Deutsche Bibelgesellschaft

Jesaja 40,26-31 | Quasimodogeniti | 12.04.2026

Einführung in das Buch Jesaja

1. Endgestalt des Buches

Das Jesajabuch ist mit seinen 66 Kapiteln das längste Prophetenbuch der Bibel. Die masoretische und griechische Fassung weisen im Wesentlichen Übereinstimmungen, nur in bestimmten Fällen Abweichungen voneinander auf. Die berühmte Jesajarolle aus Qumran (1Q Jesa) zeigt dabei eine Nähe zur Septuagintafassung. Umstellungen oder längere fehlende oder „überschüssige“ Textpassagen gibt es in der Septuaginta-Fassung nicht.

Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1 dem Propheten Jesaja, Sohn des Amoz (wohl nicht zu verwechseln mit dem Propheten Amos), zugeschrieben. Selbst die Texte ab Jes 40 und Jes 56, die man gemeinhin Deutero- bzw. Tritojesaja zuweist, stehen den Redaktoren der Bibel zufolge in der Autorität oder in der „Nachfolge“ des Propheten Jesaja.

2. Literarische Entstehungsgeschichte

Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40 werden aber einem zweiten Propheten zugerechnet, den man Deuterojesaja nennt. Bernhard Duhm hat in seinem Kommentar von 1892 alle Kapitel ab Jes 56 einem dritten Propheten, also Tritojesaja, zugeschrieben. Die klassische Jesajathese geht also von Protojesaja oder Erstem Jesaja (Jes 1–39), Deuterojesaja oder Zweitem Jesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja oder Drittem Jesaja (Jes 56–66) aus.

Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:

  • Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
  • Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.

Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auf diese Weise kann man die theologischen Debatten, die Aktualisierungen und Anpassung der alten Prophetenworte an die jeweils neue Zeit nachvollziehen.

Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte von Jes 1–29 ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Bei Deuterojesaja hat man Ähnliches versucht. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung in den Teilabschnitten und im Jesajabuch als Ganzes eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.

3. Historische Kontexte

Deuterojesaja ist unabhängig von Protojesaja entstanden und später damit verbunden worden. Über die Einzelheiten und den Zeitpunkt ist man sich uneins. Deuterojesaja galt klassisch als exilischer Prophet, da er von der Erweckung des Perserkönigs Kyros spricht. Es gibt aber auch die Auffassung, dass der Kern frühnachexilisch ist und größere Abschnitte auch nach dem Wiederaufbau des Zweiten Tempels (515 v. Chr.) verfasst worden sind. Mit dem Ende des Exils und dem Wiederaufbau des Tempels lassen sich die Freudentexte, von denen Jes 40–55.60–62 voll sind, gut erklären. Andere Textstellen wiederum sehen die anfänglichen Hoffnungen nicht bestätigt und tragen ihre Zurückhaltung und Enttäuschung ein.

Ein Teil der Texte aus Tritojesaja (wie auch einzelne Zusätze im übrigen Jesajabuch) stammt sogar aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Das Jesajabuch hat einen vorexilischen Kern. Der Großteil der Texte entstammt jedoch der exilischen, vor allen Dingen aber der nachexilischen Zeit. Das Jesajabuch diskutiert die Frage, wie es mit dem Zion und der (Gottes-)Herrschaft weitergeht.

4. Wichtige Themen

Zion durchzieht das Jesajabuch wie kein zweites Thema. Neben z. B. Jes 1,21–26; 2,1–5; 37,33–38; 49,14–52,10; 54,1–17; 65 und 66 sind die drei großen Kapitel Jes 60–62 zu nennen. Die Rettung des Zions vor den Assyrern, selbst wenn es sie historisch gesehen wohl so nicht gegeben hat, ist der Kern des vorexilischen Jesajabuches. Mit Deuterojesaja und den Ereignissen um den Messias Kyros (vgl. Jes 45,1) und den Fall Babylons werden dieser Erzählung weitere Zion-Texte hinzugefügt, die Jhwhs Rückkehr zum Zion (Jes 52,8) als Beginn einer neuen Zeit feiern. Nach der Rückkehr Jhwhs zum Zion – man mag dabei an die Wiedererrichtung des Tempels denken – wird die Diaspora als das Volk im Exil aufgefordert zurückzukehren. Und am Ende kommen dann auch die fremden Völker (Jes 60).

