1. Korinther 15,(12-18)19-28 | Ostersonntag | 05.04.2026
Einführung in den 1. Korintherbrief
1 Kor ist, verglichen mit den anderen paulinischen Briefen (ausgenommen Röm
1. Verfasser
Über Denken und Wirken des Paulus, die uns historisch am besten bekannte Gestalt des frühen Urchristentums, informieren die sieben allgemein als authentisch angesehenen neutestamentlichen Briefe. Eine wichtige Quelle für die paulinische Biographie ist darüber hinaus die Apostelgeschichte
2. Adressaten
Aus der Provinz Asia kommend war Paulus in Makedonien (Philippi und Thessaloniki
3. Entstehungsort
1 Kor wurde in Ephesus
4. Wichtige Themen und Argumentationsgang des 1 Kor
Paulus kritisiert im Eingangsteil des 1 Kor die Existenz innergemeindlicher „Parteien“; dabei richtet er den Brief immer an die ganze Gemeinde, wobei er schon in der Adresse (1,2
1 Kor ist durchgängig bestimmt durch die Reaktionen auf die akute Lage in Korinth; kein anderer Paulusbrief informiert (uns) so detailliert über die bei den Adressaten bestehende Situation. Paulus hatte durch „die (Leute) der Chloe“ (1,11
Aus 1,12
In 5,1–7,40
In Kap. 8-11
Da es offenbar Tendenzen gab, die üblichen Konventionen im Verhältnis von Männern und Frauen zu verwischen, fordert Paulus, Frauen sollten die übliche Haartracht tragen, wenn sie im Gottesdienst predigen und beten (11,2-16
Das Pneumatikertum ist in Korinth stark entwickelt (1 Ko
5. Besonderheiten
Der Argumentationsgang des Paulus im 1 Kor lässt eine innere Kohärenz erkennen: Es gibt eine christologische, kreuzestheologische Grundlage für die Aussagen zu den unterschiedlichen Themen. Schwer zu beantworten ist die Frage nach dem religiösen bzw. philosophischen Hintergrund der korinthischen Parteienbildung; die Annahme, hier zeige sich eine frühe Form christlicher „Gnosis“, wird im Allgemeinen verneint, aber „weisheitliche“ Tendenzen sind deutlich erkennbar (1,18-31
Literatur:
- Hans Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 21981.
- Eva Ebel, Die Attraktivität früher christlicher Gemeinden. Die Gemeinde von Korinth im Spiegel griechisch-römíscher Vereine (WUNT II/178), Tübingen 2004.
- Andreas Lindemann, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/I), Tübingen 2000.
- Margaret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG4 Band 4, Tübingen 2001, Sp. 1688–1694.
- Dieter Zeller, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 2009.
A) Exegese kompakt: 1. Korinther 15,(12-18)19-28
Die Angabe in der Perikopenordnung für den Predigttext am Ostersonntag lautet: 1 Kor 15,(12–18)19–28. Soll der umfangreiche Abschnitt 1 Kor 15,12–28 der Predigt zugrunde liegen? Oder der kürzere Text 15,19–28? Als Ausgangspunkt für die Predigt ist 15,12 gut geeignet, denn in V. 12a wird das in V. 3b–5 zitierte Osterkerygma nochmals ausgesprochen, und der in V. 12b zitierte Satz spiegelt dann die (auch moderne) Skepsis. Hingegen wäre der Einstieg mit V. 19 für die Predigt weniger geeignet, denn hier liegt zum einen der Abschluss des in V. 12 begonnenen Gedankengangs vor, und es ist zum Andern deutlich, dass nicht mit V. 19, sondern mit V. 20 ein neuer Gedankengang beginnt.
In 1 Kor 15,3b–7 zitiert Paulus das von ihm in V. 1 als „das Evangelium“ (τὸ εὐαγγέλιον) bezeichnete Bekenntnis zur Auferweckung des gekreuzigten Christus, in V. 8–11 ergänzt durch Aussagen hinsichtlich der Erscheinungen des Auferstandenen (ὤφθη). Daraus ergibt sich, beginnend in V. 12, die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, die das Thema ist bis zum Ende des ganzen Kapitels. Diesen umfassenden Kontext sollte die Predigt zu 1 Kor 15,20–28 stets mit im Blick haben.
