Lukas 18,9-14 | 11. Sonntag nach Trinitatis | 16.08.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 18,9-14
Übersetzung
9 Er erzählte einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und auf die Übrigen herabsahen, dieses Gleichnis: 10 „Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich Folgendes: ‚Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher – oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte, was immer ich verdiene.‘ 13 Der Zöllner aber stand ferne und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel heben, sondern schlug an seine Brust und sagte: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ 14 Ich sage euch: Dieser ging als Gerechter in sein Haus, nicht jener.
Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Das Wort δικαιόω, das Lukas in V. 14 wie in Lk 7,29
2. Historische Einordnung
Man versteht diese Erzählung nur recht, wenn man sie ohne die Vorurteile hört, die im Pharisäer von vornherein einen selbstgerechten Heuchler und im Zöllner dessen demütiges Gegenstück sehen. Bei allen Spannungen Jesu mit den Pharisäern standen diese nicht zu Unrecht in dem Ruf, „frömmer zu sein als die anderen und die Gesetze
3. Gattung und Kontext
Es handelt sich um eine Bildrede
Die Erzählung spielt am Tempel
4. Schwerpunkt der Interpretation
Die Erzählung schildert einen der für die lukanischen Kontrasterzählungen charakteristischen Rollenwechsel: Wird in der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter
5. Theologische Perspektivierung
Provokativ entlarvt die Parabel die unheimlichste (und keineswegs auf Pharisäer beschränkte) Gestaltwerdung des Bösen, Moral und Religion (und damit letztlich Gott selbst) als Mittel der Selbstüberhebung zu missbrauchen und damit dem zu widersprechen, was Inbegriff von Gottes Wesen und Willen ist: Barmherzigkeit und Liebe
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Ist die Überraschung für uns heute noch hörbar, die in dieser Erzählung liegt? Zu eingefahren sind vielleicht unsere Klischees vom selbstgerechten Pharisäer, vom reumütigen Zöllner. Mit welcher Seite identifizieren sich die Hörenden? Wird „mit dieser Predigtperikope […] der Zöllner in uns wach und dankt dafür, kein Pharisäer zu sein“? (Wiefel-Jenner, 384). Aber findet die Selbstzerknirschung des Zöllners aufrichtigen Beifall oder weckt seine Figur nicht doch auch leise Unruhe angesichts einer Menschen erniedrigenden Tradition christlichen Drucks zum Schuldbekenntnis?
Mir gefällt die Verbindung zum Magnifikat und der Wechselbewegung von „erhöhen“ und „erniedrigen“, die in der Exegese den Bogen durch das Evangelium schlägt. Es geht um Gerechtigkeit
2. Thematische Fokussierung
Der Pharisäer steht für die menschliche Gefährdung, auch „Moral und Religion […] als Mittel der Selbstüberhebung zu missbrauchen“, so die Exegese. Ist er damit aber ein typischer Pharisäer, der sich zu recht rühmt oder ist dieses Gebet nicht eher eine Parodie, wie Kähler meint? So finden sich doch in phärisäischer Lehre selbst genug Warnungen vor Selbstgerechtigkeit (Kähler, 201). Und ist die Abgrenzung von „allen anderen Menschen“, die zu „Räubern, Ungerechten und Ehebrechern“ erklärt werden (V. 11) nicht klare Überzeichnung und inhaltlich verzerrter Dankpsalm (Kähler, 202)?
