Deutsche Bibelgesellschaft

Kleinasien (NT)

Andere Schreibweise: Asia Minor (NT)

(erstellt: Februar 2025)

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1. Geographische Einordnung

Weder in den Keilschriftsprachen Mesopotamiens, Syriens oder Anatoliens noch im Altägyptischen gab es einen Namen für die gesamte kleinasiatische Halbinsel. Der erste, der dezidiert den Kontinent von der Halbinsel unterschied, war der Geograph Strabon (Marek 2017). Der heute für den Kontinent gebräuchliche geographische Begriff ‚Asien‘ geht auf den altgriechischen Sprachgebrauch zurück. Das Substantiv Asie/Asia hat frühe Zeugen in der Lyrik des 7./6. Jhd. v. Chr., in der bspw. Archilochos vom ‚schafernährenden Asien‘ spricht (vgl. Fr. 227 West). Dem Namen ‚Klein-Asien‘ begegnen wir hingegen erstmals bei Claudius Ptolemaios, einem Mathematiker und Geographen des 2. Jhs. n. Chr. (Marek 2017).

Abb. 1: Karte Kleinasiens in griechisch-römischer Zeit

Die Region Kleinasien stellt sich als „kontrastreiches Relief mit schroffen klimatischen Gegensätzen“ (Marek 2017, 37) dar. Sie ist eine diverse Landmasse zwischen Ägäis, Mittelmeer und Schwarzem Meer mit sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und zeichnet sich durch gewaltige Gebirgsketten, Steppen, Hochebenen und fruchtbare Küstenstreifen aus (Brodersen 2006). Die Diversität der Halbinsel erstreckt sich dabei nicht nur auf ihre Geographie, sondern von jeher auch auf ihre Bevölkerung. Zu keiner Zeit war die Region in sich geschlossen oder wurde einheitlich regiert (Schwertheim 2011). Aufgrund seiner besonderen Lage fungierte Kleinasien sowohl für den Fernhandel als auch für zivilen sowie militärischen Verkehr als wichtiges Bindeglied zwischen Asien und Europa (Brodersen 2006) und hatte auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht eine „einzigartige Vermittlerposition […] zwischen Orient und Okzident“ (Marek 2017, 8) inne.

2. Geschichte Kleinasiens in der Antike

Grundlegend gilt, dass „ein Völker- und Kulturengemisch, Migrationen, Inbesitznahmen und Rückzüge [sowie] wechselnde Reichs- und Staatenbildungen“ (Marek 2017, 23) die gesamte Geschichte Kleinasiens durchziehen.

2.1. Bis zum Hellenismus

Relikte früher Menschen in Anatolien gehen bis in die Zeit vor 20.000 v. Chr. zurück. Sesshafte Kulturen, die mit denen der Levante vergleichbar sind, treten in Kleinasien allerdings erst zwischen ca. 8300 - 7600 v. Chr. vereinzelt in Erscheinung. Ganzjährig bewohnte Dörfer etablieren sich in größerer Zahl zwischen ca. 7600 - 5000 v. Chr. Schon für die neolithische Epoche muss von Handels- und Tauschaktivitäten in der Region ausgegangen werden. So fand bspw. Obsidian von Vulkanen Kappadokiens seinen Weg bis in die südliche Levante. Noch während des 3. Jahrtausends v. Chr. findet sich allerdings keine Erwähnung Kleinasiens in Texten des Zweistromlandes. Gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. kommt es vermutlich zu ersten Niederlassungen assyrischer Kaufleute in Anatolien. Aus dieser Zeit stammen die frühesten Dokumente aus Kleinasien, die in akkadischer Sprache sowie in Keilschrift verfasst wurden (Marek 2017).

Die Epoche der Hethiter stellt sich als Zeit dar, in der viele unterschiedliche Völker und Sprachen in Kleinasien zu finden sind. Als politische Akteure treten die Hethiter vermutlich erstmals im 18. Jhd. v. Chr. in Erscheinung. Zu einer dauerhaften Konsolidierung des Hethiterreichs kommt es jedoch erst um die Mitte des 14. Jhds. v. Chr., woraufhin es Anschluss an die damalige Welt findet und zu einem einflussreichen Partner der damaligen Großmächte wird. Gegen Ende des 13. Jhds. kommt das Hethiterreich zu einem abrupten Ende. Der Ablauf der großen Katastrophe, die zum Ende des Reiches führt, ist nicht im Detail bekannt; es wird vermutet, dass eine starke Nahrungsmittelknappheit, der Einfall der Kaskäer sowie womöglich auch innere Unruhen dazu beitragen. Bemerkenswert am hethitischen Großreich in Kleinasien ist, dass dadurch zum ersten – und für eine lange Zeit auch zum einzigen Mal – ein in Anatolien ansässiges Volk fast die gesamte kleinasiatische Halbinsel politisch dominiert und kulturell prägt (Marek 2017).

