4. Mose 21,4-9 | Reminiszere | 25.02.2024
Einführung in das 4. Buch Mose
Der vierte Teil des Pentateuch wird im Hebräischen nach Num 1,1
Eine Priesterschriftliche Erzählung
In einer Neubearbeitung des Pentateuch wird das Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26
In der späten Epoche des Zweiten Tempels (im 4./3. Jh.) nimmt das Numeribuch
Literatur:
- Achenbach, R., 2003, Die Vollendung der Tora. Studien zur Redaktionsgeschichte des Numeribuches im Kontext von Hexateuch und Pentateuch (BZAR 3), Wiesbaden.
- Bührer, W., 2021, Schriftgelehrtes Murren. Schriftgelehrte Fortschreibungs- und Auslegungsprozesse in den Murrerzählungen in Exodus und Numeri (FAT 152), Tübingen.
- Frey, J., 1994, „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat…“. Zur frühjüdischen Deutung der „ehernen Schlange“ und ihrer christologischen Rezeption in Johannes 3,14f., in: M. Hengel / H. Löhr (Hgg.), Schriftauslegung im antiken Judentum und im Urchristentum (WUNT 73), Tübingen, 153–205.
- Römer, Th., 2014, Das Buch Numeri, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 135–149.
A) Exegese kompakt: Numeri 21,4-9
Übersetzung
4 Dann brachen sie auf vom Berg Hor auf dem Weg zum Schilfmeer, um das Land Edom zu umgehen. Und das Volk verlor die Geduld auf dem Wege;
5 und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: „Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt, damit wir in der Wüste sterben? Denn es gibt kein Brot und kein Wasser, und es ekelt uns vor der elenden Speise!“
6 Da sandte Jhwh die Serafim-Schlangen gegen das Volk, und sie bissen das Volk, und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose, und sie sprachen: „Wir haben gesündigt, dass wir gegen Jhwh und gegen dich geredet haben. Bete zu Jhwh, damit er uns von den Schlangen befreit!“ Und Mose betete für das Volk.
8 Und Jhwh sprach zu Mose: „Mache dir einen Serafen und befestige ihn an einer Panierstange, und jeder, der gebissen wird und ihn ansieht, wird am Leben bleiben.“
9 Da machte Mose eine Schlange aus Bronze und befestigte sie an einer Panierstange. Wenn nun die Schlangen jemanden gebissen hatten, so blickte er auf zu der Bronzeschlange und blieb am Leben.
Auslegung
(V. 4a
(V. 4b
(V. 5
(V. 6
(V. 7
(V. 8
(V. 9
Die Geschichte ist sehr ungewöhnlich. Das Bild von einer magisch-beschwörenden Macht der ehernen Schlange ist von großer symbolischer Deutungskraft, ein Sinnbild für den Glauben, dass Jhwh der Herr auch der so gefährlichen und lebensbedrohlichen Macht der Schlangen ist. So scheint die Nachricht von der Existenz einer bronzenen Schlange, genannt Nehuschtan
Nach dem Mythos vom Paradies hat der Schlang (naḥaš÷ ist masculinum, verbal nḥš zischen, zuflüstern) der Urmutter Eva verraten, dass mit dem Griff nach der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse der Mensch wie Gott sein werde und beides zu erkennen und zu unterscheiden wisse. Jedoch erweist die weitere Menschheitsgeschichte, dass der Mensch eben dieses Wissen nicht dazu nutzt, das Gute zu tun, sondern stets auf Böses sinnt und darum nicht zum ewigen Leben gelangen kann. Daraufhin beschließt Gott, den Fluch von der Menschheit zu nehmen (Gen 8,21-22
Nach christlicher Perspektive wird in der Hingabe seines Sohnes am Kreuz aller Welt sichtbar, dass Gott den Tod an sich selbst erleidet und überwindet. Er wird Mensch, auf dass das Böse des Menschen überwunden werde. Im Glauben an dieses Symbol wird ewiges Leben möglich: Menschen werden Gottes Kinder (Joh 1,12
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Ich stelle mir die Wüstenwanderung des Volkes Israel vor und die Wüste als Raum völliger Ungewissheit, in dem die Existenz auf dem Spiel steht. Es geht um Leben und Tod, Glaube und Unglaube. Die Leute wissen nicht, wie weit der Weg ist. Sie wissen nicht, ob sie je das Ziel erreichen, und wann das sein wird. Da wird ein Lebensweg mit unerfüllten Hoffnungen sichtbar, die durch lange Jahre enttäuscht werden, ein Weg, auf dem man den Lebensmut und alles Gottvertrauen endgültig verliert. Es bricht aus den Leuten heraus. In ihrer Verzweiflung machen sie Gott Vorwürfe. Er hat versagt, er ist nicht wirklich der Gott, der sie ins verheißene Land führen kann.
