Lutherbibel 2017 (LU17)
7

71Muss nicht der Mensch immer im Dienst stehen auf Erden, und sind seine Tage nicht wie die eines

7,1
Kap
Tagelöhners? 2Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten und ein Tagelöhner auf seinen Lohn wartet, 3so erbte ich Monde der Enttäuschung, und Nächte voller Mühsal wurden mir zuteil. 4Wenn ich mich niederlegte, sprach ich: Wann werde ich aufstehen? Bin ich aufgestanden, so wird mir’s lang bis zum Abend, und mich quälte die Unruhe bis zur Dämmerung. 5Mein Fleisch ist gekleidet in Maden und staubigen Schorf, meine Haut ist verschrumpft und voller Eiter. 6Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein
7,6
Jes 38,12
Weberschiffchen und sind vergangen ohne Hoffnung.

7Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden. 8Und kein lebendiges Auge wird mich mehr schauen; sehen deine Augen nach mir, so bin ich nicht mehr. 9Eine Wolke vergeht und fährt dahin: so kommt nicht wieder herauf, wer zu den Toten hinunterfährt; 10er

7,10
Kap
kommt nicht zurück, und
7,10
Ps 103,16
seine Stätte kennt ihn nicht mehr.

11Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele. 12Bin ich denn das Meer oder ein Ungeheuer, dass du eine Wache gegen mich aufstellst? 13Wenn ich dachte, mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll mir meinen Jammer erleichtern, 14so erschrecktest du mich mit Träumen und machtest mir Grauen durch Gesichte, 15dass meine Seele sich wünschte, erwürgt zu sein, und mein Leib wünschte den Tod. 16Ich vergehe! Ich will nicht ewig leben. Lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch.

7,16
1. Kön 19,4

17Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? 18Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. 19Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? 20Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin? 21Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in den Staub legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.

8

Bildads erste Rede

81Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

2Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren? 3Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder

8,3
Kap
der Allmächtige das Recht verkehrt? 4Haben
8,4
Kap
deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie ihrer Missetat preisgegeben. 5Wenn du aber dich zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen um Gnade flehst, 6wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen
8,6
Ps 35,23
aufwachen und wird wieder herstellen deine Wohnung, wie es dir zusteht. 7Ist dein Anfang auch gering, wird doch dein Ende herrlich sein.
8,7
Kap

8Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben, 9denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden. 10Sind sie es nicht, die dich lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen: 11»Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser? 12Noch steht’s in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras. 13So sind die Wege aller, die Gott vergessen, und

8,13
Kap
die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein. 14Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb. 15Er verlässt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen. 16Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten, 17über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und zwischen Steinen hält er sich fest. 18Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht. 19Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen.«

20Siehe, Gott verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest, 21bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens. 22Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Gottlosen wird nicht bestehen.

9

Hiobs erste Antwort an Bildad

91Hiob antwortete und sprach:

2Ja, ich weiß wohl, es ist so: Wie

9,2
Kap
könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott. 3Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten.
9,3
Ps 19,13
4Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm entgegen und blieb unversehrt?

5Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er stürzt sie um in seinem Zorn. 6Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern. 7Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne. 8Er allein breitet den Himmel aus und

9,8
Mt 14,25
geht auf den Wogen des Meers. 9Er macht den Großen Wagen am Himmel und den
9,9
Kap
Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens. 10Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind.
9,10
Kap

11Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich’s gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich’s merke. 12Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du? 13Gott wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mussten sich beugen die Helfer

9,13
Kap
Rahabs9,13 Siehe Sach- und Worterklärungen.. 14Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm? 15Wenn ich auch recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müsste um mein Recht flehen.

16Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört, 17vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund. 18Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis. 19Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?

9,19
20Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.

21Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben. 22Es ist eins, darum sage ich:

9,22
Kap
Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. 23Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen. 24Die Erde ist in die Hand des Frevlers gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun?

25Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt. 26Sie sind dahingefahren wie Schiffe aus Schilf, wie ein Adler herabstößt auf die Beute. 27Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben, 28so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, dass du mich nicht unschuldig sprechen wirst. 29Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich? 30Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und

9,30
Jer 2,22
reinigte meine Hände mit Lauge, 31so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, dass sich meine Kleider vor mir ekeln.

32Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen.

9,32
Pred 6,10
33Kein Schiedsmann ist zwischen uns, der seine Hand auf uns beide legte! 34Dass er seine Rute von mir nehme und sein Schrecken mich nicht mehr ängstige! 35So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.

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