Literatur:

  • Berges, U., 2008, Jesaja 40–48, übers. und ausgelegt, HThKAT , Freiburg u.a.
  • Höffken, P., 1998, Das Buch Jesaja. Kapitel 40–66, NSK.AT 18/2, Stuttgart
  • Vermeylen, J., 2013, Jesaja, in: Römer, Th. u.a. (Hgg.), Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen. Aus dem Französischen übertragen von C. Henschel u.a., Zürich, S.385–399
  • Zapff, B.M., 2001, Jesaja 40–55, NEB.AT 36, Würzburg

A) Exegese kompakt: Jesaja 40,26-31

26שְׂאוּ־מָר֨וֹם עֵינֵיכֶ֤ם וּרְאוּ֙ מִי־בָרָ֣א אֵ֔לֶּה הַמּוֹצִ֥יא בְמִסְפָּ֖ר צְבָאָ֑ם לְכֻלָּם֙ בְּשֵׁ֣ם יִקְרָ֔א מֵרֹ֤ב אוֹנִים֙ וְאַמִּ֣יץ כֹּ֔חַ אִ֖ישׁ לֹ֥א נֶעְדָּֽר׃ ס

27לָ֤מָּה תֹאמַר֙ יַֽעֲקֹ֔ב וּתְדַבֵּ֖ר יִשְׂרָאֵ֑ל נִסְתְּרָ֤ה דַרְכִּי֙ מֵֽיְהוָ֔ה וּמֵאֱלֹהַ֖י מִשְׁפָּטִ֥י יַעֲבֽוֹר׃ 28הֲל֨וֹא יָדַ֜עְתָּ אִם־לֹ֣א שָׁמַ֗עְתָּ אֱלֹהֵ֨י עוֹלָ֤ם ׀ יְהוָה֙ בּוֹרֵא֙ קְצ֣וֹת הָאָ֔רֶץ לֹ֥א יִיעַ֖ף וְלֹ֣א יִיגָ֑ע אֵ֥ין חֵ֖קֶר לִתְבוּנָתֽוֹ׃ 29נֹתֵ֥ן לַיָּעֵ֖ף כֹּ֑חַ וּלְאֵ֥ין אוֹנִ֖ים עָצְמָ֥ה יַרְבֶּֽה׃ 30וְיִֽעֲפ֥וּ נְעָרִ֖ים וְיִגָ֑עוּ וּבַחוּרִ֖ים כָּשֹׁ֥ול יִכָּשֵֽׁלוּ׃ 31וְקוֹיֵ֤ יְהוָה֙ יַחֲלִ֣יפוּ כֹ֔חַ יַעֲל֥וּ אֵ֖בֶר כַּנְּשָׁרִ֑ים יָר֨וּצוּ֙ וְלֹ֣א יִיגָ֔עוּ יֵלְכ֖וּ וְלֹ֥א יִיעָֽפוּ׃ פ

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Übersetzung

V.26: Hebt in die Höhe eure Augen,

 und seht: Wer hat diese erschaffen?

Der, der hervortreten lässt der Reihe nach ihre Gestirne,

sie alle ruft er mit Namen:

Von den Kraftvollen und Kraftstarken wird keiner vermisst.

V.27: Warum sagst du (da), Jakob,

und sprichst du, Israel:

„Verborgen ist mein Weg vor Jhwh,

einem Gott entgeht mein Recht“?

V.28: Weißt du es nicht

oder hast du es nicht gehört?

Gott der Ewigkeit ist Jhwh,

der erschaffen hat die Enden der Erde.

Er ermüdet nicht, noch wird er schlapp,

Unausforschlich ist seine Einsicht.

V.29: Der den Müden Kraft gibt

und den Kraftlosen mit Stärke füllt.

V.30: Jünglinge werden müde und ermatten,

junge Männer stolpern gewiss.