Vom 8. Jhd. v. Chr. an etablieren die Assyrer dauerhaft ihre Herrschaft über einen Teil Kleinasiens. Ab dem 11. Jhd. kommen aber auch Griechen auf die kleinasiatische Halbinsel, wobei sie sich hauptsächlich an der Meeresküsten niederlassen (Marek 2017). So kommt es, dass die den Küsten zugewandten Gebiete Kleinasiens schon früh in enger Symbiose mit der griechischen Kultur leben. Seit dem 9. Jhd. v. Chr. gibt es eine Kette von griechischen Städten an der Westküste Kleinasiens, zu der u.a. Ephesos, Milet und Priene gehören (Koch 2009). Eine Hellenisierung des Binnenlandes findet hingegen erst nach der Zeit Alexanders des Großen mit größerer Intensität statt. Im 8. Jhd. setzt die sogenannte ‚große griechische Kolonisation‘ ein, die bis ca. 500 v. Chr. andauert und von den Hafenstädten Milet und Phokaia ausgeht. Am Rande des Lyderreichs lehren, dichten, forschen und philosophieren einige der berühmtesten Geistesgrößen der frühgriechischen Literatur. Im 5./4. Jhd. v. Chr. beginnen die Anatolier, sich mehr und mehr den Griechen zuzuwenden; lykische Fürsten sprechen Griechisch, Lykier und Karer bilden nach griechischem Vorbild organisierte Gemeinwesen (Poleis) und siedeln am Mittelmeer (Marek 2017).

Ab Mitte des 6. Jhd. v. Chr. treten auch die Perser in Kleinasien in Erscheinung, wobei die Ausweitung des Perserreichs auf die kleinasiatische Halbinsel mit der Rebellion des Kyros von Anšan gegen den Meder Astyages beginnt. Unter Dareios I. wird die Perserherrschaft u.a. auf die Gebiete des heutigen Pakistan und der Kyrenaika ausgeweitet und es kommt zu Expeditionen zu den Inseln, die der kleinasiatischen Küste vorgelagert sind. 500/499 v. Chr. erheben sich die Ionier gegen die Perserherrschaft, doch nach einigen Siegen der Ionier erobern die Perser die betroffenen Städte nach und nach zurück. Dies bildet allerdings nur den Auftakt zu weit größeren Auseinandersetzungen zwischen Persern und Griechen, die schließlich 480 v. Chr. im Angriff des Dareiosnachfolgers Xerxes auf Griechenland gipfeln (Marek 2017). Das Zeitalter der Perser in Kleinasien prägt die Region nachhaltig. So schaffen die Perser „eine Administration und Infrastruktur in Kleinasien, errichten ein System der Loyalitäts- und Besitzverhältnisse, an denen man sich bis hinab in Hellenismus und Kaiserzeit orientiert“ (Marek 2017, 208). Wegweisend ist bspw. der Ausbau der sogenannten Königsstraße, die mit ihren fast 3000 km Länge von Sardeis bis nach Susa führt, allerdings nur einen Teil im weit verzweigten Routensystem des gesamten persischen Reiches darstellt. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass man nur sehr eingeschränkt von einer persischen Kultur im Kleinasien des 6. - 4. Jhd. v. Chr. sprechen kann. Lediglich die pyramidal strukturierte Landesherrschaft bzw. daraus resultierende Wirtschaftsformen leben lange in der Region fort (Marek 2017).

Durch die Feldzüge Alexanders des Großen (334 - 324 v. Chr.) wird der persischen Herrschaft in Kleinasien ein Ende gesetzt. Danach kommen immer mehr griechischsprachige Siedler in die Region und bilden neue Ortsgemeinden, die schnell zu „Gravitationszentren der Hellenisierung“ (Marek 2017, 238) werden. Nach dem Tod Alexanders gibt es zunächst eine Zweikönigslösung, doch der Tod der Nachfolger – Alexanders Bruder und Sohn – führt zu einer Phase der Instabilität. Die Kräfteverlagerungen in Kleinasien führen bald zu einer Konfrontation zwischen Antigonos und Eumenes, die um die Herrschaft ringen. Unter den Diadochen wird Kleinasien schließlich aufgeteilt, wobei auch dieser Schritt nicht für dauerhaften Frieden in der Region sorgt. So kommt es bspw. zwischen den ehemaligen Generälen Alexanders, Lysimachos und Seleukos, zum Kampf um Kleinasien, wobei Lysimachos 281 v. Chr. stirbt und sein Reich untergeht. Noch während der anschließenden Seleukidenherrschaft über Kleinasien kommt es zum Zerfall der politischen Landkarte in immer neue Aktionsfelder, wobei diverse Sonderreiche, Dynastien, usw. entstehen. Nach dem Tod von Antiochus II. Mitte des 3. Jhd. v. Chr. findet der sogenannte Laodikäerkrieg zwischen dem Ptolemaier- und dem Seleukidenreich statt. In den folgenden Jahrzehnten wird Attalos I. von Pergamon zum Verbündeten Roms (212 v. Chr.) und es kommt zum ersten Auftreten der Römer auf der kleinasiatischen Halbinsel. Ausgelöst durch die Befragung der Sibyllinischen Bücher und des Orakels von Delphi reist eine fünfköpfige Delegation nach Pergamon, um den Kult der Magna Mater von dort aus nach Rom zu bringen. Rom setzt im Laufe der Jahrzehnte das Bündnis mit den pergamenischen Königen fort; so bleiben auch Attalos II. und Attalos III. treue Verbündete Roms. Attalos III., der nach nur sechs Regierungsjahren stirbt, hinterlässt schließlich ein Testament, das die Römer als seine Erben einsetzt (vgl. Liv. Per. 58.59.) (Marek 2017).