Diese Lesart setzt voraus, dass die Adressat:innen der Rede Jesu einem Pharisäer nicht schon negativ gegenüber eingestellt sind – weil sie die religiösen Gebote tatsächlich ernst nehmen (s.o.) oder weil es auch Nähen zwischen der Jesusbewegung und dem Pharisäismus gab (vgl. Lk 13,31
Auch der Zöllner betet in Psalmsprache. Der Zöllner, dem man schlechte Theologie zugetraut hätte, zeigt, wie man beten soll. Er lässt das Elend seiner Verstrickung und die Not, die er verursacht, an sich heran und legt sie vor Gott. Damit ordnet sich die Perikope in den weiteren Kontext der Reden ein, die nach dem Gebet
3. Theologische Aktualisierung
Auf wen schauen wir heute herab, von dem wir doch Glauben lernen könnten? Ich erinnere mich an eine Begegnung in der Berliner S-Bahn mit einem Obdachlosen. Fürsorgliche Distanz lag in meiner Reaktion auf seine Bitte um Unterstützung. Die Asymmetrie der Gebenden und des Empfangenden war klar. Kurz vor der nächsten Station kamen wir dann noch ins Gespräch und er sprach mit einer Zuversicht über Gottes Güte, die mich völlig verblüfft am Bahnsteig zurückließ. Wie viel mehr hatte er verstanden von dieser Verheißung. Tätige in Diakonie und Pflege können wohl tausende solche Geschichten erzählen.
Von wem lernen wir beten? Vielleicht begegnen uns in ganz säkular daherkommenden Beiträgen die tieferen Gebete, als die, die wir in immer schon verfügbare religiöse Sprache fassen? Lässt sich lernen von der Sehnsucht in Literatur oder Popmusik? Erreichen Gebete in einfacher Sprache unser Herz, auch wenn wir keine Kinder sind? Und angesichts von mancher Selbstgerechtigkeit christlicher Influencer:innen in den sozialen Medien und fundamentalistischer Tendenzen auch im Christentum lässt sich fragen: Sind unserer Lehrer:innen und Vorbilder im Glauben bescheidene Menschen oder lebt ihre Faszination aus der Abwertung anderer? Sprechen ihre und unsere Gebete von uns oder doch eher von unserem Verhältnis zu „denen“, die wir zum Glück nicht sind?
Und schließlich: Worin gründen wir unsere Identität? In einer Leistungsgesellschaft spielt der Vergleich mit anderen eine große Rolle. Wie leicht ist es, sich groß zu fühlen, wenn man auf andere herabschauen kann, doch wie schnell verfliegt dieses gute Gefühl. Nicht selten spielen sich in solche zwischenmenschlichen Dynamiken Geschwisterkonflikte aus früherer Zeit ein – auch wenn man ganz anderen Menschen begegnet. Wie viel schwerer ist es, den eigenen Selbstwert in sich selbst zu finden. Dabei gründet unser Wert doch in Gottes Zuwendung und Berufung
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Demut
Die prophetische Rede Nathans gegenüber David (alttestamentliche Lesung) macht deutlich, dass es doch oft erst durch Intervention von außen ist, dass man die eigenen Verstrickungen und Verfehlungen erkennen kann. Doch wie schwer lassen wir Kritik an uns heran, wo doch die anderen noch viel schlechter sind als wir selbst?
5. Gestaltungshinweise
Der Zöllner könnte auch das Thema Reue
Das Wochenlied EG.E 12 „Meine engen Grenzen“ könnte vielleicht mit etwas Raum zur Meditation die Einstimmung in die Gebetshaltung des Zöllners eröffnen.
Literatur
- Wiefel-Jenner, K., 2015: Pharisäer sind immer die anderen. Beten mit dem Zöllner (Lk 18,9–14), in: GPM 69 (2015), 384–389
- Kähler, Chr., 1995, Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie. Versuch eines integrativen Zugangs zum kommunikativen Aspekt von Gleichnissen Jesu, Tübingen
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Kerstin Menzel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500208
EfP unterstützen
Exegese für die Predigt ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft. Um dieses und weitere digitale Angebote für Sie entwickeln zu können, freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen, indem Sie für die Bibelverbreitung im Internet spenden.
Entdecken Sie weitere Angebote zur Vertiefung
- WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon
- WiReLex – Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon
- Bibelkunde