1. Timotheus 3,16 | Christnacht | 24.12.2024
Einführung in den ersten Timotheusbrief
1. Zugehörigkeit des ersten Timotheusbriefes zu den „Pastoralbriefen“ und Fragen zu seiner Verfasserschaft
Der 1. Timotheusbrief
2. Zur Datierung, Lokalisierung und Adressierung des ersten Timotheusbriefes
Mit der Verfasserfrage eng verknüpft ist die Frage nach der Datierung von 1 Tim. Unter der Annahme, dass Paulus diesen Brief selbst geschrieben hat, fällt die Datierung in die Mitte bzw. zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts (50/60 n. Chr.). Wird 1 Tim als nicht paulinisch („pseudepigraph“), zugleich aber als Teil eines aus 1 Tim, 2 Tim und Tit bestehenden Corpus Pastorale verstanden, tendiert die Mehrheitsmeinung zu einer Entstehung um 100 n. Chr. Als pseudepigrapher Brief, der nicht Teil eines solchen Corpus Pastorale sei, wird er teilweise zeitlich noch später angesetzt (zweites Viertel des 2. Jahrhunderts). Somit könnte 1 Tim jenen Schriften des Neuen Testaments Konkurrenz machen, die bisher als potentiell jüngste Schriften galten (2Petrus: um 110 n. Chr.; Spätdatierung der Johannesapokalypse auf die Zeit des römischen Kaisers Hadrian: um 130 n. Chr.).
Wird der Brief als authentischer Paulusbrief bewertet, wird auch die Adresse als echt eingestuft (1Tim 1,2
3. Zur Brieflichkeit des ersten Timotheusbriefes
Ist 1Tim überhaupt ein Brief oder eher ein Traktat bzw. eine „Regel“? Eindeutig ist, dass sich das Schreiben eine briefliche Form gibt, wie sie von den Paulusbriefen her bekannt ist. 1 Tim gliedert sich in einen Briefeingang mit Präskript (1,1f.
4. Wichtige Themen und theologische Schwerpunkte
Die ethisch-moralische Integrität von Leitungsfiguren in der Gemeinde, das Verhältnis der Geschlechter zueinander und das komplexe Bild Gottes sind wichtige Themen des 1Tim. So ist der Brief z. B. in 3,1-13
Vgl. dazu und zum Folgenden Annemarie Priesemuth, Die Rede von Gott.
Literatur:
- Weiß, B.: Die Pastoralbriefe (KEK), Göttingen 71902.
- Herzer, J.: Die Briefe des Paulus an Timotheus und Titus (ThHK), Leipzig 2024.
- Hoegen-Rohls, Ch.: Art. Pastoralbrief, in: Eve-Marie Becker, Ulrike Egelhaaf-Gaiser, Alfons Fürst (Hg.), Handbuch Brief – Antike (erscheint: Berlin 2025).
- Krauter, S.: Genderrollen in den Pastoralbriefen. Ein Experiment mit verschiedenen Lesestrategien, ThLZ 146 (2021), 374-387.
- Priesemuth, A,; „Der ein unzugängliches Licht bewohnt“. Die Rede von Gott in 1 Tim, Diss. masch., Kiel 2023.
- Schleiermacher, F.D.E.: Über den sogenannten ersten Brief des Paulos an den Timotheos. Ein kritisches Sendschreiben an J. C. Gaß (1807), in: ders., Schriften aus der Hallenser Zeit 1804–1807, hg. v. H. Patsch (Friedrich Schleiermacher, Kritische Gesamtausgabe I. Abt. Band 5), Berlin 1995, 153‒242.
- Standhartinger, A.: Von wegen „schweigen“: Frauen in den Pastoralbriefen, https://www.katholisch.de/ artikel/45939-von-wegen-schweigen-frauen-in-den-pastoralbriefen
, aufgerufen am 20.02.2024. - Weidemann, H.-U.: Die Pastoralbriefe, ThR 81 (2016), 353–403.
- Zimmermann, Ch.: Gott, unser Retter – Christus, unsere Hoffnung: Soteriologische Aspekte des 1. Timotheusbriefes, in: dies., D. du Toit / Ch. Gerber (Hg.), Soteria. Salvation in Early Christianity and Antiquity, Leiden 2019, 406–426.