2.2. Kleinasien unter römischer Herrschaft

Die Römer überführen das Königreich Pergamon unmittelbar nach dem Tod von Attalos III. 133 v. Chr. in die juristischen Rahmenbedingungen einer Provinz des römischen Reiches. Daraufhin kommt es zu einer Rebellion in Pergamon, die einen Bürgerkrieg auslöst, welcher erst 130 v. Chr. durch Marcus Perpena beendet werden kann (Marek 2017). Eine Provinzialisierung Kleinasiens erfolgt ab 129 v. Chr. unter dem römischen Prokonsul Manius Aquillius, wobei die Grenzen der neuen Provinz festgelegt und Fern-/Verbindungsstraßen gesichert sowie instandgesetzt werden (Thiessen 2021). Die Provinz Kleinasien (lat. Asia) ist also nicht identisch mit unserem heutigen geographischen Verständnis von Kleinasien. Sie grenzt vielmehr im Norden an Bithynien, im Osten an Phrygien bzw. Galatien und im Südosten an Lykien. Ihre Hauptstadt ist Ephesos und es gibt neun Gerichtsbezirke sowie mit dem Koinon Asias eine Provinzialversammlung (Brodersen 2006). Um 80 v. Chr. besteht ein kleinasiatisches Provinzsystem mit drei Provinzen – Asia, Lycaonia sowie Cilicia, die wiederum in Bezirke unterteilt sind (erstmals bezeugt 62 v. Chr.), welche die Römer hauptsächlich als Gerichtsbezirke nutzen. Im Laufe der Zeit werden weitere Regionen zur Provinz Asia hinzugezogen, so bspw. Großphrygien oder die Provinz Lycaonia (Marek 2017). 

Anfang des Jahres 89 v. Chr. kommt es zur Eröffnungsschlacht der sogenannten Mithradatischen Kriege, in welchen sich die Römer und der König von Pontus, Mithradates Eupator, gegenüberstehen. Zunächst ist Mithradates äußerst erfolgreich und die Römer verlieren beinahe alle Gebiete, die sie seit Beginn des 2. Jhs. v. Chr. mit diversen Feldzügen erobert haben. Dann wendet sich jedoch das Blatt; 85 v. Chr. kommt es zu einem Zusammentreffen von Mithridates und Sulla, woraufhin sich der pontische König verpflichtet, alle seit Anfang des Krieges gemachten Eroberungen in Kleinasien und Europa aufzugeben. Der Friedensschluss von Dardanos markiert das Ende seiner Herrschaft und leitet eine Neuorganisation der Provinz durch Sulla ein. Bereits kurz darauf kommt es zu zwei weiteren Mithridatischen Kriegen (83 - 81 v. Chr. sowie 73 - 63 v. Chr.), im Zuge derer der Piraterie auf kleinasiatischem Boden Einhalt geboten wird. Danach beginnt eine Epoche blühender Handelsaktivitäten, welche über die gesamte Kaiserzeit anhält (Marek 2017).

Nach dem Tod des Mithridates kommt es zu einer Neuordnung Kleinasiens durch Pompeius, wobei zwischen 67 - 63 v. Chr. die Gebietsherrschaft neu gestaltet wird und die Provinz Pontus entsteht, die mit Bithynien zur Doppelprovinz Pontus et Bithynia vereint wird (Marek 2017). Der Prozess der Romanisierung Kleinasiens wird anschließend unter Caesar vorangetrieben; u.a. legt er auf kleinasiatischem Boden römische Bürgerkolonien an (Schwertheim 2011). Einen Einschnitt in die römische Herrschaft in Kleinasien bildet die Schlacht von Aktium (31 v. Chr.); Angriffe fremder Heere gelangen zu einem Ende, fortwährende Verteilungskämpfe auf dem Kontinent kommen zur Ruhe und in den neuen und bestehenden römischen Provinzen breitet sich die Verrechtlichung der römischen Macht aus. Kleinasien erlebt nach der Schlacht von Aktium für kurze Zeit – allerdings nur mancherorts – eine Periode des Friedens (Marek 2017).

Unter Augustus, der von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. regiert, treten erhebliche Veränderungen in der Gebietsordnung Kleinasiens in Kraft und unter Vespasian (Regierungszeit 69 - 79 n. Chr.) beeinflussen drei große Annexionen und der Beginn des sogenannten ‚Anatolischen Limes‘ in Kappadokien die Entwicklung der Halbinsel nachhaltig, denn es kommt zu einem energischen Ausbau der Infrastruktur unter den Flaviern. Das flavische Kleinasien erfreut sich – auch durch eine gute Absicherung durch die Grenzheere – einer Zeit andauernden Friedens und Wohlstands. Mit dieser Epoche kommt die Provinzialisierung der Landschaften Kleinasiens im Wesentlichen zum Abschluss. Der allgemeine Wohlstand der Region steigt auch in den ersten Jahrzehnten des 2. Jhs. n. Chr. unter Nerva und Trajan weiter an und auch die über 20 Jahre andauernde Regierungszeit Hadrians (117 - 138 n. Chr.) bedeutet für Kleinasien eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität und des kulturellen Glanzes (Marek 2017).

