Deutsche Bibelgesellschaft

Jakobus 2,14-26 | 18. Sonntag nach Trinitatis | 19.10.2025

Einführung in den Jakobusbrief

Der Jakobusbrief hat in den letzten dreißig Jahren deutlich an Interesse bei der neutestamentlichen Exegese gewonnen. Eine Reihe hervorragender Kommentare und eine Flut von Monographien, Aufsätzen und Sammelbänden sind erschienen. Wesentliche Anregungen kamen aus der angloamerikanischen Exegese und der frühchristlichen Sozialgeschichte.

1. Verfasser

Der Jak gehört zu den sog. Katholischen (d.h. „allgemeinen“) Briefen. Das Präskript – es gleicht nicht demjenigen der Paulusbriefe, sondern wählt die griechische eingliedrige Form – nennt Ἰάκωβος θεοῦ καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ δοῦλος (Jak 1,1) als Verfasser des Schreibens. Gegenwärtig werden folgende Positionen vertreten:

  1. Der Herrenbruder Jakobus ist der Verfasser. In diesem Fall wäre Jak gleichzeitig mit den Paulusbriefen entstanden.
  2. Ein unbekannter Verfasser hat die Autorität des gleichnamigen Herrenbruders in Anspruch genommen – in diesem Fall wäre der Jak ein pseudepigraphes Schreiben, das den Herrenbruder als theologische Referenzfigur (role model) verwendet.
  3. Es handelt sich um einen frühchristlichen Verfasser der 3. Generation mit dem sehr verbreiteten Namen Jakobus (Rainer Metzner).

Ad (1): Gegen die Autorschaft des Herrenbruders sprechen folgende Punkte: Das hohe Sprachniveau deutet auf einen Verfasser, der Griechisch muttersprachlich beherrscht und in der hellenistischen Kultur beheimatet ist. Zudem finden sich weder Merkmale eines Augenzeugenberichts noch eine ausgeprägte Erwähnung der Person Jesu im Jak. Auch eine unmittelbare Auseinandersetzung mit paulinischer Theologie ist nicht festzustellen. Der Brief ist erst bei Origenes belegt. Die altkirchliche Tradition ist in Bezug auf die orthonyme (historische) Verfasserschaft sehr unsicher.

Ad (2) und (3): Ob es sich um ein pseudonymes oder ein orthonymes Schreiben handelt, ist gegenwärtig offen. Der Verfasser verstand sich auf jeden Fall als christlicher Lehrer (Jak 3,1) und empfand sich als autorisiert, ein paränetisches Rundschreiben zu veröffentlichen. Seine literarischen Fähigkeiten sind weit überdurchschnittlich (gegen Martin Dibelius: D. hält den Verfasser für unbedeutend. Vf. hat aber einen eigenen literarischen und theologisch-ethischen Anspruch). Für die Predigt gilt daher: es ist am besten, von „Jakobus“ zu sprechen, ohne die Problematik der Verfasserschaft zu diskutieren. Diese lässt sich in einer Predigt nicht darstellen und ändert auch nichts am Inhalt des Textes, der weisheitlich ist.

2. Adressaten

Jak 1,1 ist an folgende Adresse gerichtet: ταῖς δώδεκα φυλαῖς ταῖς ἐν τῇ διασπορᾷ χαίρειν. Die Mehrheit der Exegeten geht von einer metaphorischen Verwendung der Adresse aus: die christlichen Adressaten werden als neues bzw. ideales Israel angesprochen. Eine qualifizierte Minderheit liest die Adresse im Wortsinn und denkt an eine diasporajüdische oder ebionitische (judenchristliche, Dale C. Allison) Adressatenschaft. Gegen Letzteres spricht: die Bezeichnung Israels als des „Zwölfstämmevolkes“ ist in neutestamentlicher Zeit nur mehr eine ideelle Größe. Weder Israel noch spezifische jüdische Themen und Wendungen spielen im Jak eine Rolle. Wichtig sind folgende Beobachtungen:

  1. Der literarische Anspruch des Jak lässt darauf schließen, dass der Verfasser einen Leserkreis durchaus gehobener Bildung vor Augen hat.
  2. Der Verfasser warnt vor Spannungen und Streit in den Gemeinden.
  3. Er warnt ebenso vor einer Einflussnahme der sozial Hochgestellten und „Reichen“.

