Matthäus 15,21-28 | 17. Sonntag nach Trinitatis | 27.09.2026
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 15,21-28
Übersetzung
Und nachdem Jesus von dort hinausgegangen war, zog er sich zurück in die Gefilde von Tyros und Sidon. 22 Und siehe! Eine kanaanäische Frau von jenen Gebieten herausgehend schrie, indem sie sagte: „Erbarme dich meiner, oh Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird schlimm dämonisiert/von einem Dämon/dämonisch geplagt.“ 23 Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Indem seine Jünger hinzutraten, baten sie ihn sagend: „Werde sie los, den sie schreit hinter uns her.“ 24 Er aber, indem er antwortete, sagte: „Ich bin nicht gesandt worden außer/wenn nicht zu den Schafen, den verlorenen, des Hauses Israel.“ 25 Sie aber, kommend, fiel vor ihm nieder, sagend: „Oh Herr, hilf mir!“ 26 Er aber, antwortend, sagte: „Nicht ist es gut zu nehmen das Brot der Kinder, um es den Hunden hinzuwerfen.“ 27 Sie aber sagte: „Ja, oh Herr, aber auch die Hündchen essen von den Krumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen.“ 28 Darauf antwortend sagte Jesus ihr: Wow, o Frau, groß ist dein Vertrauen! Es soll dir geschehen, wie du willst. Und geheilt war ihre Tochter von jener Stunde ab.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.21 Tyros und Sidon: zwei traditionsreiche phönizische Städte im heutigen Libanon, die nur 40 km voneinander entfernt an der östlichen Mittelmeerküste liegen. Beide spielen in der biblischen Geschichte immer wieder eine Rolle: Davids Palastbau wurde vom tyrischen König Hiram unterstützt (2Sam 5,11
V.22 Χαναναία – „kanaanäisch“, als Adjektiv nur hier im NT, aber häufig in der LXX, wo es – oft substantiviert – als zusammenfassende Bezeichnung für die ursprüngliche Bevölkerung des Gebiets von Sidon bis zum Toten Meer gebraucht wird (Gen 10,18f.
ἔκραζεν Imperfekt von κράζω „rufen“, „laut schreien“, in Situationen der Unterdrückung (Ex 5,8
ἐλέησόν με „Erbarme dich meiner“ – der Ruf um Erbarmen, womit im Kontext zumeist die Heilung von einer Krankheit gemeint ist, ist typisch für die synoptischen Wundergeschichten. Es ist ein Ruf nach Gesehenwerden, Aufmerksamkeit und Zuwendung, vgl. Mt 9,27
κύριε υἱὸς Δαυίδ: diese doppelte Anrede an Jesus als „Herr“ und als „Sohn David“ ist selten (nur hier und Mt 20,30f.
δαιμονίζομαι „von einem Dämon geplagt werden“ bzw. „besessen sein“ – diese antike Krankendiagnose ist entweder so zu verstehen, dass die betreffende Person von einem Dämon besessen ist, d.h. die schädigende Macht bedrängt die Person von innen heraus; in diesem Fall wird der Exorzismus üblicherweise mit dem Verb ἐκβάλλω „auswerfen“ beschrieben (vgl. bei Mt 7,22
V.24 ἀπεστάλην, 1. Pers. Sing. im Aorist Passiv von ἀποστέλλω „senden“: „Ich bin gesandt worden“ – Mit dieser Selbstaussage verweist Jesus auf seine Sendung durch Gott (vgl. Mt 10,40
τὰ πρόβατα τὰ ἀπολωλότα οἴκου Ἰσραήλ „die Schafe, die verlorenen, des Hauses Israel“ – diese Wendung findet sich in der ganzen Bibel nur in Mt 10,6
V.25 προσεκύνει Imperfekt 3. Pers. Sing. von προσκυνέω „anbeten“ ist eine Vorzugsvokabel des Matthäus (13-mal bei Mt, aber nur 2-mal bei Mk und 3-mal bei Lk; bei Joh sind 9 von 11 Belegen in Joh 4,20-24
V.26 τὰ κυνάρια, Verkleinerungsform (Diminutiv) von ὁ κύων (Gen. κυνός), „Hund“, darum „Hündlein“ oder „Hundchen“. Die Verkleinerungsform spricht m.E. gegen die häufig vertretene Ansicht, Juden hätten Nichtjuden abwertend als „Hunde“ bezeichnet. Die wenigen rabbinischen Stellen, die sich dafür anführen lassen (vgl. Billerbeck, Bd. 1,724f.), sind allesamt viel später als das NT und oft innerhalb von Gleichnissen gebraucht. Es ist eher als Sprichwort zu verstehen: erst die Kinder, dann die Tiere. Dass Jesu Aussage dennoch schroff und als ein abweisendes Wort gemeint ist, macht der Kontext ausreichend deutlich. Zudem gilt, dass „Hunde“ für Matthäus (und die jüdische Welt ingesamt) insgesamt zu den negativ besetzten Tieren gehören, vgl. Mt 7,6
