Hellenistisches Judentum
Andere Schreibweise: Hellenistic Judaism (engl.); Ἑλληνιστής, hellēnistēs, „Hellenist”
(erstellt: Oktober 2024)
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Das „hellenistische Judentum“ fasziniert bis heute – vielleicht, weil die multikulturellen Anklänge so modern wirken. Seit Alexander dem Großen bildete sich im östlichen Mittelmeerraum ein bunter Mix aus griechischer Kultur und lokalen Traditionen heraus, in den das Judentum, also die Strömung der Verehrung des Gottes Israels, die die Kultzentralisation des Jerusalemer Tempels propagiert, eingebettet war. Die verbindende griechische Sprache und der alle Nationen miteinander vereinende Kulturraum führten zu einer Universalisierung jüdischen Lebens – aber auch zu neuer Identitätssuche und Abgrenzungstendenzen. Die Herausforderungen, jüdische Bräuche an ein nichtjüdisch-hellenistisches Publikum zu vermitteln – oder aber innerhalb dieser Mischkultur weiterhin ein eigenständiges jüdisches Profil zu bewahren –, wurden zum Mutterboden frühjüdischer Theologie. In diesen innovativen religiösen Entwicklungen konnte sich schließlich auch das spätere Christentum entwickeln, das Aspekte hellenistisch-jüdischer Identität weiterführte.
1. Hellenismus
1.1. „Hellenismus“ als Epochenbezeichnung
Als Epochenbezeichnung wurde der Begriff „Hellenismus“ vom deutschen Historiker J. G. Droysen (1808−1884) geprägt und meint heute die Synthese griechischer und orientalischer Kultur vom Regierungsantritt Alexanders des Großen 336 v. Chr. bis zum Tod Kleopatras 30 v. Chr. (durch den die Römer nach der Schlacht bei Actium 31 v. Chr. auch im letzten Diadochenreich Ägypten die Herrschaft übernahmen; Gehrke 2008, 2010). Diese Abgrenzung ist allerdings nur politisch sinnvoll, da der kulturgeschichtliche Einfluss des Hellenismus auch unter römischer Herrschaft im Ostteil des Reiches bestehen blieb. Manche Forscher dehnen deswegen den Hellenismus bis zum Tod Kaiser Hadrians im Jahr 138 n. Chr. aus (Chaniotis), denn der Philhellene hatte die Griechen voll in das römische Reich integriert. Im Blick auf das „hellenistische Judentum“ ist diese Definition stimmig, da Hadrian nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstands 135 n. Chr. Jerusalem zur colonia Aelia Capitolina umgestalten ließ. Das „hellenistische Judentum“ deckt sich also weitgehend mit der Epoche des „Frühjudentums“, welche sich von Beginn der Hellenisierung bis zur Abfassung der Mischna erstreckt (336 v.−200 n. Chr.; Tiwald 2022).
1.2. „Hellenismus“ als kulturelles Phänomen
Der Begriff Ἑλληνισμός Hellēnismos leitet sich vom griechischen Ἕλλην Hellēn „Grieche“ und ἑλληνίζειν hellenizein „griechisch sprechen“ ab. Strabon, Geografika XIV 2,28, spricht von „Barbaren (βάρβαροι barbaroi), die in den Hellenismus eingeführt wurden (εἰσαγόμενοι εἰς τὸν ἑλληνισμόν eisagomenoi eis ton hellēnismon) und sich [in der griechischen Sprache] nicht gut ausdrücken können“. Neben der Sprache war also auch die Einführung in die hellenistische Kultur Bestandteil des Hellenismus. Das zeigt sich auch im ersten historisch fassbaren Beleg für Hellenismos im 2. Makkabäerbuch (verfasst unter Johannes Hyrkanos 135−104 v. Chr.). Dort heißt es 4,13
2. „Hellenistisches Judentum“
Früher verstand man unter dem „hellenistischen Judentum“ zumeist das Judentum der Diaspora. Allerdings führte die neue Kultur auch in Palästina zu einer alles durchdringenden Hellenisierung (Hengel 1996). Daher ist der Ausdruck „hellenistisches Judentum“ unscharf, da das gesamte damalige Judentum hellenistisch geprägt war (Grabbe) – selbst, wenn manche Gruppierungen vehement gegen diese Kultur opponierten (ob das in derselben Weise auch für Samaritaner galt, die sich nicht als Juden, aber als Verehrer des Gottes Israels mit ihrer zentralen Kultstätte am Berg Garizim, verstanden – vgl. Alkier/Leppin 2018 – ist aufgrund mangelnder samaritanischer Quellen nicht beantwortbar). So ist das 2. Makkabäerbuch stilistisch der hellenistischen Geschichtsschreibung nahestehend und mit Polybios zu vergleichen. Allerdings versteht sich das Werk als scharfe Kritik an der hellenistischen Lebensweise der Hasmonäer (Niklas). Dort findet sich nicht nur der älteste Beleg für den Begriff Hellenismos (2Makk 4,13
2.1. Die Hellenisierung des Judentums in Palästina
Palästina befand sich 301−200 v. Chr. unter ptolemäischer, 200−135 v. Chr. unter seleukidischer Herrschaft. In dieser Zeit wurde das Koine-Griechisch (κοινή, koinē, „die Gemeinsame“) Amts- und Verwaltungssprache. Eine archäologisch gut nachweisbare Urbanisierungspolitik (Zangenberg/van de Zande; Berlin/Overman) führte zu Spannungen zwischen traditionell-ländlichem und hellenistisch-urbanem Judentum. Die Revolte der Makkabäer (166−135 v. Chr.) wurde durch antihellenistische Emotionen ausgelöst, doch entwickelten sich die Hasmonäer in der Folge selbst zu hellenistischen Herrschern, eine Tendenz, die sich unter herodianischer Herrschaft fortsetzte.