Punkt 1. bis 3. deuten darauf hin, dass die christlichen Gemeinden, an die sich der Verfasser wendet, bereits eine gewisse soziale und kulturelle Entwicklung und Ausdifferenzierung durchlaufen haben und Kaufleute und Grundbesitzer in ihren Reihen haben (grundsätzlich anders Martin Dibelius: Adressaten sind einfache Leute).

3. Entstehungsort

Es können nur Spekulationen angestellt werden, plausibel ist eine Metropole des östlichen Mittelmeerraums. Jak wendet sich an ein städtisches Milieu. Schließt man den Herrenbruder als Verfasser aus (wie es die deutschsprachige Exegese mehrheitlich vorschlägt), ermöglicht dies eine Spätdatierung des Textes. Einen Anhaltspunkt für die Entstehungszeit bietet der Judasbrief , der sich auf Jak bezieht (vgl. Jud 1). Eine gewisse Nähe zum 1. Petrusbrief  besteht ebenfalls. Beide Schriften präsentieren sich als Zeugnisse der dritten urchristlichen Generation, so dass auch der Jakobusbrief gegen Ende des 1. Jhs. n. Chr. entstanden sein dürfte.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind:

  1. die Frage einer antipaulinischen Theologie in Kap. 2,
  2. die sozialgeschichtliche und ethische Einordnung des Briefes,
  3. die Theologie (und stark reduzierte Christologie), speziell die Weisheitstheologie,
  4. die Eschatologie,
  5. der Schriftgebrauch und möglicherweise der Rekurs auf die synoptische Tradition.

Frage 1. und 3. sind in besonderer Weise kontrovers. Jak 2 lässt sich als qualifizierte kritische Auseinandersetzung mit der paulinischen Rechtfertigungslehre (oder einer populären oder auch missverstandenen Version dieser Lehre) verstehen (so schon Luther). Die new perspective on James (K.-W. Niebuhr) liest Jak dagegen als eigenen Beitrag zu einer frühchristlichen Weisheitstheologie und Ethik ohne Bezug auf Paulus („Befreiung“ des Jak von Paulus und Luther). Diese Frage ist offen.

(2) Auch die sozialgeschichtliche Einordnung führt zu unterschiedlichen Ergebnissen: entweder werden „die Reichen“ als Teil der wachsenden christlichen Gemeinden interpretiert oder als außergemeindliche Gegner, vor deren negativem Beispiel der Verfasser die Gemeinden warnt. Die Ethik ist eine Vollkommenheits- und Tun-Ethik.

(4) Die Eschatologie gehört wesentlich zur Theologie und Ethik des Jak. Der Verfasser warnt vor dem Endgericht und benutzt durchweg prophetische Gerichtssprache in der ethischen Paränese.

(5) Die „Schrift“ in Gestalt der Septuaginta ist sachlich und sprachlich die Grundlage des Jak. Explizite Hinweise auf Herrenworte (so bei Paulus) fehlen. Wieweit die synoptische Tradition ebenfalls Basis der Ethik des Jak ist, bleibt umstritten. Deutlich sind dagegen die vielen Bezüge auf die frühjüdische und frühchristliche ethische Motivik (Dibelius).

