Lukas 5,1-11 | 5. Sonntag nach Trinitatis | 05.07.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 5,1-11
Übersetzung
1 Es geschah nun, als sich die Menge um ihn drängte, um Gottes Wort zu hören, da stand er am See Genezareth – 2 und sah zwei Boote am See liegen. Die Fischer aber waren aus ihnen ausgestiegen und reinigten die Netze. 3 Da stieg er in eines der Schiffe, das Simon gehörte, und bat ihn, ein kleines Stück vom Land weg auszulaufen. Er aber setzte sich und lehrte vom Boot aus die Volkmenge.
4 Als er nun aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Simon: „Fahr hinaus ins tiefe Wasser und lasst eure Netze zum Fang herab.“ 5 Da erwiderte Simon: „Meister, die ganze Nacht hindurch haben wir uns gemüht und nichts gefangen. Auf dein Wort hin aber will ich die Netze herablassen.“ 6 Und als sie dies taten, schlossen sie eine große Menge Fische ein, ihre Netze aber drohten zu reißen. 7 Da gaben sie ihren Gefährten im anderen Schiff Zeichen, damit sie kämen und ihnen beistünden. Und sie kamen und füllten beide Schiffe, sodass sie fast sanken.
8 Als nun Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesu Knie nieder und sagte: „Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mann, Herr!“ 9 Denn ein Schrecken hatte ihn ergriffen und alle mit ihm wegen des Fischfangs, den sie gemacht hatten, 10 ebenso Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die bei Simon Teilhaber waren. Da sagte Jesus zu Simon: „Fürchte dich nicht. Von jetzt an wirst du Menschen lebendig fangen.“ 11 Und sie zogen die Schiffe an Land, verließen alles und folgten ihm nach.
1. Hilfen zur Übersetzung
Lukas ist der einzige Evangelist, der Jesus als Verkündiger von „Gottes Wort“ portraitiert. Die Macht dieses Wortes wird durch den wunderbaren Fischfang illustriert.
Die sich nur bei Lukas mehrmals findende, mit „Meister“ übersetzte Anrede ἐπιστάτης bezeichnet eine Autoritätsperson; sie spiegelt in diesem Kontext wohl die Tatsache, dass Jesus kurz zuvor die Schwiegermutter des Petrus geheilt hatte.
Nach dem Wunder spricht er dann Jesus nicht mehr mit „Meister“ an, sondern als kyrios („Herr“), der griechischen Wiedergabe des alttestamentlichen Gottesnamens JHWH, mit der der erwachsene Jesus hier erstmals apostrophiert wird.
Der θάμβος, der die künftigen Jünger ergreift, ist das Theophaniemotiv des Gottesschreckens.
Das nur hier im Neuen Testament begegnende Verb ζωγρέω wird etwa verwendet, wenn im Krieg die gegnerischen Soldaten nach ihrer Gefangennahme nicht getötet werden (Passow, Handwörterbuch I/2, 1000). Hier betont es, dass die ‚Beute‘ des Menschenfischers im Gegensatz zu den sonst zum Verzehr gefangenen Fischen nicht zur Schlachtung bestimmt ist.
2. Gattung und Kontext
Der wunderbare Fischzug des Simon Petrus ersetzt die weit weniger dramatische Berufung des Petrus bei Markus und Matthäus. Formgeschichtlich handelt es sich um eine Verquickung von Wundergeschichte und Berufungserzählung. Mit ihr beginnt der Weg Jesu mit seiner Jüngerschaft, die für sein Selbstverständnis konstitutiv ist.
