Matthäus 27,33-54 | Karfreitag | 29.03.2024
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 27,33-54
Wie in einem von Gott Verlassenen Gott erkannt wird
Übersetzung
33 Nachdem sie an den Ort namens Golgotha gekommen waren, das ist (übersetzt) „Schädelplatz“, 34 gaben sie ihm Wein mit Galle vermischt zu trinken. Aber als er gekostet hatte, wollte er nicht trinken. 35 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie die Würfel warfen. 36 Herumsitzend bewachten sie ihn dort. 37 Und sie brachten oberhalb seines Kopfes die schriftliche Anklage gegen ihn an: „Dieser ist Jesus, der König der Juden.“
38 Danach kreuzigten sie mit ihm zwei Aufständische, einer zur Rechten und einen zur Linken. 39 Die, die vorübergingen, lästerten ihn, indem sie ihre Köpfe bewegten 40 und sagten: „Du, der du den Tempel abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst, wenn du der Sohn Gottes bist! [Los], komm herunter vom Kreuz! 41 In derselben Weise spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten indem sie sagten: 42 „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Ist er der/ein König Israels, so steige er nun herab vom Kreuz und wir werden an ihn glauben. 43 Er hat auf Gott vertraut, der soll nun zur Rettung kommen, wenn er ihn will. Denn er hat gesagt: „Gottes Sohn bin ich.“ 44 Gleichermaßen schmähten ihn auch die Aufständischen, die mit ihm gekreuzigt worden waren.
45 Von der sechsten Stunde an geschah eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Um die neunte Stunde schrie Jesus auf mit lauter Stimme, rufend: „Eli, eli, lema sabachthani“, das ist (übersetzt): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ 47 Einige aber der dort Stehenden, als sie es hörten, sagten: „Den Elia ruft dieser.“ 48 Und sofort rannte einer von ihnen los und nahm einen Schwamm, gefüllt mit Essig, und steckte ihn auf einen Rohrstab. Damit tränkte er ihn. 49 Aber die Übrigen sagten: „Lass es, wir wollen sehen, ob Elia kommt, damit er ihn rette“. 50 Aber Jesus, nachdem er noch einmal mit lauter Stimme geschrien hatte, gab den Atem auf.
51 Und siehe! Der Vorhang des Tempels wurde zerrissen von oben her bis unten in zwei (Teile) und die Erde wurde erschüttert und die Felsen wurden zerrissen (gespalten) 52 und die Grabstätten wurden geöffnet und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt 53 und – nachdem sie aus den Gräbern herausgegangen waren nach seiner Auferweckung – gingen hinein in die Heilige Stadt und wurden vielen sichtbar gemacht. 54 Aber der Hundertschaftsführer (Centurio) und die, die mit ihm Jesus bewachten, als sie das Erdbeben und die Ereignisse sahen, wurden mächtig von Furcht gepackt, sagend: „Wahrlich, (eines) Gottes Sohn war dieser.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 33: Die Ortsangabe Golgotha
οἶνον μετὰ χολῆς „Wein mit Galle“ – für dieses Paar gibt es keine atl. Parallele, vgl. aber Ps 69[68LXX],22
V. 35: Ob Jesus nackt war, ist aus den Texten nicht zweifelsfrei ersichtlich. Nach römischer Praxis wurden Delinquenten nackt gekreuzigt; auch das jüdische Strafrecht der Mischna
V. 38: Das Hauptverb ist hier (im Unterschied zu den voranstehenden und nachfolgenden Hauptverben) im Präsens: „Zwei ›Räuber‹ werden daraufhin mit ihm gekreuzigt.“ Dieses sog. „historische Präsens“ dient zum einen der Verlebendigung der Erzählung, kann aber auch einen Orts- oder Perspektivwechsel andeuten und dient dann als Aufmerksamkeitssignal. λῃστής meint hier keinen Räuber oder Verbrecher, sondern einen politisch motivierten Aufständischen, der sich gegen die römische Herrschaft erhob. Historisch ist damit ein Anhänger einer der Aufstandsgruppen (Zeloten) gemeint, die mit einem religiös-politischen Programm gegen die römische Herrschaft agierten (Josephus, Jüdischer Krieg II 118). Die Bezeichnung „König der Juden“ identifiziert Jesus aus römischer Perspektive mit dieser Aufstandsbewegung.
V. 42f.: Der Ausdruck καὶ πιστεύσομεν ἐπ᾿ αὐτόν könnte auch übersetzt werden mit: „und wir werden auf ihn vertrauen“ (so z.B. Alkier/Paulsen, 151). Allerdings ist in V. 43 im Zitat aus Ps 22,9
V. 45: Von der sechsten bis zur neunten Stunde (vgl. die 3-mal 3-stündige Passionschronologie in Mk 15,25
Diskutiert wird, ob σκότος (Finsternis) eine totale Finsternis „auf der ganzen Erde“ oder „im ganzen Land“ meint. Für beide Bedeutungen lassen sich Beispiele bei Mt finden. M.E. liegt „Land“ näher, da der ganze Passionsbericht (trotz seiner universalen Dimension) ein konkret lokalisierbares und datierbares Geschehen ist (und atl. Beispiele ebenfalls lokal begrenzt zu denken sind: Ex 10,21
V. 47f.: Die Umstehenden verhöhnen Jesus weiter, indem sie seine Anrufung Gottes als Ruf nach Elija
V. 51–53: Der rätselhafte Text (vor allem V. 52f.), dessen Rahmen sich auch bei Mk findet (V. 51a.54 entspricht weitgehend Mk 15,38f.