5. Besonderheiten

Jak hat ein verhältnismäßig hohes sprachliches und formales Niveau. Neue Untersuchungen betonen besonders die formale Qualität des Schreibens, den pädagogisch-erzieherischen Ton des Briefes und die kulturelle Kompetenz des Verfassers. Jak wird im Gegensatz zu der Einschätzung durch Martin Dibelius (Traditionssammlung, niedriges Eigenprofil des Verfassers, „Kleine-Leute-Literatur“) als eigenständiger literarischer Text von einem beachtlichen Anspruch wahrgenommen. Die allgemeine Briefadresse und die literarische Qualität weisen darauf, dass hier weniger ein situatives Schreiben vorliegt als vielmehr der Versuch, eine lehrhafte briefliche Kurzliteratur für einen weiteren christlichen Leserkreis zu entwickeln. Auf jeden Fall handelt es sich nicht um direkte briefliche Kommunikation mit bestimmten Gemeinden (so Paulus), sondern eher um Leseliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Martin Dibelius, Der Brief des Jakobus, 11. Auflage herausgegeben und ergänzt von Heinrich Greeven, Göttingen 1984.
  • Aktueller Kommentar: Rainer Metzner, Der Brief des Jakobus (ThHKNT 14), Leipzig 2017 (dort ausführliche Literatur und thematische Exkurse).
  • Angelsächsische Literatur: Karl-Wilhelm Niebuhr, »A New Perspective on James?« Neuere Forschungen zum Jakobusbrief, in: ThLZ129, 2004, 1019-1044.

A) Exegese kompakt: Jakobus 2,14-26

Die christusgläubige Gemeinde und die Gemeindeglieder werden zu praktischen Liebestaten aufgefordert. Jak weist unerbittlich darauf hin, dass der Glaube per se eine praktische Seite hat. Das kommt der gegenwärtig stark ethischen Tendenz der ev. Kirche – siehe Migrationsfrage – grundsätzlich entgegen. Dabei sollte aber der Glaubensaspekt, der für Jak ebenso wichtig ist, nicht in den Hintergrund treten.

14Τί τὸ ὄφελος, ἀδελφοί μου, ἐὰν πίστιν λέγῃ τις ἔχειν, ἔργα δὲ μὴ ἔχῃ; μὴ δύναται ἡ πίστις σῶσαι αὐτόν; 15ἐὰν ἀδελφὸς ἢ ἀδελφὴ γυμνοὶ ὑπάρχωσιν καὶ λειπόμενοι ὦσιν τῆς ἐφημέρου τροφῆς, 16εἴπῃ δέ τις αὐτοῖς ἐξ ὑμῶν· ὑπάγετε ἐν εἰρήνῃ, θερμαίνεσθε καὶ χορτάζεσθε, μὴ δῶτε δὲ αὐτοῖς τὰ ἐπιτήδεια τοῦ σώματος, τί τὸ ὄφελος; 17οὕτως καὶ ἡ πίστις, ἐὰν μὴ ἔχῃ ἔργα, νεκρά ἐστιν καθ’ ἑαυτήν.

18Ἀλλ’ ἐρεῖ τις· σὺ πίστιν ἔχεις, κἀγὼ ἔργα ἔχω. δεῖξόν μοι τὴν πίστιν σου χωρὶς τῶν ἔργων, κἀγώ σοι δείξω ἐκ τῶν ἔργων μου τὴν πίστιν. 19σὺ πιστεύεις ὅτι εἷς ἐστιν ὁ θεός, καλῶς ποιεῖς· καὶ τὰ δαιμόνια πιστεύουσιν καὶ φρίσσουσιν.

20Θέλεις δὲ γνῶναι, ὦ ἄνθρωπε κενέ, ὅτι ἡ πίστις χωρὶς τῶν ἔργων ἀργή ἐστιν; 21Ἀβραὰμ ὁ πατὴρ ἡμῶν οὐκ ἐξ ἔργων ἐδικαιώθη ἀνενέγκας Ἰσαὰκ τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐπὶ τὸ θυσιαστήριον; 22βλέπεις ὅτι ἡ πίστις συνήργει τοῖς ἔργοις αὐτοῦ καὶ ἐκ τῶν ἔργων ἡ πίστις ἐτελειώθη, 23καὶ ἐπληρώθη ἡ γραφὴ ἡ λέγουσα· ἐπίστευσεν δὲ Ἀβραὰμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην καὶ φίλος θεοῦ ἐκλήθη. 24ὁρᾶτε ὅτι ἐξ ἔργων δικαιοῦται ἄνθρωπος καὶ οὐκ ἐκ πίστεως μόνον. 25ὁμοίως δὲ καὶ Ῥαὰβ ἡ πόρνη οὐκ ἐξ ἔργων ἐδικαιώθη ὑποδεξαμένη τοὺς ἀγγέλους καὶ ἑτέρᾳ ὁδῷ ἐκβαλοῦσα; 26ὥσπερ γὰρ τὸ σῶμα χωρὶς πνεύματος νεκρόν ἐστιν, οὕτως καὶ ἡ πίστις χωρὶς ἔργων νεκρά ἐστιν.

