Lutherbibel 1984 (LU84)
5

Der Ammoniter Achior gibt Bericht über die Juden

51Und es wurde dem Holofernes, dem Feldhauptmann von Assyrien, gesagt, dass die Israeliten sich rüsteten und sich wehren wollten und die Wege im Gebirge gesperrt hätten. Da entbrannte sein grimmiger Zorn und er rief alle Obersten und Hauptleute der Moabiter und Ammoniter zu sich und fragte sie: 2Sagt mir: Was ist das denn für ein Volk, das im Gebirge wohnt? Wie viel Städte haben sie? Was haben sie für ein Heer und wie groß ist es? Welcher König führt ihr Heer? Warum sind sie die Einzigen im Morgenland, die uns verachten und uns nicht

5,2
Kap
entgegengekommen sind, um uns in Frieden zu empfangen?

3Da antwortete Achior, der Oberste aller Ammoniter, und sagte: 4Will mein Herr mich anhören, so will ich dir die Wahrheit sagen über dies Volk, das im Gebirge wohnt, und dich nicht belügen. 5

5,5-6
1. Mose 11,31
Dies Volk stammt von den Chaldäern ab. 6Es hat zuerst in Mesopotamien gewohnt. Weil sie aber nicht den Göttern ihrer Väter in Chaldäa folgen wollten, 7
5,7
Jos 24,14
verließen sie die Bräuche ihrer Väter, die viele Götter verehrten, um dem einzigen Gott des Himmels zu dienen,
5,7
1. Mose 12,1
der ihnen auch gebot, fortzuziehen und in Kanaan zu wohnen. 8Als nun über das ganze Land eine
5,8
1. Mose 41,54
Hungersnot kam,
5,8
1. Mose 46,5-6
zogen sie nach Ägypten hinab. Dort sind sie in
5,8
1. Mose 15,13
vierhundert Jahren
5,8
2. Mose 1,7
so viele geworden, dass man sie nicht mehr zählen konnte.

9

5,9
2. Mose 1,1114
Als aber der König von Ägypten ihnen die Zwangsarbeit auferlegte, aus Ton Ziegel zu streichen, um seine Städte zu bauen, schrien sie zu ihrem Gott.
5,9
2. Mose 7,14–12,30
Der schlug ganz Ägypten mit vielen Plagen. 10
5,10-11
2. Mose 12,33
14,5-31
Als nun die Ägypter sie aus ihrem Land gestoßen hatten und die Plage von ihnen abließ und man sie wieder fangen und zu ihrem Dienst zurückholen wollte, tat ihnen der Gott des Himmels auf ihrer Flucht das Meer auf, sodass das Wasser auf beiden Seiten stand wie eine Mauer und sie trockenen Fußes auf dem Grund des Meeres gingen und hindurchkamen. 11Als aber die Ägypter ihnen mit einem unzählbaren Heer nacheilten, wurden sie im Meer ersäuft, sodass kein Einziger übrig blieb, der es den Nachkommen hätte sagen können.

12

5,12-13
2. Mose 15,22-25
16,2-35
Und als dies Volk aus dem Roten Meer kam, lagerte es sich in der Wüste des Berges Sinai, wo vorher kein Mensch wohnen noch sich aufhalten konnte. 13Dort wurde das bittre Wasser süß, sodass sie es trinken konnten, und sie bekamen Brot vom Himmel vierzig Jahre lang; 14und wohin sie auch zogen ohne Bogen, Pfeil, Schild und Schwert, da
5,14
2. Mose 17,8-13
stritt ihr Gott für sie und siegte. 15Niemand konnte diesem Volk Schaden tun,
5,15
4. Mose 14,40-45
außer wenn es vom Dienst des Herrn, seines Gottes, abwich.