3. Historische Einordnung
Die Begebenheit erinnert an die Erscheinung des Auferstandenen in Joh 21,1-6
4. Schwerpunkt der Interpretation
Das Wunder – anders ist der überwältigende Fang mitten am Tag kaum zu erklären – löst keine Begeisterung aus, sondern Erschrecken. Simon, von den meisten Textzeugen nun auch erstmals Petrus genannt, fällt vor Jesus nieder und spricht ihn als kyrios an, sieht also hier Gott am Werk und bittet gerade deshalb Jesus, von ihm wegzugehen. Seine Begründung: „Ich bin ein sündiger Mann“. Nun wird weder bei Lukas noch sonst irgendwo von einer besonderen Verworfenheit des galiläischen Fischers berichtet. Es geht also nicht um eine spezifische Schuld, vielmehr wird Petrus in der Begegnung mit Jesus der Abgrund zwischen den Nachkommen Adams und ihrem Schöpfer in einer Welt jenseits von Eden schlagartig bewusst: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“ ruft der ebenfalls besonderer Untaten unverdächtige Jesaja, als ihm bei seiner Berufung Gott erscheint (Jes 6,5
5. Theologische Perspektivierung
Durch die Verquickung von Wundergeschichte und Berufungserzählung lässt Lukas die spätere Kirche damit beginnen, dass Jesus als vollmächtiger Kyrios einen „sündigen Mann“ beruft, der im Evangelium zu seinem markantesten Gegenüber und in der Apostelgeschichte als einer der Leiter der Urgemeinde und Missionar zu einer tragenden Säule der werdenden Kirche wird. Jesus nützt also nicht die Gelegenheit, dem eingeschüchterten Fischer jetzt mal richtig die Leviten zu lesen. Er sagt vielmehr: „Fürchte dich nicht“. Und er beruft ihn zum Menschenfischer, der „lebendig fangen“ soll. Damit unterstreicht Lukas, dass es gerade bei der Rede von der Sünde um das ‚Leben‘ geht: Weil Gott durch die Auferweckung die „Wehen des Todes gelöst hat“, hat der Tod seine Macht verloren (Apg 2,24
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Ich mag Petrus. Herrlich ungestüm ist er und trägt das Herz am rechten Fleck, manchmal sogar auf der Zunge. Er ist kein Heiliger und wird trotzdem zum „Felsen“ – obwohl er sich gerne überschätzt, an entscheidender Stelle in den Schlaf sinkt und erst vom Hahnenschrei wieder wirklich wachgerüttelt wird. Er ist nicht heilig. Er weiß das.
Ich mag die Art und Weise, wie sein Weg mit Jesus beginnt: selbstreflektiert und feinfühlig. Die Begegnung mit dem Göttlichen lässt tiefe Selbsterkenntnis zu, was nicht unbedingt Grund zu naiver Freude ist, sondern eher zu echtem Erschrecken. Außerdem tut mir die Einsicht gut, dass der Glaube nicht nur heute, sondern schon immer ein Wagnis war, gegen das die Vernunft zahlreiche Gründe einzuwenden hätte.
2. Thematische Fokussierung
Der Wechsel der Anrede Jesu von „Meister“ zu „Herr“ macht deutlich, dass in dem Moment dazwischen bei Petrus die Gotteserkenntnis liegt. Dieser Moment wird sich hingezogen haben, denn erstmal muss ja in der Mittagshitze die unglaubliche Menge an Fischen herausgezogen und an Land gebracht werden. Aber dann kommt der Moment, in dem der Fischer das zuvor von Jesus gehörte Wort Gottes mit dem gerade erfahrenen Geschehen zusammenbringt. Er erkennt das göttliche Wunder und den Wundertäter direkt vor seinen Augen! Folgen könnte ein Luftsprung angesichts der neuen Aussicht auf optimale Fangquoten. Aber: Petrus fällt auf die Knie, macht sich klein, denn zwischen ihm und dem, der vor ihm steht, liegen Welten. Nicht, weil Petrus eine schmutzige Weste hätte, sondern weil er erkennt, wie tief die Kluft zwischen dem Göttlichen und ihm selbst ist.
Eine Gottesbegegnung verändert, das kennen wir aus der Bibel und möglicherweise von uns selbst. Aber die Reaktion des Petrus zeigt auch den Grund für diese Veränderung: im Moment der Gotteserkenntnis liegt auch ein tiefes Begreifen des eigenen Seins. Das muss kein schönes Erlebnis sein, wohl aber ein bewegendes. Der Abgrund zwischen Gott und Mensch ist riesig und kann nur von einer Seite aufgefüllt werden. Von Gott. „Fürchte dich nicht“ – ist seine Antwort.