Erst nach der Herrschaft Marc Aurels (161 - 169 n. Chr.) wird auf dem Boden Westkleinasiens wieder ein großer Krieg ausgetragen. Es kommt zu den Partherkriegen, in deren Zuge nicht nur das römische Heer durch Kleinasien marschiert, sondern auch vor und neben den Feldzügen viele Bewegungen römischer Soldaten und kaiserlicher Funktionäre auf dem Straßennetz Kleinasiens stattfinden. Ab etwa 220 n. Chr. geht das parthische Königtum unter; der Konflikt zwischen Rom und dem Partherreich geht damit zu Ende. Mitte des 3. Jhs. n. Chr. setzt eine Zeit der Krisen in den Gebieten Kleinasiens ein, wobei innere Schwächen und Einbrüche ins Reich von außen ineinander wirken (Marek 2017). Ab 250 n. Chr. wird das Gebiet bei der diokletianisch-konstantinischen Provinzreform mehrfach reorganisiert und in Teilprovinzen – Asia proconsularis, Insulae, Hellespontus, Lydia, Caria, Phrygia I (Pacatiana) sowie Phrygia II (Salutaris) – aufgespalten (Brodersen 2006).

Grundlegend gilt, dass Kleinasien zu den reichsten Gebieten des römischen Reichs gehört. Durch ein günstiges Klima und fruchtbare Ebenen gibt es reiche Ernteerträge (Elliger 1992). Dieser Reichtum der Region wird oft ausgebeutet, so bspw. durch Sulla, der die Einwohner von Asia binnen eines Jahres den gesamten Ertrag von fünf regulären Steuerjahren aufbringen lässt, weil er Geld für seine Kriegsaktivitäten benötigt (vgl. App. Mithr. 62). Das reiche städtische Leben macht Asia zu einer der wichtigsten Provinzen des römischen Reichs (Brodersen 2006). Gleich mehrere Städte auf kleinasiatischem Boden haben dabei den Status von civitates liberae inne (Ziegler 1979). Die größten Städte umfassen zwischen 100.000 - 200.000 Einwohner. Eine besonders wichtige Rolle spielt neben Pergamon auch die Stadt Ephesos, die Augustus 29 v. Chr. zum Zentrum der Provinz Asia macht (Thiessen 2021).

3. Lebenswelten in Kleinasien im 1. - 3. Jh. n. Chr.

Von besonderer Bedeutung waren die Städte, die über ganz Kleinasien verteilt zu finden waren. An ihnen zeigte sich die beeindruckende Baukunst der Antike – mit Aquädukten, Thermen, Theatern, Bibliotheken und vielem mehr – in besonderem Maße (Thiessen 2021). Metropolen wie Ephesos, Milet oder Pergamon hatten schätzungsweise bis zu 200.000 Einwohner (Marek 2017). Aber auch der landwirtschaftliche Sektor und dessen Bedeutung für die Lebenswelten Kleinasiens in der Antike dürfen nicht unterschätzt werden. Landwirtschaft dominierte in der Antike das gesamtwirtschaftliche Geschehen; das Land war die alltägliche Lebenswelt für die Mehrheit der Bevölkerung (Schuler 1998). Dabei weist kaum eine andere Region eine so reiche archäologische und epigraphische Hinterlassenschaft der antiken Landbevölkerung auf wie Kleinasien. Konkrete Landgemeinden sind allerdings oftmals nur dadurch bekannt, dass sie auf Grabinschriften als Empfänger von Grabbußen benannt werden (Schuler 1998). Grundsätzlich lassen sich mit den wichtigsten griechischen Siedlungsbegriffen – πόλις (polis, dt. Stadt) und κώμη (komä, dt. Dorf) – zwei äußerst unterschiedliche Lebenswelten beschreiben, die jedoch v.a. aus wirtschaftlichen Gründen eng miteinander verbunden waren. In der Kaiserzeit gab es in Kleinasien hauptsächlich zwei Typen von Landgemeinden: Dörfer auf Polisgebiet und Dörfer innerhalb kaiserlicher oder privater Domänen. Auch wenn die ländlichen Gemeinden wesentlich kleiner als die Poleis waren, gab es auch dort Kult- und Badegebäude, Wasserleitungen und Statuen (Schuler 1998). Wie genau sich die Beziehungen der Dorfbewohner zu den Städten darstellten, ist aus dem verfügbaren Material schwer zu bestimmen. Nachweisbar ist aber, dass sich Landgemeinden teilweise an Geldspenden für städtische Vorhaben beteiligten. So verzeichnet eine Subskriptionsliste aus Ephesos (vermutlich 1. Jhd. v. Chr.) neben individuellen Spendern auch zwei Gemeinden. Grundsätzlich zeigen die vorhandenen Quellen eine große Vielfalt an Kontakten zwischen Landgemeinden und Poleis (Schuler 1998). Unter anderem waren prominente Dorffamilien in den städtischen Eliten präsent, die Landbevölkerung nahm an Festen der Poleis teil und Dörfer und Städte stimmten sich hinsichtlich von Markttagen in der Region ab (Marek 2017). Auch das religiöse Leben in Kleinasien war äußerst divers. Im Laufe der Jahrhunderte wurden verschiedene Gottheiten verehrt, wobei es z.T. auch gravierende regionale Unterschiede gab. So lassen sich teilweise regionale Göttertypen wie bspw. die Artemis Pergai oder Artemis Ephesia nachweisen, die in einzelnen Städten bzw. Regionen verehrt wurden. Im Innern Kleinasiens verehrte man die Göttin Kybele, deren Kult im 6. Jhd. v. Chr. dann auch in die griechischen Städte an der Westküste Kleinasiens gelangte, und in Pergamon gab es sogar einen Tempel für ägyptische Gottheiten (Koch 2009).