V.31: Die aber auf Jhwh warten, erhalten neue Kraft,

sie erheben den Flügel Adlern gleich,

sie laufen, aber ermüden nicht,

sie rennen, doch ermatten nicht.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.26: צבָאָם: mit Gesenius18, S.1097 (z.St.)

V.28: אֵין חֵקֶר – unausforschlich

2. Literarische Gestaltung

Die Perikope ist der Abschluss und Ziel des ersten Kapitels Deuterojesajas. Nach der Einleitung, dem berühmten „Tröstet, tröstet mein Volk“ und der angekündigten Rückkehr Jhwhs (V.1–11), wird ein Beweis geführt, der die Macht Jhwhs in den Mittelpunkt stellt. Auf die Fragen, wer denn das Wasser oder das Himmelszelt abmessen könne, wer überhaupt Einsicht in Jhwhs Pläne habe und ihn voll und ganz verstehe (V.12–14), erfolgt zuerst keine Antwort. Vielmehr werden andere Gedanken angereiht: Wie gering doch Nationen und Völker seien (V.15–17) und dass man Jhwh nicht mit Götzen vergleichen könne (V.18–20). Die Fragen in V.21 leiten dann zur Antwort über, d.h. zur Antwort auf die Fragen, wer denn den Himmel abgemessen habe, usw. In Partizipialkonstruktionen wird die Antwort gegeben, ohne dass Jhwhs Name genannt wird (V.22f). Mit diesen Partizipien werden Jhwhs Eigenschaften benannt (über dem Erdkreis thronend, den Himmel ausbreitend usw.). Nach einem Einschub setzt sich die Partizipialkonstruktionen in V.26aβ fort, die dann in die rhetorische Frage mündet, warum Jakob-Israel da zweifeln könne, Jhwh habe ihn vergessen und Gegenwart und Zukunft seines Volkes (sinnbildlich dafür steht das Recht) seien ihm egal: Er, Jhwh, gebe den Müden Kraft (V.29). In Jes 41 werden dann die Inseln zum Gericht gerufen und dort beginnt dann ein neuer Gedankengang. Um Jes 40,29 haben sich aber davor (V.28aγ.b) und danach (V.30f.) Gedanken über Kraft und Kraftlosigkeit angeschlossen, die von der eigentlichen Argumentation von Jes 40,26-29* wegführen.

3. Redaktionsgeschichte der Perikope

Der Kern Deuterojesajas wurde klassisch der exilischen Zeit zugeordnet, da hier dem exilierten Gottesvolk das Ende ihres Exils und damit die Rückkehr in ihr Land und der Wiederaufbau des Tempels angekündigt wird. Dieser Text will also trösten (vgl. Jes 40,1) und nicht nur trösten, sondern Heil verkünden. Die Macht Jhwhs wird deshalb in den Mittelpunkt gestellt, damit die Heilswende nicht nur als eine verkündete Hoffnung, sondern als eintretendes Ereignis verstanden wird. Wenn Jhwh die Welt erschaffen hat, alles kann und weiß, dann kann er Israels Schicksal – das Exil – auch wenden. Zuerst aber gilt: „Den Müden gibt er Kraft und den Kraftlosen füllt er mit Stärke“ (V.29). Von Rückkehr und Wiedererrichtung des Tempels ist hier noch nicht die Rede.

Allein Jes 40,26 scheint erklärungsbedürftig: Wenn es dort zu Beginn des Verses heißt, man solle die Augen erheben und sich fragen, wer diese erschaffen habe, dann zielt das wohl auf die Himmelsgestirne. Mit den Kraftvollen und Kraftstarken (V.26bβγ) scheinen diejenigen Götter gemeint zu sein, die man in den Gestirnen zu erkennen glaubte. Auch sie müssen vor Jhwh antreten, auch sie sind erschaffen – man denke nur an den Sonnengott Schamasch (vgl. das hebr. Wort שֶׁמֶשׁ für „Sonne“) –, auch sie erhalten von Jhwh ihre Kraft (vgl. V.29) und sind ihm untertan

