1Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da war eine fliegende Schriftrolle. 2Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit. 3Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn alle Diebe werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt und alle Meineidigen werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt. 4Ich will ihn ausgehen lassen, spricht der HERR Zebaoth, dass er kommen soll über das Haus des Diebes und über das Haus dessen, der bei meinem Namen falsch schwört. Und er soll in dem Haus bleiben und soll’s verzehren samt seinem Holz und seinen Steinen.
Die siebente Vision: die Frau in der Tonne
5Und der Engel, der mit mir redete, trat hervor und sprach zu mir: Hebe deine Augen auf und sieh! Was kommt da hervor? 6Und ich sprach: Was ist das? Er aber sprach: Das ist eine Tonne, die da hervorkommt – und sprach weiter: Das ist die Sünde im ganzen Lande. 7Und siehe, es hob sich der Deckel aus Blei und da war eine Frau, die saß in der Tonne. 8Er aber sprach: Das ist die Gottlosigkeit. Und er stieß sie in die Tonne und warf den Deckel aus Blei oben auf die Öffnung.
9Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, zwei Frauen traten heran und hatten Flügel, die der Wind trieb – es waren aber Flügel wie Storchenflügel –, und sie trugen die Tonne zwischen Erde und Himmel dahin. 10Und ich sprach zum Engel, der mit mir redete: Wo tragen diese die Tonne hin? 11Er aber sprach zu mir: Dass ihr ein Tempel gebaut werde im Lande Schinar und sie dort aufgestellt werde.
Eine Erscheinung, in der Gott zu verstehen gibt, was er vorhat.
In den Visionen des Alten Testaments werden niemals nur Bilder geschaut. Sie sind immer auch mit dem Hören eines Wortes verbunden (Audition). Visionen werden zwar häufig in der Nacht empfangen (Micha 3,6), sie sind aber durch den Bewusstseinszustand ihrer Empfänger deutlich von den Träumen unterschieden.
Besonders Propheten verstehen sich auf den Umgang mit Visionen. Jesaja schaut im Allerheiligsten des Tempels in Jerusalem den verhüllten Thron Gottes (Jesaja 6), Ezechiel sieht in einem Sturmwind von Norden her den Thronwagen Gottes (Ezechiel 1), Amos erfährt in einer Reihe von Visionen, dass das Gericht über Israel unausweichlich geworden ist (Amos 7,1-9; 8,1-3; 9,1-4). Ebenso wird dem Propheten Micha ben Jimla durch die Schau einer himmlischen Ratsversammlung der Beschluss offenbart, dass der König von Israel in der Schlacht den Tod finden wird (1. Könige 22).
Auch die Überschriften der Prophetenbücher berufen sich auf Visionen. So wird deutlich gemacht, dass ihre Botschaft nicht erfunden ist, sondern von Gott selbst stammt (Jesaja 1,1; Amos 1,1; Micha 1,1; Nahum 1,1). Gelegentlich müssen sich die Propheten allerdings gegen andere zur Wehr setzen, die sich anmaßen, Visionen von Gott empfangen zu haben (Jeremia 14,14; 23,16). Besonders bedrückend erlebt Israel solche Zeiten, in denen sich Gott nicht mehr durch Visionen seinen Propheten mitteilt (Klagelieder 2,9; Psalm 74,9).
In den Schriften der Bibel, in denen es um die Schilderung der Endzeit geht, spielen Visionen eine herausgehobene Rolle. So schildert das Sacharjabuch in einer nächtlichen Schau den Anbruch der Heilszeit (Sacharja 1–6), während im Danielbuch die kommenden Ereignisse der Endzeit durch Visionen offenbart und anschließend durch einen Engel gedeutet werden (Daniel 7–8; 10–12).
Von Visionen wird auch im Neuen Testament berichtet: Bei seiner Taufe erlebt Jesus eine Vision, die wiederum mit der Mitteilung eines göttlichen Wortes verbunden ist (Markus 1,9-11). Verschiedene Visionen werden in der Apostelgeschichte geschildert: Als Stephanus gesteinigt wird, blickt er zum Himmel empor und sieht Gott in seiner Herrlichkeit und Jesus an seiner rechten Seite stehen (Apostelgeschichte 7,55-56). Petrus wird in einer Vision darauf vorbereitet, den römischen Hauptmann Kornelius, also einen Heiden, zu taufen (Apostelgeschichte 10,9-11). Eine Vision ruft Paulus nach Europa (Apostelgeschichte 16,9), in einer Vision wird er ermutigt, in Korinth furchtlos die Gute Nachricht zu verkünden (Apostelgeschichte 18,9-10), und in einer Vision wird er aufgefordert, Jerusalem umgehend zu verlassen (Apostelgeschichte 22,17-21). In seinen Briefen berichtet Paulus selbst davon, dass er in einer Vision von Jesus zum Apostel berufen wurde (1. Korinther 9,1; Galater 1,16).
Eine großartige Folge von Visionen bildet dann den Hauptteil der Offenbarung (4,1–22,5), der durch einen Blick des Sehers Johannes in den himmlischen Thronsaal eröffnet wird (Offenbarung 4–5). In mehreren Zyklen werden dann die Ereignisse der Endzeit geschildert. Am Ende steht die Vision vom himmlischen Jerusalem, dem Ort der endgültigen und ungetrübten Gemeinschaft Gottes mit seiner Gemeinde, wo Leid und Schmerz ein Ende haben (Offenbarung 21–22).