2.2. Das Judentum in der Diaspora
Der Autor von 1Makk 15,22f
3. Schriften und Autoren
3.1. Heilige Schriften
In der Zeit des Frühjudentums war der Umfang der heiligen Schriften
3.2. Septuaginta und Aristeasbrief
Ab der ersten Hälfte des 3. Jh.s v. Chr. wurde in Alexandria zunächst der Pentateuch ins Griechische übersetzt. Der um 125 n. Chr. in Alexandria entstandene Aristeasbrief rechtfertigt die Übersetzung als von Gott inspirierte Schrift und erklärt jüdische Bräuche für ein hellenistisches Publikum.
3.3. Qumranschriften
1947 wurden in der Judäischen Wüste bei Ḥirbet Qumran Schriftrollen in elf verschiedenen Höhlen gefunden, die in die Zeit vom 3. Jh. v. bis ins 1. Jh. n. Chr. datieren. Der Zusammenhang der Schriften mit der in Ḥirbet Qumran ansässigen Gruppierung ist mittlerweile weitgehend erhärtet. Die Manuskripte geben einen unschätzbaren Einblick in die Vielschichtigkeit des Frühjudentums und stellen uns mit den Qumraniten eine Gruppierung vor Augen, die in kritischer Opposition zu den Priestern des Jerusalemer Tempels stand.
3.4. Apokalyptische und pseudepigraphische Texte
Unter „Apokalyptik“ versteht man ein literarisches und theologisches Genus, in dem Gott in dualistischer Weise zwischen Gerechten und Ungerechten scheidet und die gegenwärtige Welt in katastrophenhaften Ereignissen zu einem radikalen Ende führt. Apokalyptik ist ein Krisenphänomen. Ausgelöst durch den ökonomischen, politischen oder religiösen Druck der Hellenisierungspolitik, wird eine heilvolle Zukunft nicht mehr innergeschichtlich erhofft, sondern durch einen katastrophenhaften Untergang dieser Welt und das Hereinbrechen der anderen, göttlichen Welt (Tilly 2012). Apokalyptische Literatur soll allen von Leid Bedrängten Trost und Zuversicht vermitteln, und zu Treue im eigenen Glauben ermahnen. Oft bedienen sich diese Texte der Pseudepigraphie, dem fälschlichen Reklamieren der Verfasserschaft durch eine bekannte Persönlichkeit. Allerdings sind nicht alle Pseudepigraphien auch Apokalypsen, sondern enthalten bisweilen nur apokalyptische Muster. Zu nennen wären (in Auswahl): 1. Henochbuch, ein in Palästina entstandener Text, der über den Zeitraum vom 3. Jh. v. bis 1. Jh. n. Chr. gewachsen ist und immer wieder aktualisiert wurde. Danielbuch (um 165 v. Chr. in Judäa redigiert): Die fiktive Handlung lässt den jungen Daniel im babylonischen Exil jene Zukunft apokalyptisch deuten, in der sich der Autor aktuell befindet (Antiochos IV. und die Makkabäer-Revolte). Jubiläenbuch: In der Gegenwart des Autors (um 150 v. Chr., nach dem Makkabäeraufstand) sollen durch eine Neudeutung von Gen 1
3.5. Geschichtliche und philosophische Texte
1. und 2. Makkabäerbuch: 2Makk wurde noch unter der Herrschaft von Johannes Hyrkanos (135−104 v. Chr.) abgefasst, während 1Makk 16,23f
4. Jüdische Assimilation und Segregation
