1. Mose 2,4b-9(10-14)15(18-25) | 15. Sonntag nach Trinitatis | 13.09.2026
Einführung in das 1. Buch Mose
1. Einführung und Gliederung
Das 1. Buch Mose
Markantestes Gliederungssystem des überlieferten Textes und zugleich Spezifikum der Genesis gegenüber den anderen Büchern des Pentateuch ist die (priesterschriftliche) Aufteilung in Geschlechterfolgen (תּוֹלֵדוֹת tôledôt), wonach die einzelnen Teile jeweils die Nachkommensgeschichte der in der Genealogie genannten Person(en) oder Größe(n) berichten: 2,4a
2. Entstehung
Obige Rede vom „biblischen Israel“ (im Unterschied zum „historischen Israel“) deutet an, dass die Genesis, ja die fünf Bücher Mose, der Pentateuch
- zahlreiche Texte von Anfang an für ihren literarischen Kontext des werdenden Buches in Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Texten geschrieben wurden, dass
- der Untergang Israels (also des „Nordreichs“) 722 v.Chr. und erst recht der Untergang Judas (also des „Südreichs“) 587 v.Chr. Katalysatoren für Verschriftlichung und Komposition der Texte darstellten, und dass
- das bis in die 1970er Jahre zwar nicht unbestrittene, aber maßgebliche Quellenmodell (mit den vier Quellenschriften Jahwist, Elohist, Deuteronomium und Priesterschrift, die in sukzessiven Redaktionsprozessen miteinander verbunden wurden) den Textbestand der Genesis und des Pentateuch insgesamt nicht hinreichend erklären kann.
Entsprechend wird seit den 1970er Jahren immer stärker eine Kombination von Quellen-, Fragmenten- / Erzählkranz- und Ergänzungs- / Fortschreibungsmodellen zur Erklärung der Theologiegeschichte der Genesis (und des Pentateuch insgesamt) vertreten:
Dabei gilt als relativ konsensfähig, dass der Jakob-Esau-Laban-Erzählkranz aus Israel (Gen *25
Erstmalig kombiniert wurden die Urgeschichte, die Erzelternerzählung sowie die Exoduserzählung von der Priesterschrift im 5. Jh. v. Chr., deren Erzählzusammenhang von der Schöpfung
Während im klassischen Quellenmodell die große Masse der Texte vor-priesterschriftlich eingeordnet wurde, wird in der aktuellen Forschung die nach-priesterschriftliche Entstehung vieler Texte erkannt und mit dem Ergänzungsmodell erklärt. Dies gilt in besonderer Weise, aber bei Weitem nicht ausschließlich, für die ehedem dem Elohisten zugewiesenen Texte in Gen 15
3. Wichtige Themen
Die Genesis stellt in ihren ersten Kapiteln den Gott Israels als den Erschaffer der ganzen Welt dar. Oder anders, in der Reihenfolge der kanonischen Leserichtung, formuliert: Der Erschaffer der ganzen Welt erweist sich in der Genesis als der Gott der Erzeltern „Israels“. Auf die Herausstellung der gesamten Menschheit als Ebenbild
Der priesterschriftliche Schöpfungssegen („Seid fruchtbar und mehret euch…“; 1,28
Die Priesterschrift weist zudem in Gen 9
Die unendlich vielseitigen und äußerst breit rezipierten Texte der Genesis zeichnen sich schließlich durch ihre realistische, ungeschönte Darstellung menschlichen Lebens auf Erden im Verhältnis zur menschlichen und nicht-menschlichen Mitwelt und im Verhältnis zu Gott aus, das von allen Seiten immer wieder in Frage gestellt und bedroht wird.
Literatur:
- Albertz, Rainer, Die Josephsgeschichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur Überwindung einer anhaltenden Forschungskontroverse (FAT 153), Tübingen 2021.
- Bührer, W., 2019, Neuere Ansätze in der Pentateuchkritik, VuF 64, 19–32.
- Gertz, J. Chr., 22021, Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11 (ATD 1), Göttingen.
