Jesaja 40,26-31 | Quasimodogeniti | 12.04.2026
Einführung in das Buch Jesaja
1. Endgestalt des Buches
Das Jesajabuch
Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1
2. Literarische Entstehungsgeschichte
Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40
Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:
- Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
- Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.
Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auf diese Weise kann man die theologischen Debatten, die Aktualisierungen und Anpassung der alten Prophetenworte an die jeweils neue Zeit nachvollziehen.
Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte von Jes 1–29 ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Bei Deuterojesaja hat man Ähnliches versucht. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung in den Teilabschnitten und im Jesajabuch als Ganzes eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.
3. Historische Kontexte
Deuterojesaja ist unabhängig von Protojesaja entstanden und später damit verbunden worden. Über die Einzelheiten und den Zeitpunkt ist man sich uneins. Deuterojesaja galt klassisch als exilischer Prophet, da er von der Erweckung des Perserkönigs Kyros spricht. Es gibt aber auch die Auffassung, dass der Kern frühnachexilisch ist und größere Abschnitte auch nach dem Wiederaufbau des Zweiten Tempels (515 v. Chr.) verfasst worden sind. Mit dem Ende des Exils und dem Wiederaufbau des Tempels lassen sich die Freudentexte, von denen Jes 40–55.60–62 voll sind, gut erklären. Andere Textstellen wiederum sehen die anfänglichen Hoffnungen nicht bestätigt und tragen ihre Zurückhaltung und Enttäuschung ein.
Ein Teil der Texte aus Tritojesaja (wie auch einzelne Zusätze im übrigen Jesajabuch) stammt sogar aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Das Jesajabuch hat einen vorexilischen Kern. Der Großteil der Texte entstammt jedoch der exilischen, vor allen Dingen aber der nachexilischen Zeit. Das Jesajabuch diskutiert die Frage, wie es mit dem Zion und der (Gottes-)Herrschaft weitergeht.
4. Wichtige Themen
Zion
Literatur:
- Berges, U., 2008, Jesaja 40–48, übers. und ausgelegt, HThKAT , Freiburg u.a.
- Höffken, P., 1998, Das Buch Jesaja. Kapitel 40–66, NSK.AT 18/2, Stuttgart
- Vermeylen, J., 2013, Jesaja, in: Römer, Th. u.a. (Hgg.), Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen. Aus dem Französischen übertragen von C. Henschel u.a., Zürich, S.385–399
- Zapff, B.M., 2001, Jesaja 40–55, NEB.AT 36, Würzburg
A) Exegese kompakt: Jesaja 40,26-31
Übersetzung
V.26: Hebt in die Höhe eure Augen,
und seht: Wer hat diese erschaffen?
Der, der hervortreten lässt der Reihe nach ihre Gestirne,
sie alle ruft er mit Namen:
Von den Kraftvollen und Kraftstarken wird keiner vermisst.
V.27: Warum sagst du (da), Jakob,
und sprichst du, Israel:
„Verborgen ist mein Weg vor Jhwh,
einem Gott entgeht mein Recht“?
V.28: Weißt du es nicht
oder hast du es nicht gehört?
Gott der Ewigkeit ist Jhwh,
der erschaffen hat die Enden der Erde.
Er ermüdet nicht, noch wird er schlapp,
Unausforschlich ist seine Einsicht.
V.29: Der den Müden Kraft gibt
und den Kraftlosen mit Stärke füllt.
V.30: Jünglinge werden müde und ermatten,
junge Männer stolpern gewiss.
V.31: Die aber auf Jhwh warten, erhalten neue Kraft,
sie erheben den Flügel Adlern gleich,
sie laufen, aber ermüden nicht,
sie rennen, doch ermatten nicht.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.26: צבָאָם: mit Gesenius18, S.1097 (z.St.)
V.28: אֵין חֵקֶר – unausforschlich
2. Literarische Gestaltung
Die Perikope ist der Abschluss und Ziel des ersten Kapitels Deuterojesajas. Nach der Einleitung, dem berühmten „Tröstet, tröstet mein Volk“ und der angekündigten Rückkehr Jhwhs (V.1–11), wird ein Beweis geführt, der die Macht Jhwhs in den Mittelpunkt stellt. Auf die Fragen, wer denn das Wasser oder das Himmelszelt abmessen könne, wer überhaupt Einsicht in Jhwhs Pläne habe und ihn voll und ganz verstehe (V.12–14), erfolgt zuerst keine Antwort. Vielmehr werden andere Gedanken angereiht: Wie gering doch Nationen und Völker seien (V.15–17) und dass man Jhwh nicht mit Götzen
3. Redaktionsgeschichte der Perikope
Der Kern Deuterojesajas wurde klassisch der exilischen Zeit
Allein Jes 40,26
4. Historische Einordnung
Der Kern der Perikope gehört zum Grundbestand Deuterojesajas. Während man klassischerweise davon ausgeht, dass dieser Grundbestand in die exilische Zeit und nach Babylon gehört, kann man mit guten Gründen argumentieren, dass der Entstehungsort Jerusalem ist und die Entstehungszeit in die Regierungszeit Kyros II. (539–530 v.Chr.) fällt. Das läge dann freilich nach der Zeit, in die man das Exil verortet hat (vgl. Vermeylen, S.392). Die einzelnen Erweiterungen und Ergänzungen der Perikope werden dann in der Zeit danach ergänzt, eine genauere zeitliche Einordnung ist allerdings nicht möglich.