Jakobus 2,14-26NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

(14) Was wäre der Nutzen, meine Brüder, wenn jemand sagte, er habe Glauben, Taten aber nicht hat? Kann ihn etwa der Glaube retten? (15) Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt wäre und die tägliche Nahrung nicht hätte, (16) jemand von euch aber zu ihnen sagte: „Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch“, ihr ihnen aber gleichzeitig nicht die notwendigen Lebensbedürfnisse zur Verfügung stelltet, was würde das nützen (17) So ist auch der Glaube, wenn er nicht Taten hat, tot in sich selbst. (18) Aber es könnte jemand sagen: „Du hast Glauben, und ich habe Taten“. Zeige mir deinen Glauben ohne die Taten, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Taten zeigen. (19) Du glaubst, dass Gott Einer ist – gut tust du daran; auch die Dämonen glauben das und schaudern. (20) Willst du aber erkennen, o unvernünftiger Mensch, dass der Glaube ohne die Taten nutzlos ist? (21) Abraham unser Vater – wurde er nicht aus Taten gerechtgesprochen, als er seinen Sohn Isaak auf den Altar legte? (22) Du siehst, dass der Glaube mit seinen Taten zusammengewirkt hat und sein Glaube aus den Taten vollkommen geworden ist (23) und erfüllt ist die Schrift, die sagt: ‚Es glaubte aber Abraham Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‘, und ‚Freund Gottes‘ wurde er genannt. (24) Ihr seht, dass aus Taten der Mensch gerecht wird und nicht aus Glauben allein. (25) Wurde aber nicht auch ebenso Rahab, die Hure, aus Taten gerechtfertigt, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem anderen Weg herausließ? (26) Wie nämlich der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Taten tot.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

ἔργα: besser „Taten“ statt „Werke“, damit wir eine vorschnelle Verbindung zu der Frage „Werkgerechtigkeit“ bei Luther vermeiden, die „Jakobus“ nicht kannte.

V.18: Hier ist die Textlogik schwierig. Wer sagt was? Ich füge die Erklärung aus meinem Kommentar bei (240): „Die Logik des Textes lässt sich zusammenfassend wie folgt explizieren: Der Verfasser konstruiert in V. 18a.b im Diatribenstil den Satz eines Interlokutors, der zwei Positionen vorstellt und damit dasjenige auseinandernimmt, das nach Jakobus nicht auseinandergenommen werden kann: „Du hast Glauben, und ich habe Taten“. In V. 18b.a nimmt der Verfasser argumentativ auf diesen Satz Bezug und sagt herausfordernd zu dem Interlokutor: „Zeige mir doch diesen Glauben ohne Taten“, wobei er innerlich hinzufügt: „Das kannst du nicht, denn den gibt es nicht!“ Der Verfasser fährt fort: „Ich (dagegen) werde dir meinen Glauben aus den Taten zeigen“ und fügt innerlich gleichsam trotzig hinzu: „Das kann ich, den gibt es nämlich, und diese Position ist richtig.“

2. Literarische Gestaltung

Der Predigttext ist der zweite Teil des zentralen Arguments in Jak, das sich in Kap. 2 findet: Es geht um das angemessene Verständnis des Glaubens (πίστις). Seine These heißt: Glaube ohne Taten ist tot (V. 17.20.26). Um die These zu beweisen, konstruiert Jakobus drei Fälle: erstens falsches Verhalten im Gottesdienst (2,1–7) mit ethischer Auswertung in V.8–13, zweitens falsches privates Verhalten (2,14–17), drittens eine falsche theologisch-ethische Aussage in V. 18a mit einer Korrektur in V.18b.19. In V. 20–26 gibt der Vf. ein theologisches statement zum Thema „Glaube“ und belegt dies durch zwei Beispiele aus der Schrift: Abraham und die Akadah sowie Rahab.