4. Gemeinschaften in Kleinasien

4.1. Jüdische und samaritanische Gemeinschaften

Materielle Spuren für eine jüdische Präsenz in Kleinasien beginnen mit der späten hellenistischen bzw. frühen römischen Zeit. Jüdische Gemeinschaften waren dabei über große Teile Kleinasiens verteilt und wohl bereits Mitte des 1. Jhds. v. Chr. fest etabliert (Frey 2011). Für manche Städte wie bspw. Ephesos gibt es jedoch so gut wie keine epigraphischen Daten, die eine jüdische Präsenz belegen, obwohl aus der Apg (Apg 18,19-21; 19,8; 17) und den Schriften des Josephus (vgl. bspw. A.J. XIV. 223-230, 234, 262-264) und des Philo (Legat. 315) hervorgeht, dass die jüdische Gemeinschaft dort vergleichsweise groß und bedeutend war (Levinskaya 2011). Josephus berichtet auch davon, die Herrscher von Laodikeia hätten den Juden auf schriftliche Anfrage bestätigt, dass sie ihre Sabbate und andere heilige Einrichtungen beibehalten dürften (vgl. Jos. Ant 14,241f.), und beschreibt die Juden als ‚Freunde und Bundesgenossen‘ der Römer (Jos. Ant 14,247ff.). Schon deutlich früher, 2/3 n. Chr., wurde ein Edikt von Kaiser Augustus veröffentlicht, das die Rechte der Juden in der Provinz Asia bekräftigte. An allen Orten mit einer größeren jüdischen Gemeinschaft gab es mindestens eine Synagoge, wobei sich die Größe der jüdischen Gemeinschaften kaum schätzen lässt. Bei Josephus überlieferte Dekrete zeigen jedoch, dass es sich um für das städtische Leben durchaus relevante Gruppen gehandelt haben muss (Frey 2011). Juden waren in der mediterranen Gesellschaft gut integriert, aber wir wissen immer noch wenig über ihr alltägliches Leben in der Antike in Kleinasien (Levinskaya 2011). Hervorzuheben ist die Bedeutung, die den jüdischen Gemeinschaften für die Ausbreitung des Christentums zukommt. Die Entstehung und Ausbreitung des antiken Christentums wäre nicht denkbar gewesen ohne seine spezifische, wurzelhafte Einbindung in das Judentum der hellenistisch-römischen Zeit (Niebuhr 2011).

Es ist ferner davon auszugehen, dass es in der Antike auch samaritanische Gemeinschaften in Kleinasien gab, die sich dort in Folge einer erzwungenen oder freiwillig erfolgten Migration bildeten und die sich von jüdischen Gemeinschaften Israels insofern unterscheiden, als sie allein auf den Pentateuch fixiert sind und sich kultisch in besonderer Weise auf den Berg Garizim orientieren (Böhm 2018) und damit in Konkurrenz zur Kultzentralisation in Jerusalem stehen.