5. Schwerpunkte der Interpretation
In Jes 40,12-31
Da sich zur Zeit der Abfassung Deuterojesajas das Gottesvolk in Jerusalem
6. Perspektiven für die Predigt
Vermag Gott das, was er verspricht? Sind nicht auch ihm Grenzen gesetzt? Ist ihm der einzelne Mensch überhaupt wichtig? Der Zweifel, der diesen Fragen innewohnt, ist menschlich. Die Argumentation dieser Perikope zielt genau auf diesen Zweifel und führt die Schöpfung als ersten Beweis vor: „Schau dir an, wie diese Welt ist, wie groß und wunderbar! Wenn Gott dies doch alles erschaffen hat, dann vermag er alles. Dann kann er dein persönliches Geschick, dann kann er den Weltenlauf wenden. Er schenkt die Kraft dafür.“
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
V. 31a grüßt von Geburtstags- und Trauerkarten, hängt als Poster in Klinken und Seniorenheimen und begegnet mir als Lesezeichen. Zurecht: V. 31a ist wunderschön. Mit Gottvertrauen werde ich mich majestätisch erheben können und niemals müde werden.
Allerdings, so muss ich gestehen, der Kontext dieses Verses ist mir eher weniger geläufig. Jes 40,31
Mit Blick auf den schlagartigen Wechsel zwischen den emotionsgeladenen V.12–25 hin zu unserem eher nüchtern wirkenden Predigttext ließe sich überlegen, ob sich hier nicht nur auf der Textoberfläche eine Entwicklung zeigt, sondern dahinter auch die Entwicklungsgeschichte des Textes zu greifen ist.Gut getan hat mir auch die Erklärung, dass das Aufheben der Augen (V.26) meinen Blick nicht auf die Berge (Höhen) lenken soll. Wieder einmal hat meine Vorerwartung (Psalm 121 lässt grüßen. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen…“) automatisch mein Verständnis des Textes vorgeprägt – fehlgeprägt in diesem Fall. Stattdessen stoße ich auf die als Gestirne sichtbaren Gottheiten Babylons – ein Thema, dem ich in vielen Exilstexten begegne (vgl. Schöpfungsbericht). Ich denke, dass man dieses Missverständnis bei der Lesung des Textes vermeiden kann, indem man die Bezüge erklärt.
2. Thematische Fokussierung
Nach Sichtung von V.31 und dem gesamten Predigttext im Kontext steht für mich die Frage:
Predige ich A) den ganzen Text als Bogen hin zu Vers 31 oder predige ich B) Vers 31 in Rückbezug auf den Text?
Möglichkeit A) beginnt dann für mich mit dem historischen Gefühl der Exilierten (V.27), von Gott vergessen worden zu sein. Dieses „Gott hat mich vergessen/ sieht mich nicht.“ ist ein Gefühl, das viele Menschen der Gegenwart teilen – in Krankheit, verweigertem Sterben, seelischem oder materiellem Leid. Diese Menschen sind oft glaubensmüde. Ein Wort, das eine doppelte Bedeutung haben kann. Müde geworden sein, weil man glaubt, aber darin nicht das Gefühl hatte, von Gott gesehen zu werden. Oder, und das trifft angesichts der heutigen kirchlichen Mitgliederaustrittszahlen auf viele Menschen zu, glaubensmüde kann auch heißen, dass man mit dem Glauben nichts mehr anzufangen weiß. So alt der Text auch ist, so zeitlos ist dieses Gefühl, dem er sich entgegenstellt und sagt: Werdet nicht glaubensmüde.
Der nächste Schritt wäre dann der Machterweis Gottes in der Schöpfung (V.28) und in der Geschichte (V.26 – als vehementer Dominanzanspruch gegenüber den babylonischen Göttern.) In das gleiche Horn stoßen auch die V. 12ff des 40. Kapitels. Wir reden ja nicht über „irgend so einen Trost und irgend so ein Heil“, sondern über den Trost und das Heil des EINEN.