Der Vf. benutzt verschiedenste Stilmittel. Die Beispiele sind lebhaft, wenn auch z.T. übertrieben. Der kleine Dialog zwischen einem Interlokutor (jemand, der einen Einwurf macht) und dem Vf. in V. 18f. sowie die direkte Ansprache an einen fiktiven Hörer/Leser in V. 20 (Diatribe, lebhaftes Lehrgespräch, dass einen abstrakten Inhalt verständlich darstellt), dient der Belebung der Argumentation, ebenso sind die Beispiele, besonders die berühmte „Opferung Isaaks“, sprechend. (Der Text liest sich sehr gut vor: Er ist zum Hören bestimmt).

3. Kontext und historische Einordnung

Jak 2 ist einer der wichtigen „Glaubenstexte“ im NT. Der Text ist aus einer polemischen Position heraus verfasst. Der Vf. formuliert seine Ablehnung des paulinischen Glaubensverständnisses (Röm 3,28 und Röm 4) in polemischer Schärfe, ohne Paulus zu nennen. Vf. setzt sich nicht mit der exegetischen Beweisführung in Röm 4 auseinander, in der Paulus Gen 15,6 auf Abrahams Glauben an die Verheißung bezieht, d.h. auf eine Haltung des Vertrauens. Vielmehr bezieht Vf. den umstrittenen Vers Gen 15,6 (und damit den Glauben) auf die Opferung Isaaks, d.h. auf eine Tat des Gehorsams. Ob der Vf. die Paulusbriefe kannte, muss daher grundsätzlich offenbleiben. Allerdings ist kaum vorstellbar, dass der Vf. seinen eigenen Abrahamtext und besonders 2,24 ohne Rekurs auf Röm 4 formuliert hätte. Dass der Vf. die Verbindung von „Glaube – Taten – Abraham – Gen 15,16“ ohne Paulus zum zweiten Mal erfunden hätte, ist sehr unwahrscheinlich. Jak 2,20-26 lässt sich am ehesten als die polemische Formulierung einer „jakobäischen“, antipaulinischen Position in der christusgläubigen ethnisch jüdischen Gemeinde in Jerusalem um die Jahrhundertwende verstehen, die sich unter sehr starkem Druck von Seiten der (ebenfalls unter Druck stehenden) Juden befand und ihre Distanz zu dem florierenden „Heidenchristentum“ paulinischer Prägung ausdrücken wollte.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Jak 2 reagiert auf eine Minderheitssituation der Christusgläubigen in Jerusalem nach dem 1. Jüdischen Krieg. Die Nähe zum Mainstreamjudentum wird deutlich gesucht, die Christologie ist minimiert (nur 1,1; 2,1), die Schriftbezüge sind sehr deutlich, der Dekalog ist eine zentrale Größe (2,8-11). Vf. hält die Taten der Barmherzigkeit (2,13) für theologisch zentral.

5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

Der Text ist leider aufgespalten. Eigentlich müsste Kap. 2 ganz behandelt werden, denn gerade das 1. Beispiel (2,1–7) ist besonders geeignet, die ethische Verantwortung der Gemeinde zu illustrieren. 2,14–26 verbinden das zweite – etwas übertriebene – Beispiel mit einer diatribischen Argumentation, die auf den unauflöslichen Zusammenhang von Glaube und Taten drängt. Damit ist der Vf. sachlich aber nicht weit von Paulus entfernt: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist (πίστις δι’ ἀγάπης ἐνεργουμένη: „tätig sein“ statt: „Werke“)“ (Gal 5,6). Es ist daher wenig sinnvoll, von Jak 2 aus „gegen Paulus“ (Glaube) und „für Jakobus“ (Taten), zu predigen, besonders da gegenwärtig überall zum „Handeln“ aufgerufen wird. Sinnvoller und textgemäßer ist es, über den möglichen Zusammenklang von Glauben und Taten bzw. Barmherzigkeit bzw. Liebe nachzudenken.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Man tut gut daran, diesen Text für sich zu nehmen, ohne mit einer ‚paulinischen‘ oder gleich ‚lutherischen‘ Brille auf ihn zu blicken. Das fällt nicht leicht, wenn man bedenkt, dass Martin Luther den Jakobusbrief zwar in seinem „Septembertestament“ von 1522 im Kanon behielt, aber fast ganz an das Ende der neutestamentlichen Schriften schob, kurz vor die Offenbarung. Das lag auch am vorliegenden Textabschnitt und seinem Verständnis von „Glauben“ und „Werken“. Ein erster Schritt zum Ablegen der Vorurteilsbrille ist das ‚wording‘: „Taten“ klingt schon anders als „Werke“, gerade für Ohren, die durch viele Reformationsfestpredigten werkgerechtigkeitsabweisend imprägniert sind.

