Lukas 16,1-8(9) | Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres | 15.11.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 16,1-8(9)
Übersetzung
1 Er sagte auch zu den Jüngern: „Es war ein reicher Mann, der einen Geschäftsführer hatte. Dieser wurde bei ihm beschuldigt, dass er seinen Besitz verschleudere. 2 Da rief er ihn und sagte zu ihm: ‚Was höre ich da über dich? Leg die Schlussabrechnung vor, denn du kannst nicht länger Geschäftsführer sein!‘ 3 Der Geschäftsführer sagte nun bei sich selbst: ‚Was soll ich tun, da mein Herr mir die Geschäftsführung wegnimmt? Graben kann ich nicht, und zu betteln schäme ich mich. 4 Ich weiß, was ich tun werde, damit – wenn ich als Geschäftsführer abgesetzt werde – sie mich in ihre Häuser aufnehmen!‘ 5 Da ließ er jeden einzelnen der Schuldner seines Herrn kommen und sagte zum ersten: ‚Wie viel schuldest du meinem Herrn?‘ 6 Er sagte: ‚Hundert Fass Öl.‘ Er aber sagte zu ihm: ‚Nimm deine Schuldverschreibungen, setz dich hin und schreibe schnell fünfzig.‘ 7 Darauf sagte er einem anderen: ‚Du nun – wie viel schuldest du?‘ Der sagte: ‚Hundert Sack Korn.‘ Er sagt ihm: ‚Nimm deine Schuldverschreibungen und schreibe achtzig.‘“
8 Da lobte der Herr den ungerechten Geschäftsführer, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Weltzeit sind gegenüber ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.
9 Auch ich sage euch: „Macht euch Freunde mit Hilfe des Mammons der Ungerechtigkeit, damit – wenn es [mit euch] zu Ende geht – sie euch in die ewigen Zelte aufnehmen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Bei διασκορπίζειν „verschleudern“ ist der Hinweis von Erich Klostermann (Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 31975, 161f) bemerkenswert, der Geschäftsführer habe zwar schlecht gewirtschaftet, aber nicht betrogen, weil ihm nur Entlassung, aber nicht Bestrafung drohe – wobei ihn allerdings die Fälschung der Schuldscheine (erst dann?) auch als Betrüger zeigt.
Bei βάτος (hier mit „Fass“ übersetzt) gehen die Vermutungen von 22 bis 45 Litern aus, beim κόρος (hier „Sack“) von 220 bis 450 Litern; mit hundert multipliziert handelt es sich jedenfalls jeweils um eine große Menge.
Die Schurkenschläue des Geschäftsführers wird „klug“ genannt (φρονίμως) – der Gegenbegriff zum Toren, der sich nicht auf seine Zukunft angemessen einstellt (vgl. 12,20
Das Wort Mammon (μαμωνᾶς) bedeutet auf aramäisch „Vermögen“. Da Lukas sonst konsequent alle semitischen Fremdwörter streicht, muss die Beibehaltung des Wortes hier (zumal ohne Übersetzung und Artikel) wohl so verstanden werden, dass es für ihn fast wie eine Art Götzenname das personalisierte und so dämonisierte Kapital bezeichnet. Auch an anderen Stellen ist Besitz für Lukas nichts Neutrales, sondern der Besitzende wird besessen: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Lk 16,13
Wenn es wörtlich heißt, man solle sich Freunde aus (ἐκ) dem Mammon machen, so wird deutlich, dass der Mammon Mittel und nicht Zweck ist. Das versucht die Übersetzung durch „mit Hilfe des…“ wiederzugeben.
2. Gattung und Kontext
Nach der Gleichnistrilogie vom Verlorenen im 15. Kapitel enthält das 16. Kapitel weitere Lehren Jesu – zunächst an die Jünger gerichtet, ab V. 14 dann an die Pharisäer. Im Zentrum steht der Umgang mit Besitz. Gerahmt ist das Kapitel von zwei Bildreden (V. 1–9 und V. 19–31), wobei unsere Parabel vom ungerechten Geschäftsführer den Auftakt bildet. Der Versuch, den Anstoß der amoralischen Erzählung durch Allegorisierung zu beseitigen, ist gescheitert, wie die Geschichte ihrer Auslegung zeigt, die den reichen „Herrn“ auf Gott, den Teufel oder den Mammon deuten konnte.
