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Das Spektrum der Bibelübersetzungen erstreckt sich zwischen zwei Extremen: Die Übersetzung kann versuchen, den Wortlaut der fremden Sprache in der eigenen möglichst genau nachzubilden – um den Preis, dass dieser Wortlaut zunächst wie eine Fremdsprache klingt. Oder die Übersetzung kann versuchen, den Sinn des fremdsprachlichen Textes »mit eigenen Worten«, frei und unmittelbar verständlich wiederzugeben – um den Preis, dass die Leser dem Übersetzer vertrauen müssen, dessen Arbeit sie in der Regel nicht selbst überprüfen können.

Jeder Übersetzungstyp hat seine Vorteile und seine Nachteile. Eine Übersetzung, die das richtige Verständnis des Inhalts für jeden möglichen Empfänger »unfehlbar« garantiert, gibt es nicht. Aber die Leserinnen und Leser einer Übersetzung sollten wissen, mit welchem Übersetzungstyp sie es zu tun haben, weil sie dann das Risiko, das sie eingehen, abschätzen können. Benutzen sie nebeneinander Übersetzungen verschiedenen Typs, so gleichen sich die Nachteile aus und die Vorteile addieren sich.

Wer diese Mühe scheut, muss sich entscheiden, was ihm wichtiger ist: ein auf Anhieb verständlicher Text, der vielleicht gelegentlich einseitige Festlegungen oder Verengungen enthält, oder ein abweisend unzugänglicher, aber wortgetreuer Text, der sich nur dem eindringenden Studium erschließt.


Die Wort-für-Wort Übersetzung

Dem bloßen Wortlaut des fremden Textes am nächsten kommt eine Übersetzung, die für jedes Wort der Ausgangssprache ein entsprechendes Wort der Zielsprache einsetzt (Wort-für-Wort-Übersetzung). Sie ist nicht nur stilistisch unschön und grammatisch fehlerhaft, sondern auch weithin unverständlich. Die Leser müssen erst das besondere »Idiom« oder Kauderwelsch der wortwörtlichen Übersetzung lernen.

 

In der Wort-für-Wort-Übersetzung wird z.B. »I have been walking« zu »Ich habe gewesen gehend« oder das lateinische »rebus sic stantibus« zu »Dingen so stehenden«. Eine solche Übersetzung dient deshalb in der Regel nur dazu, eine Brücke zum Originaltext zu schlagen für Leser, die das Bibelwort in der Originalsprache kennen lernen wollen, aber diese Sprache nur unzulänglich verstehen. Sie wird niemals selbstständig gedruckt, sondern nur als »Interlinearversion« unter den entsprechenden fremdsprachlichen Zeilen angeordnet (Interlinearversion: man schreibt die Übersetzung Wort für Wort inter lineas, d.h. »zwischen die Zeilen«).

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Die »wörtliche«/philologische Übersetzung

Was man normalerweise als »wörtliche Übersetzung« bezeichnet, unterscheidet sich von der »wortwörtlichen« Interlinearversion durch folgende Verfahren:

1. Die Wortfolge wird dem Gebrauch der Zielsprache angepasst.

2. Grammantikalische und syntaktische Konstruktionen, die die Zielsprache nicht kennt (wie z.B. das englische Gerundium, der lateinische Ablativus absolutus), werden durch Umschreibung wiedergegeben.

3. Für ein und dasselbe Wort der Ausgangssprache werden je nach Zusammenhang unterschiedliche Wörter der Zielsprache eingesetzt. Eine Übersetzung, die diese drei Verfahren anwendet, nennen wir philologische Übersetzung, weil sie den üblichen Übersetzungstyp der Philologen, d.h. der wissenschaftlichen Übersetzer, darstellt.

Das dritte der genannten Verfahren braucht eine Erläuterung. Sprachen sind keine mathematisch-logischen Gebilde, sondern gewachsene Formen, die jeweils ihre eigene Entwicklung haben. Deshalb deckt sich der Bedeutungsumfang von Wörtern in verschiedenen Sprachen (das jeweilige »Wortfeld«) nur in den wenigsten Fällen. Wer in einem Wörterbuch das englische Wort in aufschlägt, findet als Grundbedeutungen im Deutschen in, an, auf und darüber hinaus noch eine Vielzahl von weiteren, speziellen Bedeutungen. Das Entsprechende gilt für die gefüllteren und gewichtigeren Wörter, im Besonderen die tragenden »Begriffe«. Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten Martin Luther hatte, den biblischen Begriff der Gerechtigkeit richtig zu verstehen, weil er Bedeutungskomponenten besitzt, die wir im Deutschen eher mit Treue oder Liebe wiedergeben würden.

Wenn eine philologische Übersetzung sich dafür entscheidet, die tragenden Begriffe in der Zielsprache stets mit ein und demselben Wort wiederzugeben, nennt man sie begriffskonkordant (Konkordanz = Zusammenklang, Übereinstimmung, nämlich zwischen entsprechenden Begriffen in den beiden Sprachen). In diesem Fall müssen die Leser darauf gefasst sein, dass das Wort der eigenen Sprache in der Übersetzung eine andere als die gewohnte Bedeutung hat; sie müssen die Wörter der eigenen Sprache wie Fremdwörter behandeln und ihren Sinn im jeweiligen Zusammenhang wie den Sinn eines fremdsprachlichen Wortes erst »lernen« (z.B. beim biblischen Wort »Fleisch«). Das gilt in geringerem Maß, wenn bei der Wiedergabe verschiedene Grundbedeutungen eines Wortes unterschieden werden (z.B. bei griechisch parakalein 1. ermahnen, 2. trösten); eine Übersetzung, die so verfährt, kann »eingeschränkt begriffskonkordant« genannt werden.