4. Historische Einordnung

Der Kern der Perikope gehört zum Grundbestand Deuterojesajas. Während man klassischerweise davon ausgeht, dass dieser Grundbestand in die exilische Zeit und nach Babylon gehört, kann man mit guten Gründen argumentieren, dass der Entstehungsort Jerusalem ist und die Entstehungszeit in die Regierungszeit Kyros II. (539–530 v.Chr.) fällt. Das läge dann freilich nach der Zeit, in die man das Exil verortet hat (vgl. Vermeylen, S.392). Die einzelnen Erweiterungen und Ergänzungen der Perikope werden dann in der Zeit danach ergänzt, eine genauere zeitliche Einordnung ist allerdings nicht möglich.

5. Schwerpunkte der Interpretation

In Jes 40,12-31* findet sich ein sogenanntes Disputationswort. Mit Hilfe der Schöpfung und der Schöpfermacht Jhwhs wird der Beweis erbracht, dass Jhwh Jakob/Israel weder vergessen hat noch allein lässt. Letztlich ist er auch der einzige Gott, der dem Müden Kraft verleihen kann, da die Himmelsgestirne – in Babylon oft selbst Götter – wie der Mensch ebenfalls von Gott geschaffen sind. Hilfe ist daher allein vom Schöpfergott Jhwh zu erwarten. Und wie er den Himmel abzumessen und das Wasser zu wiegen vermag, so kann er das Schicksal Jakobs/Israels wenden.

Da sich zur Zeit der Abfassung Deuterojesajas das Gottesvolk in Jerusalem, aber auch in Babylon aufgehalten hat, dürfte mit dem Perserkönig Kyros die Wende erkannt worden sein: Zum einen wurde das Gerichtswerkzeug Babylon, das Jerusalem erobern und die „oberen Zehntausend“ wegführen durfte, selbst erobert. Zum anderen erlaubt das in Esr 1,1–4 (vgl. 2 Chr 36,22f.) überlieferte Kyros-Edikt die Wiedererrichtung des Tempels. Die Verehrung Jhwhs erhält damit wieder einen konkreten Ort. Niemand anderes, so muss man Deuterojesaja verstehen, hat das freilich veranlasst und ermöglicht als Jhwh allein (vgl. Jes 44,28)

6. Perspektiven für die Predigt

Vermag Gott das, was er verspricht? Sind nicht auch ihm Grenzen gesetzt? Ist ihm der einzelne Mensch überhaupt wichtig? Der Zweifel, der diesen Fragen innewohnt, ist menschlich. Die Argumentation dieser Perikope zielt genau auf diesen Zweifel und führt die Schöpfung als ersten Beweis vor: „Schau dir an, wie diese Welt ist, wie groß und wunderbar! Wenn Gott dies doch alles erschaffen hat, dann vermag er alles. Dann kann er dein persönliches Geschick, dann kann er den Weltenlauf wenden. Er schenkt die Kraft dafür.“

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

V. 31a grüßt von Geburtstags- und Trauerkarten, hängt als Poster in Klinken und Seniorenheimen und begegnet mir als Lesezeichen. Zurecht: V. 31a ist wunderschön. Mit Gottvertrauen werde ich mich majestätisch erheben können und niemals müde werden.

Allerdings, so muss ich gestehen, der Kontext dieses Verses ist mir eher weniger geläufig. Jes 40,31 ist so ein Stand-Alone-Satz, ein Lonely-but-feel-good-Ranger. Da hilft mir A sehr, den Vers 31, den ganzen Predigttext und das erste Kapitel des DtrJes zusammen zu lesen. Es geht nicht so sehr darum, was Gott mir alles tun wird und kann. Es geht darum, wer dieser Gott ist! Denn dadurch wird er als Exilstext deutlich: Das Versprechen von Trost und Heil ist nicht nur eine Hoffnung, sondern Realität – dafür steht Gott mit seinem Namen und Handeln. Dies ist der Startblock, von dem aus die Müden und Enttäuschten das Rennen beginnen werden, das vor ihnen liegt. Wenn der Text nachexilisch datiert wird, dann lese ich ihn als Ermunterung, zu warten, bis Gott seine Macht im Lauf der Geschichte erweist, bevor ich zweifele.