3. Historische Einordnung
Die Sprache zeigt, dass die Erzählung im Kern vorlukanisch ist. Ihre Herkunft von Jesus kann nicht bewiesen werden. Andererseits spricht aber wenig dafür, dass diese Parabel erst später gebildet wurde, denn die verschiedenen Ergänzungen und nachträglichen Umdeutungen, die bis V.12 reichen, zeigen die Probleme, welche die frühen Gemeinden mit dieser Geschichte hatten, wohingegen Jesus auch an anderer Stelle durchaus vergleichbar provozierend formulieren konnte (vgl. Lk 11,5-8
4. Interpretation
Vieles ist an der Erzählung ist unklar. Das beginnt schon mit der Frage, wo sie endet: Wäre V. 7 der Schluss, dann würde Jesus als der „Herr“ in V. 8 den ungerechten Geschäftsführer loben, weil ein Wechsel des Sprechers nicht angezeigt wird. Die Bezeichnung κύριος („Herr“) wird allerdings auch innerhalb der Parabel mehrmals für den reichen Mann verwendet. Wenn aber die Parabel bis V. 8a gehen sollte, dann fragt sich, was den Reichen dazu bringt, einen ihn schädigenden Betrüger auch noch zu loben. Ferner steht die Fortsetzung der Parabel in Spannung zu dieser: Was meint die Empfehlung in V. 9, sich mit dem ungerechten Mammon Freunde zu machen, um später in die ewigen Zelte aufgenommen zu werden? Wie kann aus dieser Erzählung von einer großen Veruntreuung in V. 10–12 die Forderung zur Treue abgeleitet werden? Und warum wird der in der Parabel gelobte Geschäftsführer in V. 10–12 plötzlich zum Negativbeispiel? Diese Spannungen sind nur durch Dekomposition zu erklären, d.h. der ursprünglichen Parabel wurden verschiedene Kommentare hinzugefügt, um die anstößige Geschichte zu deuten und zu aktualisieren.
Ausgangspunkt ist eine Überprüfung des Geschäftsgebarens eines Geschäftsführers, der binnen weniger Tage von einem einflussreichen Mann zur gescheiterten Existenz zu werden droht. Da er sein Geld nicht ehrlich verdienen will (kann?) und zum Betteln zu stolz ist, korrumpiert er die Schuldner seines Herrn, die als Nutznießer seiner Skrupellosigkeit ihm verpflichtet und zugleich als Komplizen seiner Gaunerei von ihm abhängig werden. Doch der Geschäftsführer, der jetzt ausdrücklich als ungerecht bezeichnet wird, wird dafür nicht getadelt, sondern gelobt. Die meisten Ausleger argumentieren, dass kein Herr, der seine fünf Sinne beieinanderhat, so reagieren würde, und nehmen deshalb an, dass der hier kommentierende „Herr“ Jesus ist. Da der lukanische Jesus in Lk 18,6
So heißt es auch in dem wohl später hinzugefügten Wort nicht, man solle zum Freund des „Mammons der Ungerechtigkeit“ werden (der ja schon durch seine Ungerechtigkeit korrumpiert ist). Vielmehr soll man sich andere „mit Hilfe des Mammons“ zu Freunden machen, also mittels des Mammons, was nur heißen kann, dass mit dem Geld Gutes getan wird. Das soll also letztlich mit dem Prädikat „klug“ von V. 8 gemeint sein: eine ‚Geldwäsche‘ gemäß der Forderung von Lk 12,33
5. Theologische Perspektivierung
Mit dieser provozierenden Erzählung macht der lukanische Jesus deutlich, dass alles darauf ankommt, sich in der Gegenwart auf die Zukunft vorzubereiten. Durch die Hinzufügungen und den Kontext wird dies vor allem auf den Umgang mit dem Besitz zugespitzt.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Übersetzung des bekannten Begriffs des Verwalters in den heute aktuelleren des Geschäftsführers spricht mich an. Sie ermöglicht es, die Dimension des Handelns der Figur zu erfassen und vor allem dessen Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Wichtig und weiterführend für die Auslegung erscheint mir auch die Information, dass das Wort „Mammon“ für Lukas eine dezidiert kritische Komponente hat und nicht allgemein und neutral von Geld gesprochen wird. Mir erscheint die Erzählung umso eher verstehbar, je deutlicher wird, dass Lukas eine durchweg kritische Sicht auf das Geld hat. Die angedeutete Dämonisierung, die sich in dem aramäischen Wort laut des Exegeten findet, macht den Mammon und entsprechend des Umgangs mit ihm fast zu einem Machtkampf. Der Fokus rückt damit weiter weg von der im ersten Augenblick entstehenden Verwirrung, weil hier ein betrügerischer Mensch am Werk ist, hin zu einer Machtfrage zwischen Bewahren und Verderben. Zu letzterem passt auch die Aussage im letzten Vers und die damit mitschwingende Assoziation eines Endgerichts.