Mehr oder weniger gilt auch noch für die philologische Übersetzung, dass sie erklärungsbedürftig ist und von ihren Lesern fordert, dass sie sich in sie wie in einen fremden Text einlesen. Friedrich Schleiermacher hat Übersetzungen ganz allgemein in zwei Typen eingeteilt: solche, die den Text zum Leser hinbewegen, und solche, die es nötig machen, dass der Leser sich zum Text hinbewegt. Die philologische Übersetzung steht in der Mitte; wenn sie zusätzlich begriffskonkordant ist, verlangt sie eine größere Bewegung des Lesers oder Hörers auf den Originaltext zu.

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Die kommunikative Übersetzung

Nun gibt es eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen, die sich zum Ziel gesetzt haben, den Text so weit wie möglich zum Leser hinzubewegen. Sie tun nicht nur »das Nötigste«, damit ein Text nach Grammatik und Satzbau der Zielsprache angemessen ist; sie suchen in der Vermittlung des Textinhalts an die Leser oder Hörer »das Mögliche« auszuschöpfen.

Um der leichteren Verständlichkeit willen verzichten solche Übersetzungen auf den Versuch, die sprachliche Form des Originaltextes in der Übersetzung mehr oder weniger nachzuahmen. Statt formaler Entsprechung zwischen Original und Übersetzung streben sie vor allem die inhaltliche Übereinstimmung an. Der Sinn des Originaltextes soll so deutlich und verständlich wie möglich wiedergegeben werden, auch wenn die sprachliche Form der Wiedergabe mit der Sprachform des Originaltextes nichts mehr gemein hat.

Wo eine wörtliche Übersetzung etwa sagt: »Johannes der Täufer verkündete die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden« (Markus 1,4), heißt es dann sinnentsprechend und auf Anhieb verständlich: »Johannes sagte zu den Menschen: ›Lasst euch taufen und fangt ein neues Leben an, dann wird Gott euch eure Schuld vergeben!«

Die Information, die im Originaltext teils explizit, teils implizit enthalten ist, wird hier ausdrücklich und in voller Breite den Lesern/Hörern der Übersetzung vermittelt. Komprimierte Aussagen werden verdeutlichend aufgelöst; an die Stelle eines Einzelwortes oder einer Wortverbindung des Originaltextes kann in der Zielsprache ein ganzer Satz treten. Längere Zusammenhänge werden unter Umständen zur besseren Verständlichkeit in der Zielsprache neu aufgebaut (»umstrukturiert«).

Auf Begriffskonkordanz muss eine solche Übersetzung um der Verständlichkeit willen verzichten. Sie wird einen Begriff der Ausgangssprache durch unterschiedliche Begriffe oder Wendungen der Zielsprache wiedergeben, je nach der Bedeutung, die er im jeweiligen Zusammenhang hat. Statt begriffskonkordant zu sein, ist eine solche Übersetzung kontextorientiert: Ihr geht es weniger um Beziehungen, die durch einen bestimmten Begriff zwischen verschiedenen Texten (oft locker und willkürlich) hergestellt werden, sondern um die genaue Aussage innerhalb des jeweiligen Zusammenhangs (d.h. im »Kontext«).

Eine solche Übersetzung nennen wir kommunikativ, weil ihr alles an der Mitteilung des Sinnes, an der Kommunikation mit den Lesern oder Hörern als den Empfängern der Botschaft gelegen ist. Unter formalen Gesichtspunkten ist sie »frei«, aber unter inhaltlichen kann sie, wenn sie gelungen ist, so genau und zuverlässig sein wie nur je eine »wörtliche« Übersetzung. Sie kürzt lediglich für die Empfänger den Prozess des Verstehens ab, weil sie ihnen die Mühe erspart, die »Fremdsprache« des Textes erst zu entziffern und zu lernen.

Ihr Nachteil ist, dass die Empfänger einer solchen – sozusagen »vorgekauten«, sprachlich zubereiteten – Information den Prozess der Vermittlung nicht kontrollieren können (falls sie nicht den Originaltext oder eine wörtlichere Übersetzung zum Vergleich heranziehen). Eine mögliche Gefahr der kommunikativen Übersetzung ist auch, dass sie den Sinn eines Textes zu eindeutig festlegen will und dadurch gewisse »Untertöne« unhörbar, mögliche Nuancen oder Assoziationen ausgeschlossen werden. Dem steht bei der wörtlichen Übersetzung die Gefahr gegenüber, dass die Empfänger die ihnen unzugänglich bleibende Übersetzung gar nicht oder missverstehen. Der wörtliche Übersetzer schiebt das Risiko des Verstehens oder Missverstehens auf die Leser/Hörer bzw. Ausleger/Prediger ab.

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