Jordanien: Mutig und innovativ die Bibel verbreiten


Für die christliche Minderheit in Jordanien ist es nicht leicht, den eigenen Glauben zu leben. Die Arbeit der Bibelgesellschaft zielt deshalb darauf ab, Kirchen zu stärken, Christen über ihren Glauben sprachfähig zu machen und die gute Botschaft der Bibel ins Gespräch zu bringen. Das geschieht mit viel Kreativität und Begeisterung.
Das Bibelhaus der Jordanischen Bibelgesellschaft in Amman an einem normalen Arbeitstag: Lin packt mit einigen Volontären die letzten Sachen zusammen, bevor sie zu einem Besuch in einer Schule aufbrechen. Eifrig schwatzend und lachend sprechen sie die letzten Details des Programms miteinander ab. In einem anderen Büro feilt das Social Media Team an der nächsten Kampagne. Sie haben eine neue Idee, die sie unbedingt ausprobieren müssen! Einen Raum weiter testet Jamil das Videospiel, mit dem Besucher auf der nächsten Buchmesse direkt in Noahs Arche versetzt werden – mittels einer Virtual-Reality-Brille. In all dem Gewusel erscheint auch noch spontaner Besuch: Ein Vertreter der katholischen Kirche möchte etwas mit Generalsekretär Munter Namat besprechen. Schnell wird Tee gekocht und ein Keksteller bereitgestellt, denn natürlich kommt man auch hier in den Genuss der arabischen Gastfreundschaft.
Damit Menschen Gottes Wort begegnen
Bereits seit 1860 gibt es bibelgesellschaftliche Arbeit in Jordanien. Formell wurde die Jordanische Bibelgesellschaft im Jahr 1972 gegründet. Sie dient den aktuell zwei Prozent Christen und circa 150 Kirchengemeinden im Land. Ihre Vision ist es, dass jeder in Jordanien Gottes Wort begegnen und sich mit ihm auseinandersetzen kann. Sie will die Gesellschaft mit der Liebe Gottes in Berührung bringen, die Kirche vor Ort befähigen, zurüsten und ermutigen sowie wertvolle biblische und praktische Ressourcen zur Verfügung stellen. All das tut sie mit einem jungen, dynamischen Team von 12 Angestellten und über 100 Freiwilligen.

Um die Bibel zu verbreiten, gehen die Mitarbeitenden regelmäßig auf Buchmessen und wecken so Neugierde auf das »Buch der Bücher«. Durch Aktionen wie dem Videospiel, einem Quiz oder Mitmach-Angeboten für Kinder kommen auch viele Nichtchristen mit dem Wort Gottes in Berührung. »Ich habe heute zum ersten Mal verstanden, wer Jesus gemäß der Bibel ist«, sagt Scheich Harun nach seinem Besuch am Stand.
In einer belebten Einkaufsstraße Ammans hat die Bibelgesellschaft im letzten Jahr ihren ersten Buchladen eröffnet. Hier kann man die Bibel in verschiedenen Sprachen sowie andere christliche Bücher und Geschenkartikel erwerben. Der modern gestaltete Cafébereich lädt zum Verweilen, zu Austausch, Begegnung und zum Diskutieren ein. Interesse für die Bibel weckt die Bibelgesellschaft auch durch ihre Präsenz in den sozialen Medien. Durch originelle Kampagnen, die am Zahn der Zeit sind, vermittelt sie Wissen über die Heilige Schrift und das Christentum. Das stößt nicht immer auf Begeisterung und löst manchmal Gegenwind aus. Gleichzeitig entstehen gerade über das Internet regelmäßig Kontakte zu Menschen, die Fragen zur Bibel haben. Das Team nimmt sich viel Zeit für die Beantwortung und investiert in die entstehenden Beziehungen.


