Epheser 3,14-21 | Exaudi | 01.06.2025
Einführung in den Epheserbrief
Die aktuellen Fragen, die in der Exegese des Epheserbriefs
1. Verfasser
In der Exegese herrscht große Einigkeit darüber, dass der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst wurde. Dagegen sprechen die von den authentischen Paulusbriefen abweichende eigene Sprachgestalt (z.B. die Vorliebe für überlange Sätze) sowie theologische Weiterentwicklungen, besonders in Christologie und Kosmologie (z.B. Christus, der das All zusammenfasst Eph 1,10
2. Adressaten
Der Eph ist nach 1,1
3. Entstehungsort
Was für die Adressaten gilt, gilt auch für den Entstehungsort des Schreibens. Das westliche Kleinasien ist ein Entwicklungszentrum des frühen Christentums, wie z.B. die in Offb 2f
4. Wichtige Themen
Theologie, Christologie, Kosmologie und Ekklesiologie sind wichtige Themen des Eph - und sie sind eng miteinander verbunden. Der Kosmos besteht aus zwei Räumen, Erde (4,9
Dies wird mit Hilfe verschiedener Bilder zum Ausdruck gebracht. Neben der Kirche als „Leib Christi“ wird sie auch als „Bauwerk“, in dem die Christen Wohnrecht haben, und als „Tempel“ bezeichnet (2,19-22
Deshalb ist die Ekklesiologie auch nicht, wie oft vertreten wurde, das eine, zentrale Thema des Eph. Ohne die Christologie (und die damit verbundenen soteriologischen Aussagen) wären die Aussagen über die Kirche ihrer Grundlage beraubt. Was in der Kirche erkannt, geglaubt und von ihr in die Welt getragen wird, ist nicht in erster Linie eine Lehre von der Kirche, sondern ein Bekenntnis zu Christus (vor allem 1,3-14
Der ganze zweite Hauptteil des Eph und damit die Hälfte des Schreibens befasst sich mit der Lebensführung der Adressaten. Das hat Auswirkungen auf das Verständnis der Ekklesiologie. Gerade weil die Kirche das Geheimnis Gottes als Grundlage (1,10
Dass alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, alle Menschen, alle Mächte und Gewalten, die von den Christen schon erkannte und geglaubte Erlösung in Christus ebenfalls erkennen und in das Gotteslob (1,3-14
5. Besonderheiten
Das Schreiben ist mit dem Kol eng verwandt, und zwar im Blick auf den Gesamtaufbau (Eph 1-3
Literatur:
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, KEK, Göttingen 2008.
- Lindemann, Andreas: Der Epheserbrief, ZBK NT 8, Zürich 1985.
- Gese, Michael: Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022.
A) Exegese kompakt: Epheser 3,14-21
Übersetzung
14 Deswegen beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem alle Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt ist,
16 dass er euch gebe – gemäß dem Reichtum seiner Herrlichkeit –
in Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist in dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne,
die ihr in Liebe verwurzelt und gegründet seid,
18 damit ihr imstande seid mit allen Heiligen zu erfassen,
was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe (ist)
19 und auch erkennen könnt die alle Erkenntnis übertreffende Liebe des Christus,
damit ihr erfüllt werdet auf alle Fülle Gottes hin.
20 Dem aber, der tun kann überschwänglich über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen,
gemäß der Kraft, die in uns wirkt,
21 ihm (sei) die Ehre in der Kirche und in Christus Jesus
für alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit (bis in alle Geschlechter des Äons der Äonen). Amen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 14f. Πατέρα … πᾶσα πατριά: Die Paronomasie bezieht jedes Geschlecht, jede Familie, Sippe o.ä. auf Gott, von dem her alles seinen Namen hat. Eph 4,6
V. 16 εἰς τὸν ἔσω ἄνθρωπον: Die Wendung geht auf Platon zurück (rep 589a) und bezeichnet dort die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Im Eph ist die Aussage vermutlich von 2Kor 4,6
V. 18 σὺν πᾶσιν τοῖς ἁγίοις: Die Heiligen werden hier bisweilen als Engel
V. 19: γνῶναί τε τὴν ὑπερβάλλουσαν τῆς γνώσεως ... πληρωθῆτε εἰς πᾶν τὸ πλήρωμα τοῦ θεοῦ … sind Beispiele für den überschwänglichen Stil des Eph. Dies trifft auch auf ὑπερεκπερισσοῦ V. 20 zu; περισσῶς (übermäßig) ist mit ὑπέρ und ἐκ doppelt gesteigert.