- Gertz, J. Chr. 62019, Tora und Vordere Propheten, in: Ders. u.a. (Hgg.), Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen, 193–312.
- Köckert, M., 2017, Abraham. Ahnvater – Vorbild – Kultstifter (BG 31), Leipzig.
- Römer, Th., 2014, Das Buch Genesis, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 94–110.
- Schüle, A., 22020, Die Urgeschichte. Genesis 1-11 (ZBK.AT 1.1), Zürich.
- Tal, Abraham, Genesis, Biblia Hebraica Quinta 1, Stuttgart 2015.
- Wöhrle, Jakob, Fremdlinge im eigenen Land. Zur Entstehung und Intention der priesterlichen Passagen der Vätergeschichte (FRLANT 246), Göttingen 2012.
A) Exegese kompakt: 1. Mose 2,4b-9(10-14)15(18-25)
Paradies ohne Idylle: eine Geschichte über Anfänge, Ambivalenzen und Verbundenheit
Übersetzung
2,4b Als Jhwh-Gott Erde und Himmel machte 5 – das ganze Gesträuch des Feldes war noch nicht auf der Erde, und das ganze Kraut des Feldes spross noch nicht, denn Jhwh-Gott hatte es nicht regnen lassen auf die Erde und ein Mensch war nicht, um den Ackerboden zu bestellen, 6 wobei ein Wasserstrom aus der Erde emporquellte und die ganze Oberfläche des Erdbodens tränkte – 7 da formte Jhwh-Gott den Menschen aus Staub von dem Ackerboden und er blies Lebensodem in seine Nase, so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen. 8 Und Jhwh-Gott pflanzte einen Garten in Eden in der Urzeit im fernen Osten, und dort setzte er den Menschen hinein, den er geformt hatte. 9 Und Jhwh-Gott ließ sprießen vom Ackerboden jeglichen Baum, verlockend anzuschauen und gut zu essen, und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht.
[10 Und ein Strom geht aus von Eden, um den Garten zu tränken, von dort teilt er sich und wird zu vier neuen Flüssen. 11 Der Name des einen lautet Pischon, das ist der, der das ganze Land Ḥawila umfließt, wo das Gold ist. 12 Und das Gold dieses Landes, es ist gut. Dort gibt es Bedolochharz und Schohamstein. 13 Und der Name des zweiten Flusses lautet Giḥon, das ist der, der das ganze Land Kusch umfließt. 14 Und der Name des dritten Flusses lautet Ḥiddekel (Tigris), das ist der, der östlich von Assur verläuft. Und der vierte Fluss, das ist der Perat (Euphrat).]
15 Da nahm Jhwh-Gott den Menschen und er setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bestellt und bewacht. [16 Und Jhwh-Gott gebot dem Menschen Folgendes: Du darfst durchaus von allen Bäumen des Gartens essen, 17 aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht – von ihm darfst du nicht essen, denn sobald du von ihm isst, musst du unweigerlich sterben. 18 Da sagte Jhwh-Gott: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 19 Da formte Jhwh-Gott aus dem Ackerboden jegliches Getier des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte (es) dem Menschen, um zu sehen, wie er jedes einzelne benennen würde, und so, wie es der Mensch als lebendes Wesen benennen würde, sollte es heißen. 20 Und der Mensch benannte mit Namen das ganze Vieh und die Vögel des Himmels und alles Getier des Feldes, aber für den Menschen fand sich keine Hilfe, die ihm entsprochen hätte. 21 Da ließ Jhwh-Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, dass er einschlief, dann nahm er eine von seinen Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. 22 Und Jhwh-Gott baute die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau. Und er führte sie zu dem Menschen. 23 Da sagte der Mensch: Diese ist endlich Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Frau genannt werden, denn vom Mann ist diese genommen. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und er wird seiner Frau anhangen und sie werden zu einem Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie beschämten einander nicht.]