Die Abwertung des Jak als „stroherne Epistel“ ist im Übrigen auch nicht Luthers einziges oder gar letztes Wort, denn der Reformator konnte, gerade in Bezug auf die vorliegende Stelle, das Glaubensverständnis des Jak sehr positiv aufgreifen, weil „der Glaube, durch den der Mensch bei Gott gerechtfertigt wird, am Zeugnis der Werke erkannt wird“ (so 1520, zitiert bei Niebuhr 2022, 35). Luther erkennt und thematisiert die von der Exegese herausgestellte Polemik des Jak gegen Röm 4 v.a. in der Abrahamspassage Jak 2,21-24, sieht diese aber durch die VV. 15–17 schon aufgelöst, „wonach der Glaube sich durch gute Werke gegenüber bedürftigen Brüdern und Schwestern erweisen müsse“ (Niebuhr, ebd.).

Mit dem Satz Glaube ohne Taten ist tot lässt es sich eigentlich gut leben und ebenso mit dem rhetorisch geschickten Stilmittel des eingeschobenen Dialogs und der Ansprache an den fiktiven Hörer oder die fiktive Leserin V.18–20 (erfrischend direkt die Übersetzung V.20 in der Basis Bibel: „Du Dummkopf!“). Wären da nicht die beiden Beispiele aus der Erzähltradition der hebräischen Bibel, mit denen Jak seine Argumentation konkretisiert und die doch einigermaßen irritieren…

2. Thematische Fokussierung

Jak wählt gerade zwei Erzählungen aus, die heutigen Hörer:innen schwer im Magen liegen: die Opferung Isaaks, die hier als Tat gelobt, nicht als frommer Glaubensgehorsam gewertet wird, und die Erzählung von Jesu Stammmutter Rahab, die hier mir nichts, dir nichts als πόρνη eingeführt wird, in einer Tradition des ‚male gaze‘, des sexualisierenden Blicks auf Frauen, die nicht den Rollenerwartungen entsprechen (dazu mehr bei Claußen / Roser 2025, 196–199). Die Rahab-Perikope ist der Predigttext des vorigen, 17. Sonntags nach Trinitatis, dürfte bei regelmäßigen Gottesdienstgängern also noch nachklingen.

Die Exegese fördert mein Verständnis dieser problematischen Beispiele durch den Hinweis auf die historische Situation des Textes, die die einer Minderheit von Christusgläubigen ist. Nach dem Jüdischen Krieg und nach der endgültigen Zerstörung des Tempels in Jerusalem ist die Schrift der einzige „Ort“, um den Gottesglauben in Übereinstimmung mit der eigenen Geschichte zu leben und sich der eigenen Identität zu vergewissern. Neben dem Dekalog als „zentraler Größe“ (s.o. Teil A) gehören offenbar auch bestimmte Erzählungen zu denjenigen, mit denen die Leserinnen und Hörer sofort etwas anzufangen wissen. In einer Bedrängungssituation und angesichts der Kriegstraumata sind es möglicherweise gerade die gewaltsam anmutenden Narrative von Abraham, der seinen Sohn für einen allgemein als ‚gut‘ qualifizierten Zweck zu opfern bereit ist (wer denkt da nicht an die vielen jungen Soldat:innen der Gegenwart!) und der Eroberung Jerichos mithilfe einer Prostituierten, die Mut machten und an der Lebenswelt andocken konnten. Glaubenserfüllte Taten gibt es in Zeiten der Bedrängnis in überraschenden Gewändern und aus verqueren Ecken. Ob dies allerdings in der Predigt der Schwerpunkt sein sollte, sei einmal dahingestellt.