Rätselhaft bleibt der erste Teil von V. 53, der sprachlich aus der Reihe fällt. Eingeleitet durch ein Partizip und dominiert von einem aktiven Verb („sie gingen hinein“) werden die Vorgänge zwischen dem Auferwecktwerden und dem Sichtbarwerden verdeutlicht: Nach der Auferstehung Jesu gehen sie aus den Gräbern, die außerhalb der Stadt zu denken sind, in die „Heilige Stadt“, um dort vielen zu erscheinen. Entscheidend ist, dass für das Mt der Tod Jesu unmittelbare Auswirkungen auf die verstorbenen Gerechten hat, auch wenn die Sichtbarkeit ihrer Auferstehung erst eine Folge der Auferweckung Jesu ist.
2. Literarische Gestalt und Kontext
Die Perikope umfasst den Kreuzigungsbericht von der Ankunft des Hinrichtungskommandos bis zu Jesu Tod und den damit verbundenen Zeichen. Vorausgegangen ist das Verhör vor Pilatus, die Verspottung als „König der Juden“ durch die Soldaten (27,29
3. Historische Einordnung
Die Kreuzigung Jesu ist der Fixpunkt seiner Biografie und wird historisch nicht bestritten (falls doch, wie etwa im Islam, vgl. Sure 4:157, sind die Gründe dogmatischer Art). Auch einzelne Details, wie die Kreuzigung zusammen mit anderen, die Verabreichung eines betäubenden Getränks oder die Tafel mit der Begründung für das Todesurteil, gelten als historisch plausibel (vgl. Herzer, Pilatus).
Historisch weniger gewiss sind die mit einem Schriftzitat verbundenen Vorgänge (das Verteilen der Kleider, Ps 22,19
Die das Geschehen begleitenden Epiphanie-Indikatoren (Finsternis, Erdbeben, Furcht) und die eine apokalyptische Zeitenwende ankündigenden Totenerweckungen (V. 52f.) stellt Mt als wahrnehmbare Erfahrungen dar, die in das abschließende Bekenntnis der Soldaten in Bezug auf Jesus münden (V. 54). Dabei interessiert es Mt nicht, dass die Soldaten beim Tod Jesu weder das Zerreißen des Tempelvorhangs noch das Hervorgehen der Auferweckten aus den Gräbern am Ostermorgen (V. 52f.) gesehen haben können. Hervorgehoben wird nur das Erdbeben und die damit verbundenen Geschehnisse. Da die Reaktion der Soldaten Furcht ist (als typisch biblische Reaktion auf eine Epiphanie Gottes), sind vor allem die Motive der Finsternis und des Bebens im Blick. Entscheidend ist also nicht eine historisierende Erklärung, sondern die Vermittlung, dass der Tod Jesu ein umstürzendes Ereignis ist, das die bestehende Weltordnung des Todes im wahrsten Sinn des Wortes aufbricht.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die Vielzahl der in diesem Text präsenten Motive sind zusammengehalten durch die dreimalige Erwähnung von „Sohn Gottes“: in V. 40 als indirekte Frage, in V. 43 als Jesus zugeschriebene Aussage und die abschließende Erkenntnis V. 54. Für Mt bestätigen sich in Jesu Tod die über ihn gemachten Aussagen: der Nachkomme Davids und rechtmäßige König von Israel (2,2
5. Theologische Perspektivierung
Die Passionsgeschichte von Mt bietet eine doppelte Perspektive: Da ist das Grauen der Schädelstätte, das Angenageltwerden, das den Blicken und dem Spott Ausgesetztsein am Kreuz, die Verlassenheit des Beters, der letzte verzweifelte Schrei in unnatürlicher Finsternis, ein Erdbeben und wiederbelebte Tote, die aus ihren Grabhöhlen hervorkommen; eher Gruselgeschichte als Evangelium. Gott erscheint nur als Abwesender anwesend. Dennoch hat dieser Bericht nichts von einer Zombie-Geschichte. Denn diese Nahaufnahme ist eingebettet in eine zweite Perspektive, die das Evangelium als Ganzes und durch die atl. Zitate die biblische Traditionsgeschichte im Blick hat. Aus dieser wird deutlich, dass Jesu Tod am Kreuz nicht der besonders grausame Tod irgendeines Märtyrers ist, sondern der einzigartige Tod einer einzigartigen Person (die zwei Mitgekreuzigten dienen auch dazu, die Besonderheit von Jesus hervorzuheben: er ist nicht ein Opfer unter vielen). Es ist der Tod des Gottessohnes, des Immanuel
Literatur
- Alkier, Stefan / Paulsen, Thomas: Die Evangelien nach Markus und Matthäus. Neu übersetzt und mit Überlegungen zur Sprache des Neuen Testaments, zur Gattung der Evangelien und zur intertextuellen Schreibweise sowie mit einem Glossar, Frankfurter Neues Testament 2, Paderborn 2021.