A) Exegese kompakt: 1 Tim 3,16
Übersetzung
16a Und nach dem Urteil aller ist groß das Geheimnis der Frömmigkeit / Gottesfurcht:
16b der geoffenbart wurde im / durch Fleisch,
16c (der) gerechtfertigt / gerecht gemacht wurde im / durch Geist,
16d (der) gesehen wurde von Engeln / Boten,
16e (der) verkündigt wurde unter Völkern / durch Völker,
16f (der) geglaubt wurde im / durch Kosmos,
16g (der) aufgenommen wurde in / durch Herrlichkeit.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 16a ὁμολογουμένως ist Adverb des Partizip Passiv Präsens von ὁμολογέω (zusagen, zusichern, versprechen; zugestehen, zugeben; eingestehen, gestehen; frei heraussagen, erklären, bekennen; preisen). Das klassische Wörterbuch zum Neuen Testament von Bauer-Aland verzeichnet es als feste Redewendung (seit Thukydides) mit den Übersetzungsmöglichkeiten „nach dem Urteil aller, übereinstimmend, offenbar, ganz gewiß [sic!]“. Das Nomen εὐσέβεια ist eines der paränetischen Leitworte des Briefes, es begegnet auch in 1 Tim 2,2
V. 16b-g (1) Wie ist das Relativpronomen ὅς („der“) zu verstehen, welches das Verssegment 16b einleitet und auch in den Verssegmenten 16c-g zu ergänzen ist? Da es sich um ein Relativpronomen im Maskulinum handelt, kann es sich nicht zurückbeziehen auf das Neutrum τὸ μυστήριον (das Geheimnis). Wer aber ist dann „der“, von dem hier die Rede ist? Jenen, die mit der Sprache des Neuen Testaments vertraut sind, fallen vielleicht Passagen ein, in denen solche „der“-Aussagen in auffallender Reihung vorkommen (s. dazu genauer unter 2.). Welche je spezifische oder generelle Funktion haben die finiten Verben im Passiv, die sich auf das Subjekt „der“ beziehen?
V. 16b-g (2) Wie ist die fünffach wiederkehrende Präposition ἐν, verknüpft mit dem Dativ, zu verstehen: lokal oder instrumental oder beides?
V. 16c: Der Geist spielt auch in der Geistrede 1 Tim 4,1–5
2. Literarische Gestalt und Kontext
Der sprachlich markante Predigtvers besteht aus einer Einleitungswendung, die ein übereinstimmendes Urteil zur Geltung bringt (V.16a), und einer klangstilistisch geprägten Passage, die von den wiederkehrenden passiven finiten Verben lebt (16b-g): Akustisch einprägsam erzeugt bei lautem Lesen des griechischen Textes die Endsilben-Folge ἐφανερώ-θη, ἐδικαιώ-θη, ὤφ-θη, ἐκηρύχ-θη, ἐπιστεύ-θη, ἀνελήμφ-θη ein sechsfaches Echo; bei lautem Lesen des deutschen Textes klingt die Vorsilbe ge- vierfach wieder (ge-offenbart, ge-rechtfertigt, ge-sehen, ge-glaubt). Auch wenn sich dabei kein festes metrisches Schema ausmachen lässt, wirkt die Passage rhythmisch gegliedert und erregt eine hohe Spannung beim Sprechen und Hören: Immer wieder ist Atem zu holen, bevor das nächste Glied der Kette ausgesprochen wird, immer wieder ist aufmerksam wahrzunehmen, was von Verssegment zu Verssegment an Neuem ausgesagt wird.