4.2. Frühchristliche Gemeinschaften

Kleinasien muss als eines der „Keim- und Kerngebiete des christlichen Glaubens“ (Thiessen 2021, 268) verstanden werden; das Netzwerk der Städte in Kleinasien bot den idealen geistigen Nährboden und die beste Infrastruktur für eine frühe Etablierung von schnell anwachsenden christlichen Gemeinschaften (Marek 2017). Schon für das 1. Jhd. gibt es Hinweise auf Christusverehrende und ihre Versammlungen in Kleinasien. Epigraphisches Material ist aber erst für die Zeit ab dem 2. Jhd. nachweisbar (Corsten 2017). Eine Graffito-Inschrift aus Smyrna mit den Worten κύριος (kyrios, dt. Herr) und πιστός (pistos, dt. treu), die auf die Zeit vor 125 n. Chr. datiert wird, gilt als älteste christliche Inschrift überhaupt (Thiessen 2021). Literarische Zeugen – neben diversen neutestamentlichen Schriften – für das frühchristliche Wirken in Kleinasien sind u.a. die Briefe des Ignatius an die Christen von Ephesos aus der Zeit Trajans, der Brief des Polycarp an die Philipper oder das Sendschreiben der Smyrnäer an die Gemeinde von Philamelium (Klauser 1950). Die christlichen Gemeinschaften in Kleinasien entfalteten sich in einem religiösen Milieu, das durch pagane und frühjüdische Traditionen beeinflusst war (Niebuhr 2011). Frühe Christen lebten auf der kleinasiatischen Halbinsel weitestgehend friedlich und ohne größere Konflikte mit der Mehrheitsgesellschaft; Verfolgungen von Christ*innen fanden in den Städten Kleinasiens in den ersten beiden Jhd. n. Chr. nur sporadisch statt (Marek 2017). Die frühen Christen in Kleinasien waren weitestgehend am wirtschaftlichen Leben in den Städten beteiligt, obgleich sie sich durch teilweisen Konsumverzicht auszeichneten, so z.B. in Bezug auf den Kauf von Luxuswaren und Gegenständen des Opferkults (Klein 1993). Das finanzielle Engagement der Christen war in einigen Städten wie bspw. Philippi oder Ephesos aber enorm; entsprechend sind bereits die frühen christlichen Gemeinden auch als Wirtschaftsfaktor nicht zu unterschätzen (Pilhofer 2002). Die Christenmission fand überwiegend in den Städten, aber auch in den ländlichen Regionen Kleinasiens statt. Hervorzuheben ist, dass sich die sieben Gemeinden, die in der Johannesapokalypse erwähnt werden, alle in zutiefst hellenisierten Städten befanden (Bowersock 2017). Das Frühchristentum war – so lässt sich festhalten – weitgehend eine Stadtreligion (Meeks 1983; Koch 2009). Trotzdem ist es problematisch zu behaupten, das Frühchristentum bildete sich nur in den Städten aus, denn antike Städte waren stets von einer Vielzahl an Dörfern umgeben und es gab regen Kontakt und Austausch zwischen Stadt und Land (Stegemann 1995). Entsprechend ging die frühchristliche Mission in Kleinasien zwar vermutlich von den Städten aus, setzte aber auch im Landesinnern, v.a. in Antiochia, Lystra und Derbe, schon früh ein (Koch 2009). Ein besonderes Merkmal der frühchristlichen Gemeinschaften war ihre überregionale Vernetzung (Pilhofer 2002). Organisiert waren sie hauptsächlich in Gemeinschaften in der Größe von Hauskirchen (Brox 1998), wobei es i.d.R. wöchentliche Zusammenkünfte gegeben haben dürfte. Dies bedeutete v.a. für ärmere Teilnehmer*innen zumindest eine ordentliche Mahlzeit pro Woche (Pilhofer 2002). Von ihrer Umgebung – sowohl staatlich als auch gesellschaftlich – wurden die frühchristlichen Gemeinschaften vermutlich als collegium wahrgenommen (Öhler 2002). Die Zusammensetzung der Gemeinschaften war dabei äußerst divers; frühe Christ*innen stammten aus allen sozialen Schichten. So ist bspw. Lykaonien nachweisbar, dass zu den frühen Christinnen aus dieser Region auch Frauen der Oberschicht zählten (Zimmermann 2018). Die frühchristliche Bewegung zeigte sich als „ein lebendiges Patchwork ethnischer Gruppen, Regionen und Völker des ganzen Römischen Reichs“ (Martin 2007, 260). Das Frühchristentum – sowohl als Konzept als auch als Prozess – spiegelte die geographische Diversität Kleinasiens wider (Bowersock 2017); am Beispiel des römischen Kleinasiens kann die Diversität und Polyphonie des Christentums von den Anfängen an gezeigt werden (Alkier/Leppin 2018).

4.2.1. Frauen in den frühchristlichen Gemeinschaften

Frauen waren Teil der frühchristlichen Gemeinschaften, was bspw. anhand der sogenannten „Haustafeln“ (vgl. Eph 5,22-6,9) sichtbar ist, und traten in ihnen sowohl als religiöse Multiplikatoren als auch in organisatorischer Hinsicht in Erscheinung, so bspw. Lydia aus der Gemeinde in Philippi, die in der Apostelgeschichte (Apg 16,14) erwähnt wird (Koch 2009). Ihr Haus stellte gemäß der Apg den ersten Mittelpunkt christlicher Mission auf europäischem Boden dar (Klein 1993). Eine weitere frühe Christin, die in den Schriften des Neuen Testaments Erwähnung findet, ist Phoebe aus dem korinthischen Hafen Kenchrae (vgl. Röm 16,1). Sie war wohl Überbringerin des Paulusbriefes, in welchem Iunia erwähnt wird (vgl. Röm 16,7). Vermutlich besaß sie ein Haus, Vermögen sowie gute Beziehungen, sodass sie die Tätigkeit als διάκονος (diakonos, dt. Diener(in), Diakon) ausüben konnte (Klein 1993). Bemerkenswert ist, dass Paulus sie empfiehlt; sie gehört nicht zur Grußliste, sondern ist διάκονος der Gemeinde in Kenchrae, d.h. Verantwortungsträgerin. Paulus gibt ihr auch den Titel prostatis (vom lat. prostare, dt. hervorragen) – eine Bezeichnung mit juristischem Inhalt, die den Schutz eines Patrons/einer Patronin in Form von Bürgschaften und Bereitstellung einer Lebensgrundlage bezeichnete. Es ist davon auszugehen, dass Phoebe als Überbringerin des Paulusbriefs auch eine versierte Theologin war, denn in der Antike war es üblich, dass Briefüberbringer gut über den Inhalt informiert waren und Auskunft diesbezüglich geben konnten (Venetz 2008). Hervorzuheben ist, dass sich bei Paulus noch keine Verwendung der femininen Form der Bezeichnung διάκονοςδιάκονισσα (diakonissa) – findet; dieser ist erst für das das 2. Jhd. n. Chr. belegt (Lohfink 1983). Weibliche Diakone werden in den ntl. Schriften aber mehrfach erwähnt (vgl. Röm 16,1-2; Röm 16,7; 1 Tim 3,11). Auch Inschriften aus Kilikien, Kappadokien, Galatien, Phrygien, Lykaonien, Bithynien und Lykien bezeugen die Existenz von weiblichen Diakonen in den frühchristlichen Gemeinschaften (Eisen 1996).