V.28 Der den Vokativ kennzeichnende Ausruf (Interjektion) ὦ kommt bei Mt nur hier und Mt 17,17
ἰάθη Aorist Passiv von ἰάομαι „heilen“. Dieses Wort kommt bei Mt nur selten vor, aber bezeichnenderweise in der anderen Fernheilung aufgrund des außergewöhnlichen Glaubens eines Nichtisraeliten in Mt 8,8
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Diese zunächst sehr traditionelle Wundergeschichte ist in sich abgeschlossen und erzählt knapp und eindrücklich die Begegnung von Jesus mit einer nichtjüdischen Frau, bei der Jesus durch den Glauben bzw. das Vertrauen (πίστις) der Frau überwunden wurde. Darum steht nicht eigentlich die Heilung der Tochter der Frau im Zentrum, sondern deren Mutter, die sich weder durch die Feindseligkeit der Jünger noch die anfänglich harsche Zurückweisung durch Jesus von ihrem flehentlichen Bitten abhalten lässt. Sprachlich verknüpft Matthäus die einzelnen Teile durch Wortwiederholungen, die Gegensätze und Parallelitäten aufzeigen: Jesus verlässt den Schauplatz des vorangegangenen Geschehens (ἐξελθὼν ἐκεῖθεν, verstärkt durch ἀνεχώρησεν [von ἀναχωρέω „zurückweichen“, „sich zurückziehen“]), und die Frau verlässt ihr Gebiet (ἐξελθοῦσα von ἐξέρχομαι). Es sind also zwei „Herausgegangene“, die sich in einem noch nicht definierten dritten Raum treffen. Die Jünger kommen zu diesem Raum hinzu (προσελθόντες von προσέρχομαι), aber sie wollen ihn für sich. Statt der hinzugekommenen Fremden Raum zu gewähren, fordern sie Distanzierung. In diesem räumlichen Arrangement sind vier Dialoge integriert, in denen dreimal die Frau und einmal die Jünger Jesus ansprechen. In den ersten drei Anfragen leitet der Evangelist Jesu Antwort immer in der Form ὁ δὲ + eine Form von ἀποκρίνομαι („antworten“) ein (V.23a.24.26), die letzte dagegen mit τότε + ἀποκρίνομαι, so dass darauf das ganze Gewicht liegt: „Daraufhin antwortend sagte Jesus…“ – d.h. die Beharrlichkeit der Frau wird in der erstaunten Aussage von Jesus zusammengefasst: „O Frau (oder eben: Wow, o Frau), groß ist dein Glaube.“
Der Text hat eine Parallele in Mk 7,24–30, aber nicht bei Lukas. Ein genauer Vergleich der beiden Perikopen lohnt sich, weil die Unterschiede sehr deutlich sind: bei Matthäus spricht die Frau Jesus dreimal als „Herr“ an (einmal mit dem Zusatz „Sohn Davids“, V.22.25.27), bei Markus nur einmal in Mk 7,28
Der Kontext ist bei Matthäus und Markus identisch. Vorausgeht die Diskussion mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die aus Jerusalem nach Galiläa gekommen sind, um diesen neuen Lehrer unter die Lupe zu nehmen. Dabei entsteht ein Streitgespräch über die Überlieferung der Ältesten im Hinblick auf verschiedene Gebote. Am Ende steht eine Einschränkung der Reinheitsgebote bezüglich der Speisen (Mk 7,15
3. Historische Einordnung
Markus zeigt ein auffälliges Interesse für die Herkunft der Frau: „Sie war eine Griechin (bzw. Hellenin), eine Syrophönizierin der Abstammung nach“ (7,26); auch erwähnt er als Ortsangabe nur das tyrische Gebiet. Sidon kommt nur in der Überleitung zur nächsten Perikope vor, die in der Dekapolis lokalisiert ist (Mk 7,31
In der Jesusforschung wird für die Geschichte zumindest ein „historische[r] Kern“ erwogen (vgl. Theißen 83: „Prinzipiell kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Geschichte einen historischen Kern hat“), weil es kaum vorstellbar ist, dass ein solches Ereignis später erfunden worden wäre, zeigt es doch sowohl die Jünger als auch Jesus in einem zweifelhaften Licht.
