Epheser 4,(1-6)11-15(16) | Pfingstmontag | 20.05.2024
Einführung in den Epheserbrief
Die aktuellen Fragen, die in der Exegese des Epheserbriefs
1. Verfasser
In der Exegese herrscht große Einigkeit darüber, dass der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst wurde. Dagegen sprechen die von den authentischen Paulusbriefen abweichende eigene Sprachgestalt (z.B. die Vorliebe für überlange Sätze) sowie theologische Weiterentwicklungen, besonders in Christologie und Kosmologie (z.B. Christus, der das All zusammenfasst Eph 1,10
2. Adressaten
Der Eph ist nach 1,1
3. Entstehungsort
Was für die Adressaten gilt, gilt auch für den Entstehungsort des Schreibens. Das westliche Kleinasien ist ein Entwicklungszentrum des frühen Christentums, wie z.B. die in Offb 2f
4. Wichtige Themen
Theologie, Christologie, Kosmologie und Ekklesiologie sind wichtige Themen des Eph - und sie sind eng miteinander verbunden. Der Kosmos besteht aus zwei Räumen, Erde (4,9
Dies wird mit Hilfe verschiedener Bilder zum Ausdruck gebracht. Neben der Kirche als „Leib Christi“ wird sie auch als „Bauwerk“, in dem die Christen Wohnrecht haben, und als „Tempel“ bezeichnet (2,19-22
Deshalb ist die Ekklesiologie auch nicht, wie oft vertreten wurde, das eine, zentrale Thema des Eph. Ohne die Christologie (und die damit verbundenen soteriologischen Aussagen) wären die Aussagen über die Kirche ihrer Grundlage beraubt. Was in der Kirche erkannt, geglaubt und von ihr in die Welt getragen wird, ist nicht in erster Linie eine Lehre von der Kirche, sondern ein Bekenntnis zu Christus (vor allem 1,3-14
Der ganze zweite Hauptteil des Eph und damit die Hälfte des Schreibens befasst sich mit der Lebensführung der Adressaten. Das hat Auswirkungen auf das Verständnis der Ekklesiologie. Gerade weil die Kirche das Geheimnis Gottes als Grundlage (1,10
Dass alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, alle Menschen, alle Mächte und Gewalten, die von den Christen schon erkannte und geglaubte Erlösung in Christus ebenfalls erkennen und in das Gotteslob (1,3-14
5. Besonderheiten
Das Schreiben ist mit dem Kol eng verwandt, und zwar im Blick auf den Gesamtaufbau (Eph 1-3
Literatur:
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, KEK, Göttingen 2008.
- Lindemann, Andreas: Der Epheserbrief, ZBK NT 8, Zürich 1985.
- Gese, Michael: Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022.
A) Exegese kompakt: Epheser 4,1-16
Von dem Abschnitt Eph 4,1-16 sind als Predigttext V. 11-15 ausgewählt und V. 1-6 und V. 16 als Ergänzung ausgewiesen, V. 7-10 jedoch nicht. Aber auch diese Verse sind für das Verständnis der Predigtperikope wichtig. Ich gebe deshalb im Folgenden den gesamten Text 4,1-16 wieder.
Übersetzung
1 Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, ein Leben der Berufung entsprechend zu führen, mit der ihr berufen worden seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld, indem ihr einander in Liebe ertragt, 3 indem ihr euch eifrig darum bemüht, die Einheit des Geistes zu wahren in dem Band des Friedens: 4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid in einer Hoffnung eurer Berufung; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater aller, er über allen und durch alle und in allen ist.