Übersetzung
20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling der Entschlafenen.
21 Weil nämlich durch einen Menschen der Tod, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
22 Wie nämlich in Adam alle sterben, so auch werden Christus alle lebendig gemacht werden.
23 Jeder aber in seinem eigenen Rang: (Als) Erstling Christus, dann die zu Christus (Gehörenden) bei seiner Parusie.
24 Dann das Ende, wenn er übergibt die Herrschaft Gott, dem Vater, wenn er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht.
25 Er muss nämlich herrschen, bis „er alle Feinde unter seine Füße gelegt“ hat.
26 Als letzter Feind wird der Tod vernichtet.
27 Denn „er hat alles unter seine Füße unterworfen“. Wenn es aber heißt ‚Alles ist ihm unterworfen‘, dann ist offenkundig: mit Ausnahme dessen, der ihm alles unterworfen hat.
28 Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird sich (auch) der Sohn dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 20 ἐγήγερται (Perfekt Passiv) beschreibt nicht das Geschehen, sondern das Ergebnis: Christus ist auferweckt; der Begriff ἀπαρχή ist nicht allein numerisch zu verstehen, sondern zielt auf die damit für die „Entschlafenen“ verbundene Konsequenz. Das erläutert Paulus mit der Adam-Christus-Typologie, wobei er in V. 21 „anonym“ zwei Nominalsätze formuliert (δι’ ἀνθρώπου θάνατος / δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν) und dann in V. 22 die Namen nennt (vgl. Röm 5
2. Literarische Gestaltung
Paulus entwickelt in 15,20–28 die Voraussetzungen einer apokalyptischen Vorstellung vom Ablauf der Endereignisse. In V. 20–24a geht es um die durch Christus eröffnete und ermöglichte Auferweckung der (menschlichen) Toten; in V. 24b–28 aber ist die Perspektive ausgeweitet auf die ganze Schöpfung, wie die Herrschaftsbegriffe βασιλεία, πᾶσα ἀρχή usw. sowie das häufig verwendete (τὰ) πάντα anzeigen. In V. 25 und in V. 27 verwendet Paulus zur Erläuterung vorangegangener Aussagen (γάρ) die Eingangszeile des Königpsalms Ps 110,1
3. Kontext und historische Einordnung
In 1 Kor 15 erörtert Paulus das im 1 Kor bereits mehrfach kurz erwähnte „Ende“ (vgl. 1,8
4. Schwerpunkte der Interpretation
Der Gedankengang in 15,20–28 zielt darauf, aus dem Glauben an Jesu Auferweckung durch Gott die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten abzuleiten. Der Gerichtsgedanke fehlt in 1 Kor 15, er begegnet dann aber in 2 Kor 5,10
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
Auch wenn sich die Predigt auf V. 20–28 konzentriert, könnte sie eingangs kurz referierend auf das in V. 12 bzw. in V. 12–19 Gesagte eingehen, ohne dabei aber der Frage nach dem „Hintergrund“ der in V. 12b offensichtlich zitierten Position im Einzelnen nachzugehen. Als Zusammenfassung der Argumentation in V. 20–28 könnte abschließend an V. 19 erinnert werden, wo Paulus sehr zugespitzt die Gewissheit betont, dass wir nicht nur gegenwärtig in „in Christus“ hoffende Menschen sind, sondern über der Gegenwart des Lebens hinaus.