Mit Blick auf den schlagartigen Wechsel zwischen den emotionsgeladenen V.12–25 hin zu unserem eher nüchtern wirkenden Predigttext ließe sich überlegen, ob sich hier nicht nur auf der Textoberfläche eine Entwicklung zeigt, sondern dahinter auch die Entwicklungsgeschichte des Textes zu greifen ist.Gut getan hat mir auch die Erklärung, dass das Aufheben der Augen (V.26) meinen Blick nicht auf die Berge (Höhen) lenken soll. Wieder einmal hat meine Vorerwartung (Psalm 121 lässt grüßen. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen…“) automatisch mein Verständnis des Textes vorgeprägt – fehlgeprägt in diesem Fall. Stattdessen stoße ich auf die als Gestirne sichtbaren Gottheiten Babylons – ein Thema, dem ich in vielen Exilstexten begegne (vgl. Schöpfungsbericht). Ich denke, dass man dieses Missverständnis bei der Lesung des Textes vermeiden kann, indem man die Bezüge erklärt.

2. Thematische Fokussierung

Nach Sichtung von V.31 und dem gesamten Predigttext im Kontext steht für mich die Frage:

Predige ich A) den ganzen Text als Bogen hin zu Vers 31 oder predige ich B) Vers 31 in Rückbezug auf den Text?

Möglichkeit A) beginnt dann für mich mit dem historischen Gefühl der Exilierten (V.27), von Gott vergessen worden zu sein. Dieses „Gott hat mich vergessen/ sieht mich nicht.“ ist ein Gefühl, das viele Menschen der Gegenwart teilen – in Krankheit, verweigertem Sterben, seelischem oder materiellem Leid. Diese Menschen sind oft glaubensmüde. Ein Wort, das eine doppelte Bedeutung haben kann. Müde geworden sein, weil man glaubt, aber darin nicht das Gefühl hatte, von Gott gesehen zu werden. Oder, und das trifft angesichts der heutigen kirchlichen Mitgliederaustrittszahlen auf viele Menschen zu, glaubensmüde kann auch heißen, dass man mit dem Glauben nichts mehr anzufangen weiß. So alt der Text auch ist, so zeitlos ist dieses Gefühl, dem er sich entgegenstellt und sagt: Werdet nicht glaubensmüde.
Der nächste Schritt wäre dann der Machterweis Gottes in der Schöpfung (V.28) und in der Geschichte (V.26 – als vehementer Dominanzanspruch gegenüber den babylonischen Göttern.) In das gleiche Horn stoßen auch die V. 12ff des 40. Kapitels. Wir reden ja nicht über „irgend so einen Trost und irgend so ein Heil“, sondern über den Trost und das Heil des EINEN. 

Mit den Versen 29+30 nimmt der Text dann den Bogen zu V.31. Gott gibt Kraft und Trost (V.29), und zwar von besonderer Qualität (V.30). Dann erhebt sich die von GOTT gegebene Trost- und Kraft-Garantie in V.31a zu seinem poetischen Höhepunkt.   

Möglichkeit B) stellt den bekannten Satz „Die aber auf Jhwh warten, erhalten neue Kraft, sie erheben den Flügel Adlern gleich…“ ins Zentrum der Predigt. Die übrigen Verse des Predigttextes werden zur Illustration: „Wer ist dieser Gott?“ und „Welche Qualität hat seine geschenkte Kraft/Trost, die uns auffliegen lässt wie Adler?“ Als Heils- und Trostbild ist diese Verheißung in allen Lebenslagen eine Wohltat.Was aber, wenn wir “Müdigkeit” nicht als Metapher verstehen?. Ich bete mit meinen Kindern immer am Abend „Müde bin ich, geh zu Ruh…“ Dabei gehen wir selbstverständlich davon aus, dass die Müdigkeit am nächsten Morgen verschwunden ist. Was aber, wenn nicht? 87% aller Deutschen wachen nachts auf – 25% sogar so oft, dass es krank macht. Jeder Dritte Deutsche ist nicht erholt nach dem Nachtschlaf. Hundertausende Menschen sind chronisch erschöpft. Was muss das Versprechen nach Wachheit und Kraft – nichts anderes als Partizipation am Leben – für diese Menschen bedeuten?