16

5,16-17
Ri 2,11-18
Sooft sie aber außer ihrem Gott einen andern anbeteten, wurden sie weggeführt, erschlagen oder in Schande gebracht. 17Sooft sie es aber bereuten, vom Dienst ihres Gottes abgefallen zu sein, gab ihnen der Gott des Himmels wieder die Kraft, ihren Feinden zu widerstehen. 18So
5,18
Jos 12,7-24
erschlugen sie die Könige der Kanaaniter, der Jebusiter, der Perisiter, der Hetiter, der Hiwiter, der Amoriter und alle Mächtigen von Heschbon und nahmen ihr Land und ihre Städte ein. 19Und es ging ihnen gut, solange sie sich nicht an ihrem Gott versündigten; denn ihr Gott hasst das Unrecht. 20Weil sie in früheren Zeiten von dem Weg abgewichen waren, auf dem sie gehen sollten, wie Gott ihnen geboten hatte, darum
5,20
2. Kön 24,10-16
25,8-11
wurden sie von vielen Völkern im Kampf besiegt, und die meisten von ihnen wurden gefangen in ein fremdes Land geführt. 21Aber nachdem sie sich zu ihrem Gott bekehrt hatten, sind sie jüngst
5,21
Esra 1,1-5
aus den Ländern heimgekehrt, in die sie zerstreut waren, und sind in dies Gebirge hinaufgezogen und wohnen jetzt wieder in Jerusalem, wo ihr Heiligtum steht.

22Darum, mein Herr, versuche zu erfahren, ob sie sich an ihrem Gott versündigt haben; dann wollen wir hinaufziehen, und ihr Gott wird sie dir gewiss in die Hände geben, sodass du sie bezwingst. 23Haben sie sich aber nicht an ihrem Gott versündigt, so richten wir nichts gegen sie aus; denn ihr Gott wird sie beschirmen, und wir werden vor aller Welt zum Gespött werden.

24Als Achior seine Rede beendet hatte, wurden alle Hauptleute des Holofernes zornig und dachten daran, ihn zu töten, und sagten zueinander: 25Wer wagt zu sagen, dass die Israeliten sich wehren könnten gegen den König Nebukadnezar und sein Heer? Das sind doch nur waffenlose Leute ohne Macht und Kriegserfahrung! 26Damit aber Achior sieht, dass er gelogen hat, wollen wir ins Gebirge hinaufziehen; und wenn wir ihre besten Leute gefangen nehmen, so werden wir mit ihnen auch Achior erstechen,

5,26
Kap
damit alle Völker erkennen, dass Nebukadnezar der Gott des Landes ist und sonst keiner.

6

Achior wird nach Betulia gebracht

61Nun wurde auch Holofernes sehr unwillig und sagte zu Achior: 2

6,2
2. Kön 18,28-35
Wie kannst du uns weissagen, dass das Volk Israel von seinem Gott beschützt wird? Ich werde dir zeigen, dass nur Nebukadnezar Gott ist und sonst keiner. Wenn wir sie nun alle schlagen wie einen Mann, so sollst auch du mit ihnen durch das Schwert der Assyrer sterben und ganz Israel soll mit dir umkommen. Dann wirst auch du erkennen,
6,2
Kap
dass Nebukadnezar der Herr aller Welt ist. 3Und das Schwert meiner Leute soll dich durchbohren, und du wirst unter den Verwundeten Israels liegen und musst sterben und verderben. 4Meinst du aber, dass deine Weissagung gewiss ist, so brauchst du nicht zu erschrecken; und wenn du glaubst, dass diese meine Worte nicht erfüllt werden können, so brauchst du nicht so blass zu werden. 5Du sollst aber wissen: Wie es ihnen ergeht, so wird es dir auch ergehen; denn ich will dich jetzt zu ihnen schicken, damit du mit ihnen die verdiente Strafe durch mein Schwert empfängst.

