Lutherbibel 2017 (LU17)
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Holofernes hält Kriegsrat

51Da wurde Holofernes, dem Feldhauptmann der assyrischen Streitmacht, gemeldet, dass sich die Israeliten zum Krieg gerüstet, die Gebirgspässe versperrt, alle hohen Bergkuppen befestigt und in den Ebenen Hindernisse errichtet hätten. 2Darüber entbrannte er in großem Zorn. Er rief alle Obersten der Moabiter und alle Heerführer der Ammoniter und alle Statthalter der Meeresküste zusammen 3und sprach zu ihnen: Sagt mir doch, ihr Kanaaniter, was ist das für ein Volk, das im Gebirge lebt! Welche Städte bewohnen sie? Wie groß ist ihre Streitmacht? Worin bestehen ihre Kraft und Stärke? Welcher König führt ihr Heer? 4Warum haben allein sie unter allen anderen Bewohnern des Westens sich geweigert, mir zur Huldigung entgegenzuziehen?

Rede des Achior

5Da antwortete ihm Achior, der Anführer aller Ammoniter: Möge mein Herr doch ein Wort aus dem Munde seines Knechtes anhören! So will ich dir die Wahrheit sagen über dieses Volk, das im Gebirge wohnt, ganz in deiner Nähe, und ich werde dich gewiss nicht belügen. 6Dieses Volk stammt von den Chaldäern ab. 7Früher haben sie als Fremdlinge in Mesopotamien gewohnt, denn sie wollten nicht mehr den Göttern ihrer Väter nachfolgen, die im Lande der Chaldäer waren. 8

5,8
Jos 24,14
Deshalb verließen sie den Weg ihrer Vorfahren und beteten den Gott des Himmels an, dem allein sie als Gott dienten. Da vertrieben die Chaldäer sie von dem Angesicht ihrer Götter, und sie flohen nach Mesopotamien und wohnten da als Fremdlinge lange Zeit. 9
5,9
1. Mose 12,1
Ihr Gott aber gebot ihnen, sie sollten fortziehen und nach Kanaan gehen. Dort ließen sie sich nieder und wurden reich an Gold, Silber und großen Viehherden. 10Als nun eine Hungersnot über das Land Kanaan kam, zogen sie hinab nach Ägypten und lebten wiederum als Fremdlinge, solange sie Nahrung fanden. Dort wurden sie zu einem so großen Volk, dass ihre Menge nicht mehr zu zählen war.

11Der König von Ägypten aber bedrückte sie und zwang sie zum Ziegelstreichen, erniedrigte sie und machte sie zu Sklaven. 12Und sie schrien zu ihrem Gott. Der schlug das ganze Land Ägypten mit Plagen, vor denen es keine Rettung gab. Da jagten die Ägypter sie fort. 13Und Gott trocknete vor ihnen das Rote Meer aus 14und führte sie auf den Weg zum Sinai und nach Kadesch-Barnea. Und sie vertrieben alle, die in der Wüste wohnten. 15Danach ließen sie sich nieder im Lande der Amoriter und zerstörten Heschbon durch ihre Stärke. Sie überschritten den Jordan und nahmen das ganze Gebirge als Erbteil in Besitz.

16Sie vertrieben die Kanaaniter und Perisiter, Jebusiter und Sichemiter und alle Girgaschiter und ließen sich dort nieder für lange Zeit. 17Und solange sie nicht sündigten vor ihrem Gott, ging es ihnen gut, denn sie haben einen Gott, der das Unrecht hasst. 18Als sie aber von dem Weg abwichen, den er ihnen geboten hatte, wurden sie in vielen Schlachten geschlagen und gefangen in ein fremdes Land geführt. Der Tempel ihres Gottes wurde dem Erdboden gleichgemacht, und ihre Städte wurden von Feinden eingenommen. 19Und jetzt, da sie sich wieder zu ihrem Gott bekehrt haben, sind sie heraufgezogen aus der Fremde, wohin sie zerstreut waren, haben Jerusalem, wo ihr Heiligtum steht, wieder in Besitz genommen, und haben sich niedergelassen im Gebirge, das verödet war.

