Prediger 3,1-15 | Altjahrsabend | 31.12.2023
Einführung in das Predigerbuch
Das Koheletbuch
1. Verfasser
‚Kohelet‘ ist der sprachlichen Form nach kein Name, sondern eine Funktionsbezeichnung, die mit dem hebräischen Begriff für Gemeinde oder Versammlung (qāhāl) zusammenhängt. Man kann ‚Kohelet‘ daher als Versammlungsleiter verstehen. Innerhalb des Buches oszilliert der Begriff zwischen Funktionsbezeichnung und Name. Kohelet ist mit den Weisheitstraditionen
2. Adressaten
Das Koheletbuch richtet sich an weisheitlich gebildete Kreise, die sich mit Kohelet auf den Weg machen, offene Fragen im Umfeld des weisheitlichen Denkens zu bearbeiten. Gibt es etwas Neues unter der Sonne? Stehen Tun und Ergehen in einem Zusammenhang? Was bleibt dem Menschen bei aller seiner Mühe unter der Sonne? Möglicherweise liegt mit dem Koheletbuch ein Lehrwerk für den Unterricht vor, der auf die weisheitliche Grundausbildung folgte. Innerhalb dieses Lehrwerkes wird das bisher Gelernte problematisiert. Damit werden Leserinnen und Leser des Buches zum eigenen Nachdenken angeregt und ermutigt.
3. Entstehungsort
Eine Reihe von Bezügen auf Jerusalem
4. Wichtige Themen
Das Koheletbuch verbindet hermeneutische Tiefenreflexionen über die Möglichkeiten menschlichen Erkennens mit ethischen Überlegungen über das Tun des Menschen in den konkreten Konstellationen des Lebens. Dass es nichts Neues unter der Sonne gebe, ist für Kohelet dabei wohl eine tröstende Botschaft angesichts aufkommender Erwartungen eines katastrophalen Weltuntergangsgeschehens, das nach Kohelet nicht zu erwarten ist, weil die Erde seiner Überzeugung nach fest steht. Dass aufgrund weisheitlicher Anstrengungen das Werk Gottes aber keineswegs von Anfang bis Ende erfasst werden kann, gehört ebenso zu Kohelets Einsichten wie seine Beobachtung, dass das Tun des Menschen und sein Ergehen in keinem korrespondierenden Verhältnis stehen, sondern dass es dem Frevler gut und dem Gerechten schlecht gehen kann und dass am Ende auf beide dasselbe zukommt, dem sich keiner entziehen kann. Weil es keinen bleibenden Gewinn für den Menschen gibt und er am Ende auf den Tod zugeht, ist der Mensch allerdings gut beraten, das Leben in seiner Gegenwart zu einem gelingenden Zeitraum zu machen und nicht nur zu essen, zu trinken und es sich gut gehen zu lassen, sondern sich auch der Einsicht in die eigenen Grenzen zu stellen und gerade aufgrund dieser Einsicht eine gewisse Gelassenheit als Haltung zu entwickeln, mit der den Unwägbarkeiten des Lebens begegnet werden kann. Dass die Freude am Leben eine Gabe Gottes ist, steht für Kohelet fest – wie Kohelet ohnehin von einer beeindruckenden Gottesgewissheit herkommt, die seinem Denken den tieferen Grund gibt.
5. Besonderheiten
Innerhalb der Hebräischen Bibel ist das Koheletbuch diejenige Schrift, die sich am ehesten dem annähert, was man als Autorenliteratur bezeichnen kann. Der Verfasser tritt hier als Ich-Sprecher entgegen und weist die im Buch vorliegenden Betrachtungen der Wirklichkeit als seine Sicht auf die Dinge aus.
Neben dem Hohelied ist das Koheletbuch die biblische Schrift, innerhalb derer am konsequentesten zur Freude
Literatur:
- Krüger, T., 2000, Kohelet (Prediger) (BKAT XIX Sonderband), Neukirchen-Vluyn
- Schwienhorst-Schönberger, L., 2004, Kohelet (HThKAT), Freiburg i. Br. u.a.
- Schellenberg, A., 2013, Kohelet (ZBK.AT 17), Zürich
- Saur, M., 2023, Gelassenheit. Eine Auslegung des Koheletbuches, Berlin/Boston
A) Exegese kompakt: Prediger 3,1-15
Zeitfragen – zwischen Ahnung und Erkenntnis.
Übersetzung
1 Für alles gibt es einen Zeitpunkt (זְמָן)
und eine Zeit (עֵת) für jede Angelegenheit (חֵפֶץ) unter dem Himmel (תַּחַת הַשָּׁמָיִם).
2 Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben,
Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreißen des Gepflanzten,
3 Zeit zum Töten und Zeit zum Heilen,
Zeit zum Einreißen und Zeit zum Aufbauen,
4 Zeit zum Weinen und Zeit zum Lachen,
Zeit des Klagens und Zeit des Tanzens,
5 Zeit, Steine zu werfen, und Zeit des Steine Sammelns,
Zeit, sich zu umarmen, und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
6 Zeit zum Suchen und Zeit zum verloren gehen lassen,
Zeit zum Bewahren und Zeit zum Wegwerfen,
7 Zeit zum Zerreißen und Zeit zum Nähen,
Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden,
8 Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen,
Zeit des Krieges und Zeit des Friedens.
9 Welchen Gewinn hat derjenige, der etwas tut, davon, dass er sich abmüht?
10 Ich sah das Geschäft (ָעִנְיָן), das Gott den Menschen gegeben hat, um sich damit abzumühen.
11 Alles hat er schön (יָפֶה) gemacht zu seiner Zeit.
Auch die ferne Zeit (הָעֹלָם) hat er in ihr Herz gegeben, ohne dass der Mensch das Werk, das Gott getan hat, von Anfang bis Ende herausfinden könnte.