Dass Frauen in vielerlei Hinsicht in der Missions- und Gemeinschaftsarbeit im antiken Kleinasien aktiv waren, wird in unterschiedlichen Schriften des Neuen Testaments sichtbar (vgl. 1 Kor 15,12; Gal 4,11; 1 Thess 5,12; 1 Kor 15,16). So waren sie nach 1 Kor 11,5 bspw. aktiv als „Prophetinnen“ bzw. „Beterinnen“ an Gemeindeversammlungen und in Korinth vermutlich auch im Bereich der Lehre (didache) in der Versammlung (vgl. 1 Kor 14,26) tätig. Neben den Paulusbriefen bieten dabei auch die Apostelgeschichte und die Johannesapokalypse Hinweise auf frühchristliche Prophetinnen und frühchristliche Prophetie als gemeindliches Phänomen. So berichtet bspw. die Apostelgeschichte von der Christin Prisca, die als theologische Lehrerin des Apollos in Ephesos tätig ist (vgl. Apg 18,26) (Eisen 1996). Eine der wenigen kleinasiatischen Grabinschriften christlicher Prophetinnen, das Grabepigramm der Nanas, weist eben jene als Prophetin aus. Das Besondere an dieser Grabinschrift ist, dass sie die Wortform προφήτισσα (prophäthissa, dt. Prophetin) enthält, für die es sonst keinen Beleg in der antiken Literatur gibt. Die in der Inschrift genannten religiösen Topoi charakterisieren Nanas als prophetisch begabte Christin (Eisen 1996). Für die ersten Jahrhunderte n. Chr. finden sich diverse Zeugnisse, die die Stellung und das hohe Ansehen der Frauen in den frühchristlichen Gemeinschaften bezeugen (vgl. Justin apol. II 2; Tat. or. ad Graec. 32f.). Frauen durften, so wird anhand epigraphischer und literarischer Quellen erkennbar, im antiken Kleinasien öffentliche und kultische Ämter bekleiden, die andernorts nur von Männern besetzt waren (Witherington 2000). So schreibt bspw. auch Porphyrius in seiner Schrift „Contra Christianos“ (frag. 97 Harnack = Hieronymus, comm. in Jes 3,12) über den Einfluss von Frauen in den Gemeinden des 3. Jhd. n. Chr. und erklärt, dass sie in den frühen christlichen Gemeinschaften Herrschaft ausübten (Klein 1993). Gerade für Kleinasien, so folgert Eisen, „[…] läßt sich vielfältig die religiöse und politische Aktivität von Frauen in der Polis, in den antiken Religionen und im Judentum zeigen“ (1996, 110).

5. Kleinasien in den neutestamentlichen Schriften

Die Adressaten der neutestamentlichen Schriften sind außerhalb Palästinas zu suchen; die Schriften zielten auf die frühchristlichen Gemeinschaften im Gebiet der jüdischen Diaspora in Syrien, Kleinasien, Griechenland und Rom (Frey 2011). Gut ausgebaute Straßen und ein sicherer Seeverkehr ermöglichten frühchristlichen Missionaren eine hohe Mobilität (Koch 2009); „eine wichtige Voraussetzung [auch] der geographisch weiträumigen paulinischen Mission war die herrschaftsbedingte Raumdurchdringung der römischen imperialen Macht in der Kaiserzeit […]“ (Strecker 2013, 269). Hervorzuheben ist, dass es in kleinasiatischen Städten, so z.B. in Ephesos, vermutlich bereits vor der Ankunft des Paulus frühe Christ*innen gab (Frey 2011). Die genauen Missionswege/-reisen des Apostels lassen sich im Detail nicht verlässlich rekonstruieren; die Apg bietet zwar eine detaillierte Darstellung der Reise- und Missionsstationen des Paulus, aber ihre historische Verwertbarkeit ist nicht durchweg gesichert und auch die Unterteilung seines missionarischen Wirkens in drei große Reisen ist in der Forschung umstritten (Strecker 2013). Nach dem Apostelkonvent und dem antiochenischen Konflikt agierte Paulus in eigenständiger Mission zunächst in Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen und Korinth (vgl. Apg 15,36-18,22), danach hielt er sich längere Zeit in Ephesos auf (vgl. Apg 19,1-40), bevor er Korinth erneut aufsuchte (vgl. Apg 20,1-3a; 2Kor 2,12f.). In den Darstellungen der Missionsreisen des Paulus auf kleinasiatischem Boden lassen sich teilweise Konflikte während der Besuche in den lokalen Gemeinschaften erkennen (Kobes 1998). Synagogen dienten Paulus als primärer Ankerpunkt für seine Mission (vgl. Apg 9,20; 13,5.14; 14,1), aber es kam auch zu Predigten auf Marktplätzen, in Häusern, im Lehrsaal, im Gefängnis und an weiteren Orten, die nicht näher spezifiziert werden (Strecker 2013). Insgesamt konzentrierte Paulus seine Mission jedoch auf städtische Zentren und Provinzhauptstädte in Kleinasien (Strecker 2013). Neben bzw. nach Paulus haben wohl v.a. Philippus von Hierapolis und der ephesische Johannes eine bedeutsame Wirksamkeit in Kleinasien entfaltet (Klauser 1950).