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung; Besprechung textkritisch relevanter Stellen
V. 4b–7: Der erste Satz der Paradieserzählung erstreckt sich über drei Verse. V. 4b ist ein unvollständiger Temporalsatz, der mit der in V. 7 einsetzenden Handlung fortgesetzt wird; V. 5–6 schildern die Umstände, die während der durch V. 4 terminierten und in V. 7 beginnenden Handlung herrschten. Zur Konstruktion von Gen 2,4
V. 19: Von der Wortstellung liegt es nahe נֶפֶשׁ חַיָּה (lebendes Wesen) auf den Menschen zu beziehen.
V. 20: In Gen 2,4-3,24
2. Einordnung der Perikope in den näheren und weiteren Kontext
Traditionell wird der Predigtabschnitt als „Der Garten Eden“ oder „Das Paradies“ überschrieben und von der „Erzählung vom Sündenfall“ in Gen 3
3. Textgenese
Der Text ist weitgehend einheitlich. Dennoch gibt es wenige wesentliche Nachträge:
Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist der „Baum des Lebens“ in V. 9 ein Nachtrag. Er spielt im Handlungsablauf nur eine Nebenrolle, sodass die Rezeptionsgeschichte sogar dazu neigt, beide Bäume zu identifizieren (vgl. Michelangelos Darstellung in der Sixtinischen Kapelle). Das Motiv vom „Baum des Lebens“ gehört wie das Wort Staub (עָפָר)in V. 7, wo es ursprünglich wohl geheißen hat „Jhwh formte den Menschen aus dem Ackerboden“, zu einer jüngeren Kommentierung, die eine vertiefte Reflexion über die Sterblichkeit des Menschen in die Paradieserzählung einfügt.
Die ungewöhnliche Gottesbezeichnung Jhwh-Gott (Luther: „Gott der Herr“) ist eine Folge der redaktionellen Verbindung mit der Priesterschrift, die durchgängig den Gattungsbegriff „Gott“ verwendet. Die Kombination mit dem Eigennamen Jhwh
Die Paradiesgeographie in V. 10–14 unterbricht den Erzählfluss durch eine statische Zustandsbeschreibung in Partizipialsätzen. Mit Tigris
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die Paradieserzählung gehört zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. Obwohl die Perikope nur die halbe Erzählung umfasst, lassen sich die Vielfalt der Motive und deren Wirkungsgeschichte kaum in einer Predigt ansprechen. Im Zentrum des ersten Teils der Paradieserzählung steht die Erschaffung des Menschen:
1. Die Kreatürlichkeit und Vergänglichkeit des Menschen: Der Ackerboden אֲדָמָה ʾadāmā und der aus ihm geformte und von Jhwh-Gott belebte Mensch
2. Die Belebung des Menschen: Der aus dem Ackerboden geformte Mensch wird durch Gottes Beatmung belebt. Im diesem innigen Moment zeigt sich seine besondere Beziehung zu Gott, auch wenn der Lebensodem kein Privileg des Menschen ist (Gen 7,22
3. Die Sozialität des Menschen: Der Mensch ist ein auf Geselligkeit hin angelegtes Wesen und bedarf eines Seinesgleichen als Gegenüber. Weder das paradiesische Miteinander mit Jhwh-Gott, noch die Gemeinschaft mit den Tieren kann das ausgleichen. Wenn Jhwh-Gott ankündigt, dem Menschen „eine Hilfe“ (עֵזֶר) beizugeben, wird Einsamkeit mit Hilflosigkeit gleichgesetzt (vgl. Pred 4,9-12
Die Suche nach der Hilfe führt erst über Umwege nach der Methode von Versuch und Irrtum zur Erschaffung der Frau. Der Erzählzug zeigt die Freude am Fabulieren und bietet die Gelegenheit, über das Verhältnis des Menschen zu den Tieren nachzudenken. Ihre Benennung durch den Menschen ist ein Akt der Machtausübung. Aus dem gleichen Stoff wie der Mensch geschaffen, sind sie Mitgeschöpfe, aber nicht ebenbürtig. Ihre Geselligkeit reicht nicht aus, um das Alleinsein des Menschen zu beenden. Hierzu bedarf es eines tiefen und intimen, auf Gleichrangigkeit beruhenden und auf Gegenseitigkeit hin ausgerichteten Verhältnisses, wie es für die Erzählung in der Beziehung zwischen Mann und Frau angelegt ist.