Die grundlegende Frage des Frühjudentums war, wie weit man sich der hellenistischen Kultur gegenüber öffnen sollte und wie weit man die eigene Identität bewahren müsse. Aus Alexandria wissen wir aufgrund von Papyrusfunden, dass Juden in Armee und Polizei dienten (auch in Offiziersrängen), im bürokratischen Leben zu hohen Ehren aufstiegen, wirtschaftlich prosperierten und auch am sozialen Leben (etwa in den Gymnasia) partizipierten. Strabon berichtet, dass Juden in Alexandria ihre eigene Verwaltung unter Leitung eines Ethnarchen besaßen und interne Angelegenheiten selbst regelten. Auch für Herakleopolis in Ägypten wie für die Kyrenaika ist ein eigenes jüdisches Politeuma (teilautonome Organisationsstruktur ethnischer Minderheiten innerhalb einer Polis) bezeugt. Andererseits warnt das Buch Tobit, das zu Beginn des 2. Jh.s v. Chr. einen Entwurf jüdischer Identität in der Diaspora bietet, vor Mischehen und vertritt die Endogamie. Ähnlich argumentiert Joseph und Aseneth, eine im 1. Jh. n. Chr. in der ägyptischen Diaspora entstandene Novelle. Die Angst des Judentums, die eigene Identität zu verlieren und sich wie die zehn Stämme des Nordreichs durch Assimilation aufzulösen, hatte im babylonischen Exil dazu geführt, Sabbatheiligung, Beschneidung und Speisegesetze als identity markers zu betonen.
4.1. Pagane Kritik an jüdischer Segregation
Diese distinktiven Merkmale führten bei den paganen Nachbarn der Juden zu Unverständnis und Anstoß, etwa bei Tacitus, Historiae 5,5, der unterstellt, dass bei den Juden „allen anderen Menschen gegenüber feindseliger Hass hervortritt (sed adversus omnes alios hostile odium). Beim Essen, beim Schlafen halten sie auf strenge Trennung und kennen […] keinen Geschlechtsverkehr mit Frauen anderer Rassen […]. Die Beschneidung haben sie als ein besonderes Unterscheidungsmerkmal bei sich eingeführt.“ Ähnlich auch Philostratos, Apollonios 5,33: „Jene [sc. die Juden] waren schon längst abgefallen, nicht nur von den Römern, sondern von der ganzen Menschheit; denn ein Volk, das ein isoliertes Leben erfand und das keine Gemeinsamkeit des Tisches, der Trankopfer, der Gebete sowie der Rauchopfer zulässt, das steht uns ferner als Susa und Baktra und die noch weiter entfernten Inder.“ Auch Josephus, Antiquitates Iudaicae 11,212 referiert ähnliche Vorbehalte: „Er [sc. Haman, vgl. Est 3,12f
4.2. Jüdische Gesetze als stoische „Naturordnung“
Als Antwort auf solche Vorwürfe versuchte man in Alexandria, sperrige Inhalte des jüdischen Sonderrechts als in Einklang mit der Naturordnung darzustellen. Schon beim alexandrinisch-jüdischen Philosophen Aristobulos († um 160 v. Chr.; Fragmente 5,1−8/Eusebius, Praeparatio Evangelica 13,12,9−16) wird die Sabbatheiligung mit dem der Natur entsprechenden Ruhebedürfnis des Menschen gerechtfertigt und der Sabbat zum Tag der philosophischen „Erkenntnis der Wahrheit“ erhoben. Diese Tendenzen werden im Aristeasbrief (um 125 v. Chr.) und dann von Philon (ca. 20 v. Chr.–50 n. Chr.) weitergeführt. Dem Vorwurf des Müßiggangs tritt Philon entgegen, indem er die Bedeutung des Sabbats für das philosophisch-kontemplative Leben hervorhebt (De specialibus legibus 2,64; De decalogo 100f). Ähnlich wie schon Aristobulos interpretiert Philon den Sabbat universalistisch als der Natur innewohnende Gesetzmäßigkeit, der von Juden wie Heiden eingehalten werden sollte. Als „gemäß der Natur“ werden dann auch die Speisevorschriften interpretiert, etwa im Aristeasbrief 128 und 143−150. Damit übernehmen Aristobulos, der Aristeasbrief und Philon ein Argumentationsmuster der Stoa (Niehoff 2018), in welcher die Gesetze πρὸς τὸν φυσικὸν λόγον pros ton physikon logon (Aristeasbrief 143) „hinsichtlich der naturgemäßen Ordnung“ zu interpretieren sind.
