Armenien: Gemeinsam den Schmerz bewältigen


Die Armenische Bibelgesellschaft bietet seit einigen Jahren Traumabegleitung mit der Bibel an. Sie richtet sich besonders an Menschen wie Armine Beglaryan, die im September 2023 aus ihrer Heimat Bergkarabach fliehen musste. Heute arbeitet sie als Volontärin für die Armenische Bibelgesellschaft und begleitet selbst traumatisierte Menschen. Hier erzählt sie ihre Geschichte von Flucht und Neuanfang.
Ich komme aus Martakert in Arzach/Bergkarabach. Mein Leben war immer tief in den Bergen und Traditionen meiner Heimat verwurzelt. Ich habe Linguistik und Sozialarbeit studiert. Es war mir stets wichtig, durch meinen Beruf anderen zu helfen – sei es durch Englischunterricht, durch Traumabegleitung oder indem ich vertriebene Familien unterstütze. Mein Weg ist von persönlichen Verlusten, aber auch von einem unerschütterlichen Engagement für Heilung, den Glauben und die Bewahrung meiner Kultur geprägt.
Flucht aus Bergkarabach
Mit meinen 26 Jahren habe ich drei Kriege und eine zehnmonatige Blockade meiner Heimatregion Bergkarabach erlebt. Die Flucht im Jahr 2023 war die herzzerreißendste Erfahrung meines Lebens. Ich habe dadurch nicht nur mein Zuhause verloren, sondern auch meine Identität, meine Vorfahren und das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Unsere Flucht war gefährlich, wir fuhren über lange, dunkle Straßen, waren umgeben von Chaos und Ungewissheit. Die Kinder weinten auf dem Rücksitz unseres Autos und spiegelten die Angst wider, die wir alle empfanden. Wir waren hungrig und erschöpft, aber wir hatten keine andere Wahl als weiterzufahren.
Nach einer langen, anstrengenden Reise erreichten wir die nahe der Grenze gelegene Stadt Goris, wo wir von freundlichen Fremden empfangen wurden. Trotz ihrer Großzügigkeit fühlte sich nichts stabil an. Wir waren vertrieben, unsere Zukunft war ungewiss, und wir waren schwer traumatisiert. Als ich schließlich nach Jerewan umzog, hatte ich Mühe, zur Ruhe zu kommen. Monatelang konnte ich nicht schlafen und nicht arbeiten. Meine Gedanken waren gefangen in den Schrecken, die ich miterlebt hatte. Um damit fertig zu werden, suchte ich verzweifelt nach Ablenkung: Schulungen, Programme und Ausstellungen. Sie sollten den Krieg, der immer noch in mir nachhallte, zum Schweigen bringen.

Neue Hoffnung finden
Ich begann, mit einem Psychologen zu arbeiten, der in Bergkarabach mein Professor gewesen war. Durch unsere Sitzungen erkannte ich die Tiefe meiner emotionalen Wunden. Doch die Heilung fühlte sich unvollständig an. Dann erfuhr ich von den Kursen zur biblischen Traumabegleitung, die von der Armenischen Bibelgesellschaft organisiert werden. Ich nahm teil – und in mir veränderte sich etwas. Die gemeinsam geteilte Verletzlichkeit, die Unterstützung durch Priester und andere Teilnehmende – all das gab mir ein Gefühl der Zugehörigkeit und ein Ziel. Mir wurde klar, dass es bei der Heilung nicht nur um die Verarbeitung des Schmerzes geht. Es geht darum, im Glauben und in der Gemeinschaft neue Hoffnung zu finden.
Als Sozialarbeiterin erhielt ich schließlich die Möglichkeit, selbst als Traumabegleiterin tätig zu werden. Das war ein Wendepunkt. Anderen bei der Bewältigung ihrer Trauer zu helfen, gab mir Kraft und das Gefühl, eine wichtige Aufgabe zu haben. Jetzt leite ich bei der Armenischen Bibelgesellschaft selbst Kurse zur Traumabegleitung. Zusätzlich bin ich bei SOS-Kinderdörfern als Sozialarbeiterin angestellt. Mein Fokus liegt darauf, Menschen in schwierigen Situationen bei der Bewältigung ihres Traumas zu unterstützen, sodass sie ihr Leben wieder aufbauen können. Das dauert sehr lange, denn ein Trauma verschwindet nicht über Nacht.

Die Not der anderen lindern
Die Botschaft Jesu Christi von Liebe, Standhaftigkeit und Erlösung erinnert mich daran, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Licht zu finden ist. Mein Glaube gibt mir den Mut weiterzumachen, anderen zu helfen, Hoffnung zu finden und an die Möglichkeit der Erneuerung zu glauben. Und wenn ich mich schwach oder unsicher fühle, halte ich mich an die Verheißung in Philipper 4,13: »Denn ich vermag alles durch Christus, der mir Kraft gibt.«
In diesem Sommer werde ich für zwei Monate nach Europa gehen, um als Freiwillige in einem Flüchtlingslager zu arbeiten. Dadurch kann ich meine Erfahrungen in der Traumabegleitung und der Sozialarbeit erweitern, um denen zu helfen, die dringend Hilfe benötigen. Ich träume davon, die Welt ein wenig heller zu machen, die Last der Leidtragenden zu lindern und Kinder in Not zu trösten. Selbst der kleinste Akt der Freundlichkeit kann ein Funke der Hoffnung sein.

Autorin Armine Beglaryan
führt bei der Armenischen Bibelgesellschaft Kurse zur Traumabegleitung durch.
Unterstützen Sie die Arbeit in Armenien für traumatisierte Menschen
Der Konflikt um Bergkarabach
Im Konflikt um Bergkarabach erhoben Armenien und Aserbaidschan Ansprüche auf die Region: Die Enklave wurde historisch von Armeniern bewohnt, liegt geografisch aber innerhalb der Grenzen Aserbaidschans. Der Konflikt eskalierte erstmals im Bergkarabach-Krieg 1992, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beide Länder um das Gebiet kämpften. Armenien konnte die Kontrolle über das Gebiet gewinnen und die mehrheitlich armenische Bevölkerung in Bergkarabach erklärte ihre Unabhängigkeit. Die Hauptstadt von Bergkarabach, Stepanakert, wurde zum Zentrum der selbsternannten Republik Arzach. In der Folge kam es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen mit Aserbaidschan. Im September 2023 startete Aserbaidschan eine militärische Offensive und übernahm die vollständige Kontrolle über das Gebiet. Dies führte zu einer massiven Flucht von über 100 000 armenischen Einwohnern. Die aktuelle Karte zeigt, dass Bergkarabach nun vollständig in Aserbaidschan integriert ist.