4. Schwerpunkte der Interpretation
In der Auslegungsgeschichte wird vor allem das ungewöhnlich schroffe und abweisende Verhalten von Jesus thematisiert und zu erklären versucht. M.E. geht das aber an der Pointe des Textes vorüber, dem es um die Hervorhebung des Glaubens dieser Kanaanäerin geht, die Israels Vorrangstellung als „Kinder“ Gottes nicht negiert, sondern darauf vertraut, dass die heilvolle Zuwendung Gottes zu Israel auch für die anderen Völker etwas ‘abwirft’. Die anfängliche Abweisung durch Jesus betont damit die Beharrlichkeit dieser Frau, von der sich Jesus überwinden lässt.
Die Episode ist die letzte jener Wundergeschichten, die unter dem Titel „Anerkennung des Glaubens” zusammengefasst werden können. Das von dieser nichtjüdischen Frau gezeigte Vertrauen wird nicht nur als Glaube anerkannt, sondern ihr Glaube wird zusätzlich als „groß” bezeichnet, was den aufmerksamen Zuhörer daran erinnert, was Jesus zu dem Hauptmann (ebenfalls ein Nichtjude) über seinen Glauben gesagt hat, der über das hinausging, was Jesus in Israel vorgefunden hatte (Mt 8,10
Auffällig ist auch, dass beide Titel für Jesus, die die Heilungs- und Glaubenswunder dominieren, in der letzten Geschichte dieser Art in der Ansprache der Frau an Jesus kombiniert werden – nämlich „Sohn Davids“, dessen Barmherzigkeit angerufen wird (wie in 9,27 und 20,30 [dort ohne Glaubensbegriffe]), und Kyrios (8,6.8; 9,28; 15,27): Ἐλέησόν με, κύριε υἱὸς Δαυιδ.
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Nimmt man die Parallelperikope Mt 8,5-13
Literatur
- Roland Deines, The Description of Faith in the Gospel of Matthew, in: Treasures New and Old (Festschrift D. A. Hagner), hg. v. Carl S. Sweatman u. Clifford B. Kvidahl, Wilmore, KY, 2017, 125–164.
- Gudrun Guttenberger, Besessene Frauen. In: Körper und Kommunikation. Beiträge aus der theologischen Genderforschung. Hg. v. Katharina Greschat und Heike Omerzu. Evangelische Verlagsanstalt: Berlin 2003, 95-123.
- Matthias Konradt, Die Sendung zu Israel und zu den Völkern im Matthäusevangelium im Lichte seiner narrativen Christologie, in: ders., Studien zum Matthäusevangelium, hg. v. Alida Euler, WUNT 358, Tübingen 2016, 115–145.
- Matthias Konradt, Die Rede vom Glauben in Heilungsgeschichten und die Messianität Jesu im Matthäusevangelium, in: a.a.O., 261–287.
- Angela Standhartinger, Werft nicht Heiliges vor die Hunde? Jesu Begegnung mit der Syrophönizierin und der Kanaanäerin, blickpunkt.e. Materialien zu Christentum, Judentum, Israel und Nahost, Heft 5 (2023), 4–9.
- Angela Standhartinger, Jesu Begegnung mit der Syrophönizierin und der Kanaanäerin, in: Frank Thomas Brinkmann und Malte Dominik Krüger (Hg.), Unterhaltsamer Antisemitismus? Kritische Perspektiven auf (un-)soziale Phänomene unserer Gegenwart, Wiesbaden 2025, 285–296.
- Gerd Theißen, Lokalkolorit und Zeitgeschichte in den Evangelien, NTOA 8, Freiburg/CH u. Göttingen 1989, 63–85.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
So viel Härte.