4.3. Kultische Reinheitsnormen ethisch gedeutet
Analog zu dieser Argumentation begründet der Aristeasbrief 146f die jüdischen Speisevorschriften damit, dass „die verbotenen Vögel […] wild und fleischfressend sind und die übrigen mit ihrer Kraft vergewaltigen […]. Indem er [sc. der Gesetzgeber] sie unrein nannte, setzte er durch sie ein Zeichen, dass diejenigen, denen das Gesetz auferlegt ist, in ihrer Seele Gerechtigkeit üben und niemanden […] unterdrücken […], sondern ihr Leben in Gerechtigkeit führen sollen […].“ Hier wird der Schritt von der kultischen hin zur moralischen Reinheit vollzogen. Ähnlich deutet Philon, De migratione Abrahami 89−93 den Sabbat als „Symbol seelischer Freude und des Dankes an Gott“ und interpretiert die Beschneidung in dem Sinne, „dass wir alle Lust und Begierde aus uns ‚herausschneiden‘ sollen […].“ Denkt man den Ansatz Philons zu Ende, stellt sich die Frage, ob eine spirituell-moralische Gesetzesbefolgung nicht ausreichend ist und die reale Praxis von Beschneidung, Sabbatheiligung und Tempeldienst überhaupt noch nötig. Solche Positionen wurden von den extremen Allegoristen (engl. radical allegorizers; Doering; Niehoff 2017) vertreten, liberalen Juden, deren Positionen Philon in De migratione Abrahami 89 kritisiert: „Es gibt nämlich Leute, die in der Annahme, die verkündeten Gesetze seien nur Symbole von Gedachtem, letzterem (dem Gedachten) mit höherem Eifer nachgehen, erstere leichtsinnig vernachlässigen; diese muss ich wegen ihrer Leichtfertigkeit tadeln.“ Philon hält daran fest, dass auch die rituellen Vorschriften der Tora weiterhin gelten und nicht nur deren unterlegter moralischer Sinn („Symbole von Gedachtem“). Den extremen Allegoristen unterstellt er zwar „Leichtfertigkeit“ (εὐχέρεια euchereia), doch sieht er keine Handhabe, ihnen ihr Judesein abzusprechen und betrachtet sie auch nicht als Renegaten. Über die Größe dieser Gruppe lässt sich nur spekulieren, immerhin waren es so viele, dass Philon meinte, ihren Argumenten begegnen zu müssen.
4.4. Kritik liberaler Juden an Endogamie und Beschneidung
Die seit Esra und Nehemia verbotenen Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden führten zu etlichen Kontroversen, wie aus Josephus, Antiquitates Iudaicae 4,145−149 hervorgeht: Der aus Num 25,6−15
4.5. Restaurative Positionen im Frühjudentum Palästinas
Solche liberalen Ideen traten in Konflikt mit restaurativen Vorstellungen besonders im palästinischen Judentum. Archäologisch lässt sich ab der Mitte des 1. Jh.s v. Chr. die Entstehung eines „household Judaism“ (Berlin) feststellen: Im jüdischen Haushalt werden kultische Reinheitspraktiken dominant wie Ritualbäder (miqwaʼot) und für rituelle Verunreinigung unempfindliche Steinbecher. Ähnliches belegen die von Pharisäern bekannten Tendenzen, Reinheitsgebote des Tempelkults auf das privat-häusliche Leben auszudehnen. Besonders unter Agrippa I. (37−44 n. Chr.) kam es zu einem Schub an restaurativen Vorstellungen, wie Josephus, Antiquitates Iudaicae 19,331 und Mischna Sota 7,8a belegen. Gerade für Juden aus der Diaspora hatte es einen gewissen Anreiz, nach Jerusalem zurückzukehren, um dort ein torakonformes Leben zu führen. Wahrscheinlich waren Paulus vor dem Damaskuserlebnis („Pharisäer nach dem Gesetz“ Phil 3,5
5. Hellenistisches Judentum und beginnendes Christentum
5.1. Die Ἑλληνισταί Hellēnistai „Hellenisten“ in Apg 6
In Apg 6,1
5.2. Samaritanermission, beschneidungsfreie Heidenmission
Philippus wird in der Liste Apg 6,5
Literaturverzeichnis
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