. Als Feier am Tag der Sommersonnenwende nimmt er das nun abnehmende Licht und die Vorbereitung auf das kommende „Licht der Welt“ symbolisch auf. Der Zeugnischarakter, den die Botschaft des Johannes hat, rückt damit in den Vordergrund. Der Ruf zur Umkehr und die Kritik an einer vermeintlich religiösen Sicherheit profilieren den göttlichen Heilswillen: Der kommende Christus steht für ein auf Gerechtigkeit zielendes Reich Gottes.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Melanie Beiner (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500124
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