Lutherbibel 1984 (LU84)
9

Gottes Weg mit Israel

(Kapitel 9,1–11,36)

Israels Gotteskindschaft

91Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3Ich selber

9,3
2. Mose 32,32
wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4die Israeliten sind, denen die
9,4
2. Mose 4,22
5. Mose 7,6
Kindschaft gehört und die
9,4
2. Mose 40,34
Herrlichkeit und die
9,4
1. Mose 17,7
Bundesschlüsse und das
9,4
2. Mose 20,1-17
Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5denen auch die Väter gehören und aus denen
9,5
Kap
Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Die Kinder der Verheißung als das wahre Israel

6Aber ich sage damit nicht, dass

9,6
4. Mose 23,19
Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn
9,6
Kap
nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; 7auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur »was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden« (1. Mose 21,12), 8das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der
9,8
Gal 4,23
Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt. 9Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht (1. Mose 18,10): »Um diese Zeit will ich kommen und Sara soll einen Sohn haben.«

10Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde. 11Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, damit der Ratschluss Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl – 12nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenden –, zu ihr gesagt: »Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren« (1. Mose 25,23), 13wie geschrieben steht (Mal 1,2-3): »Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.«

Gottes freie Gnadenwahl

14Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

9,16
Eph 2,8
17Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18So erbarmt er sich nun, wessen er will, und
9,18
2. Mose 4,21
1. Petr 2,8
verstockt, wen er will.

19Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?

9,20
Jes 45,9
Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
9,21
Jer 18,4-6
22Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er
9,22
Kap
mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns,
9,22
Spr 16,4
die zum Verderben bestimmt waren, 23damit er
9,23
Eph 1,3-12
den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit,
9,23
Kap
die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.

24Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. 25Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hos 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« 26»Und es soll geschehen: Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: ›Ihr seid nicht mein Volk‹, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.« 27Jesaja aber ruft aus über Israel (Jes 10,22-23): »Wenn die Zahl der Israeliten wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur ein

9,27
Kap
Rest gerettet werden; 28denn der Herr wird sein Wort, indem er vollendet und scheidet, ausrichten auf Erden.« 29Und wie Jesaja vorausgesagt hat (Jes 1,9): »Wenn uns nicht der Herr Zebaoth Nachkommen übrig gelassen hätte, so wären wir wie Sodom geworden und wie Gomorra.«

Gesetzesgerechtigkeit und Glaubensgerechtigkeit

30Was sollen wir nun hierzu sagen? Das wollen wir sagen:

9,30
Kap
Die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit trachteten, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich rede aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht.
9,31
Kap
32Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem
9,32
Mt 21,4244
1. Petr 2,8
Stein des Anstoßes, 33wie geschrieben steht (Jes 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

10

101Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3Denn sie erkennen die

10,3
Kap
Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4Denn
10,4
Mt 5,17
Hebr 8,13
Christus ist des Gesetzes Ende;
10,4
Joh 3,18
Gal 3,24-25
wer an den glaubt, der ist gerecht.

5Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben.« 6Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen –, 7oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen –, 8sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

9Denn wenn du mit deinem Munde

10,9
Mt 10,32
2. Kor 4,5
bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11Denn die Schrift spricht (Jes 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12Es ist hier
10,12
Apg 10,34-35
15,9
kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).

Israel hat keine Entschuldigung

14Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jes 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« 17So

10,17
Joh 17,20
kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

18Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch,

10,18
Kap
es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt« (Ps 19,5). 19Ich frage aber: Hat es Israel nicht verstanden? Als Erster spricht Mose (5. Mose 32,21): »Ich will euch eifersüchtig machen auf ein Nicht-Volk; und über ein unverständiges Volk will ich euch zornig machen.« 20Jesaja aber wagt zu sagen (Jes 65,1): »Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, und erschien denen, die nicht nach mir fragten.«
10,20
Kap
21Zu Israel aber spricht er (Jes 65,2): »Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

11

Nicht ganz Israel ist verstockt

111So frage ich nun:

11,1
Ps 94,14
Jer 31,37
Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn
11,1
Phil 3,5
ich bin auch ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er vor Gott tritt gegen Israel und spricht (1. Kön 19,10): 3»Herr, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre zerbrochen, und ich bin allein übrig geblieben und sie trachten mir nach dem Leben«? 4Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? (1. Kön 19,18): »Ich habe mir übrig gelassen siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor dem Baal.« 5So geht es auch jetzt zu dieser Zeit, dass
11,5
Kap
einige übrig geblieben sind nach der Wahl der Gnade. 6Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade.

7Wie nun?

11,7
Kap
Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Auserwählten aber haben es erlangt. Die andern sind verstockt, 8wie geschrieben steht (Jes 29,10): »Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung gegeben,
11,8
5. Mose 29,3
Augen, dass sie nicht sehen, und Ohren, dass sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag.« 9Und David spricht (Ps 69,23-24): »Lass ihren Tisch zur Falle werden und zu einer Schlinge und ihnen zum Anstoß und zur Vergeltung. 10Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen, und ihren Rücken beuge allezeit.«

Die Berufung der Heiden als Hoffnung für Israel

11So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne! Sondern

11,11
Apg 13,46
durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen
11,11
Kap
nacheifern sollte. 12Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird.

13Euch Heiden aber sage ich: Weil ich Apostel der Heiden bin, preise ich mein Amt, 14ob ich vielleicht meine Stammverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte.

11,14
1. Kor 9,20-22
1. Tim 4,16
15Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten! 16Ist die
11,16
4. Mose 15,20
Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.

Warnung an die Heidenchristen vor Überheblichkeit

17Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du

11,17
Eph 2,11-14
ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass
11,18
Joh 4,22
nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.

19Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. 20Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich!

11,20
1. Kor 10,12
21Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen. 22Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber,
11,22
Joh 15,24
Hebr 3,14
sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. 23Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. 24Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

Israels endliche Errettung

25Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange

11,25
Joh 10,16
bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26
11,26
Mt 23,39
und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33):
11,26
Ps 14,7
»Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

11,29
4. Mose 23,19
30Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,11,30 Luther übersetzte in den Versen 30-32 »ungehorsam sein« bzw. »Ungehorsam« mit »nicht glauben« bzw. »Unglaube«. 31so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32Denn
11,32
Gal 3,22
Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich
11,32
1. Tim 2,4
aller erbarme.

Lobpreis der Wunderwege Gottes

33O

11,33
Jes 45,15
welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
11,33
Jes 55,8-9
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34Denn
11,34
1. Kor 2,16
»wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder
11,34
Jer 23,18
wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3) 36Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.