Lutherbibel 2017 (LU17)
3

Klage und Trost eines Leidenden

31Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute seines Grimmes. 2Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. 5Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. 7Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt. 8Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.

3,8
Ps 22,3
69,4
9Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht. 10Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. 11Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichtegemacht. 12Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben. 13Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen. 14Ich bin ein Hohn für mein ganzes Volk und täglich
3,14
Hiob 30,9
ihr Spottlied. 15Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt. 16Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche. 17Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.

18Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den Herrn sind dahin. 19Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!

20Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir’s. 21Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: 22Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

3,22
Neh 9,31
23sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24Der Herr
3,24
Ps 16,5
73,26
ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und
3,26
Röm 8,25
auf die Hilfe des Herrn hoffen. 27Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage. 28Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt, 29und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung. 30Er
3,30
Mt 5,39
biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun. 31
3,31
Jes 54,8
Denn der Herr verstößt nicht ewig; 32sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 33Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.

34Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt 35und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt 36und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen? 37Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl

3,37
Jes 45,7
Am 3,6
38und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? 39Was murren denn die Leute im Leben, ein jeder über die Folgen seiner Sünde? 40Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum Herrn bekehren! 41Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel! 42Wir,
3,42
Ps 106,6
wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du nicht vergeben. 43Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt und ohne Erbarmen getötet. 44Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurchkonnte. 45Du hast uns zu Kehricht und Unrat gemacht unter den Völkern. 46Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns. 47Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.

48Wasserbäche rinnen aus meinen Augen über den Jammer der Tochter meines Volks. 49Meine Augen fließen und können’s nicht lassen, und es ist kein Aufhören da, 50bis der Herr vom Himmel herabschaut und darein sieht.

3,50
Ps 102,20-21
51Mein Auge macht mir Schmerzen wegen all der Töchter meiner Stadt.

52Meine Feinde haben mich ohne Grund gejagt wie einen Vogel. 53Sie haben mein Leben in der Grube zunichtegemacht und Steine auf mich geworfen. 54Wasser hat mein Haupt überschwemmt; da sprach ich: Nun bin ich verloren. 55Ich rief aber deinen Namen an, Herr, unten aus der Grube, 56und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!« 57Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! 58Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben. 59Du siehst, Herr, wie mir Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht! 60Du siehst, wie sie Rache üben wollen, und kennst alle ihre Gedanken gegen mich. 61Herr, du hörst ihr Schmähen und alle ihre Anschläge gegen mich, 62die Reden meiner Widersacher und ihr Geschwätz über mich den ganzen Tag. 63Sieh doch: Ob sie sitzen oder aufstehen, singen sie über mich

3,63
Spottlieder. 64Vergilt ihnen, Herr, wie sie verdient haben!
3,64
Kap
65Lass ihnen das Herz verstockt werden, lass sie deinen Fluch fühlen! 66Verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des Herrn.

4

Zions Elend und Schmach

41Ach, wie ist das Gold so ganz dunkel und das feine Gold so hässlich geworden, und wie liegen heilige Steine an allen Straßenecken zerstreut! 2Die edlen Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, ach, wie sind sie nun den irdenen Töpfen gleich, die ein Töpfer macht! 3Auch Schakale reichen ihren Jungen die Brüste und säugen sie; aber die Tochter meines Volks ist unbarmherzig

4,3
Hiob 39,14-16
wie ein Strauß in der Wüste. 4Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst; die kleinen Kinder verlangen nach Brot und niemand ist da, der’s ihnen bricht. 5Die früher leckere Speisen aßen, verschmachten jetzt auf den Gassen; die früher auf Purpur getragen wurden, die müssen jetzt im Schmutz liegen. 6Die Missetat der Tochter meines Volks ist größer als die
4,6
1. Mose 18,20
Sünde Sodoms,
4,6
1. Mose 19,24-25
das plötzlich unterging und keine Hand kam zu Hilfe.

7Ihre Fürsten waren reiner als der Schnee und weißer als Milch; ihr Leib war rötlicher als Korallen, ihr Aussehen war wie Saphir. 8Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel vor Schwärze, dass man sie auf den Gassen nicht erkennt; ihre Haut hängt an den Knochen, und sie sind so dürr wie ein Holzscheit. 9Den durchs Schwert Erschlagenen ging es besser als denen, die vor Hunger starben, die verschmachteten und umkamen aus Mangel an Früchten des Ackers. 10Es haben die barmherzigsten Frauen

4,10
Kap
ihre Kinder selbst kochen müssen, damit sie zu essen hatten in dem Jammer der Tochter meines Volks. 11Der Herr hat seinen Grimm austoben lassen, er hat seinen grimmigen Zorn ausgeschüttet; er hat in Zion ein Feuer angesteckt, das auch ihre Grundfesten verzehrt hat.