3. Theologische Aktualisierung

Das theologische Herz des Textes ist der „Zusammenklang von Glauben und Taten bzw. Barmherzigkeit bzw. Liebe“, mit dem Teil A schließt. Die Predigt tut gut daran, hier anzusetzen und weder dem Impuls nachzugeben, Jak gegen Paulus oder Rechtfertigungslehre auszuspielen noch sich intensiver auf die Abrahams- und Rahab-Hinweise einzulassen. Die Predigtperikope kann als ein Grundtext diakonischer Theologie verstanden werden, die hier – anders als bei Paul Philippi – nicht christozentrisch argumentiert, sondern weisheitlich.

Es liegt vielleicht an der Geringschätzung des Jak in protestantischer Tradition, dass Jak 2, insb. V.15–17 nicht zu den Hauptzeugen der Diakonie aus der Schrift gezählt wird. So fehlt er beispielsweise im Beitrag von Ulrich Luz zu biblischen Grundlagen der Diakonie im Diakonischen Kompendium (2005) ebenso wie in der Diakonie-Denkschrift der EKD (1998) und findet sich bei Philippi (1963) lediglich in einer Randbemerkung. Das ist in gewisser Weise einleuchtend, denn es ist keine ‚hohe‘ theologische Argumentation für die gute Tat, sondern eine auch schlichten Gemütern einleuchtende, selbst wenn ihr im Leben allzu oft zuwidergehandelt wird.

Es geht nicht um abstrakt bleibende „Werke“ für den Erwerb der Gerechtigkeit, sondern um alltägliches und v.a. alltäglich notwendiges (!) Sorgehandeln: Versorgen der Armen mit dem für die Existenz Notwendigen, mit Kleidung, Nahrung und Obdach (Wärme). In der Gemeinde des Jak war das offenbar ein Thema, denn es gab – bei aller Bedrängnis – wohlhabende Kaufleute und Grundbesitzer, die nichts mit den sozial Benachteiligten zu tun haben wollten. Sie versucht der Autor argumentativ, man könnte auch sagen mit gesundem Menschenverstand (das bezweckt ja die Anrede „Dummkopf!“ V. 20) davon zu überzeugen, dass Glaube, der sich nicht im Handeln zeigt, toter, nutzloser und letztlich heilloser Glaube ist.

Auch wenn es für das Handeln nach Barmherzigkeit keine theologischen Klimmzüge braucht, ist lange noch nicht gesagt, dass gute Taten unter Christen und Christinnen auch selbstverständlich sind. Das ist weder in der Zeit des Textes noch in der Gegenwart so. Der Prosperity Gospel, der nicht wenig am allgegenwärtigen Aufstieg des Trumpismus in den USA und anderen Ländern beteiligt ist, kommt ganz gut ohne Barmherzigkeit gegenüber Marginalisierten und Hilfebedürftigen aus und schert sich wenig um christliche Soziallehre. Der Jak – wie auch das Evangelium des Sonntag aus Mk 10,17-27 – widerspricht einer falsch verstandenen Gottesbeziehung, die sich nicht unmittelbar in Sorgebeziehungen zu verletzlichem Leben äußert.