Eingeleitet wird diese spannende Segmentfolge durch das oben erwähnte Relativpronomen „der“, mit dem etwa der Hebräerbrief (anstelle eines typischen Briefbeginns) seinen theologisch dichten Eingangstext inszeniert (Hebr 1,1-4
Eingebettet ist der Predigtvers in einen Kontext, der sich als Mikro-, Meso- und Makrokontext bestimmen lässt. Als kleinste Einheit (Mikrokontext) bilden 1 Tim 3,14–16
Der Mikrokontext gibt den Blick frei auf eine persönliche Notiz des Briefautors, in der dieser auf sein briefliches Schreiben reflektiert (3,14–15
3. Theologische Akzentuierung
Der für die Christnacht ausgewählte Predigtvers hält zunächst fest: Die Haltung der Gottesfurcht ist keine Selbstverständlichkeit, nichts Alltägliches, nichts vordergründig Verfügbares, sondern ein Mysterion, etwas Geheimnisvolles, Großes, das „abgeschritten“, dem sich angenähert werden muss über jene einzelnen, Gottesfurcht erzeugenden Stufen, von denen die Verssegmente 16b-g sprechen. Eine erste Stufe auf dem Wege zur Gottesfurcht besteht in der Wahrnehmung der Inkarnation des Gottessohnes, seines In-die-Welt-Kommens, genauer: darin, dass er nach Gottes Willen geoffenbart wurde in fleischlicher, menschlicher Gestalt (passivum divinum; lokal-instrumentales ἐν). Eine zweite Stufe auf dem Wege zum Geheimnis der Gottesfurcht besteht in der Erkenntnis, dass der göttliche Geist es ist, der die Gottheit des Sohnes nach seiner inkarnatorischen Zeit, die mit seinem Leiden und dem Kreuzestod endet, dadurch legitimiert, dass Gott durch eben diesen seinen Geist die Auferweckung bzw. Auferstehung des Gekreuzigten wirkt, genauer: gewirkt hat (passivum divinum bzw. pneumaticum; instrumentales ἐν). Die dritte Stufe bezieht sich auf eben dieses Geschehen der Auferstehung, das von keinem Menschen beobachtet, sondern allein von Gottes Boten, den Engeln, gesehen wurde (passivum divinum; dativus instrumentalis). Wie von Engeln gesehen, so aber von Menschen unter den Völkern und durch die Völker selbst verkündigt: Das ist die vierte Stufe, die es zu erklimmen gilt auf dem Weg zur Gottesfurcht – und dabei ist zu bestaunen, dass Menschen überhaupt dazu in der Lage waren, die Verkündigung, die „Kommunikation des Evangeliums“, weltweit auszurichten, so dass (im Sinne einer fünften Stufe auf dem Weg zum Geheimnis der Gottesfurcht) der menschgewordene und durch den Geist legitimierte Christus von der Menschenwelt (partikularer Kosmosbegriff) und vom ganzen Kosmos (universaler Kosmosbegriff) als Sohn Gottes geglaubt wurde (passivum anthropologicum / kosmologicum; lokales und instrumentales ἐν). Den Abschluss dieser Stufen, die ein Netzwerk herstellen zwischen dem Handeln Gottes, dem Handeln seines Geistes und dem Handeln der Menschen und des Kosmos, bildet die Einsicht in den göttlichen Ringschluss, der darin besteht, dass Gott seinen Sohn nicht nur geoffenbart hat im Fleisch (Inkarnation) und durch das Kreuz hindurch legitimiert hat durch den Geist (Auferstehung), sondern auch aufgenommen hat in und durch seine himmlische Herrlichkeit (Erhöhung; passivum divinum; lokal-instrumentales ἐν).
So fokussiert der Predigtvers auf Gott und seinen Geist als Akteure des Heilsgeschehens in Christus, an dem auch Menschen, Engel und der ganze Kosmos beteiligt sind. Dass dieses komplexe Geschehen zur Haltung der Gottesfurcht führt, in der Gottes Schöpferkraft und Rettermacht anerkannt wird, und dass diese Anerkennung ihren Ausdruck findet in einer Gott gemäßen, seinem Heilswillen entsprechenden Lebensführung – das will der Briefautor dem Timotheus und den mit ihm gemeinsam angeschriebenen Adressaten der Gemeinde in Ephesus feierlich einprägen.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Mehr als deutlich
Da wird man wachgerüttelt: nicht durch Lautstärke, sondern durch die Klarheit, mit der dieser poetische Vers daherkommt – analog zu der Klarheit des Herrn, die Engel umleuchtet und Hirten erleuchtet. Ich lese und höre eine klare und eingängige Aneinanderreihung von Glaubensaussagen. Der Klang lässt mich zuhören, der Rhythmus mich mitgehen.