7 Jedem aber von uns ist die Gnade dem Maß der Gabe Christi entsprechend gegeben worden. 8 Deshalb heißt es: Hinaufgestiegen in die Höhe hat er Gefangene gemacht, er hat den Menschen Geschenke gegeben. 9 Was aber meint „er ist hinaufgestiegen“ anderes, als dass er auch hinabgestiegen ist in die tiefen Teile der Erde? 10 Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er das All erfülle. 11 Und (eben) dieser hat er gegeben die einen als Apostel, die als Propheten, die als Evangelisten, die als Hirten und Lehrer, 12 zur Ausrüstung der Heiligen zum Werk des Dienstes, zum Aufbau des Leibes Christi, 13 bis wir alle gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Mann, zum Maß der Reife der Fülle des Christus, 14 damit wir nicht mehr Unmündige sind, von Wellen hin- und hergeworfen und umhergeweht von jedem Wind der Lehre in dem Spiel der Menschen, in Verschlagenheit zur Verführung des Irrtums, 15 sondern die Wahrheit in der Liebe sagend in allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus, 16, von dem aus der ganze Leib verbunden ist und zusammengehalten wird durch jedes unterstützende Gelenk (wörtlich: durch jedes Gelenk der Unterstützung), und entsprechend der Kraft, die jedem einzelnen Teil zugemessen ist, das Wachstum des Leibes bewirkt zum eigenen Aufbau in Liebe.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 13 εἰς ἄνδρα τέλειον: Die auffällige Wendung vom „vollkommenen Mann“ hat verschiedene Deutungen hervorgerufen (der Erwachsene; bei Philo der Mann, der die Tora hält; eine Bezeichnung für Christus), dies umso mehr, als in 2,15
V. 13 εἰς μέτρον ἡλικίας: ἡλικία kann das Lebensalter bedeuten, dann auch das Zeitalter, die Generation, schließlich die Körpergröße, die Statur. Wegen des Gegenbildes der Unmündigkeit ist das Wort hier mit „Reife“ wiedergegeben.
V. 14 πρὸς τὴν μεθοδείαν: Das Wort kommt im NT nur hier und in Eph 6,11
V. 16: ἁφή ist die Verbindung, die Sehne, σύνδεσμος das Band, die Verbindung, συμβιβάζω bedeutet zusammenbringen, zusammenhalten, ἐπιχορηγέω unterstützen und nähren. Die Worte verweisen übereinstimmend auf einen medizinischen Kontext, der durch die Leib-Metaphorik hervorgerufen ist.
2. Literarische Gestaltung
V. 11-16 sind im Griechischen ein einziger Satz und insofern typisch für den parataktischen Stil des Eph, der vielfach Partizipien verwendet und ähnlich lautende Worte wiederholt. Die Komplexität des Satzes in V. 16 hat außerdem einen literarischen Grund: Der Verfasser hat Kol 2,19
3. Literarischer Kontext
Die Abgrenzung der Predigtperikope ist problematisch. Eph 4,11-15 gehören zum größeren Abschnitts 4,1-16, der am Beginn des paränetischen Briefteils die Einigkeit im Geist als Grundlage für die folgenden Mahnungen hervorhebt (4,1-6). Dem entspricht, dass allen Christusgläubigen die Gnade „nach dem Maß der Gabe Christi“ gegeben ist (V. 7); dieser Gedanke ist in V. 16 noch einmal aufgegriffen (die Kraft, „die jedem Glied zugemessen ist“). V. 11-14 heben zwar leitende Aufgaben und ihre Bedeutung für das Wachstum der Kirche hervor; V. 15 betont aber, dass jeder Teil des Leibes an diesem Wachstum auf das Haupt hin beteiligt ist. Auf V. 1-7.16 sollte man deshalb aus exegetischen Gründen nicht verzichten. Der Satzbau unterstreicht das. Καὶ αὐτὸς V. 11 verweist zurück auf Christus und das, was in V. 9f. über ihn ausgesagt ist. Dasselbe gilt für ἐξ οὗ am Anfang von V. 16, und die Fortsetzung der Partizipien von V. 15 in V. 16. Greift man nur V. 11-15 heraus, liegt die Betonung stark auf den Ämtern und ihrer Funktion, die sie für das „Wachstum“ haben.