Ein „Nachsprechen“ des ganzen Textes 15,20–28 wird in der Predigt kaum möglich sein. Paulus setzt den von ihm in Korinth gepredigten und in der Gemeinde offenbar anerkannten Glauben an die Auferweckung Christi voraus; es geht ihm jetzt darum, die Konsequenzen zu entfalten, die sich aus diesem Glauben für die Hoffnung der Glaubenden ergeben. Die am Ostersonntag möglicherweise entstehende Frage, inwieweit Paulus die Auferstehung Jesu als ein „historisches Datum“ gesehen haben könnte, spielt in diesem Argumentationsgang keine Rolle. Paulus sieht offenbar keinen Anlass, den Glauben an Jesu Auferstehung „plausibel“ zu machen, denn dieser wird von den Glaubenden in Korinth ja anerkannt; es geht ihm um die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, und dabei sollen vor allem die Aussagen in V. 26 und in V. 28 den Glaubenden eine Gewissheit vermitteln, die über alle Zeit hinaus Geltung besitzt.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
Traugott Roser und Bernd Kuschnerus im Gedankenaustausch
1. Persönliche Resonanzen
Sich mit Paulus gegen Marginalisierung wehren
Die Exegese macht mir deutlich, wie sehr die Aussagen zur Auferstehungsgewissheit des Paulus aus seinem Verhältnis zur Gemeinde in Korinth zu verstehen sind. Besonders beschäftigen mich folgende Aspekte:
- Paulus will dazugehören. Er hat in Korinth mehrere Jahre lang gepredigt. Jetzt ist er viel auf Reisen. Zwischen der Gemeinde und ihm gibt es einen lebendigen Austausch über Briefe. Aber wird das reichen, dass er und die Gemeinde eins sind in Christus?
- Die Distanz macht Paulus verletzlich. Diverse Gruppierungen in der Gemeinde, von den religiös Spekulativen und ihren sophistischen Gedankenspielen über die vermögend Mächtigen bis zu den pneumatischen Ekstatiker:innen stellen die Autorität des Apostels in Frage. Nachdem er zu den Anwürfen und Kritik von allen Seiten Stellung genommen hat, kommt er in Kapitel 15 (im Sinne von „das Wichtigste kommt zum Schluss!“) noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das er schon in seiner Predigttätigkeit betonte. Offenbar wurde ihm aus der Gemeinde von den laut geäußerten Zweifeln „einiger“ berichtet und er sah sich zur Stellungnahme genötigt: der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, die an die Auferstehung Christi geknüpft ist.
- Lassen wir heute Predigenden diese Frage an uns heran? Welche Bedeutung hat unser Glaube an die Auferstehung für unsere Rolle in Gemeinde, Kirche und Gesellschaft? Anders gefragt: interessiert es uns noch, wie beherzt die Menschen der Gemeinde im Ostergottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis zur „Auferstehung der Toten“ mitsprechen?
Über die Exegese von Teil A hinaus irritiert mich die Bedeutung des Wortfelds „unterwerfen“, das die Vv. 25-28 zu bestimmen scheint. Machtstrukturen werden einerseits kritisiert (V.24 werden „Herrschaft, Gewalt, Macht“ vernichtet), andererseits werden neue Hierarchien gesetzt (Vv.27f). Das stimmt mich zumindest nachdenklich darüber, wie ich den Tod denke: ist er (immer) ein Feind? Paulus setzt in jedem Fall auf die Hoffnungskraft der – in heutiger Sprache – Überwindung des Todes.
(Traugott Roser)
„Wäre er geblieben, wo des Todes Wellen branden, so hofften wir umsonst, doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden“ (EG 117).
Die Osterfreude stellt sich dort ein, wo Menschen die Auferstehung Jesu als etwas begreifen, das ihnen zugute geschehen ist. Die Exegese fördert meine Predigt, indem sie zeigt, wie Paulus aus dem Glauben an Jesu Auferweckung durch Gott die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten ableitet. Ostern dient nicht dem Gedenken an ein historisches Ereignis. Der Glaube an die Auferstehung Jesu begründet vielmehr die Hoffnung und Freude der Glaubenden. Denn der Osterglaube bedeutet, auf Gott zu vertrauen. Die österliche Hoffnung richtet sich auf Gottes Handeln an uns und sie bezieht die ganze Schöpfung ein (1 Kor 15, 28). Die zahlreichen konkreten Hinweise aus der Exegese für die Predigt empfinde ich als unterstützend. So erscheint die Begrenzung der Textgrundlage auf 1 Kor 15,20–28 als sinnvoll, wenn der Zusammenhang des Kapitels beachtet wird.