Den eigenen Glauben besser kennenlernen
Für viele jordanische Christen ist ihr Glaube ein wichtiger Teil ihrer Identität, doch sie wissen oft wenig über ihn. Gleichzeitig werden sie als religiöse Minderheit überall mit Vorurteilen über das Christentum und die Bibel konfrontiert, denen sie häufig wenig entgegenzusetzen haben. Das stürzt sie in Verwirrung und Zweifel. Der Jordanischen Bibelgesellschaft ist es deshalb ein Anliegen, bereits Kinder mit den biblischen Geschichten und Werten vertraut zu machen sowie Wissen über die Entstehung der Bibel und andere Grundwahrheiten des christlichen Glaubens zu vermitteln.
Die Mitarbeitenden besuchen regelmäßig christliche Schulen, gestalten dort ein abwechslungsreiches Programm und verteilen am Ende altersgerechte Bibeln. Kinder aus christlichen Familien erfahren an öffentlichen Schulen häufig Ausgrenzung und geraten wegen ihres Glaubens unter Druck. Deshalb übernimmt die Bibelgesellschaft für solche Familien das Schulgeld, damit die Kinder an eine christliche Schule gehen können. Teams der Bibelgesellschaft fahren außerdem in abgelegene Dörfer und bieten dort in Kirchengemeinden die »Bibeltour« an, ein circa vierstündiges buntes Programm. Kindergottesdienstmitarbeitende werden durch Trainings und ein eigens von der Bibelgesellschaft entwickeltes Material unterstützt, das in 6x6 Einheiten durch die Bibel führt.
Ein besonderes Angebot ist »Taqaddam«, was so viel bedeutet wie »vorankommen«. Zu den Themen Apologetik, Leiterschaft, Jüngerschaft und Seelsorge werden jeweils halbjährliche, wöchentlich stattfindende Kurse angeboten. Es ist ein einzigartiges Schulungsprogramm, das von Christen aller Kirchen genutzt und sehr geschätzt wird. Isa, 21 Jahre, belegt aktuell seinen dritten Kurs und erzählt: »Ich hatte viele Fragen zu meiner eigenen Religion. Auf Facebook stieß ich auf dieses Angebot der Bibelgesellschaft. Das war genau das, wonach ich gesucht hatte! Als Erstes belegte ich den Apologetikkurs, wo ich zum Beispiel erfuhr, warum die Bibel vertrauenswürdig ist und wie sie überliefert wurde oder dass wir als Christen nicht drei Götter haben.« Nach einem Leiterschaftskurs setzt sich Isa aktuell mit dem Thema »Seelsorge« auseinander. Auch Isas Freunde und Familienmitglieder sind inzwischen beim Kurs dabei. »Wir profitieren alle sehr«, sagt der junge Mann, der – ermutigt durch die Kurse – mittlerweile beim Kindergottesdienst in seiner Kirchengemeinde mitarbeitet.

Damit Kirchen gestärkt werden
Bei allen Projekten und Angeboten der Bibelgesellschaft ist es den Mitarbeitenden ein Anliegen, die lokalen Kirchen zu stärken. Auch deshalb bringt sie regelmäßig die Leitenden aus verschiedenen Konfessionen zusammen, um über biblische Themen oder die Herausforderungen für Christen zu sprechen. Der Generalsekretär Munther Namat erzählt: »Es ist nicht leicht, als Christ im Nahen Osten zu leben. Weil viele den Preis dafür nicht zahlen können, ziehen sie sich ins Private zurück oder wandern aus. Wir wollen vorangehen und Kirchen zeigen, wie sie neue Wege beschreiten können. Wir wollen Christen ermutigen, ihren Glauben in einem Umfeld zu leben, das ihnen oft ablehnend oder sogar feindlich gegenübersteht.« Die Mitarbeitenden sind sich bewusst, dass diese Haltung ihren Preis hat. Denn das mutige Vorangehen führt auch zu ständigem Druck von außen. Sie benötigen daher dringend unsere Gebete. Jordanien braucht Gottes Wort – heute mehr denn je.
Auf einen Blick: Jordanien
- Einwohner: 11 Millionen
- Staatsform: Konstitutionelle Erbmonarchie (Königreich)
- Amtssprache: Hocharabisch
- Religionen: sunnitischer Islam (95%); Christentum (3%); andere (2%)
Christen in Jordanien
Jordanien ist ein islamisch geprägtes Land. Die Verfassung garantiert die freie Ausübung anderer Religionen und das Christentum ist gesellschaftlich akzeptiert. Waren 1950 noch 20 Prozent der Bevölkerung Christen, so sind es heute nur noch rund 3 Prozent. In manchen Regionen sollte man den christlichen Glauben nicht an Muslime weitergeben, und wer vom Islam zum Christentum konvertiert, muss mit persönlichen und sozialen Herausforderungen rechnen.
Autorin Silke Gabrisch ist Referentin für internationale Arbeit bei der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie hat die jordanische Bibelgesellschaft vor einiger Zeit selbst besucht. Dieser Artikel erschien zuerst im Bibelreport 5/2024.
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