Mit den Versen 29+30 nimmt der Text dann den Bogen zu V.31. Gott gibt Kraft und Trost (V.29), und zwar von besonderer Qualität (V.30). Dann erhebt sich die von GOTT gegebene Trost- und Kraft-Garantie in V.31a zu seinem poetischen Höhepunkt.
Möglichkeit B) stellt den bekannten Satz „Die aber auf Jhwh warten, erhalten neue Kraft, sie erheben den Flügel Adlern gleich…“ ins Zentrum der Predigt. Die übrigen Verse des Predigttextes werden zur Illustration: „Wer ist dieser Gott?“ und „Welche Qualität hat seine geschenkte Kraft/Trost, die uns auffliegen lässt wie Adler?“ Als Heils- und Trostbild ist diese Verheißung in allen Lebenslagen eine Wohltat.Was aber, wenn wir “Müdigkeit” nicht als Metapher verstehen?. Ich bete mit meinen Kindern immer am Abend „Müde bin ich, geh zu Ruh…“ Dabei gehen wir selbstverständlich davon aus, dass die Müdigkeit am nächsten Morgen verschwunden ist. Was aber, wenn nicht? 87% aller Deutschen wachen nachts auf – 25% sogar so oft, dass es krank macht. Jeder Dritte Deutsche ist nicht erholt nach dem Nachtschlaf. Hundertausende Menschen sind chronisch erschöpft. Was muss das Versprechen nach Wachheit und Kraft – nichts anderes als Partizipation am Leben – für diese Menschen bedeuten?
Bleibt die Frage nach dem menschlichen Anteil daran. In V. 31 steht das Verb קָוָה im Partizip, das zur Wiedergabe der Dauer einer Handlung, die in der Gegenwart stattfindet, also: „Diejenigen, die jetzt gerade und fortwährend auf Jhwh hoffen“. Damit meint קָוָה ein aktives Glaubensverhalten. (“Aktives, glaubensvolles Harren”, so Berges, Jesaja 40-48, 140f). Ist dieses Harren ein alles von Gott erwarten, die Lebensorientierung an seinem noch so fernen Licht, ein beständiges Suchen im Gebet, eine Herzenshaltung, aus der heraus gehandelt werden darf, die Geduld, sich gesehen zu wissen, ohne selbst zu wissen, ein beständiger innerer Kampf, ein in Treue leben ohne Gegenleistung, ein leises Hoffen gegen alle Realität und Rationalität oder etwas ganz anderes. Hier ist der Ort, an dem die/er Predigende/n mit Glaubensbiographie von sich erzählt – ohne Anspruch auf Autorität. Vielleicht hat קָוָה etwas von einem Segler, der auf den Wind wartet und sein Segel aufrichtet. Er kann den Wind nicht beeinflussen, aber er kann sich daran ausrichten, damit der Wind trägt, wenn er kommt.
3. Theologische Aktualisierung
Auch wenn der Beginn des 40. Kapitels Trost in Aussicht stellt, habe ich doch den Eindruck: Unser Text will weniger trösten als vielmehr die (Wieder-)Herstellung von Heil versichern. Was ist da der Unterschied? Trost ist eine Reaktion Gottes auf menschliches Leben und spricht das menschliche Fühlen an. Dabei wirkt er in der Gegenwart und geht nicht über den Rahmen der Verletzung hinaus.
Heil dagegen ist transformativ. Es gilt dem Ganzen (Mensch wie Welt und Schöpfung. Gegenwart wie Vergangenheit wie Zukunft.) Trost ist das Pflaster auf die Wunde, Heil ist die Transformation der Verletzung, des Verletzten, des Verletzenden und des Umfelds der Verletzung.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Themen des 1. Sonntag nach Ostern finden sich im Predigttext wieder. Die alte und neue Schöpfung durch den einen Schöpfer (V.26.28), die seine Macht erweist. Die Stärkung der Müden/Hilfe zum Heranwachsen durch das Verlangen nach der „lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil“ (1. Petr 2,2
5. Anregungen
Der Adler, der nach oben fliegt, ebenso die Aufforderung in V.26 „Hebt in die Höhe eure Augen“ können die Höhe des Kirchenraums einbeziehen – passend zum Gloria-Lied, das nach der Passionszeit-Pause nun wieder im Gottesdienst erklingt. Nur die wenigsten werden Videokunst in der Hinterhand haben oder mit einem Beamer ein Bild/Farben wirkungsvoll an die Decke projizieren können. Aber vielleicht hängt ein weißes Band von der Decke, legt sich übers Kreuz, auf den Altar und endet im Kirchenraum. Oder ein Heliumluftballon versinnbildlicht das Leichte.
Autoren
- Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
- Christoph Maser (Praktisch-theologische Resonanzen)
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