Auch V. 7-10 sind für das Verständnis von V. 11-16 wichtig; sie dienen als Voraussetzung, insbesondere die Aussage in V. 10, dass Christus nach seinem Sieg über Mächte und Gewalten das ganze All erfüllt. Als Herrscher über allem hat er „den Menschen Gaben gegeben“. Diese eigenwillige Interpretation von Ps 68,19f.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Nach 2,20
Die implizite Mahnung, sich nicht von jeder Lehre hin und hertreiben lassen und orientierungslos auf trügerische Machenschaften und „fake news“ von Menschen hereinzufallen, zielt auf die positive Aussage: Als Unmündige wären die Adressaten ohne Orientierung der Täuschung ausgeliefert; als solche, die sich an Christus orientieren, leben sie jedoch in der Wahrheit und der Liebe. Die Wendung „in der Liebe“ findet sich auch in 1,4
5. Theologische Perspektivierung
Der Eph spricht von der Kirche mit Hilfe verschiedener Bilder. Sie wird als Leib Christi bezeichnet (vgl. 1,22f.
In 4,11-15 sind die Vorstellungen vom Leib Christi und vom Bau miteinander verbunden (vgl. V. 12, der Leib soll erbaut werden). Zur Kirche als Leib Christi gehört die Vorstellung von der Vielfalt und Verschiedenheit der Glieder, die von Paulus (1Kor 12,12ff.
Literatur:
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, KEK, Göttingen 2008.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Aufnahme der Verse 7-10
Von nicht unerheblicher Bedeutung scheint mir, dass der Verf. des Eph. in V. 13-14
Von erheblicher Bedeutung dürfte zugleich die Akzentuierung einer konstruktiven Zugangsweise zu der vom Eph. entfalteten andersartigen bzw. fort entwickelten Ekklesiologie sein. Es sind weniger die Verweise auf den Aufbau des Leibes Christi (V. 12
Es wäre mir hilfreicher, wenn sich in der Übersetzung der „vollkommene Mann“ (V. 13
2. Thematische Fokussierung
In Aufnahme der weniger appellativen als vielmehr implizit mahnenden Haltung bzw. Forderung des Textes, sich nicht von jeder Lehre hin und hertreiben lassen und orientierungslos auf trügerische Machenschaften und „fake news“ von Menschen hereinzufallen, kann es darum gehen, das Positive gezielt auf die Neujustierung von Christen zu beziehen, die sich langsam zu Mündigen entwickeln. Ob die organisierte Kirche, so wie wir sie kennen, noch weiter bestehen wird, ist ungewiss. Von größerer Bedeutung ist, dass die Idee, die der Bildung von Kirche als Gemeinde zugrunde liegt, sich zunehmend Bottom up verwirklicht. Einzelne religiöse und nicht-religiöse Gemeinschaften bilden sich, in denen Menschen miteinander solidarisch sind: Caring Communities treten an die Stelle der hergebrachten Kirchengemeinden. Die Fürsorge, das Caring, werden ermöglicht durch die Gabe Christi, die sich „in der Liebe“ manifestiert. Die Verse 7-10
3. Theologische Aktualisierung
Der Hinweis auf den Gabecharakter lässt sich u.U. mit paulinischen Vorstellungen zur Rechtfertigung vergleichen, die er allerdings weniger differenziert als Paulus ausarbeitet und eigentümlich fort entwickelt. Wenn Christus als Herrscher über allem „den Menschen Gaben gegeben“ hat, so erscheint die Voraussetzungslosigkeit der Gnade hier in einem doppelten Sinne christologisch fortgeführt. Christi Aufstieg ermöglicht die Übereignung der Zugehörigkeit zu Gott in der Taufe, die hier nicht als solche, sondern als professionelle Zurüstung der Gläubigen durch Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer erscheint. Zugleich ist die Gabe, die den Menschen übereignet wird, Grundlage und Ermöglichung der Beziehung zu Gott.