(Bernd Kuschnerus)
2. Thematische Fokussierung
Das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten gehören zusammen.
Darüber soll Gewissheit vermittelt werden, wie die Exegese gezeigt hat. Die Beschreibung Christi als „Erstling“ (V.20.23) und die Adam-Christus-Typologie (V.21f.) zeigen eine Zugehörigkeit und eine Entsprechung zwischen Christus und uns auf. Zugleich wird zwischen Christus und uns unterschieden (V.23ff.). Dass es betont um eine Auferstehung von den Toten geht (V.20; vgl. V.12–16), ist von Bedeutung. Denn „wo man ausblendet, dass man mitten im Leben auf den Tod stößt, kann man auch nicht ernst nehmen, dass man mitten im Tod auf die Quelle des Lebens trifft“ (Dalferth, 311). Die Osterbotschaft tritt einer Skepsis hoffnungsvoll gegenüber und zeigt sich einem Enthusiasmus gegenüber realistisch. Paulus geht von dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu Christi von den Toten aus. Auch angesichts moderner Skepsis kann die Predigt nicht am Glauben an die Auferstehung Jesu vorbei die christliche Hoffnung begründen, wohl aber die existentielle Neuausrichtung eines Lebens entfalten, dessen Hoffnung auf Gott über den Tod hinaus geht.
(Bernd Kuschnerus)
Auferstehung? Wir müssen reden!
In zweierlei Hinsicht stellen der Text und die exegetischen Überlegungen Fragen an die gegenwärtige Lebenswelt:
- Paulus will gar nicht die Auferweckung Christi plausibel machen, wohl aber die Auferstehung der Toten. Das wirft Fragen nach unserem Auferstehungsglauben heute auf. Welche Relevanz hat dieser heute, im Kreis der eigenen Familie, im Freundeskreis, in unseren Gemeinden? Für Schleiermacher waren es v.a. die ‚Gebildeten unter den Verächtern‘, über die er sich Gedanken machte; heute sind die Zweifel in allen Milieus, Bildungsschichten und Altersgruppen verbreitet (s.u.). Der Predigttext ermahnt uns, vom Osterereignis her über unsere Vorstellung von der Auferstehung der Toten nachzudenken.
- Die Frage nach der Auferstehung der Toten stellt sich sehr konkret, wenn man den Ostergottesdienst als trauernder Mensch begeht, entweder als Schwerkranker mit dem Wissen, dass es das letzte Osterfest sein wird, das man feiert. Oder nach dem Tod eines nahestehenden Menschen.
Ich erinnere mich sehr gut an den Ostersonntagsgottesdienst, den ich als junger Witwer mit 42 Jahren erlebte. Ich achtete auf jedes Wort und ärgerte mich, wenn über das Sterben und die Trauer der Kartage hinweg gegangen wurde. Trost spendete mir dagegen das Öl-Gemälde rechts von der Kanzel: ein dem Grab entstiegener Auferstandener in weißem Gewand im Stil von Gustave Doré. Mächtig. Leiblich. Strahlend. Was die Worte nicht leisten konnten, zeigte mir die selbstverständlich realistische Darstellung.
Was, wenn unter den Hörer:innen der Osterpredigt mehr Menschen sind, denen es nicht um eine abstrakte Frage, wie man sich die Auferweckung Christi oder der Toten vorzustellen hat, geht, sondern Menschen, für die es um eine Frage existenziellen Trostes geht? 1 Kor 15 scheint – im Unterschied zu 1 Thes 4,13ff
(Traugott Roser)
3. Theologische Aktualisierung
Wie müssen, wir können reden. Ja, über Auferstehung!
