Lutherbibel 2017 (LU17)
30

Hiobs jetziges Unglück

301Jetzt aber

30,1
Kap
verlachen mich, die jünger sind als ich, deren Väter ich nicht wert geachtet hätte, sie zu meinen Hunden bei der Herde zu stellen, 2deren Stärke ich für nichts hielt, denen die Kraft dahinschwand; 3die vor Hunger und Mangel erschöpft sind, die das dürre Land abnagen, die Wüste und Einöde; 4die da Salzkraut sammeln bei den Büschen, und Ginsterwurzel ist ihre Speise. 5Aus der Menschen Mitte werden sie weggetrieben; man schreit ihnen nach wie einem Dieb; 6an den Hängen der Täler wohnen sie, in Erdlöchern und Steinklüften; 7zwischen den Büschen schreien sie, und unter den Disteln sammeln sie sich – 8verachtetes Volk und Leute ohne Namen, die man aus dem Lande weggejagt hatte.

9Jetzt bin ich

30,9
Ps 69,13
Klgl 3,63
ihr Spottlied geworden und muss ihnen zum Gerede dienen. 10Sie verabscheuen mich und halten sich ferne von mir und scheuen sich nicht,
30,10
Kap
vor meinem Angesicht auszuspeien. 11Er hat mein Seil gelöst und mich gedemütigt, und sie ließen die Zügel vor mir schleifen. 12Zur Rechten hat sich eine Schar gegen mich erhoben, sie haben meinen Fuß weggestoßen und haben gegen mich Wege angelegt, mich zu verderben. 13Sie haben meine Pfade aufgerissen, zu meinem Fall helfen sie; keiner gebietet ihnen Einhalt. 14Sie kommen wie durch eine breite Bresche herein, wälzen sich unter den Trümmern heran. 15Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und hat verjagt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine Wolke zog mein Glück vorbei.

16Nun aber zerfließt meine Seele in mir, und Tage des Elends haben mich ergriffen. 17Des Nachts bohrt es in meinem Gebein, und die Schmerzen, die an mir nagen, schlafen nicht. 18Mit aller Gewalt wird mein Kleid entstellt, wie der Kragen meines Hemdes würgt es mich.

30,18
Kap
19Man hat mich in den Dreck geworfen, dass ich gleich bin dem Staub und der Asche.

20Ich

30,20
Kap
schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich. 21Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand. 22Du hebst mich auf und lässt mich auf dem Winde dahinfahren und vergehen im Sturm. 23Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen.

24Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not? 25Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen? 26Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. 27In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends. 28Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie. 29Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße. 30Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze. 31Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

31

Hiobs Reinigungseid und Appell an Gott

311Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen,

31,1
Mt 5,28-29
dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau. 2Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe? 3Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter? 4Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?
31,4
Kap
5Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug? 6Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!

7Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen, 8so

31,8
3. Mose 26,16
will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und meine Nachkommen sollen entwurzelt werden.

9Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert, 10so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen bei ihr liegen.

31,10
2. Sam 12,11
11Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld,
31,11
5. Mose 22,22
die vor die Richter gehört. 12Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frisst und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

13Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten, 14was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er heimsucht? 15Hat nicht

31,15
Spr 14,31
Mt 25,40
auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

16Hab ich

31,16
Kap
den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen? 17
31,17
Jes 58,7
Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen? 18Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet.
31,18
Kap
19Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen? 20Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde? 21Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, dass ich
31,21
Rut 4,1-11
im Tor Helfer hatte? 22Dann falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk! 23Denn der Schrecken Gottes käme über mich und ich könnte seine Hoheit nicht ertragen.

24Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht und

31,24
Ps 52,9
zum Feingold gesagt: »Mein Trost«? 25Hab ich mich gefreut, dass ich großes Gut besaß und meine Hand so viel erworben hatte? 26Hab ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog,
31,26
5. Mose 4,19
27dass sich mein Herz heimlich betören ließ, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand? 28Das wäre auch eine Missetat, die vor die Richter gehört; denn damit hätte ich verleugnet Gott in der Höhe.

29Hab ich mich

31,29
Spr 24,17
gefreut, wenn’s meinem Feinde übel ging, und
31,29
Ps 7,5
35,13-14
mich erhoben, weil ihn Unglück getroffen hatte? 30Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, dass ich
31,30
1. Petr 3,9
verwünschte mit einem Fluch seine Seele. 31Haben nicht die Männer in meinem Zelt sagen müssen: »Wo ist einer, der nicht satt geworden wäre von seinem Fleisch?« 32Kein Fremder durfte draußen zur Nacht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.
31,32
Ri 19,20-21
1. Petr 4,9
Hebr 13,2

33Hab ich meine Übertretungen, wie Menschen tun, zugedeckt, um heimlich meine Schuld zu verbergen, 34weil ich mir grauen ließ vor der großen Menge und die Verachtung der Sippen mich abgeschreckt hat, sodass ich still blieb und nicht zur Tür hinausging?

3831,38 Der Zusammenhang erfordert die Umstellung der Verse 38-40a.Hat mein Acker wider mich geschrien und haben miteinander seine Furchen geweint, 39hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und seine Besitzer seufzen lassen? 40aDann sollen mir Disteln wachsen statt Weizen und Unkraut statt Gerste.

35O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! –, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben!

31,35
Kap
36Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen. 37Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

40bZu Ende sind die Worte Hiobs.

32

Die Reden des Elihu

Kapitel 32,1–37,24

Elihus erste Rede

321Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

2Aber Elihu, der Sohn Barachels des

32,2
1. Mose 22,21
Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil
32,2
Kap
er sich selber für gerechter hielt als Gott. 3Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und
32,3
Kap
doch Hiob verdammten. 4Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er. 5Als Elihu nun sah, dass die drei Männer keine Antwort mehr hatten, ward er zornig. 6Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach:

Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun. 7Ich dachte:

32,7
Kap
Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen. 8Wahrlich, es ist der Geist im Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. 9Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist. 10Darum sage ich: Höre mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun.

11Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet, 12und habe achtgehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete. 13Sagt nur nicht: »Wir haben Weisheit gefunden; Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch.« 14Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten.

15Ach, betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen. 16Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten? 17Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun! 18Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt. 19Siehe, mein Inneres ist wie der Most, der zugestopft ist, der die neuen Schläuche zerreißt. 20Ich muss reden, dass ich mir Luft mache, ich muss meine Lippen auftun und antworten. 21Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln. 22Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

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