Ausdruck hierfür sind die besondere Art und Weise der Erschaffung der Frau und der „Jubelruf“ des Mannes. Jhwh-Gott versetzt den Menschen in Tiefschlaf, entnimmt ihm eine Rippe, verschließt die Wunde und formt daraus die Frau. Diese Darstellung ist im altorientalischen Vergleich einzigartig. Vermutlich ist sie eine narrative Umsetzung der Formulierung „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“, die eine sonst gebräuchliche Verwandtschaftsformel (vgl. Gen 29,14
4. Die Geschlechtlichkeit des Menschen und das Verhältnis der Geschlechter: Das Wort אָדָם ʾādām wird durch den Gebrauch des Artikels determiniert. Somit handelt es sich nicht um den Eigennamen „Adam“, sondern um die Bezeichnung der zunächst durch ein einziges Exemplar vertretenen Gattung „Mensch“. Dieser Sprachgebrauch wird auch dann beibehalten, wenn nach der Erschaffung der Frau vom Mann im Gegenüber zur Frau die Rede ist (vgl. „der Mensch und seine Frau“ in 2,25
V. 24 ist ein Kommentar des Erzählers der die Ebene der Erzählung verlässt und auf die Lebenswelt des Erzählers und seiner intendierten Leserschaft zielt. In V. 24 fällt jedoch auf, dass die geschilderten Verhältnisse gerade nicht mit den sozialen Gegebenheiten des antiken Israel übereinstimmen: Die Verbindung von Mann und Frau ist im antiken Israel patrilokal, patrilinear und patriarchalisch organisiert. Die Frau verlässt die eigene Familie und heiratet in die Familie des Mannes hinein, wo sie als Fremde im Kreis der Frauen zunächst eine vergleichsweise schwache Stellung einnimmt, die sie erst mit der Geburt eines (ersten) Sohnes stärken kann. Die kontrafaktische Aussage wird entweder als ätiologischer Einschub verstanden, der den „staunenswerten Tatbestand“ erklärt, dass die Bindung, mithin die Liebe (vgl. Hhld 8,6
Die Perikope endet mit der Darstellung der ungestörten Gemeinschaft, in der „Mensch und Frau“ einander nicht beschämen. Dabei geht es weniger um den paradiesischen Urstand als um einen irrealen Zustand. Dessen Ambivalenz drückt sich in der Nacktheit aus. „Nackt“ (עָרוֹם) und „(be)schämen“ (בושׁ; hitpol.) sind nicht primär sexuell konnotiert, sondern betreffen den sozialen Status. Im gesamten alten Vorderen Orient galt Nacktheit als Zeichen der Minderung, Niedrigkeit und Statuslosigkeit, während die Kleidung einen Status herstellt und Beziehungen zwischen Menschen ordnet. Im Garten jedoch lebt das erste Menschenpaar noch als statuslose Wesen ohne jegliche Differenzierung, die sich nicht gegenseitig beschämen, weil sie noch nicht darum wissen und ihrer selbst nicht voll bewusst sind. Das Ambivalente dieser Existenz im Status „träumender Unschuld“ (Tillich), tritt erst mit dem Erlangen der Erkenntnis ins Bewusstsein, weshalb die erste Tat des wissenden Menschen die Anfertigung von Kleidung ist (Gen 3,7
Daneben hat die Paradiesschilderung seit jeher die Phantasie angeregt:
1. Der Garten: Jhwh-Gott übernimmt es selbst, für die Ernährung des Menschen zu sorgen, und legt einen Garten an. Es handelt sich um einen Baumgarten, wie dies vor allem für babylonische Gartenanlagen typisch war, wo im Schatten der großen Dattelpalmen
2. Die Lage: Die Lokalisierung des Gartens ist denkbar vage. Nach Gen 2,8
5. Perspektiven für die Predigt:
Keine Predigt kann sämtliche Aspekte des Textes ausleuchten. Eine Auswahl ist unvermeidbar, je nach Schwerpunktsetzung kann auch der Predigttext um die eingeklammerten Verse gekürzt werden. So würde ich die Paradiesgeographie in V. 10–14 nur lesen, wenn es in der Predigt um die spannende Suche nach dem Paradies geht; V. 18–25 ist vor allem dann zu lesen, wenn in der Predigt das Verhältnis der sozialen und biologischen Geschlechter und das kritische Potential der Erzählung gegen eine vorschnelle Festlegung auf eine Schöpfungsordnung angesprochen werden. Trotz der notwendigen Auswahl scheint es mir aber wichtig zu sein, das Ganze im Blick zu behalten: Die paradiesischen Zustände werden im Blick auf die eigene Gegenwart nach dem Verlust des Paradieses geschildert! Das Motiv des Baumes der Erkenntnis spielt in der Perikope nur eine vorbereitende Rolle und gehört eher in eine Predigt über Gen 3
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen: Was hat die Exegese erbracht/angeregt?
