Deutsche Bibelgesellschaft
1.10.2025

Eine Kirche voller Leben

Im März reiste Silke Gabrisch zum ersten Mal nach China. Einer der Höhepunkte ihrer Reise war der Besuch eines Gottesdienstes in der Stadt Huai’an, etwa 200 Kilometer nördlich von Nanjing in der Provinz Jiangsu.

Für unsere Reisegruppe heißt es früh aufstehen: Der Gottesdienst beginnt bereits um acht Uhr morgens. Bei unserer Ankunft stehen im Vorhof der imposanten Kirche mit dem großen Kreuz an der Front bereits unzählige Mopeds aufgereiht. Die Ordner begrüßen uns herzlich. Auf ihren Westen steht »Jesus liebt dich«. Als wir eintreten, ist der riesige Gottesdienstraum bereits gut gefüllt. Über 2500 Menschen finden hier Platz. Viele Gläubige versammeln sich schon vor Beginn des Gottesdienstes, um gemeinsam in der Bibel zu lesen. Die abgegriffenen schwarzen Bibeln zeugen davon, wie sehr die Christen in dieser Gemeinde das Wort Gottes lieben.

Vorne im Altarraum steht einer der vier Chöre der Gemeinde, die Sängerinnen und Sänger sind in weiße Roben gekleidet, und wir singen das erste Lied. Bei der Begrüßung hält der leitende Pastor Ni Jingli eine Bibel hoch und erwähnt uns als besondere Gäste. Durch Spenden, unter anderem aus Deutschland, sei es möglich, Bibeln besonders günstig anzubieten. So seien sie für jeden erschwinglich.

»Das Wichtigste ist, dass wir Gott lieben«

Der Ablauf ähnelt dem eines evangelischen Gottesdienstes, wobei die Predigt 45 Minuten dauert. Heute geht es um das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Obwohl der Bibeltext vorne groß an die Wand geworfen wird, haben fast alle ihre eigenen Bibeln aufgeschlagen. Frauen und Männer lesen konzentriert mit und machen sich eifrig Notizen. Die Predigerin bittet die Gemeinde immer wieder darum, sich in die Figuren hineinzuversetzen und stellt Bezüge zur heutigen Lebenswelt in China her. Viele Kinder bitten ihre Eltern um Geld, verlassen ihre Heimat, um in den großen Städten ihr Glück zu suchen – und melden sich dann kaum noch. »Das Wichtigste ist, dass wir Gott lieben. Darum geht es, nicht darum, reich zu werden«, betont sie.  

Beim anschließenden Gebet geht ein älterer Mann im Gang auf die Knie. Andere legen ihre Köpfe auf die Bibeln vor sich – als würden sie sich vertrauensvoll auf jemanden stützen, der da ist, auch wenn man ihn nicht sehen kann.

Nach dem Gottesdienst steuern wir den Buchladen beim Ausgang an. In China kann man Bibeln nur in registrierten Kirchen kaufen; in Buchhandlungen oder online sind sie nicht erhältlich. Doch hierher kann jeder kommen, der eine Bibel möchte. Ich beobachte, wie eine Frau einen ganzen Stapel kauft. Für wen diese Bibeln seien, frage ich sie. »Die möchte ich an Familienmitglieder und Freunde weitergeben«, sagt sie etwas scheu und ist dann auch schon verschwunden.

Bibeln für Familie und Freunde

Dank der Spenden kosten die Bibeln hier nur knapp drei statt 15 Euro. Viele chinesische Christen nutzen die Ausgaben mit den modern aussehenden Einbänden, um sie zu verschenken und so ihren Glauben weiterzugeben.

Bei einer Führung durch das restliche Gebäude hören wir von Hauptpastor Ni Jingli mehr über das rege Gemeindeleben. Er erzählt, dass die Kirche 1999 eröffnet wurde. Die Geschichte der Christen in dieser Stadt reicht jedoch viel weiter zurück. Bereits 1869 sandte Hudson Taylor mit der China-Inlandmission (heute: OMF International) erste Missionare nach Huai‘an. Pastor Ni betont außerdem, wie wichtig der Gemeinde die Praxis des Bibellesens ist. »Selbst beim wöchentlichen Putzeinsatz beginnen die 300 Freiwilligen mit Bibellese und Austausch«, sagt er schmunzelnd.

Wohlstand allein macht nicht glücklich

Als wir im an die Kirche angrenzenden Gebäude weiter nach oben steigen, dringen ungewohnte Töne an unser Ohr. In einem Saal probt ein Orchester der Gemeinde für die bevorstehenden Ostergottesdienste. Gespielt wird auf traditionellen chinesischen Instrumenten: zum Beispiel der Mundorgel Hulusi, deren Windkammer aus einem getrockneten Kürbis besteht, in den drei Bambusrohre gesteckt sind, oder der mit dem Bogen gestrichenen Laute Banhu. »Der Dirigent kommt vom Opernhaus, aber alle Musiker sind Laien«, erzählt Pastor Ni stolz. Uns zu Ehren spielen sie »Amazing Grace«, ansonsten aber eher original chinesische Musikstücke, die die Gemeinde besonders schätzt.

In den letzten Jahrzehnten habe sich China enorm entwickelt, erzählt der Pastor. Doch Wohlstand allein mache nicht glücklich. Die Enttäuschung über den Materialismus, Einsamkeit, Heilungserfahrungen und gelebte Nächstenliebe von Kirchenmitgliedern – all das führe dazu, dass sich immer mehr Menschen dem christlichen Glauben zuwendeten. »Viele finden hier eine Familie.« Circa 80 Taufen gebe es in der Gemeinde pro Jahr.

Schließlich setzen wir uns zu einem typisch chinesischen Festmahl. Auch der Direktor der örtlichen Religionsbehörde ist plötzlich dabei. Auf einer drehbaren Scheibe in der Mitte des runden Tisches werden nach und nach immer mehr Speisen aufgetragen – angefangen von kalten Vorspeisen und Salaten bis hin zu diversen Fleisch- und Fischgerichten. Immer wieder wird ein Toast ausgebracht. Reis gibt es erst am Schluss – ein Zeichen dafür, dass das Mahl und auch unser Besuch zu Ende gehen.

Autorin Silke Gabrisch ist Referentin für internationale Arbeit bei der Deutschen Bibelgesellschaft.

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