20Darum nun, mein Herr und Gebieter: Nur wenn es in diesem Volk ein Vergehen gibt und sie sich gegen ihren Gott versündigt haben und wir Kunde davon erhalten, dann können wir hinaufziehen und gegen sie Krieg führen. 21Wenn es aber kein solches Vergehen in ihrem Volk gibt, dann, mein Herr, lass ab von deinem Vorhaben, damit nicht ihr Herr und Gott sie beschirme und wir vor aller Welt zum Gespött werden.

22Und es geschah, als Achior diese Rede beendet hatte, da murrte das ganze Volk, das rings um das Zelt stand, und die Würdenträger des Holofernes und alle, die am Meer und in Moab wohnten, sagten: Haut ihn in Stücke! 23Wir fürchten uns doch nicht vor den Israeliten! Denn siehe, diesem Volk fehlen Macht und Stärke, um ein geordnetes Heer aufzustellen. 24So lass uns hinaufziehen und sie deinem Heer zum Fraß vorwerfen, Holofernes, du unser Gebieter!

6

Antwort des Holofernes

61Als sich der Tumult unter den Männern rings um den Kriegsrat gelegt hatte, sprach Holofernes, der Feldhauptmann der assyrischen Streitmacht, zu Achior vor der ganzen Volksversammlung der Philister und zu allen Moabitern: 2Wer bist du denn, Achior, mit deinen Söldnern aus Ephraim, dass du heute unter uns als Prophet auftrittst und sagst, man solle gegen das Volk Israel keinen Krieg führen, weil ihr Gott sie beschirme? Wer ist denn Gott außer Nebukadnezar? Der wird seine Macht aufbieten und sie vernichten von der Erde, und ihr Gott wird sie nicht retten können. 3Sondern wir, Nebukadnezars Knechte, werden sie schlagen wie einen einzigen Mann, und sie werden der Kraft unserer Rosse nicht standhalten. 4Denn wir werden sie überrennen, und ihre Berge werden trunken sein von ihrem Blut, und ihre Felder werden übersät sein mit ihren Leichen, und sie werden uns nicht widerstehen können, sondern zugrunde gehen – spricht der König Nebukadnezar, der Herr der ganzen Erde. Denn er hat es gesagt, und was er sagt, wird geschehen. 5Du aber, Achior, du ammonitischer Söldner, der du dich heute um Kopf und Kragen geredet hast, du sollst mir von diesem Tag an nicht mehr unter die Augen kommen, bis ich dieses Volk, das aus Ägypten dahergelaufen ist, bestraft habe. 6Dann werden das Schwert meiner Leute und der Spieß meiner Diener deine Rippen durchbohren, und du wirst unter den Verwundeten Israels liegen, wenn ich zurückkehre. 7Meine Knechte werden dich jetzt in eine der Städte am Rande des Gebirges bringen. 8Und du sollst nicht eher als die Verwundeten Israels zugrunde gehen. 9Solltest du aber in deinem Herzen hoffen, dass sie doch nicht besiegt werden, dann musst du den Blick nicht senken. Ich habe es gesagt, und so wird es geschehen.

Achior wird an die Einwohner Betulias ausgeliefert

10Und Holofernes befahl seinen Knechten, die in seinem Zelt bereitstanden, Achior zu ergreifen, ihn nach Betulia zu bringen und in die Hände der Israeliten auszuliefern. 11Da ergriffen ihn seine Knechte und führten ihn hinaus aus dem Lager in die Ebene, und von dort brachten sie ihn in das Gebirge hinauf. So kamen sie zu den Quellen, die unterhalb von Betulia liegen. 12Als die Männer der Stadt sie von oben sahen, griffen sie zu den Waffen und liefen hinaus auf die Bergkuppe. Die Schleuderer aber besetzten den Weg, der zur Stadt hinaufführte, und beschossen sie mit Steinen. 13Da suchten die Assyrer unten am Berg Schutz, fesselten den Achior und ließen ihn dort liegen. Dann zogen sie sich wieder zurück zu ihrem Herrn.