6Da befahl Holofernes seinen Knechten, dass sie Achior ergreifen, nach Betulia führen und in die Hände Israels geben sollten. 7Und die Knechte des Holofernes ergriffen ihn und führten ihn über die Ebene. Als sie ins Gebirge kamen, zogen die Schleuderer ihnen entgegen. 8Da wichen sie vom Abhang des Berges zurück und banden Achior mit Händen und Füßen an einen Baum; so gefesselt verließen sie ihn und zogen wieder zu ihrem Herrn.

9Aber die Israeliten kamen von Betulia zu ihm herunter, banden ihn los und brachten ihn nach Betulia hinein; dort stellten sie ihn mitten unter das Volk und fragten ihn, was geschehen wäre, dass die Assyrer ihn gebunden zurückgelassen hätten. 10Zu dieser Zeit waren Usija, der Sohn Michas, vom Stamm Simeon, und Karmi, der auch Otniël hieß, die Obersten in der Stadt. 11Vor diesen Ältesten und vor dem ganzen Volk sagte Achior alles, was ihn Holofernes gefragt und was er geantwortet hatte, und dass ihn die Leute des Holofernes wegen seiner Antwort töten wollten; aber Holofernes habe voll Zorn befohlen, man sollte ihn aus diesem Grunde den Israeliten übergeben. Sobald er Israel geschlagen hätte, wollte er ihn, den Achior, auch martern und umbringen lassen, 12weil er gesagt hatte, der Gott des Himmels würde ihr Schutz sein.

13Als Achior dies alles berichtet hatte, fiel das ganze Volk aufs Angesicht; sie beteten den Herrn an, klagten und weinten alle zugleich und beteten inständig zum Herrn: 14Herr, Gott des Himmels und der Erde, blicke auf ihren Hochmut und sieh unser Elend an, sei deinen

6,14
Ps 37,28
Tob 2,17
Heiligen gnädig und zeige, dass du nicht verlässt, die auf dich trauen, aber
6,14
Lk 1,52
die stürzt, die auf sich vertrauen und auf ihre Macht.

15So weinten und beteten sie den ganzen Tag. Und sie trösteten Achior und sagten: 16Der Gott unsrer Väter, dessen Macht du gepriesen hast, wird dir’s vergelten, sodass nicht sie auf dich herabsehen, sondern dass du siehst, wie sie geschlagen und vernichtet werden. 17Und wenn uns der Herr, unser Gott, errettet, so sei Gott auch mit dir unter uns. Und willst du, so sollst du mit all den Deinen bei uns wohnen. 18Als nun das Volk wieder auseinanderging, führte ihn Usija mit sich in sein Haus, bereitete ein großes Gastmahl für ihn 19und lud alle Ältesten dazu ein. Sie ließen sich’s wohl sein, nachdem sie so lange gefastet hatten. 20Danach wurde das ganze Volk wieder zusammengerufen, und

6,20
Ps 42,9-10
Apg 12,5-12
die ganze Nacht waren sie versammelt und beteten um Hilfe von dem Gott Israels.

7

Holofernes belagert Betulia

71Am nächsten Tag befahl Holofernes seinem Heer, gegen Betulia hinaufzuziehen. 2Und

7,2
Kap
er hatte hundertzwanzigtausend Mann zu Fuß und zwölftausend Reiter, dazu die
7,2
Kap
Hilfstruppen, die er in den unterworfenen Gebieten ausgehoben und die man ihm aus der gesamten waffenfähigen Jugend der Länder und Städte zugeführt hatte. 3Dies ganze Heer rüstete sich zum Kampf gegen Israel; sie zogen am Abhang des Gebirges entlang bis zu einer Anhöhe; von dort sieht man
7,3
Kap
Dotan und blickt von Belma bis Chelmon, das gegenüber
7,3
Kap
Jesreël liegt.

4Als nun die Israeliten das große Heer der Assyrer sahen, warfen sie sich auf die Erde,

7,4
Est 4,3
streuten sich Asche aufs Haupt und
7,4
Kap
beteten alle miteinander, dass der Gott Israels seine Barmherzigkeit beweisen wolle an seinem Volk. 5Dann nahmen sie ihre Waffen und besetzten die Engpässe der Gebirgswege und bewachten sie Tag und Nacht.