Besonders nachhaltig haben mir die exegetischen Hinweise auf die außergewöhnliche Aussage über den Menschen, der seiner Frau anhangen wird (V. 24), das besondere Potential dieses Textes noch einmal vor Augen gestellt. Dass hier gerade entgegen der damaligen Familien- und Geschlechterstrukturen die Verbundenheit/Liebe zweier Menschen in den Blick kommt, die das alte Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ in Frage stellt, legt viele anregende Spuren für heutige Debatten. Das hebräische דבק (oben „anhaften“, auch mit „kleben“ zu übersetzen) zeigt dabei, dass es um eine Verbindung geht, bei der kein Blatt dazwischen passt. Die Darstellung des Menschen in V. 23 zeigt bereits in der emotional konnotierten Formulierung הפַעם [diesmal (endlich)], dass es sich damit um die Erfüllung eines langen Prozesses handelt. Jemanden zu finden, ganz gleich ob in einer partnerschaftlichen oder einer freundschaftlichen Beziehung, der mir entspricht (V. 18), für den ich und der für mich alles stehen und liegen lässt, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschenk. Dabei wird der mit Blick auf die Tiere als Herrschaftsgestus gedeutete Akt des Benennens zu einem Ausdruck der Zuneigung und Verbundenheit.
2. Thematische Fokussierung: An welchen Punkten fördert die Exegese meine Predigt?
Der Mensch ist auf andere Menschen angewiesen. Die Wahrnehmung der Einsamkeit des Menschen (V. 18) inmitten des Paradieses durch Gott spricht ein zentrales Problem der Gegenwart an: Je nach Studienlage fühlt sich jeder fünfte bis sechste in Deutschland einsam. Seit der Covid19-Pandemie, die als kollektive Vereinzelungserfahrung massiv war, hat sich der Trend verstärkt. Er zieht sich durch alle Altersgruppen, ist aber gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eigentlich über deutlich mehr soziale Kontakte verfügen als ältere Menschen, auffällig. Gerade das Phänomen der gefühlten Einsamkeit trotz vieler alltäglicher und digitaler Sozialkontakte weist darauf hin, dass es hier nicht allein um die Quantität, sondern auch die Qualität geht. Es geht um echte Verbundenheit, um ein zusammen-kleben. Es geht darum, dass mir jemand עֵזֶר (V. 18 – meist mit „Hilfe“ übersetzt) ist. Eine geeignete Wiedergabe dieses Wortes ist schwierig, da die Rezeption je nach Bezugswort und vor allem „Geschlecht“ anders ausfällt: Wenn Männer „eine Hilfe“ sind, generiert das eine andere Vorstellung als wenn Frauen „eine Hilfe“ sind. Welche alternativen Ausdrücke wären geeignet, um den Aspekt der göttlichen Hilfe (im Krieg) – wie ihn die Exegese hervorgehoben hat – angemessen auszudrücken? Beistand, Rückendeckung, Schützenhilfe, Rettung in Not? Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen, wie die verstärkte Rückkehr zu traditionell-patriarchalen Rollenbildern – im digitalen Raum häufig auch gepaart mit Verweisen auf angebliche Grundlegung solcher Modelle in der Schrift –, wäre eine Fokussierung auf diesen Aspekt durchaus gegenwartsrelevant.