Achior wird ehrenvoll aufgenommen

14Die Israeliten aber kamen herab aus ihrer Stadt, traten zu ihm und banden ihn los. Und sie führten ihn nach Betulia und stellten ihn vor die Oberhäupter der Stadt. 15Das waren zu dieser Zeit Usija, der Sohn des Micha aus dem Stamme Simeon, und Kabri, der Sohn des Otniël, und Karmi, der Sohn des Malkiël. 16Die riefen alle Ältesten der Stadt zusammen; ebenso kamen alle jungen Männer und Frauen herbei. Sie stellten Achior in die Mitte des ganzen Volkes, und Usija fragte ihn, was sich zugetragen habe. 17Der antwortete und berichtete ihnen alles, was Holofernes im Kriegsrat und im Kreis der assyrischen Befehlshaber gesagt und wie er gegen Israel geprahlt hatte.

18Da fiel das Volk nieder, und alle beteten zu Gott, schrien und sprachen: 19Herr, Gott des Himmels, sieh doch herab auf ihren Hochmut und erbarme dich des Elends unseres Volkes, und schau gnädig auf dein heiliges Volk am heutigen Tag! 20Dann sprachen sie Achior Mut zu und lobten ihn sehr. 21Nach der Versammlung nahm Usija ihn mit in sein Haus und bereitete ihm ein Gastmahl mit den Ältesten, und die ganze Nacht hindurch riefen sie den Gott Israels um Hilfe an.

7

Holofernes belagert Betulia

71Am nächsten Tag aber befahl Holofernes seinem ganzen Heer und allen seinen Leuten, die als Hilfstruppe zu ihnen gestoßen waren, gegen Betulia zu ziehen, die Zugänge ins Gebirge zu besetzen und gegen die Israeliten Krieg zu führen. 2Da zogen alle waffenfähigen Männer hinauf. Ihre Streitmacht umfasste hundertsiebzigtausend Mann zu Fuß und zwölftausend Reiter, ohne den Tross und die Männer, die sie begleiteten, eine sehr große Menge. 3Und sie schlugen ihr Lager in der Talebene nahe bei Betulia an der Quelle auf. Es dehnte sich aus in der Breite von Dotan bis Belmain und in der Länge von Betulia bis Kyamon, das Jesreel gegenüberliegt.

4Als aber die Israeliten diese Menge sahen, wurden sie bestürzt und sagten zueinander: Jetzt werden sie das ganze Land aussaugen. Weder die hohen Berge noch die Schluchten und Hügel werden diese Last tragen können. 5Da griffen alle zu ihren Waffen, entzündeten Feuer auf ihren Türmen und hielten die ganze Nacht hindurch Wache.

6Am zweiten Tag aber führte Holofernes seine Reiterei heraus vor den Augen der Israeliten, die in Betulia waren. 7Er erkundete die Zugänge zu ihrer Stadt, spähte ihre Wasserquellen aus, besetzte sie und stellte bei ihnen bewaffnete Posten auf. Dann kehrte er wieder zu seinen Leuten zurück. 8Und es kamen zu ihm alle Oberhäupter der

7,8
1. Mose 36,1-43
Söhne Esaus und alle Anführer des Volkes Moab und die Heerführer von der Meeresküste und sprachen: 9Möge doch unser Gebieter ein Wort anhören, damit deiner Streitmacht kein Schaden entstehe! 10Denn das Volk der Israeliten vertraut weniger auf seine Speere als auf die Höhe der Berge, auf denen sie wohnen, denn es ist nicht leicht, zu ihnen ins Gebirge vorzudringen. 11Deshalb, unser Gebieter, kämpfe gegen sie nicht in der gewohnten Schlachtordnung! Dann wird auch kein Einziger von deinen Leuten fallen. 12Bleibe vielmehr in deinem Lager und schone die Männer deiner Streitmacht! Deine Knechte aber sollen sich der Wasserquelle bemächtigen, die am Fuße des Gebirges entspringt, 13weil dort alle Einwohner von Betulia ihr Wasser holen. Dann wird der Durst sie umbringen, und sie werden dir ihre Stadt übergeben. Wir aber und unsere Leute wollen auf die benachbarten Berggipfel steigen und darauf Wachposten errichten, sodass niemand die Stadt verlassen kann. 14So werden sie mit ihren Frauen und Kindern vor Hunger dahinschwinden und in den Straßen ihrer Stadt niedergestreckt liegen, noch ehe das Schwert über sie kommt. 15Dann magst du an ihnen unerbittlich Vergeltung üben, weil sie sich gegen dich erhoben haben und dir nicht im Frieden entgegengezogen sind. 16Diese Worte gefielen Holofernes und seinem ganzen Gefolge, und er befahl zu tun, was sie vorgeschlagen hatten.