In der Erzählung reagiert Gott auf die Klage keineswegs harmlos. Er beschwichtigt und vertröstet die Menschen nicht, sondern lässt giftige Schlangen los, die beißen und töten. Damit zerbricht der Erzähler alle banalen Gottesbilder. Die Erwartung, Gott habe so zu sein, wie ich ihn mir wünsche, wird enttäuscht. Die Erfahrung, dem tödlichen Biss des Übels ausgeliefert zu sein, gibt nun erst recht theologisch zu denken: Wenn ein Gott mich dies erfahren lässt, dann muss ich ihn verfluchen und sterben. Oder ich muss ihm meine Wut und Verzweiflung entgegenschreien – im Gebetsschrei. Und dann ist der erste verfluchte Gedanke, dass Gott selbst die tödlichen Schlangen schickt. Gott ist tödlicher als mein eigener Tod! Aber dieser Gedanke rettet mich nicht, sondern treibt mich nur noch weiter in die Verzweiflung und in den Hass auf Gott und in die Sprachlosigkeit.
Aus dieser ‚Krankheit zum Tode‘ weist die Erzählung den Weg zur Rettung. In der Bronzeschlange ist das Unheimliche fixiert. Sie zwingt mich, das Dilemma des Bösen – der Vergiftung, der Schlange, des Todes – anzusehen! Erst dann gewinne ich mich selbst wieder, bleibe nicht Opfer, sondern stelle mich dem, was mich ängstigt. Das Böse wird gebannt in eine Anschauung, die mir hilft, meine eigene Endlichkeit zu erfassen. Sie hilft mir auch, meine Resilienz dadurch wiederzugewinnen, dass ich in Gott auch den sehe, der die Schlange, den Tod, beherrscht. So kommt es auf der Wüstenwanderung zu vertiefter Gottesbegegnung und Selbsterkenntnis. Die Hilfe in Gestalt der auf einem Stab erhöhten Schlange wird nicht unmittelbar gegeben, sondern nur denen, die zu ihr aufschauen. Die Erkenntnis, dass Gott Herr ist über Tod und Leben, erschließt sich erst auf einem Weg, der durch eine Krise hindurchführt.
2. Thematische Fokussierung
Der Text erzählt von Menschen in einer existentiellen Krisensituation, die ihre Geduld und ihren Lebensmut verlieren. Das kann ein Lebensweg sein, auf dem langgehegte Hoffnungen auf familiäres Glück oder beruflichen Erfolg enttäuscht werden. Es kann auch der Weg einer schwierigen, durch Konflikte belasteten Partnerschaft oder der Weg endlos langer Krankheit sein, auf dem man die Erfahrung macht, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Der Eindruck entsteht: Das halte ich nicht länger durch, das ist unerträglich. Verdrossenheit bis zum Lebensüberdruss macht sich breit. Was hilft, wer hilft dann, dem Unfasslichen standzuhalten, was mein Leben zu vergiften droht und mir Angst macht? Die Predigt kann Situationen beschreiben, die Menschen so erleben. Sie sollte dabei der Radikalität der Fragen, die Numeri 21
3. Theologische Aktualisierung
Numeri 21
4. Bezug zum Kirchenjahr
Am Sonntag Reminiscere wird Gott dazu aufgerufen, seiner Barmherzigkeit zu gedenken (Ps 25,6
Gott erweist sich in Num 21
5. Anregungen
Dem Sprachstil des Predigttextes entspricht am ehesten eine erzählende Predigt. Sie könnte zeigen, wie der Glaube widerstandsfähig macht, dem unfassbar Bedrohlichen standzuhalten. Denkbar ist auch eine Bildmeditation, die von der szenischen Typologie (Aufrichtung der Bronzeschlange und Kreuzigung Jesu) des Jüngeren Bibelfensters im Kölner Dom ausgeht. Eine Liedpredigt könnte evtl. den Hymnus As Moses raised the serpent up (Text von Marie J. Post, 1985, trad. englische Melodie. In: Sing to the Lord). aus der reformierten Kirche heranziehen. Das vierstrophige Lied beruht auf Joh 3,14-17
Literatur
- Gölz, R., 1975, Chorgesangbuch, Kassel.
- Nach der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder, hg. Liturgische Konferenz für die EKD (Hg.), 2018, Perikopenbuch. Nach der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder, Leipzig / Bielefeld.
- O.V., Sing to the Lord. RCNZ provisional hymnal [https://hymnal.rcnz.org.nz/Hymns
].
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Achenbach (Einführung und Exegese)
- Dr. Michael Heymel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500024
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