Laut der 6. Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung besuchen den Ostergottesdienst vor allem Menschen, die auch sonst Sonntagsgottesdienste besuchen. Für Konfessionslose hat der Ostergottesdienst kaum Bedeutung. Von den Altersgruppen sind vorwiegend die Ü70-Jährigen und die 14-29-Jährigen vertreten, am wenigsten die Babyboomer. In den traditionellen Milieus hat der Besuch des Ostergottesdienstes hohe Bedeutung, aber auch bei anderen, wie den Leistungsbewusst-Individuellen und Konsum-Materialistischen. Sie gehören dazu wie auch die Prediger:in selbst.
In V.12 – sinnvollerweise der Lesung von Vv. 20-28 vorangestellt – geht der Apostel frontal auf die Kernfrage zu: von Christus wird in den Kirchen verkündet, dass er auferstanden ist. Aber (auch in der Kirche) nicht wenige lehnen die Vorstellung von der Auferstehung der Toten ab. Was also denken wir, die wir als Gemeinde am Ostertag zusammenkommen, darüber? Zweifel sind nicht ausgeschlossen: dafür sorgt schon die Evangeliums-Lesung, der echte Markus-Schluss Mk 16,1-8
Zum Beispiel den Jugendlichen im Gottesdienst? Eine Dissertation an Universität Kassel untersuchte in einer qualitativen Studie Todesvorstellungen und Jenseitshoffnung von Jugendlichen, insbesondere, wenn sie zum Theologisieren mit Studierenden eingeladen waren (vgl. Kallies-Bothmann 2022). Die Studie stellte einen überraschend klaren Zusammenhang zwischen Jesu Auferweckung und allgemeiner Vorstellung fest: „sofern die Jugendlichen die Auferstehung an sich als zweifelhaft betrachten oder in einem Suchprozess nach für sie angemessenen Deutungen sind, können sie keine Hoffnung ausbilden. Hoffnung baut auf ein Sich-verlassen-Können auf.“ Die mit vielen Meinungen konfrontierten Jugendlichen wollen im ernsthaften Gespräch gefordert werden und verlangen nach Auskunft über unseren Glauben an Christi Auferstehung als Basis eines Bezugs von Auferstehungshoffnung. Paulus selbst beschreibt sich in Gal 1,15ff
Paulus bezieht persönlich Stellung. Für ihn hängt seine eigene Glaubwürdigkeit an der Wirklichkeit des Auferstandenen. Dabei geht er nicht über den Tod hinweg, im Gegenteil, für ihn ist das Sterben seit Adam eine harte Grundgegebenheit, bittere Realität! Doch die neue Schöpfung, die mit Christus begonnen hat, betrifft ebenso alle, die Christusgläubigen und dann alles, was bis dahin dem Tod unterworfen war! Wenn man diesen Gedanken in die Mitte stellt, dann wird der Trost der Auferstehungshoffnung unmittelbar begreifbar: der Tod ist besiegt.
Letztlich verlangt 1 Kor 15 ebenso sehr eine Predigt über die Auferstehung der Toten wie über den Tod als Feind. Der christliche Glaube kann sich nicht mit dem Tod abfinden. Schon gar nicht muss man den Tod akzeptieren, weder den Jesu noch den eigenen noch den eines geliebten Menschen. Gott will Leben. Das Leben des Sohnes, das Leben des Menschen, das Leben der Schöpfung. An Jesus Christus hat er das aller Welt offenbart. Der Tod ist besiegt. An diese Offenbarung zu erinnern, ist unser Job als Prediger:innen, mindestens an Ostern.
(Traugott Roser)
Mit Ostern lassen sich alle, die der Wirklichkeit des Adam unterliegen, auf eine neue Wirklichkeit ansprechen, die durch Christus geprägt ist.