Bleibt die Frage nach dem menschlichen Anteil daran. In V. 31 steht das Verb קָוָה im Partizip, das zur Wiedergabe der Dauer einer Handlung, die in der Gegenwart stattfindet, also: „Diejenigen, die jetzt gerade und fortwährend auf Jhwh hoffen“. Damit meint קָוָה ein aktives Glaubensverhalten. (“Aktives, glaubensvolles Harren”, so Berges, Jesaja 40-48, 140f). Ist dieses Harren ein alles von Gott erwarten, die Lebensorientierung an seinem noch so fernen Licht, ein beständiges Suchen im Gebet, eine Herzenshaltung, aus der heraus gehandelt werden darf, die Geduld, sich gesehen zu wissen, ohne selbst zu wissen, ein beständiger innerer Kampf, ein in Treue leben ohne Gegenleistung, ein leises Hoffen gegen alle Realität und Rationalität oder etwas ganz anderes. Hier ist der Ort, an dem die/er Predigende/n mit Glaubensbiographie von sich erzählt – ohne Anspruch auf Autorität. Vielleicht hat קָוָה etwas von einem Segler, der auf den Wind wartet und sein Segel aufrichtet. Er kann den Wind nicht beeinflussen, aber er kann sich daran ausrichten, damit der Wind trägt, wenn er kommt.

3. Theologische Aktualisierung

Auch wenn der Beginn des 40. Kapitels Trost in Aussicht stellt, habe ich doch den Eindruck: Unser Text will weniger trösten als vielmehr die (Wieder-)Herstellung von Heil versichern. Was ist da der Unterschied? Trost ist eine Reaktion Gottes auf menschliches Leben und spricht das menschliche Fühlen an. Dabei wirkt er in der Gegenwart und geht nicht über den Rahmen der Verletzung hinaus.
Heil dagegen ist transformativ. Es gilt dem Ganzen (Mensch wie Welt und Schöpfung. Gegenwart wie Vergangenheit wie Zukunft.) Trost ist das Pflaster auf die Wunde, Heil ist die Transformation der Verletzung, des Verletzten, des Verletzenden und des Umfelds der Verletzung.  

4. Bezug zum Kirchenjahr

Die Themen des 1. Sonntag nach Ostern finden sich im Predigttext wieder. Die alte und neue Schöpfung durch den einen Schöpfer (V.26.28), die seine Macht erweist. Die Stärkung der Müden/Hilfe zum Heranwachsen durch das Verlangen nach der „lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil“ (1. Petr 2,2). Das Harren auf den Herrn zwischen Erschütterung und Hoffnung (Die Situation der Exilierten vor der Rückkehr, die Jünger zwischen Tod und Auferstehung, das normale Glaubensleben der Gegenwart) sowie das über alles irdische erhebende Auferstehungsbild in V.31a und am Ostersonntag. Die Auferstehung als Geschenk nährt für mich dabei das aktive Glaubensharren, das im Verb קָוָה zum Ausdruck kommt.

5. Anregungen

Der Adler, der nach oben fliegt, ebenso die Aufforderung in V.26 „Hebt in die Höhe eure Augen“ können die Höhe des Kirchenraums einbeziehen – passend zum Gloria-Lied, das nach der Passionszeit-Pause nun wieder im Gottesdienst erklingt. Nur die wenigsten werden Videokunst in der Hinterhand haben oder mit einem Beamer ein Bild/Farben wirkungsvoll an die Decke projizieren können. Aber vielleicht hängt ein weißes Band von der Decke, legt sich übers Kreuz, auf den Altar und endet im Kirchenraum. Oder ein Heliumluftballon versinnbildlicht das Leichte.

Autoren

  • Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
  • Christoph Maser (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500187

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