- Euler, Alida C.: Drinking Gall and Vinegar. Psalm 69:22: An Underestimated Intertext in Matt 27:34, 48, ZNW 112 (2021), 130–140.
- Herzer, Jens, Pontius Pilatus. Henker und Heiliger, BG 32, Leipzig 2020
- Herzer, Jens, Auferstehung und Weltende als Rätsel? Zur Funktion und Bedeutung von Mt 27,51b–53 im Kontext der matthäischen Jesuserzählung, in: Evangelium ecclesiasticum: Matthäus und die Gestalt der Kirche (Festschrift Christoph Kähler), hg. von C. Böttrich u. a., Frankfurt 2009, 115–144.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Wir gehen davon aus, dass dem Verfasser Mk, Q und Sondergut vorlag. Was also wollte der Verfasser des MtEv seiner Leserschaft über die Passion Jesu Christi im Besonderen mitteilen? Zwei Merkmale erscheinen mir durch die Exegese wesentlich:
Um deinetwillen trage ich Schmach
Indem der Verfasser mit der Erwähnung von Galle in V. 34 auf Psalm 69
Schrifterfüllung
Schon in Mt 26,54
2. Thematische Fokussierung
Es bietet sich an, die Dynamik der Zeuginnen und Zeugen am Kreuz nachzuzeichnen: Von Hochmut und bösem Spott hin zu erschütternder Epiphanie-Erfahrung. Alternativ regt Psalm 69
3. Theologische Aktualisierung
Die Perikope gibt Anlass, über Formen der Gotteserkenntnis nachzudenken. Brauchen wir eine Sonnenfinsternis, ein Erdbeben, unerklärliche physikalische Vorgänge wie das plötzliche Zerreißen des Vorhangs im Allerheiligsten, um glauben zu können wie der Hauptmann? Müssen Gebeine aus den Gräbern aufstehen und in die Heilige Stadt laufen? Müssen wir den Auferstandenen sehen, wie es von den Jüngern bezeugt wird? Oder vertrauen wir dem biblischen Zeugnis? Haben wir als Hörende des biblisches Zeugnisses Anteil am Heil, wenn wir uns, mit Bonhoeffer gesprochen, in die „heilige Geschichte Gottes auf Erden“ hineinversetzen?
Ebenso regt die Exegese eine christologische Frage an: Handelt Gott am Leidenden oder als der sich Hingebende? Wie stark kann man die Passivität des Ausgeliefertseins kontrastieren mit der Aktivität göttlichen Eingreifens nach dem Tod des Gekreuzigten?
4. Bezug zum Kirchenjahr
Für mich als Gemeindemitglied war die wesentliche Karfreitags-Erfahrung immer das Hören der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in einer Kirche. Der Gottesdienstbesuch trat demgegenüber zurück. Die musikalische Dramatik nimmt Einfluss auf meine Vorstellung der Gottesdienstgestaltung.
Es bietet sich an, Karfreitag als zentralen Gedenkgottesdienst zur Todesstunde zu inszenieren. Das Lesen eines synoptischen Passionsberichts mit der darin geschilderten Leiderfahrung gehört dann wesentlich dazu. Wer an Karfreitag Abendmahl feiert, erinnert an die Vorstellung vom Lamm Gottes. Im Gedanken des Sühnopfers bzw. dem der freiwilligen Hingabe des Gottessohnes wird bereits auf das Kerygma verwiesen. Das tut auch der Verfasser des Mt, indem er in V. 53 die Auferstehung antizipiert. Die Feier des Abendmahls oder eines Agape-Mahls an Gründonnerstag betont hingegen den Charakter eines Erinnerungsmahls, auf das dann die dramatischen Ereignisse an Karfreitag folgen.
Neben Psalm 22
Es ist ein starkes Angebot für Gottesdienstbesuchende, der Inszenierung von dem tiefen Tal des Todes hin zum Licht am Ostermorgen zu folgen. Diese existenzielle Erfahrung kann die Gemeinde alljährlich von Karfreitag bis Ostersonntag einüben. Dann ist es wichtig, nicht vorausschauend, wissend oder kerygmatisch zu predigen, „das Licht“ also nicht vorwegzunehmen, sondern ganz mitzugehen in die menschliche Erfahrung von Angst, Verlassen-Sein und Leid, zu der der Predigttext ja einlädt. Wenn wir nicht verleugnen, nicht weglaufen, nicht schlummern, sondern mitfühlen und mittragen, sind wir dann nicht in der Nachfolge Jesu Christi? Wir können die Warum-Frage des Klagenden nicht beantworten, aber wir können uns immer wieder aufrichten lassen vom Glauben an den, der auch im Verborgenen mit uns ist.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Esther Joas (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500030
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