Wenden wir uns den Bewältigungsstrategien gegen die Einsamkeit im Text und in unserer Gesellschaft zu, könnte der Erzählzug über den anfänglichen, aber gescheiterten Versuch, die Tiere als Gefährten des Menschen zu etablieren, gerade von Menschen als schwierig empfunden werden, deren treueste Gefährten im Leben ihre Tiere geworden sind. Vielleicht wäre in unserer Zeit eine Aktualisierung hin auf Fragen der künstlichen Intelligenz angezeigt, da die ständige Verfügbarkeit und häufig auch stark affirmativ wirkende Responsivität besonders für Menschen mit wenig Sozialkontakten eine hohe Attraktivität haben können.
3. Theologische Aktualisierung: Wie hilft der Text dazu, „jetzt“ von Gott und Christus zur Gemeinde zu sprechen?
Das Gottesbild der biblischen Urgeschichte ist und bleibt herausfordernd. Gerade im Abschnitt über die Erschaffung der Tiere kulminiert das Bild eines Gottes, der nicht allwissend ist. Ein Gott, der nach dem Prinzip „trial and error“ arbeitet. Ein bisschen beunruhigend ist das schon. Zugleich hat dieses Bild, das viele der biblischen Bücher durchzieht und eine heilsame Korrektur gegenüber dogmatischen Engführungen darstellt, auch seine unbestreitbaren Vorteile: Da ist jemand, der oder die nicht schon immer von vornherein genau weiß, was Menschen brauchen, sondern ihre Beurteilung der Lage ernst nimmt. „Was willst du, was ich dir tun soll?“ (Mk 10,51
4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr?
Das Gesamtensemble am 15. Sonntag n.Tr. folgt dem Duktus des Wochenspruchs „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ (1Petr 5,7
Gleichzeitig kontrastiert die Paradiesszenerie, in der der Mensch eben gerade nicht selbst für seine Nahrung sorgen muss (wie dann zwei Kapitel später Kain und Abel) und in der für ihn Kleidung einfach gar kein Thema ist, mit unserer Erfahrung, aber auch der Erfahrung jener, die Ps 127
5. Weitere Anregungen bzw. schreib- und Inszenierungsimpulse für Predigende
Bereits die frühesten Rezeptionen der Erzählung arbeiten sich an ihren Leerstellen ab und füllen diese. Ein spannender Ansatzpunkt für die Predigt, der das Thema der Einsamkeit in den Fokus nimmt, könnte bei V. 18 seinen Ausgang nehmen: Wie gelangt Gott zu dem Schluss, dass es für den Menschen nicht gut ist, dass der Mensch allein ist? Beschreiben Sie, was Gott sieht, was Gott hört, was Gott riecht und fühlt, bevor er zu diesem Urteil kommt.
Auch das Motiv des Paradieses ist durchaus anschlussfähig für die Predigt – gerade in einer Zeit, in der utopische Versprechen und dystopische Befürchtungen einander gegenüberstehen. Vielleicht ist die urgeschichtliche Mischung zwischen realen Fixpunkten und ihrer unwirklichen Kombination ein anregender Ausgangspunkt. Welche Koordinaten würden Sie Ihrer Landkarte des Paradieses geben?
Autoren
- Prof. Dr. Jan C. Gertz (Einführung und Exegese)
- Dr. Ann-Kathrin Knittel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500212
EfP unterstützen
Exegese für die Predigt ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft. Um dieses und weitere digitale Angebote für Sie entwickeln zu können, freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen, indem Sie für die Bibelverbreitung im Internet spenden.
Entdecken Sie weitere Angebote zur Vertiefung
- WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon
- WiReLex – Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon
- Bibelkunde