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Kirchenjahreszeitlich rahmt der Text das Pfingstfest ein, indem er einerseits Christi Aufstieg an Himmelfahrt voraussetzt, andererseits nach den Folgen fragt, die die Ausgießung des Geistes (Verteilung der Gaben durch Christus) für jedes einzelne Glied der Kirche ergibt. Die in der Gemeinde vor Ort erfahrbare Kirche basiert auf der in Christus geschaffenen Versöhnung, die sie sich selbst in der Gemeinschaft neu strukturiert. An Pfingstmontag wird deutlich, was sich aus dem Pfingstfest in das gemeinschaftliche Leben der Gläubigen dauerhaft mit hinüber nehmen lässt: Das Streben nach Einheit des Glaubens sowie die Erkenntnis des Sohnes Gottes in seinem vorgängigen Handeln (Aufstieg). Das zwischen Himmelfahrt und Pfingstmontag platzierte Bild von der an das Handeln des Auferstandenen gebundenen Kirche vermittelt eine Vision, die nicht nur den kleinen christlichen Gemeinden im großen römischen Reich eine Perspektive gibt, sondern auch das alltägliche Leben und Erleben übersteigt und ihm darin zugleich Orientierung gibt. Diese Vision könnte auch angesichts schrumpfender Gemeinden im 21. Jahrhunderts neue Hoffnung stiften, indem sie eigene Impulse vermittelt: Was fördert das „Wachstum des Leibes“?
Wenn es diesen Text nicht gäbe, so fehlte der Versuch, ein Deutungsangebot für die Übereignung des Zuspruchs Gottes ohne jede Voraussetzung zu schaffen. In der Gegenwart ist es vermutlich der Blick auf Christus, der an dieser Stelle weiterführt. So geht es nicht etwa darum, bestimmte Hierarchien, Ämter und Aufgaben voneinander abzugrenzen, oder in spezifischer Weise aufrecht zu erhalten. Die Aussage ist vielmehr: Christus selbst hat diese Ämter (und damit alles Notwendige) „gegeben“, damit alle Christen für ihren Dienst ausgerüstet und befähigt werden. Der gemeinsame Dienst zielt auf den Aufbau des Leibes (V. 12
5. Anregungen
Die Predigt sollte den Versuch unternehmen, sich den Folgen der Botschaft des Pfingstereignisses zu widmen. Die durch Christi Auf- und Abstieg ermöglichte Hinwendung zum Nächsten ist im Gabecharakter seines Geschenks verdichtet. Zugleich wird davor gewarnt, die Gemeinschaft zu leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Vor diesem Hintergrund bietet sich in der Predigt die Perspektive eines Zeugnis ablegenden Geschichtenerzählers an. Der Prediger entfaltet im Durchgang durch Auf- und Abstieg die christologische Rahmung von Pfingsten (seit der Himmelfahrt) narrativ. Es liegt nahe, in einer Predigt zu ergründen, wie der Verf. des Epheser von der Zugehörigkeit zur Kirche in Folge der Gemeindewerdung durch den Heiligen Geist erzählt, und sich zu fragen, ob und wenn ja, welche Funktion der Heilige Geist für uns heute übernimmt. Dabei wird von dem Heiligen Geist auch metaphorisch zu reden sein. Zugleich ist darauf hinzuweisen, dass die Berufung auf den Heiligen Geist nicht von der eigenen Verantwortung dispensiert. Charismatische Fundamentalismen wären entsprechend in Frage zu stellen. Das eigene Handeln respondiert vielmehr auf den Gabecharakter des Geschenks. Es bringt die Zugehörigkeit zur Gemeinde durch den Einsatz für Andere zum Ausdruck.
Was fördert das Wachstum des Leibes? Welche Initiativen gibt es in meinem Umfeld, die meine Gemeinde verändern können? Welche Aktivitäten von kirchennahen oder kirchenfernen Personen fallen mir ein, die ich in meiner Predigt als mögliche Folgen des Pfingstereignisses aufgreifen kann?
Autoren
- Prof. Dr. Peter Müller (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
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