3. Theologische Aktualisierung
Jesus als „Bahnbrecher zum Leben“ – dieser Gedanke nimmt für mich mehrere Aspekte für die Gegenwartsübertragung der Perikope auf.
Denn es geht mal wieder um Leben und Tod. Schon mit Jesu Eintreten in diese Welt beginnt das Heil, das nach seiner Auferstehung die letzte Konsequenz erfährt. Und schon mit Jesu Eintreten in mein Leben, beginnt der Weg, der durch das Sterben hindurch in die Ewigkeit führt. Ich muss nicht warten, bis alles gut wird. Es hat bereits begonnen, gut zu sein. Und ich wirke daran mit.
Außerdem: Der Abgrund zwischen Gott und Mensch mag als Erkenntnis schmerzlich oder erschreckend sein. Er führt aber nicht zu einer Verurteilung des Menschen. Jesus folgt nicht dem „Geh weg von mir“, sondern bleibt und stellt Beziehung her – gerade über diesen Abgrund hinweg. Sein „Fürchte dich nicht“ ist alles andere als eine Beschwichtigung. Es ist ein unbändiges Zutrauen in mich. Es rechnet mir die Erlösung schon zu, bevor ich nach ihr frage. Ob mich das mutiger macht? Oh ja, es geht gar nicht anders! Bei Petrus kann ich es sehen: Sein Glaubenswagnis hat ihn zum Menschenfischer gemacht.
Schließlich: Der „Bahnbrecher zum Leben“ lässt die Kirche mit jemandem beginnen, der markante Ecken und Kanten hat. Die Kirche an sich war noch nie vollkommen, noch nie heilig. Sie wird es einzig und allein durch Christus, der in ihr ist und bleibt, „denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben“ (1. Kor 1,21
4. Wie prägt der Text den Sonntag im Kirchenjahr?
Mitten in der festlosen Trinitatiszeit geht es an diesem Sonntag darum, auf Gottes Geheiß hin neue Wege zu beschreiten, auch wenn es unvernünftig erscheint. Der Glaube als Wagnis ist das verbindende Element in allen drei Lesungen:
Die Fischer im Evangelium werfen in der Mittagssonne die Netze aus, während Abraham in der Alttestamentliche Lesung im hohen Alter in ein fremdes Land geschickt wird. Beides ist wenig erfolgversprechend und klingt nach großer „Torheit“. Diese Torheit wiederum findet im „Wort vom Kreuz“ der Epistel ihre Auslegung.
Musikalisch fügt sich wunderbar die Bachkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ ein, die zum 5. Sonntag nach Trinitatis 1724 entstand. Aber auch der Choral EG 369 bietet besonders in den Strophen 1, 6 und 7 inhaltliche Anknüpfungspunkte: Das Wagnis des Glaubens wird belohnt, „denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“
5. Anregungen
Dass Jesus in mein Boot eingestiegen ist, habe ich am Schaukeln gemerkt.
Ich musste mich richtig festhalten. Eigentlich hatte ich nur in flachen Gewässern schippern wollen. Aber Jesus sagte: „Fahr hinaus, dahin, wo es tief ist. Du musst es nicht allein machen. Ich sitze mit im Boot.“
Die seichten Gewässer zu verlassen, hat mich Überwindung gekostet.
Tausend vernünftige Gründe sprachen dagegen.
Aber ich bin das Wagnis eingegangen. Schließlich war ich nicht allein.
Ich habe das Netz ausgeworfen, dort, wo es tief ist.
Und dann musste ich ordentlich ziehen.
Etwas Schwerwiegendes war im Netz.
Ich erschrak … über die Tiefe und mich selbst.
Aber Jesus schaute mich an und sagte: „Fürchte dich nicht.“
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Angelika Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500201
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