Die Fastenaktion der evangelischen Kirche in der Passionszeit 2026, die unter dem Motto „Mit Gefühl! 7 Wochen ohne Härte“ stand, sollte einen Kontrapunkt setzen gegen jene „Unbarmherzigkeit und Gewalt“, die „[z]ahllose Menschen […] an Leib und Seele [erleben]“, wie es Ralf Meister einführend zur Aktion sagt. Die sieben Wochen sollen den Blick für einen anderen Umgang mit dem Mitmenschen öffnen. „Für sieben Wochen treten wir bewusst aus der Praxis und den Bildern der Härte heraus.“ So betont – hofft? glaubt? – es Meister. Für die einzelnen Wochen werden biblische Erzählungen ausgewählt, in denen sich das große menschliche Gefühlsspektrum abbildet oder mit denen Wege aufgezeigt werden sollen, die auf einen mitfühlenden, gefühlvollen Umgang mit Anderen zielen.
Hier jedoch müssen wir uns nun mit einem Text auseinandersetzen, der sich gerade durch Härte – harte Worte und entsprechendes Verhalten – auszeichnet. Ich betrachte die Szene nicht gern, atmosphärisch ist sie mehr als unangenehm: Die Erzählung kennt eine penetrant rufende Frau, die vom Schreien der Frau genervten Jünger und einen Jesus, der scheinbar ungerührt ist von dem Hilfeschrei der Frau. Er sei nicht für sie zuständig, sondern für die Kinder Israels. Und als die Frau es noch einmal versucht, fällt dieser unglaublich harte Satz: „Nicht ist es gut, zu nehmen das Brot der Kinder, um es den Hunden hinzuwerfen.“
Trotz des guten Ausgangs frage ich: Ist das eine „gute“ Heilungsgeschichte, schlicht und ergreifend, weil die Tochter letztlich geheilt wird, oder muss ich gar gegen diesen Ton und das Verhalten Einspruch erheben?
2. Thematische Fokussierung
Der Exeget bietet historische, sprachliche, literarkontextuelle Erkenntnisse, die die harschen Worte hier und dort etwas relativieren. Was er allerdings nicht tut und auch nicht kann, ist, diesen Text vollends zu ‚entschärfen‘. Die Aufgabe, die die folgenden Reflexionen prägt, besteht nun darin, die unangenehme Situation auszuhalten, um auf das sehen zu können, auf das der Exeget hindeutet, wenn er das Anliegen von Matthäus verdeutlicht: Dann wird ein Beispiel für großen Glauben erkennbar, der selbst Jesus ziemlich beeindruckt – und womöglich auch uns überraschen und imponieren kann. Auch in anderer Hinsicht kann man sich übrigens an ihr ein Beispiel nehmen: Sie bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht.
Im Blick auf die unschönen Gesprächsdynamiken dieser Erzählung gilt es also dranzubleiben, bis Hilfe da ist und Heil erkennbar wird – und auch diesbezüglich wird die Frau zum Exempel.
3. Theologische Aktualisierung
Weiter rufen.
Die Frau tritt mit Vehemenz für ihre Tochter ein, bis sie gehört wird – „ein Ruf nach Gesehenwerden, Aufmerksamkeit und Zuwendung“ (s. o.), der berechtigt ist. Das Verhalten der Jünger halte ich für falsch und unbarmherzig. Mitfühlend, barmherzig, sanft und gnädig müssten doch diejenigen sein, die daran glauben, dass der Mensch Gottes geliebtes Geschöpf ist. Ich gehe hart mit den Jüngern ins Gericht – hoffentlich nur so lange, bis ich das nächste Mal einen penetranten, laut rufenden wohnungslosen Menschen auf meinem Weg schnell hinter mir lassen will. Dieser wird einen Grund haben, dass er schreit. Die Frau hat einen Grund – und uns kann es erst einmal egal sein, was genau ihrer Tochter fehlt – sie ist krank und braucht Hilfe. Ob die Dämonen von außen oder von innen angreifen – sie quälen sie.
Die Frau ruft und schreit, weil ihre Tochter etwas braucht. Damit fordert sie zugleich das, was jede*r in unterschiedlichem Umfang braucht. Es ist immer die obige Trias: Gesehenwerden, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Ihre Forderung ist nur lauter und penetranter, als es die Jünger gerade ertragen können, weil die Not so groß ist. Gesehenwerden, Aufmerksamkeit und Zuwendung – letztlich sind es die Bedürfnisse, die sich auf unterschiedliche körperliche oder seelische Nöte und damit „Dämonen“ aller Art beziehen können. Es ist nur richtig, dass die Frau einfordert, was sie braucht. Dabei weiß sie, dass ihr von diesem jüdischen Heiler eigentlich keine Hilfe zusteht (was die Jünger ihr auch eindeutig zu verstehen geben!), aber sie glaubt und hofft. Sie überwindet alle Scheu, um Hilfe zu bitten. Über ihren lauten Ruf überwindet sie zugleich Grenzen, die die Jünger noch pflegen.