12Es hätten’s die Könige auf Erden nicht geglaubt noch alle Leute in der Welt, dass der Widersacher und Feind zum Tor Jerusalems einziehen könnte. 13Es ist aber geschehen wegen der Sünden ihrer Propheten und wegen der Missetaten ihrer Priester, die dort der Gerechten Blut vergossen haben. 14Sie irrten hin und her auf den Gassen wie die Blinden und waren mit Blut besudelt, dass man ihre Kleider nicht anrühren konnte; 15man rief ihnen zu:

4,15
3. Mose 13,45
»Weicht, ihr Unreinen! Weicht, weicht, rührt nichts an!« Wenn sie flohen und umherirrten, so sagte man auch unter den Völkern: »Sie sollen nicht länger bei uns bleiben.« 16Des Herrn Zorn hat sie zerstreut; er will sie nicht mehr ansehen. Die
4,16
Kap
Priester ehrte man nicht, und
4,16
Kap
an den Alten übte man keine Barmherzigkeit.

17Noch immer blickten unsre Augen aus nach nichtiger Hilfe; auf unserer Warte warteten wir auf ein Volk, das uns doch nicht helfen konnte. 18Man jagte uns, dass wir auf unsern Gassen nicht gehen konnten. Da kam unser Ende; unsere Tage sind aus, unser Ende ist gekommen. 19Unsre Verfolger waren schneller als die Adler unter dem Himmel. Auf den Bergen haben sie uns verfolgt und in der Wüste auf uns gelauert. 20Der Gesalbte des Herrn, der unser Lebensodem war, ist gefangen worden in ihren Gruben; wir aber dachten: »In seinem Schatten wollen wir leben unter den Völkern.«

21Ja, freue dich nur und sei fröhlich, du Tochter Edom, die du wohnst im Lande Uz! Denn

4,21
Kap
der Kelch wird auch zu dir kommen, dass du trunken wirst und dich entblößt. 22
4,22
Jes 40,2
Deine Schuld ist abgetan, du Tochter Zion; der Herr wird dich nicht mehr wegführen lassen.
4,22
Jes 34,8-10
Hes 35,14-15
Aber deine Schuld, du Tochter Edom, wird er heimsuchen und deine Sünden aufdecken.

5

Gebet des Volks in tiefster Erniedrigung

51Gedenke, Herr, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach! 2Unser Erbe ist den Fremden zuteilgeworden und unsre Häuser den Ausländern. 3Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5Die Verfolger sitzen uns im Nacken, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 7Unsre Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen.

5,7
2. Mose 20,5
Jer 31,29

8Knechte herrschen über uns und niemand ist da, der uns von ihrer Hand errettet. 9Wir müssen unser Brot unter Gefahr für unser Leben holen, bedroht von dem Schwert in der Wüste. 10Unsre Haut ist verbrannt wie in einem Ofen von dem schrecklichen Hunger. 11Sie haben die Frauen in Zion geschändet und die Jungfrauen in den Städten Judas. 12Fürsten wurden von ihnen gehenkt, und die Alten hat man nicht geehrt.

5,12
2. Kön 25,19-21
13Jünglinge mussten Mühlsteine tragen und Knaben beim Holztragen straucheln. 14Es sitzen die Ältesten nicht mehr im Tor und die Jünglinge nicht mehr beim Saitenspiel. 15Unsres Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt. 16
5,16
Jer 13,18
Die Krone ist von unserm Haupt gefallen. O weh, dass wir so gesündigt haben! 17Darum ist auch unser Herz krank, und unsre Augen sind trübe geworden 18um des Berges Zion willen, weil er so wüst liegt, dass die Füchse darüber laufen.

19Aber du, Herr, der du ewiglich bleibst und dein Thron von Geschlecht zu Geschlecht, 20warum willst du uns so ganz vergessen und uns lebenslang so ganz verlassen? 21

5,21
Ps 126,1-6
Bringe uns, Herr, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters! 22Auch wenn du uns ganz verworfen hast und über uns so sehr erzürnt warst.