Ich weiß, dass 1 Tim auf einem komplexen Gottesbild gründet und eine ebenso komplexe Christologie darlegt. Gerade deshalb ist es beeindruckend, wie sich Christologie, Gottesbegriff und Offenbarungstheologie in einen einzigen Vers einzupassen vermögen!
Ein Hymnus oder ein Bekenntnis oder – profaner formuliert – ein Statement zu dem, was es mit Christus auf sich hat, wird in wenigen Worten und poetischer Gestalt dargereicht, dient als theologische Bekräftigung und nicht weniger als Lob!
Mehr als eine „zweite Meinung“
Gerne hole ich mir eine zweite Meinung ein, gehöre eher zu den Vorsichtigen und will bestätigt wissen, dass ich hier nicht allein bin. Wenn hier sogar alle einer Meinung sind – dann hilft mir das schon einmal sehr! Aber tatsächlich geht es hier um etwas anderes als „Meinungen“: Das „Urteil aller“ ist mehr als ein Meinungsbildungsprozess – diejenigen, die dieses Urteil gefällt haben, stimmen alle überein, dass es die Wahrheit der Offenbarung Gottes ist, die kein anderes Urteil zulässt.
Mehr als eine passive Feststellung
„Geoffenbart“, „ge-…“ – die Passivkonstruktionen dominieren und versetzen uns doch nicht in die Passivität. Das wäre auch gar nicht im Sinne von 1 Tim, der an anderer Stelle dezidiert einfordert, die Lehre von Gott, Christus und Geist zu verstehen, sich bewusst von falschen Lehren abzugrenzen, dem Geist zu folgen, der die falschen Geister erkennen lässt, um dann aktiv in der wahren Lehre das eigene Leben zu gestalten. Zudem verstehe ich uns Christ:innen durchaus als „Aktive“ in diesem Vers bedacht: Wir – von den ersten Zeugen, denen, die ihn gesehen haben und über Jahrhunderte Christentum (und nicht nur „Christnachts-Christentum“!) hinweg – haben ihn aufgenommen, geglaubt. Wir verkünden – und feiern begründet Christnacht.
2. Thematische Fokussierung
Der Vers enthält eine ganze Christologie, die innerhalb der Gotteslehre eingeordnet ist, doch nicht minder den glaubenden Menschen miteinbezieht, und die Exegetin zeigt mir, wie mit den Versteilen ein Weg abgeschritten wird – hin zum Geheimnis der Gottesfurcht. Es sind Stufen, die Gottesfurcht – und damit Ehrfurcht, aber auch Furcht vor dem noch Unbekannten in IHM, verbunden mit dem Unbekannten in mir, die ich in die eigenen Tiefen gehe, Ängste und Schwächen, aber auch ungeahnte Stärken entdecken könnte –, voraussetzen, bevor der erste Schritt gegangen wird. In der in dieser Weise bedachten Gottesfurcht finden sie aber auch ihr Ziel: Sie führt mich. Sinn für das Geheimnis wird eröffnet, wenn eine Predigt nur ein wenig die Sinne dafür schärfen kann.
1 Tim will mit seinen Worten andernorts so häufig ermahnen – doch hier auch einführen. Es mutet mystisch, ja mystagogisch an und Mystik nutzt bekanntermaßen bestimmte Sprachformen, so dass diese Form von theologischer Poesie angemessen erscheint. Damit erweist sich der Vers einerseits als klar in seinem Urteil oder als Urteil und gebraucht doch eine Sprachform, die den Weg innerhalb eines großen Geheimnisses aufzeigt und mitgehen lässt. Diesen Anspruch für die Predigt aufzuarbeiten, erinnert an die theologische Annäherung an das geoffenbarte Geheimnis Gottes und den Versuch seiner Versprachlichung, der jedes Mal von Predigenden unternommen wird – und dennoch kann letztlich nur ein Raum eröffnet und in Ansätzen gestaltet werden, in dem jede:r einzelne Wege individuell, d. h. situationsabhängig und bedürfnisorientiert, in der jeweiligen Glaubensexistenz geht.
3. Theologische Aktualisierung
Viel ist schon da.