6Als aber Holofernes um die Stadt herumzog, entdeckte er südlich davon eine Quelle, die durch eine Wasserleitung in die Stadt floss. Diese Wasserleitung ließ er zerstören. 7Sie hatten jedoch unweit der Mauer kleine Quellen, aus denen sie heimlich Wasser holen wollten; doch war es nicht genug, um den Durst damit zu stillen. 8Doch

7,8
Zef 2,8
die Ammoniter und Moabiter kamen zu Holofernes und sagten: 9Die Israeliten wagen nicht, offen zum Kampf anzutreten, sondern sie verteidigen das Gebirge und befestigen die Hügel, an deren Steilhang sie sitzen. 10Damit du sie aber kampflos überwinden kannst, lass nur die Quellen bewachen, sodass sie kein Wasser holen können; dann müssen sie ohne Schwertstreich sterben oder die Not bringt sie dazu, ihre Stadt zu übergeben, von der sie meinen, dass man sie nicht erobern kann, weil sie in den Bergen liegt. 11Dieser Rat gefiel Holofernes und seinem Gefolge und er legte hundert Mann an jede Quelle.

12Als man nun zwanzig Tage die Quellen bewacht hatte, hatten alle Bewohner von Betulia kein Wasser mehr, weder in Zisternen noch anderswo, sodass es nicht mehr ausreichte, um auch nur einen Tag den Durst richtig zu stillen; denn man hatte ja täglich den Leuten das Wasser zugemessen. 13Da kamen alle, Mann und Frau, Jung und Alt, zu Usija und den Ältesten und klagten: Gott sei Richter zwischen euch und uns.

7,13
2. Mose 5,21
Ihr habt uns in diese große Not gebracht, weil ihr nicht mit den Assyrern Frieden schließen wolltet; darum hat uns Gott nun in ihre Hände gegeben 14und wir haben keine Hilfe zu erwarten, sondern müssen vor ihren Augen vor Durst verschmachten und jämmerlich umkommen. 15Darum ruft die ganze Stadt zusammen, damit wir uns alle den Leuten des Holofernes freiwillig ergeben. 16Denn
7,16
Kap
es ist besser, dass wir uns ergeben und am Leben bleiben und darin Gott loben, als dass wir umkommen und vor aller Welt zuschanden werden und sehen müssen, wie unsre Frauen und Kinder so jämmerlich vor unsern Augen sterben. 17Wir
7,17
5. Mose 4,26
bezeugen heute vor Himmel und Erde und vor dem Gott unsrer Väter, der uns jetzt um unsrer Sünden willen bestraft, dass wir euch gebeten haben, die Stadt dem Heer des Holofernes zu übergeben, und dass wir lieber rasch durchs Schwert umkommen als langsam vor Durst verschmachten.

18Darauf weinte und heulte das ganze Volk viele Stunden lang und sie schrien zu Gott: 19Wir haben gesündigt samt unsern Vätern; wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.

7,19
1. Kön 8,47
Ps 106,6
20Aber du bist barmherzig, darum sei uns gnädig oder bestrafe du selbst uns; und weil wir dich bekennen, übergib uns nicht den Heiden, die dich nicht kennen,
7,20
Ps 79,10
damit sie nicht sagen: Wo ist nun ihr Gott?

21Als sie sich nun müde geschrien und geweint hatten und es ein wenig still geworden war, stand Usija auf und sagte unter Tränen: 22Liebe Brüder, habt doch Geduld und

7,22
1. Sam 11,3
lasst uns noch fünf Tage auf Hilfe von Gott warten, 23ob er uns nicht seine Gnade erweisen und
7,23
2. Makk 8,15
seinen Namen herrlich machen will. 24Wird uns in diesen fünf Tagen nicht geholfen, so wollen wir tun, was ihr erbeten habt.