Größer glauben.
Der Clou an der Erzählung ist aber nun nicht, dass die Frau Jesus überzeugt, weil sie ‚dranbleibt‘ oder weil sie so schlagfertig reagiert, bis Jesus sich letztlich geschlagen gibt, endlich hilft, so dass die Jünger nun aufatmen können, da die unschöne Szene für alle vorbei ist: Dieser Frau ist nicht nur klar, dass ihr Einsatz für ihre Tochter gerechtfertigt ist – sie glaubt zudem fest daran, dass Jesus helfen kann. Sie vertraut darauf, dass der Sohn Davids in der Lage ist, ihre Tochter zu heilen – nun soll er das auch! „Trotzig“ nennt es der Exeget (s. o.), vielleicht würden andere sogar von einem naiven Glauben sprechen.
Jesus ist beeindruckt. Wenn die Jünger hinsehen und verstehen, sind sie es auch.
Wir stehen manchmal eher an der Seite der Jünger, die zunächst herausgerissen werden müssen aus dem, was sie glauben vertreten zu müssen. Wenn wir hinsehen und hinhören, verstehen wir es vielleicht auch. Wir können überrascht werden, wenn wir uns z. B. den Kopf zermartern, wie es weitergehen soll mit der Kirche, deshalb über Reformen und Innovationen diskutieren und uns dann ein jenseits der kirchenmitgliedschaftsbelesenen, theologisch wohl durchdachten Argumentation – begründetes „Gott wirdʼs schon richten“ entgegengelächelt. Und: Wahrscheinlich stimmt es. Während ich mit Unterstützung theologischer Literatur darüber nachsinne, ob und wie Gott in der Welt und an mir wirken kann, begeistert mich solch ein schlichtes Gottvertrauen, ein Glaube, der mit Recht „groß“ genannt werden kann. Während ich noch reflektiere, welche christologischen Vorstellungen man begründen und predigen kann, nennt die Frau Jesus „Sohn David“ und betet ihn an. Während ich noch darüber nachdenke, ob eine bestimmte Fastenaktion jemanden anspricht, erzählen andere, was sie in der Fastenzeit erlebt und wie sie es in ihr Leben integriert haben. Während wir noch überlegen, was wir alles in Sachen „Spiritualität“ in die Gemeindearbeit einbringen könnten, erzählt mir mein Gegenüber, wie schön es ist, wenn man am Morgen die Losung meditiert. Während wir über neue Gottesdienstformate diskutieren, wird woanders – buchstäblich – schon gefeiert, sowohl in alten wie in neuen Räumen. Während die einen diakonische Projekte langfristig planen, helfen andere Menschen heute auf. Das mag uns überraschen, aber Gott hatʼs gerichtet. Beide Seiten – langfristiges Durchdenken, Planen und kurzfristiges Handeln – schließen sich nicht aus, doch könnten wir öfter auf die lauten Stimmen hören, die nach Hilfe rufen, oder den sanften Stimmen lauschen, die Gottvertrauen preisgeben, da sie womöglich großen Glauben offenbaren.
4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr?
Der Glaube kann alles! „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ (1 Joh 5,4
5. Anregungen
„Wow!“ Jesus ist überrascht. Was hat diejenigen, die zu meiner Linken und Rechten in der Gottesdienstbank sitzen, jüngst begeistert? Dieser Gottesdienst eröffnet Räume, für – in Anlehnung der Exegese (s. o.) – zwei „Herausgegangene“ (hier: zum Gottesdienst gegangene), die sich in einem besonderen „dritten Raum“ (anders als oben klar definiert als Kirchraum) begegnen. Man muss nicht immer besondere „Wow“-Momente mit einer besonders kreativen Idee im Gottesdienst generieren, vielleicht ist es möglich, einen kurzen Zeitraum anzusetzen, um im Kirchraum mit dem Sitznachbarn über das ins Gespräch zu kommen, was jüngst beeindruckt hat oder es für sich selbst zu überlegen. Hauptsache, wir können danach feststellen, dass wir uns noch für etwas begeistern und uns überraschen lassen können.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500214
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