12 Ich erkannte, dass es nichts Gutes unter ihnen gibt,
als sich zu freuen und Gutes zu tun in seinem Leben.
13 Und auch jeder Mensch, der isst und trinkt und Gutes genießt bei aller seiner Mühe (בְּכָל־עֲמָלֹו) – eine Gabe Gottes ist es.
14 Ich erkannte, dass alles, was Gott macht, für immer sein wird. Ihm ist nichts hinzuzufügen, und von ihm ist nichts wegzunehmen.
Und Gott hat es so gemacht, dass man sich vor ihm fürchte.
15 Was einmal geschah, ist längst wieder geschehen, und was geschehen wird, ist längst schon geschehen.
Gott aber sucht (יְבַקֵּשׁ) das Entschwundene (נִרְדָּף).
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Die beiden hebräischen Zeitbegriffe עֵת und זְמָן stehen in V. 1
In Koh 3,11
Das Partizip נִרְדָּף in Koh 3,15
2. Literarische Gestalt und Kontext
Der vorliegende Text besteht aus zwei Teilen: Koh 3,1–9
Koh 3,1–9
3. Historische Einordnung
Koh 3,1–15
Die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis werden nicht nur im Koheletbuch, sondern auch im Hiobbuch
4. Schwerpunkte der Interpretation
V. 1
Nach V. 10
In V. 12-13
V. 14
Unter Rückgriff auf Gedanken aus Koh 1,3-11
5. Theologische Perspektivierung
Die Eigendynamik von Koh 3,2-8
Koh 3,10-15
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese begleitet einen Weg, der nahe an die homiletische Situation des Altjahresabends heranführt. Weisheitliche Texte, zu denen das Koheletbuch gehört, suchen aus gesammelten Erfahrungen Schlüsse zu ziehen. Sie sind damit in einer Entsprechung zu der Situation, in der sich Predigende und Gemeinde am Altjahresabend befinden. Diese haben das vergangene Jahr über unterschiedlichste Erfahrungen gesammelt. Am Altjahresabend, der das vergangene Jahr in den Blick nimmt, stellt sich die Frage nach deren Wahrnehmung und Deutung. Als Versuch einer Wahrnehmung und Deutung der eigenen Lebens- und Welterfahrung lässt sich auch das Koheletbuch lesen. So weisen das Anliegen der Textgattung und die homiletische Situation einige Entsprechungen auf.
Aus der Exegese lässt sich weiterhin lernen, dass es sich bei Kohelet verglichen mit anderen biblischen Büchern am ehesten um Autorenliteratur handelt. Es tritt also ein relativ greifbares Autoren-Ich gegenüber, das den Rezipierenden durch den Text gegenüber oder an die Seite tritt. Zudem zeigt die Exegese auf, dass es sich bei dem Perikopentext mit Koh 3,1-9
2. Thematische Fokussierung
Vor allem das Zeitgedicht in Koh 3,1-9
Auf diese Grundsituation kann eine Predigt aufbauen. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Umgang mit dieser Weltwahrnehmung. Die Exegese zeigt auf, dass Kohelet nicht in Indifferenz und Nihilismus kippt, was durchaus eine Möglichkeit wäre. Sondern basierend auf der Beschreibung all dessen unter der Sonne im Zeitgedicht Koh 3,1-9
3. Theologische Aktualisierung
Der Text entwirft eine Situation, in die sich die Hörenden der Predigt eintragen können. Lachen und Weinen, Klagen und Tanzen, Lieben und Hassen, Krieg und Frieden prägten auf die ein oder andere Weise auch das vergangene Jahr der Predigthörenden. So bietet der Text einen guten Ansatzpunkt mit den Hörenden auch heute „über ihr Leben“ und davon ausgehend über Gott zu sprechen.
Mit Blick auf sehr leidvolle Erfahrungen – Stichworte: Tod, Weinen, Krieg, Hass – weist der Text aber auch potentielle Fallstricke auf. So kann die Einordnung, dass „alles seine Zeit“ hat, zynisch und kalt wirken. Hier wird darauf zu achten sein, dass die seelsorgliche Dimension der Predigt nicht aus dem Blick gerät. Für eine explizite Thematisierung dieser besonders am Altjahresabend, nach den emotional intensiven Weihnachtsfeiertagen, wichtigen Dimension können Ansatzpunkte die Unergründlichkeit Gottes und des Lebens sein, die in V. 11
4. Bezug zum Kirchenjahr
Ein Text wie Koh 3,1-15
5. Anregungen
Der Text ist für verschiedene Sprachstile und Redegattungen offen. Zum Beispiel sind narrative Elemente, welche die benannten Erfahrungen im Zeitgedicht Koh 3,1-9
Gleichzeit bietet sich der Text für einen eher meditativen Predigtstil an. Schon das Zeitgedicht selbst lässt sich als eine Meditation lesen, um deren Schlussfolgerungen das Autoren-Ich in V. 10-15
Die Sprecherrolle des/der Predigenden kann dabei ganz unterschiedlich sein und auch variieren: vom Ich Kohelets, oder einem Gegenüber, das mit dessen Text hadert, über das Ich einer von den benannten Lebensereignissen betroffenen Person hin zu einer Sprecherrolle als Meditationsanleitung.
Autoren
- Prof. Dr. Markus Saur (Einführung und Exegese)
- Dr. Andreas Stahl (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500010
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