Auch in der Johannesapokalypse wird die Region Kleinasien thematisiert; Johannes richtet sich mit seinen Sendschreiben gezielt an folgende sieben Gemeinschaften im kleinasiatischen Raum: Ephesos, Smyrna, Pergamon, Thyateira, Sardeis, Philadelpheia und Laodikeia. Den Sendschreiben lässt sich entnehmen, dass die Gemeinschaften großen Bedrängnissen von innen und außen ausgesetzt waren, wozu u.a. Irrlehrer, die in den Gemeinschaften wirkten  (Apk 2,2.14), aber auch vereinzelte Konflikte mit den örtlichen Synagogengemeinschaften zählten (Apk 2,9; 3,9).

Ebenfalls erwähnt wird Kleinasien im Ersten Petrusbrief, in dem sich Petrus dezidiert an die Diaspora in den Gebieten Pontus, Galatien, Kappadokien, Asia und Bithynien richtet. Die Gemeinschaften bestehen offenbar mehrheitlich aus Heidenchristen; sichtbar wird dies v.a. an den Verweisen des Verfassers auf die frühere heidnische Lebensführung der Gemeinschaftsmitglieder (1Petr 4,3; 1,18). Anlass für den Ersten Petrusbrief ist eine äußere Konfliktsituation, in der sich die Adressaten befinden, wobei die Christen in den kleinasiatischen Gemeinschaften scheinbar als „Übeltäter“ verleumdet werden (1Petr 2,12; 3,16; 4,4) aber auch eine Verfolgung durch lokale Behörden ist denkbar (vgl. 1Petr 4,12f.) (Bull 2018).

6. Die Bedeutung Kleinasiens für die Geschichte der Alten Kirche

Im 2. Jh. n. Chr. bilden sich Ämter und Strukturen innerhalb der frühen Kirche aus, wobei auch Kleinasien eine wichtige Rolle im Rahmen dieser Prozesse einnimmt. Ab dem Ende des 2. Jh. werden Bischofsversammlungen (Synoden bzw. Konzilien) einberufen, um allgemeine Angelegenheiten zu besprechen, Wahlen durchzuführen und Entscheidungen über Maßnahmen bspw. gegen Häretiker zu treffen (vgl. Tert Ieiun. 13,6-8). Diese Synoden sind zunächst regional beschränkt, ab Anfang des 4. Jhs. finden jedoch auch überregionale Versammlungen statt. Im Laufe des 2./3. Jhs. n. Chr. entstehen u.a. in Kleinasien die sogenannten Apostolischen Väter: nicht-kanonische Schriften, die zu ihrer Entstehungs- und Verbreitungszeit aber großes Ansehen genießen. Dazu gehören die Briefe Polykarps und das sogenannte Quadratusfragment, welches Kaiser Hadrian bei einem seiner Besuche in Kleinasien überreicht wird (Erlemann 2023). In der ersten Hälfte des 3. Jhs. können sich christliche Gemeinschaften in allen Provinzen des Römischen Reiches, so auch in Kleinasien, relativ ungestört ausbreiten. Erst im 4. Jh. kommt es zu weitreichenden Veränderungen, wobei sich die Lage des Frühchristentums von einer Phase der massiven Unterdrückung zur Erhebung des Christentums zur Staatsreligion wandelt. Von besonderer Bedeutung ist das Konzil im Jahr 325 n. Chr., das in Nicäa in Kleinasien stattfindet. Im Rahmen dieses Konzils werden – unter Aufsicht des Kaisers – für das gesamte Reich verbindlich die Frage des Ostertermines sowie die Frage nach der Trinität geklärt. Ein weiteres Konzil von zentraler Bedeutung für das Christentum und die Alte Kirche stellt das ökumenische Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 dar, bei welchem die Ergebnisse des Konzils von Nicäa bestätigt und um Aussagen über die Göttlichkeit des Geistes ergänzt werden (Erlemann 2023).

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Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Karte Kleinasiens in griechisch-römischer Zeit; Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Asia_Minor_in_the_Greco-Roman_period_-_general_map_-_regions_and_main_settlements.jpg).

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