Das Leben, das mit dem Tod zu Ende gehen wird, hat bei Gott eine Zukunft. Diese wird nicht allein für uns, sondern für alle erhofft. Diese Hoffnung zeichnet Paulus zufolge Christenmenschen aus. Sie ermöglicht eine alle Lebensbereiche umfassende befreite Haltung: „Frei von der Angst vor seinen Grenzen, seinen Fristen, seiner Endlichkeit, frei für das jetzt, frei für die Mitmenschen, frei für Gott und die Freude an ihm“ (UEK, 123). Sie blendet gerade nicht aus, was Paulus mit dem „Modell Adam“ kennzeichnet. Die Menschen, denen ich im Ostergottesdienst begegne, sind sterblich wie ich. Möglicherweise begleitet sie Angst vor dem Tod, die Sorge um Angehörige, die Trauer um Verstorbene. Einige haben sich mit einer ungünstigen Krankheitsdiagnose auseinandersetzen müssen, manche haben Angehörige in ihrer letzten Lebensphase begleitet. Einige beschäftigt vielleicht, wie sie wohl an ihrem Lebensende Schmerz bewältigen und selbstbestimmt bleiben können. Andere fühlen sich durch Pflegekostendiskussionen und Verklärungen des Suizids als vermeintlichem Akt der Autonomie unter Druck gesetzt. Eine kompetente und menschlich zugewandte Hospizarbeit und Palliativversorgung können zu einem Sterben in Würde beitragen. Wie kann das Beziehungsnetz der Gemeinde dazu helfen, dass Einsamkeit, Altersarmut und Trauer nicht dazu führen, dass Menschen sich als Last empfinden und des Lebens müde werden? Die brutale Wirklichkeit des Kriegs in Europa lässt uns das Wissen um vielfaches gewaltsames Sterben bedrohlich nahekommen. In V.26 gerät der Tod als „der letzte Feind“ in den Blick. Nicht mit dem Tod, der Zerstörung, der Erniedrigung und dem Hass zu konspirieren, ist eine daraus abzuleitende Konsequenz (Jüngel, 70f.). Ostern kann bedeuten, zu hoffen, auch wenn wir an das Ende unserer Möglichkeiten gekommen sind. Die österliche Hoffnung geht über anthropozentrische Begrenzungen hinaus (V.28). Kann sie Resignation angesichts ökologischer Krisen überwinden?
(Bernd Kuschnerus)
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Text aus 1 Kor 15 hat zahlreiche Kirchenlieder angeregt.
Das Wochenlied „Christ lag in Todes Banden“ (EG 101) vollzieht den „wunderlichen Krieg“ Christi gegen den Tod nach. Das Lied „Mit Freuden zart“ (EG 108) nimmt das Motiv des den Tod bezwingenden Christus aus 1Kor 15,20–26 so auf, dass die Verheißung an „seine Schar“ deutlich wird. Den österlichen Sieg besingt auch „O Tod, wo ist dein Stachel nun?“ (EG 113). Im Rahmen der gottesdienstlichen Lesungen hebt sich der Text aus 1Kor 15 durch seinen argumentativen Charakter hervor. Die alttestamentliche Lesung aus 1 Sam 2
(Bernd Kuschnerus)
Er ist wahrhaftig auferstanden… und mit ihm auch wir!
Paulus wäre eigentlich lieber direkt bei den Korinther:innen gewesen, mit Predigt, Feier und gemeinsamem Mahl. Heutige Prediger:innen haben die Möglichkeit zum Osterfrühstück mit der Gemeinde. Statt beim traditionell responsorisch-liturgischen Ostergruß „Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“ stehenzubleiben, kann man zu Tee, Kaffee und Osterbrot die Frage stellen: Und wir auch? Darüber kann man sich nach einer anregenden Predigt austauschen.
Vorab lohnt ein genaues Nachdenken über die Zusammensetzung der Gottesdienstgemeinde: für wen ist die Botschaft von der Auferweckung der Toten vielleicht in diesem Jahr besonders tröstend? Was würde dieser Person fehlen, wenn es diesen Text des Paulus nicht gäbe? Ein Meditieren in diese Richtung wird davor bewahren, sich in abstrakten Spekulationen zu verlieren.
(Traugott Roser)
5. Anregungen
Auferstehung ist das Reich des Möglichen!