2. Thematische Fokussierung
Im Unterschied zur Auslegung des Exegeten möchte ich allerdings nicht in erster Linie die Frage danach stellen, wer denn jetzt der reiche Herr und wer der Geschäftsführer ist. Es geht für mich eher generell um eine existenzbedrohende Situation. Für mich ginge die Interpretation in eine schwierige Richtung, wenn das wirtschaftliche Handeln des Geschäftsführers und damit die Frage nach der moralischen Integrität in den Vordergrund gerückt würde. Die kann man ihm ja – gemessen an unserer Rechtspraxis – nur absprechen.
Aus meiner Sicht fokussiert sich die Erzählung auf den klugen Gedanken, der dem Geschäftsführer gekommen ist: sich Freunde zu machen.
Man kann diese Art der Freundschaft – heute würde man Vetternwirtschaft oder im Besten Sinne Netzwerkbildung sagen – natürlich kritisch sehen. Es steckt ja eine Art der Käuflichkeit dahinter. Es scheint für Lukas aber so zu sein, dass der Zweck die Mittel heiligt, Geld keinen positiven Wert hat und gleichzeitig Reichtum eben für vieles die Wurzel des Übels ist. Immerhin geht es hier um Schulden, die die Geschäftspartner ja haben, und die durch die Änderung der Schuldscheine verringert werden.
Und möglicherweise hat der Geschäftsführer dem reichen Mann nicht nur geschadet, sondern durch den Schuldenabbau auch dessen Beziehungen stabilisiert.
Darüber hinaus geht es um die Entschlusskraft des Geschäftsführers, sein Schicksal nicht einem anderen zu überlassen, sondern in dem Moment der Ausweglosigkeit selbst tätig zu werden.
3. Theologische Aktualisierung
Man kann die Perikope – auch zusammen mit den folgenden Versen und dem darin zum Ausdruck kommenden Widerspruch zum Gleichnis vom untreuen Verwalter – unter die ethische Auseinandersetzung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik stellen.
Besonders interessant wird es aus meiner Sicht, weil es bei dem Verhalten des Geschäftsführers nicht um das Wohl anderer, sondern um die eigene Existenz geht. Die Erzählung lässt uns keinen moralisch „sauberen“ Ausweg; den hätte es im Zweifelsfall noch gegeben, wenn das Verhalten des Geschäftsführers für andere einen guten Zweck gehabt hätte.
„Damit sie euch aufnehmen in die ewigen Zelte“ – diese Intention richtet sich aber auf das je eigene Seelenheil. Diese Selbstfürsorge ist – besonders wenn sie sich auf unsere Aktivität und nicht auf das Empfangen richtet – für protestantische Ohren ungewohnt. Nicht alle neutestamentlichen Texte sind rechtfertigungstheologisch zuendegedacht!
Darauf zielt die Erzählung für mich: Das eigene Seelenheil ist wichtiger als der auf Gewinn zielende Umgang mit Materiellem. Allerdings: Es geht eben gerade nicht um eine Form der Korruption, bei der der Geschäftsführer materiellen Gewinn erzielt – und damit unterscheidet sich die Erzählung auch von den unzähligen Beispielen korrupter Machenschaften und „Deals“ heute.
Es geht darum, dass die Seele ganz etwas anderes braucht als finanzielles Vermögen – und in den „ewigen Zelten“, also in einer die Brüchigkeit und Bedingtheit menschlichen Lebens überschreitenden Dimension – auch etwas anderes „zählt“.
In gewisser Weise bleibt sich der Geschäftsführer in seinem Handeln treu und legt nicht allzu großen Wert auf die Vermögensbilanz des reichen Mannes. Jedenfalls war dies ja der Ausgangspunkt der prekären Lage, in die er geraten ist. Klug ist nach dieser Erzählung offenbar nicht der, der gut und erfolgreich zu wirtschaften weiß, sondern dessen Seelenheil ihm selbst wichtiger ist als der redliche Umgang mit Geld. Die Provokation für eine Gesellschaft, die auf das Vertrauen in das vertragstreue Handeln angewiesen ist, bleibt.
Die kritische Sicht auf materiellen Reichtum, die das Lukasevangelium durchzieht, weil mit ihm offenbar kein Weg in die „ewigen Zelte“ führt, auch.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Als Predigttext für den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr richtet die Perikope den Blick auf die Frage nach dem, was bleibt und in einer „Lebensbilanz“ am Ende Bestand hat. Die Verse thematisieren, ebenso wie die Erzählung vom Weltgericht, die Bedeutung des Handelns des Menschen. Was wir tun ist nicht bedeutungslos; es macht einen Unterschied. Es kann Gottes Gegenwart erkennbarer machen und Ewigkeit im Sinne einer über alles irdische Erleben hinausgehenden Bedeutung stärken und bewohnbarer machen oder sie verdunkeln.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Melanie Beiner (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500222
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