17Da brach das Lager der Ammoniter auf und mit ihnen fünftausend Assyrer. Sie lagerten im Tal und besetzten die Wasserstellen und Quellen der Israeliten. 18Die Söhne Esaus aber und die Ammoniter zogen hinauf ins Gebirge und schlugen ihr Lager gegenüber von Dotan auf, und sie sandten einige nach Süden und einige nach Osten, in das Gebiet gegenüber Egrebel, das nahe bei Chus am Bach Mochmur liegt. Das übrige Heer der Assyrer aber lagerte in der Ebene und bedeckte das ganze Land. Ihre Zelte und ihr Tross breiteten sich gewaltig aus; es war eine riesige Menge.

Die Einwohner Betulias geraten in Verzweiflung

19Da schrien die Israeliten zum Herrn, ihrem Gott, weil ihr Geist verzagte. Denn alle ihre Feinde hatten sie umringt, und es gab kein Entrinnen mehr. 20Und die Belagerung der Assyrer, ihrer Fußtruppen, Streitwagen und Reiter dauerte vierunddreißig Tage. Da gingen den Bewohnern von Betulia die Wasservorräte aus, 21und die Zisternen vertrockneten. Weil ihnen das Wasser zugemessen werden musste, hatten sie an keinem Tag mehr genug, um ihren Durst zu stillen. 22Ihre kleinen Kinder siechten dahin, und die Frauen und die Jünglinge wurden ohnmächtig vor Durst. Auf den Straßen der Stadt und in den Torwegen brachen sie zusammen, weil sie keine Kraft mehr hatten. 23Da versammelte sich das ganze Volk vor Usija und den Oberhäuptern der Stadt, junge Männer, Frauen und Kinder. Sie schrien mit lauter Stimme und sprachen zu den Ältesten: 24Gott sei Richter zwischen euch und uns! Ihr habt großes Unglück über uns gebracht, weil ihr nicht mit den Assyrern Frieden schließen wolltet! 25Nun gibt es für uns keine Hilfe mehr, sondern Gott hat uns in ihre Hand gegeben, damit wir vor ihren Augen verschmachten und jämmerlich zugrunde gehen! 26So ruft nun die Leute des Holofernes herbei und liefert ihnen und ihrer Streitmacht die ganze Stadt zur Plünderung aus! 27Denn es ist besser für uns, ihre Beute zu werden und als Sklaven am Leben zu bleiben, als mit eigenen Augen den Tod unserer Säuglinge, Frauen und Kinder ansehen zu müssen. 28Als Zeugen gegen euch rufen wir an Himmel und Erde, unseren Gott und den Herrn unserer Väter, der uns bestraft um unserer Sünden und um der Übertretungen unserer Väter willen: Er lasse

7,28
diese Worte am heutigen Tag nicht an uns wahr werden!

29Und es erhob sich großes Wehklagen inmitten der ganzen Gemeinde wie mit einer Stimme, und sie schrien laut zum Herrn, ihrem Gott.

30Da sprach Usija zu ihnen: Nur Mut, Brüder und Schwestern! Lasst uns noch fünf Tage aushalten, in denen der Herr, unser Gott, uns sein Erbarmen wieder zuwenden kann, denn er wird uns nicht endgültig verlassen. 31Wenn aber diese Tage vorüber sind, ohne dass wir Hilfe erfahren haben, dann wollen wir tun, was ihr gesagt habt. 32Und er schickte das Volk fort, alle auf ihre Posten. Sie besetzten wieder die Mauern und Türme, die Frauen und Kinder aber gingen zurück in ihre Häuser. Und in der Stadt herrschte große Verzagtheit.