Dieser Vers, dieses klanglich eindrucksvoll gestaltete und mystisch anmutende Statement ist voraussetzungsreich und wird sich an die richten wollen, die schon wissen bzw. die schon erkannt und geglaubt haben; an diejenigen, die diese Deutlichkeit – zwar poetisch, aber nicht verspielt und spekulativ, sondern spirituell pointiert – auch wollen. Der Vers bestätigt, bekennt, dass es urteilskräftig ist, was hier gesagt wird. An der Urteilsfindung waren alle – zumindest viele – beteiligt. Beteiligt war und ist die Gemeinde, in der Wahrheit festgestellt und verbreitet wird.
1 Tim mahnt heute nicht. Er stellt fest und preist und: vergewissert weihnachtlich!
Diese theologische Bekräftigungsmaßnahme ist also nicht für die Unsichereren oder Skeptischen unter uns, die eine zweite Meinung bräuchten und dafür Gleichgesinnte suchen. Sondern sie richtet sich an all diejenigen, die das, was von diesem göttlichen Geheimnis, das Gott uns offenbart hat, gesagt wird, bereits selbst wahrgenommen haben und damit leben und Leben gestalten wollen; die erneut und immer wieder von diesem Urteil hören wollen und sich eine immer neue und ihrer Lebenssituation entsprechende und ansprechende Auslegung erhoffen. Könnte man nicht sogar sagen, dass dies das gute Recht aller Glaubenden ist, dem wir gerade heute entsprechen sollten?
Ein (theologisches) Recht auf Bestätigung.
Gewiss, sie haben sich viele Jahre „auch ohne Schein“, ohne dieses „Stück Papier“ geliebt – und doch, nun ist ihre Ehe rechtskräftig und das fühlt sich gut an.
Er hat es ihr bereits – und mehr als deutlich – gesagt und doch ist es für sie noch einmal „gut zu hören“.
Ja, ich fühle mich geliebt – und doch: Ich will es hören und werde es auch denen, die ich liebe, immer wieder sagen.
Gott hat sich geoffenbart! Bitte lasst uns das von Neuem – in unterschiedlichen Sprachformen, in vielen oder wenigen Worten, in unterschiedlichen Kontexten, Situationen und Lebensphasen – hören und jubelnd mitsprechen!
Mehr als man denkt, ist bereits da. Der Predigttext spricht mit Menschen, die von der Offenbarung hörten, der Verkündigung lauschten, und glauben konnten. Er spricht die an, die hier und heute (noch) „aufnahmebereit“ und „aufnahmefähig“ sind. Verfehlt wäre daher die Ermahnung, zuzuhören, als ob man nicht hier wäre, in diesem Gottesdienst, und dem Geheimnis nicht nachgehen wollte mit den Sprach- und Kommunikationsformen, die über Jahrhunderte gewählt wurden. Diejenigen, die heute hier sind, noch die Orte aufsuchen, an denen Verkündigung geschieht, ja dieses Haus betreten, sind aus unterschiedlichen Gründen hier, doch selbst wenn sie nur mit anderen mitgehen, sind sie hier. „Die Gemeinde ist Ort der heiligen Gegenwart Gottes“ (s. o.) – vielleicht erleben sie es. Der Rhythmus ist da. Vielleicht hören sie es – 1 Tim 3,16 investiert in den Klang. Vielleicht öffnet der Geist uns Augen und Ohren.
Schritte einer glaubenden Existenz
Das heißt gewiss nicht, dass der Weg zum göttlichen Geheimnis und zu dem aus diesem Geheimnis erwachsenden Geheimnis der Gottesfurcht „zu Ende gegangen ist“, die Stufen, die 1 Tim 3,16 aufzeigt, sind weiterzugehen. Mit kritischem Blick auf das Konzept einer mystischen Stufenfolge, nach dem das „Ziel“ schrittweise zu erreichen ist, ist zu betonen: Der Weg ins Geheimnis wird kein Step-by-Step sich vollziehender Aufstieg, als ob das Geheimnis nicht auch ein Geheimnis in meiner ganzen glaubenden Existenz bleiben wird.
Geoffenbart, gerechtfertigt, gesehen, verkündigt, geglaubt, aufgenommen – programmatisch und poetisch, zwar unverhandelbar eindeutig, aber doch nicht minder relevant, es heute offen zu sagen und den Inhalt zu preisen. Denn:
„Rechtskräftig“ kann die Ehe sein, aber auch die Scheidung.