Einen liebevollen Gedankenanstoß bietet eine Grabinschrift, die der calvinistisch sozialisierte, britische Dichter und Dandy Lord George Gordon Byron seinem Hund Boatswain widmete, einem Neufundländer, der mit nur fünf Jahren an Tollwut starb: diesem Hund, der „Schönheit ohne Eitelkeit besaß, / Stärke ohne Anmaßung, / Mut ohne Bösartigkeit, / und alle Tugenden des Menschen ohne seine Laster“ würden Menschen den Zugang zur Seligkeit absprechen: „Man spricht die Seel‘, die er gezeigt, ihm ab. / Der Mensch jedoch will hochgewürdigt sein / Und einen Himmel für sich ganz allein.“
Weil Paulus V.24 offenlässt, was ‚das Ende‘ ist, wenn alle Macht, Gewalt und Herrschaft vernichtet sind, darum hat auch kein Mensch die Macht, den Himmel zu verschließen, Auferstehung auszuschließen. Auferstehung ist das Reich des Möglichen, das Reich Gottes. Wie tröstlich ist das für Trauernde vor und nach einem Tod!
(Traugott Roser)
Paulus nimmt diejenigen ernst, deren Einwände er zitiert.
Er würdigt sie einer ausgedehnten Argumentation. Die Osterfreude ist aber auch auf eine bildliche Sprache angewiesen (UEK, 108). Sie ermöglicht es, nicht nur über Erfahrungen zu sprechen, sondern neue Erfahrungen zu machen (Anderegg, 84). Paulus verwendet in V.24–28 bildliche Sprache. Er greift auf Psalmen zurück, wenn er die Endereignisse als einen paradoxen Feldzug des Lebens darstellt, in dem Gott die feindlichen Mächte unterwirft und zuletzt den Tod vernichtet. Welchen Widerhall kann diese „Gegenbewegung zu den in der Welt vorherrschenden Kräften des Todes“ (Dalferth, 462) in unserem Leben finden? Am Ende ist Gott „alles in allem“ – auch die Sprache neuerer Lyrik, wie das Gedicht „Ein Leben nach dem Tode“ von Marie-Luise Kaschnitz, kann uns helfen, dieser Hoffnung Ausdruck zu geben (vgl. Lindemann, 104f).
(Bernd Kuschnerus)
Literatur
- Johannes Anderegg, Sprache und Verwandlung. Zur literarischen Ästhetik, Göttingen 1985.
- Byron, George Gordon (1808), Epitaph für einen Hund (2012 Altenmünster), zitiert von Scheck, Denis & Schenk, Christina (2021), Der Undogmatische Hund, Köln, 251).
- Ingolf U. Dalferth, Deus Praesens. Gottes Gegenwart und christlicher Glaube, Tübingen 2021.
- Hörsch, Daniel, Deeg, Alexander et.al. (2024), Kirchgang und Gottesdienst im Plural, in: Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD und Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (Hg.) Wie hätlst du’s mit der Kirche?. Zur Relevanz von Religion und Kirche in der pluralen Gesellschaft. Analysen zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig: EVA. 447-472.
- Eberhard Jüngel, Von Zeit zu Zeit. Betrachtungen zu den Festzeiten im Kirchenjahr, Bovenden 21996.
- Kallies-Bothmann, Johanna (2022), Todesvorstellungen und christliche Auferstehungshoffnung im Blickfeld der Jugendtheologie, Kassel. https://doi.org/10.17170/kobra-202201115399
- Andreas Lindemann, Auferstehung. Gedanken zur biblischen Überlieferung, Göttingen 2009.
- Unsere Hoffnung auf das ewige Leben. Ein Votum der Union Evangelischer Kirchen in der EKD, Neukirchen-Vluyn 22008.
Autoren
- Prof. i.R. Dr. Andreas Lindemann (Einführung und Exegese)
- Dr. Bernd Kuschnerus (Praktisch-theologische Resonanzen)
- Prof. Dr. Traugott Roser ((Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500185
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