2. Literarische Gestaltung
Τούτου χάριν V. 14 nimmt 3,1
Es handelt sich wie in 1,3–14
Nach den Bitten schließt in V. 20f. ein Lobpreis Gottes an, der alle Zeiten und Geschlechter umfasst. Oft schließen Doxologien (wie auch hier) einen Text oder Textabschnitt ab. Sie weisen ein bestimmtes Schema auf: Zunächst wird der zu Lobende genannt (meistens Gott, erst spät auch Christus, vgl. 2Tim 4,18
3. Literarischer Kontext
Liebe ist im Eph Hauptwort und theologisches Zentrum (1,4.15
Bei der Viererkette Breite, Länge, Höhe und Tiefe ist nur die Breite mit einem Artikel versehen, außerdem fehlt eine direkte Bezugsgröße. Beides lässt auf eine formelhafte Wendung schließen. Direkte biblische Parallelen gibt es nicht; ähnliche Aussagen sind aber vorhanden. Nach Röm 8,39
4. Schwerpunkte der Interpretation
Von Gott ist in umfassendem Sinn die Rede. Er ist der Vater, der allem, was ist, einen Namen gegeben hat (V. 14), dem die ganze Fülle in allen denkbaren Dimensionen zukommt (V. 18f.), der in Christus überschwänglich gibt und die Glaubenden durch seinen Geist mit Kraft begabt (V. 16). Mit dem Begriff Pleroma greift der Verfasser auf 1,23
Die Liebe Christi und die Fülle Gottes zu erfassen und sich daran zu orientieren, ist Merkmal und zugleich weitergehende Aufgabe des glaubenden Menschen bzw., wie 3,16 metaphorisch formuliert, des „inwendigen Menschen“. Der Hinweis auf das Herz als Wesenszentrum zeigt, dass hier keine Unterscheidung von „innerem und äußerem“ Menschen intendiert ist; vielmehr geht es um den ganzen Menschen, der in Denken und Handeln von Christus und vom Glauben an ihn bestimmt ist (V. 17 κατοικῆσαι τὸν Χριστὸν διὰ τῆς πίστεως ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν). Die Begriffe des Erkennens (ἵνα ἐξισχύσητε καταλαβέσθαι, γνῶναί τε) werden dabei überboten von der Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft. Es ist eine glaubende Erkenntnis derer, in deren Herzen Christus „wohnt“.
Die Formulierung in V. 21 ist auffällig: Gelobt werden soll Gott „in der Kirche und in Christus Jesus“. Man kann darin eine Art Gleichberechtigung und in der Kirche dementsprechend eine heilsstiftende Größe sehen. Eine Reihe von Handschriften haben das offenbar kritisiert und die verbindende Konjunktion καὶ in V. 21 gestrichen; sie ist aber gut bezeugt und als lectio difficilior anzusehen. Gleiche Heilsbedeutung haben Kirche und Christus dennoch nicht; Christus ist ihr Eckstein
5. Theologische Perspektivierung
Der Abschnitt umfasst ein Bittgebet und eine Doxologie. Die Sprache des Eph ist insgesamt überschwänglich; im Bittgebet und der Doxologie hat eine solche Sprache aber ihren genuinen Ort. Es geht nicht um Definition, sondern um Wunsch, Bitte und Lob.
Eph 3,14–21 bildet zusammen mit 1,3–15.15–23
Von Gott wird in höchsten Tönen gesprochen: Er ist der Vater, reich an Herrlichkeit, unerreicht in jeder nur erdenklichen Dimension; überfließende Fülle ist sein Kennzeichen, und sie zeigt sich vor allem in der Liebe Christi. Die Fülle Gottes kann nur begreifen, wer die Liebe Christi erkennt und sich ihr öffnet.