Vielleicht war es nicht gut, dass er ihr es heute gesagt hat. Vielleicht muss er es morgen noch einmal versuchen.
Geliebt fühle ich mich nicht, trotz deiner Aussage. Versuche es noch einmal!
Gott hat sich offenbart? Das ist schwer zu glauben. Sagt es mit anderen Worten, mit mehr Worten oder vielleicht mit weniger. Braucht es mehr Poesie oder mehr Prosa? Ich brauche heute diese Worte, morgen aber andere.
Der Vers offenbart die komplexe Theo-logie des Autors in nuce. In nuce sind aber auch die eingewoben, die den Weg ins Geheimnis Gottes gehen wollen, aber zugleich spüren, dass der Weg noch nicht zu Ende ist: Es betrifft ihre ganze Existenz.
„Reicht“ uns dieser eine Vers, um alles zum Geheimnis Gottes zu sagen? Die Predigt kann das Anliegen des Verses bekräftigen und zugleich den Raum eröffnen, um zu beschreiben, wann oder warum es nicht ausreichen kann. Welche Worte bräuchten Sie?, ist dann zu fragen. Oder wir vermuten bei anderen, dass sie das Wort, in dieser sprachlichen Gestalt angeht – stärker noch als andere oder mich. Man will doch nachhaken: Sie dort, die Sie gerade bestätigend genickt haben, als ich laut und deutlich diesen Vers gelesen habe – Sie sind dem Geheimnis Gottes offenbar auf der Spur! Mit Blick auf mein Leben, meine Angst und meine Zweifel und mit Blick auf eine Welt, die viele erschreckende Rätsel aufgibt – darf ich Sie, heute, in diesem Gottesdienst, nach Ihrem Geheimnis in Bezug auf das Geheimnis Gottes fragen?
Uns bleibt nichts übrig, als uns anzunähern. 1 Tim 3,16 beschreitet einen möglichen Weg.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Ich muss noch einmal nachfragen, ob in diesem einen Vers tatsächlich alles enthalten ist, was wir für die Christnacht brauchen. Ich kann nicht noch einmal alles umwerfen und muss mit dem auskommen, was mir mit diesem Vers vorgelegt wird. Die Gemeinde hat schließlich einen Anspruch darauf, von nicht weniger als von Gottes Offenbarung zu hören! Also ganz konkret gefragt: Ist das uns offenbarte Geheimnis Gottes im Vers erwähnt? Ist es? Zum Glück! Wird die Christologie bedacht? Ich sehe schon: Sie ist krippenmäßig kompakt vorhanden! Wird der Geist erwähnt? Wunderbar, denn wenn wir den nicht hätten, bräuchten wir ja gar nicht erst anfangen! Eine letzte Frage, denn das ist schon wichtig für einige: Werden die Engel erwähnt, oder: Sind Engel anwesend? Ach, das ist ja herrlich! Dann kann die Christnacht ja kommen!
5. Anregungen
Kennen Sie Elfchen? Ein Elfchen ist ein 11-Wort, verteilt auf fünf Zeilen (Zeile 1: ein Wort; Zeile 2: zwei Worte; Zeile 3: drei Worte; Zeile 4: vier Worte; Zeile 5: ein Wort), das Ideen bündelt und poetisch sein kann. Inspiriert Sie unser Predigttext nicht auch zu poetischen Formen? Mich schon! Kann ein Elfchen gar ein Hymnus sein? Ein Statement in jedem Fall! In der Gemeinde werden sich bestimmt Poet:innen finden, darunter schon die Kleinsten (Elfchen werden ja bereits in der Grundschule eingeübt!). Ob poetische Formen dieser oder anderer Art vorbereitet werden im Blick auf die Christnacht oder im Gottesdienst selbst Wege gefunden werden – 1Tim 3,16 inspiriert doch geradezu zur theologischen, zur spirituellen Poesie!
Geglaubt
Geheimnis geteilt
Großer Gott grenzenlos
Gottes Geist gibt Geleit
Geliebt
Autoren
- Prof. Dr. Christina Hoegen-Rohls (Einführung und Exegese)
- Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500081
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