Hier kann der Akzent der Predigt liegen: Mit der Sozialethikerin Hille Haker ließe sich der Text Care-ethisch deuten, denn er versteht Sorge durchaus als anthropologische Konstante, bei der Sorgebeziehungen und Verletzlichkeit zusammen gedacht werden: „Als normativer Grund der Sorge wird jedoch nicht die Verletzlichkeit als solche, sondern die verletzliche Freiheit betont, die im moralischen Handeln Anerkennung und Verantwortung zusammenführen muss. Im Hinblick auf die sozialethischen Dimensionen wird eine Solidaritäts- und Gerechtigkeitsethik anvisiert“ (Haker 2025, 137). Das Handeln aus Barmherzigkeit im Jak (vgl. V. 1–9) ist nicht ein Almosen, sondern entspricht einer Achtung und Anerkennung des verletzlichen Gegenübers und damit einem Grundwert des Glaubens, der würdebasierten und tatkräftigen Nächstenliebe.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Am 18. Sonntag n. Trin. ist darauf zu achten, dass es bei den biblischen Texten und dem Profil des Sonntags insgesamt, dem Zusammenhang von Glauben und Taten, nicht nur um Individualethik geht, sondern um ein Handeln (in) der Gemeinschaft: Diakonie und Sorgearbeit sind ein Thema des Sozialen. Jak wendet sich in erster Linie an die Gemeinde und darin an die Einzelnen. Ein solcher Glaube kann die Welt verändern! Hille Haker zitiert die Care-Ethikerin Joan C. Tronto: „care offers us a powerful way […] to undo current moral boundaries, and to allow us to move towards a more just and caring humane society” (Haker 2025, 134).

Man tut gut daran, den Predigttext ohne die ‚paulinische‘ oder ‚lutherische‘ Brille ernst zu nehmen. Er erweist sich m.E. als veritabler Grundlagentext diakonischen Handelns aus Glauben. Welche belebende Wirkung der Text dann entfaltet, lässt sich am 1. Chor in der Bach-Kantate BWV 147 nachvollziehen, deren Titel auch Namensgeber der Diakonie-Denkschrift der EKD war: „Herz und Mund und Tat und Leben“. Darin heißt es „Herz und Mund und Tat und Leben / Muss von Christo Zeugnis geben / Ohne Furcht und Heuchelei, / Dass er Gott und Heiland sei.“

5. Anregungen

Um die Imprägnierung durch Rechtfertigungstheologie bei den Gottesdienstfeiernden zu umgehen, empfiehlt es sich, der Lesung des Bibeltextes die V. 15–16 voranzustellen. Diese selbsterklärende Lebensweisheit sollte ruhig für einen Moment für sich selbst stehen dürfen, bevor sie dann im Zusammenhang von V. 14 und den Folgeversen kontextualisiert wird. Damit wäre der inhaltliche Schwerpunkt in der Anschaulichkeit des Textes gesetzt.

Wer dem Diakonie-Thema folgen möchte, kann zum Gottesdienst gezielt Menschen aus diakonischen Einrichtungen einladen, für deren Dienst im liturgischen Teil gebetet und die für ihr tatkräftiges Glaubenszeugnis einen speziellen, vielleicht sogar individuellen Segen erhalten könnten. Es wäre sicher im Sinne der Intention des Jak, sich bei einem Kirchencafé stärken zu lassen.

Literatur

  • Coenen-Marx, Cornelia: Die Seele des Sozialen. Diakonische Energien für den Sozialen Zusammenhalt, Neukirchener Theologie,  Neukirchen-Vluyn 2013
  • Claußen, Carsten /  Roser:, Traugott: Schwester Courage zwischen den Fronten. Josua 2,1-21, in: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2024/25, 2. Halbband, Freiburg 2024, 192–199.
  • Haker, Hille: Sorgebeziehungen und verletzliche Freiheit, in: Monika Bobbert und Marianne Heimbach-Steins (Hg.), Sorge – Care. Anthropologische Zugänge – ethische Konzepte – Gesellschaftliche Praxen, Paderborn 2025, 137–159
  • Luz, Ulrich: Biblische Grundlagen der Diakonie, in: Günter Ruddat / Gerhard K. Schäfer (Hg.) Diakonisches Kompendium, Göttingen 2005, 17–35.
  • Niebuhr, Karl-Wihelm: Luther und der Jakobusbrief. Zur Diskussion um die „stroherne Epistel“ im frühen 16. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Neues Testament 25/50 (2022), 27-50, DOI 10.24053/ZNT-2022-0010
  • Philippi, Paul: Christozentrische Diakonie. Ein theologischer Entwurf, Stuttgart 1963.

Autoren

  • Prof. Dr. Dr. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)

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