So wie Gott ist, so möge er geben: Gemäß dem Reichtum seiner Herrlichkeit, in Fülle, überschwänglich und dabei die Zeiten übergreifend. Im Blick auf die Adressaten heißt das: Kraft und Stärke sollen ihren Glauben und ihr Handeln bestimmen, sie sollen die Herrlichkeit Gottes in all ihren Dimensionen erkennen und über alles Erkennen hinaus die Liebe Christi erfassen. Er möge ihre Herzen, ihre christliche Existenz, im Glauben und Handeln bestimmen. Der Verfasser lässt Paulus nicht für einzelne Glaubende bitten, auch nicht nur für die in Ephesus, sondern für sie in der Gemeinschaft aller Heiligen, d.h. aller derer, die auf Gott und Christus vertrauen. In der Gemeinschaft der Kirche werden die Herrlichkeit Gottes und die Liebe Christi schon wahrgenommen und bekannt. Indem der Apostel für die Glaubenden in der Kirche bittet, ist er ein Beispiel dafür, wie Christus die Kirche mit allem, was sie braucht, versorgt (4,11–14
Literatur
- Gese, Michael, Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022
- Lindemann, Andreas: Der Epheserbrief (ZBK.NT 8), Zürich 1985
- Pokorný, Petr: Der Brief des Paulus an die Epheser, ThHK 10/II, Leipzig 1992
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser (KEK), Göttingen 2008
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Homiletisch anregend ist die Verbindung von Tempel-, Natur- und Bau-Metaphorik, die es in der Predigt auszumalen lohnt, dass einerseits Christus in den Herzen „wohnt“, andererseits die Glaubenden in der Liebe (sc. Christi) „verwurzelt“ und „gegründet“ sind (vgl. Kol 2,7
2. Thematische Fokussierung
Die Liebe (3,17) bildet die theologische Mitte des Epheserbriefs (s.o.). Die Liebe Christi zu erkennen (3,19), lebt vom Verkündigen, Kennenlernen und Verinnerlichen dieser Liebesbotschaft, darf aber nicht zu einer intellektuellen Verengung des Glaubensverständnisses verleiten, weil die Liebe Christi alles Bitten und Verstehen übersteigt. Deshalb zielen die drei ἵνα-Sätze auf das Empfangen und Begreifen in einem umfassenden Sinn: existenziell auf die Stärkung des Glaubens durch den Heiligen Geist, kognitiv auf die Erkenntnis der Liebe Christi und ganzheitlich auf das Erfüllt-Werden von Gott.
Der Vaterbegriff wird positiv gebraucht, doch könnte er in der Predigtrezeption aufgrund einschlägiger Erfahrungen und öffentlicher Diskussionen auch negative Assoziationen wecken.
Der innere Mensch darf nicht in romantischer Tradition auf die Innerlichkeit reduziert werden, sondern benennt parallel zum Herzen das Zentrum der Person in ihrer Gottesbeziehung.
3. Theologische Aktualisierung
„Mit allen Heiligen“ (3,18; vgl. 1,1.15
4. Bezug zum Kirchenjahr
Gebet und Doxologie fügen sich mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern (5,19
5. Anregungen
Eine besondere Herausforderung des Predigttextes besteht im überlangen Satzbau, seiner überfrachteten Sprache, den verdichteten Aussagen. Diese Eigenart erklärt sich dadurch, dass im Epheserbrief ein Paulusschüler aus allen Schreiben des Apostels die Summe seiner Theologie „auf Kürzeste“ (3,3f.
Dies könnte in Gestalt einer Liedpredigt geschehen, die sich in mehrere Schritte gliedert. Sie könnte einsetzen mit dem Lobpreis der allumfassenden göttlichen Vaterschaft in Schöpfung und Erlösung, darin das Schöpferlob in aller kosmischen Weite konkretisieren, veranschaulichen und ausmalen, sich durch Ps 104
Ein zweiter Teil könnte die Theologie der Liebe im Epheserbrief nachzeichnen und besingen (z.B. EG 23,1+7; 325; 401; 409).
Ein dritter Teil könnte die Metaphorik aufgreifen in der Bitte um das Wohnungnehmen und Raumgeben, Wurzelschlagen und Früchtebringen. Die Bilder sind nicht statisch, sondern beschreiben einen dynamischen Prozess.
Das Wohnen ist ein Ausdruck, der aus der Jerusalemer Tempeltheologie stammt und Gottes Gegenwart im Tempel umschreibt (Jes 6,1–3
Der Glaube braucht Wurzeln, um wachsen und Frucht bringen zu können. Ps 1
„Gegründet“ ist der Glaube auf Christus als Fundament (1Kor 3,11
So könnte der Schlussteil die Bitten der drei ἵνα-Sätze aufnehmen um das Erkennen und Begreifen der Liebe Christi, um die Stärkung und Vergewisserung des Glaubens durch den Heiligen Geist, um das Erfüllt-Werden von Gott, das geistgewirkt und geisterfüllt seinerseits überfließt zum Lobpreis Gottes, sei es als Bitte: Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum (EG 503,13-15), sei es als Bekenntnis der Zuversicht: Die Kirche steht gegründet (EG 264,1-3).
Autoren
- Prof. Dr. Peter Müller (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Ulrich Heckel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500119
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