Deutsche Bibelgesellschaft

1. Korinther 15,(12-18)19-28 | Ostersonntag | 05.04.2026

Einführung in den 1. Korintherbrief

1 Kor ist, verglichen mit den anderen paulinischen Briefen (ausgenommen Röm) und insbesondere auch im Vergleich mit antiken Privatbriefen, ungewöhnlich umfangreich. Die paulinische Verfasserschaft wird im Allgemeinen nicht in Frage gestellt, die neuere Exegese kommt ganz überwiegend zu dem Ergebnis, dass 1 Kor literarisch einheitlich ist.

1. Verfasser

Über Denken und Wirken des Paulus, die uns historisch am besten bekannte Gestalt des frühen Urchristentums, informieren die sieben allgemein als authentisch angesehenen neutestamentlichen Briefe. Eine wichtige Quelle für die paulinische Biographie ist darüber hinaus die Apostelgeschichte des Lukas, auch wenn deren historische Verlässlichkeit nicht immer gegeben ist. In ihrer Darstellung des ersten Aufenthalts des Paulus in Korinth wird der römische Statthalter Gallio erwähnt (Apg 18,12), dessen Amtszeit laut einer in Delphi gefundenen Inschrift auf das Jahr 50/51 oder 51/52 zu datieren ist. Demnach war Paulus also in den frühen 50er Jahren in Korinth. Er schrieb dann mehrere Briefe nach Korinth, einen in 1 Kor 5,9 erwähnten, nicht erhaltenen Brief sowie einige kürzere, später als „2 Kor“ vermutlich redaktionell zusammengestellte Briefe.

2. Adressaten

Aus der Provinz Asia kommend war Paulus in Makedonien (Philippi und Thessaloniki) tätig und nach kurzem Aufenthalt in Athen (Apg 17,15-18,1) kam er nach Korinth. Dort traf er Aquila und Priska, die aufgrund des Claudius-Edikts aus Rom nach Korinth gekommen waren. Sie waren offenbar (Juden-)Christen, aber eine Gemeinde von Christusgläubigen gab es in Korinth noch nicht. Die Gemeinde entstand nach Darstellung der Apg im Umfeld der Synagoge (18,4-11). Aus 1 Kor geht hervor, dass zu den korinthischen Christusgläubigen auch Juden gehörten (7,18), aber die Gemeinde lebte im Gegenüber nicht nur zu „Heiden“ (Griechen), sondern auch zu Juden (10,32). Die Briefkorrespondenz zeigt, dass die korinthische Gemeinde für Paulus besonders wichtig war; in den Briefen nach Korinth nimmt er, anders als etwa im Gal, zu den aktuellen innergemeindlichen Problemen in einer Weise Stellung, als gehöre er selbst zu ihr.

3. Entstehungsort

1 Kor wurde in Ephesus geschrieben. Die in 15,32 (vgl. 2 Kor 1,8) erwähnte lebensbedrohliche Situation, die möglicherweise mit den in Apg 19,23-40 geschilderten dramatischen Ereignissen in Verbindung stand, war offensichtlich überwunden, denn Paulus kündigt in 16,6-8 an, er wolle „bis Pfingsten“ in Ephesus bleiben und erst dann wieder nach Korinth reisen. In Apg 20,31 wird von einem dreijährigen Aufenthalt in Ephesus gesprochen, könnte 1 Kor könnte also etwa vier Jahre nach dem Gründungsbesuch in Korinth verfasst worden sein, etwa im Jahre 54/55.

4. Wichtige Themen und Argumentationsgang des 1 Kor

Paulus kritisiert im Eingangsteil des 1 Kor die Existenz innergemeindlicher „Parteien“; dabei richtet er den Brief immer an die ganze Gemeinde, wobei er schon in der Adresse (1,2) die Adressaten auf ihren „ökumenischen“ Kontext verweist (vgl. 4,17; 7,17; 11,16; 14,33). Die Konflikte in Korinth sind offenbar „hausgemacht“; dass „von außen“ gekommene fremde Missionare („Gegner“) aktiv geworden wären, ist im 1 Kor – anders als dann vor allem in 2 Kor 10-13 – nicht zu erkennen.

1 Kor ist durchgängig bestimmt durch die Reaktionen auf die akute Lage in Korinth; kein anderer Paulusbrief informiert (uns) so detailliert über die bei den Adressaten bestehende Situation. Paulus hatte durch „die (Leute) der Chloe“ (1,11; leider erfahren wir nichts Näheres über sie) wie auch durch Stephanas und dessen Begleiter (16,17f.) sowie durch mündliche Nachrichten (5,1) und durch den in 7,1 erwähnten korinthischen Brief von den Problemen in Korinth erfahren und sah sich zu einer umfassenden Reaktion herausgefordert, wobei der Brief einen persönlichen Besuch vorläufig ersetzen soll (16,5–9; vgl. 11,34).

Aus 1,12 geht hervor, dass es Gruppen („Parteien“) gab, die sich an bestimmten Führern orientierten (1,12); Ursache könnte ein ausgeprägtes Interesse an „Weisheit“ gewesen sein, die Suche nach spekulativer religiöser Erkenntnis (1,17; 1,18ff.). Welche Vorstellungen die einzelnen Gruppen vertraten, ist für uns nicht erkennbar; Paulus geht nicht auf Einzelheiten ein, sondern lehnt die  Existenz von Parteien ab. Er wertet die soziale Zusammensetzung der Gemeinde als Indiz dafür, dass Gott den Maßstäben menschlicher Weisheit widerspricht (1,18-31) Möglicherweise gab es in Korinth einen religiösen Enthusiasmus (vgl. 4,8), der sich in Schlagworten wie „Alles ist erlaubt“ oder „Wir alle haben Erkenntnis“ niederschlug (vgl. 6,12; 8,1; 10,23). Paulus betont dagegen die Theologie des Kreuzes: Die Existenz der Christusgläubigen ist dadurch bestimmt, dass ihr Herr sich am Kreuz, d.h. in Niedrigkeit, und nicht in Glorie offenbart hat.

In 5,1–7,40 nimmt Paulus zu aktuellen moralischen Problemen Stellung. Ein Mann, der „die Frau seines Vaters hat“, muss aus der Gemeinde ausgeschlossen werden (5,1-13), angesichts von Konflikten um Vermögensfragen (6,1–6) schlägt Paulus die Bildung einer innergemeindlichen Zivilgerichtsbarkeit vor, betont aber, dass der Verzicht auf die Durchsetzung von Rechtsansprüchen das eigentlich Angemessene wäre (6,7-11). In diesem Zusammenhang wird betont, dass der Christ auch körperlich seinem Herrn gehört – offenbar gab es einen religiös motivierten „Libertinismus“ ebenso wie umgekehrt die Forderung nach strikter Askese (6,12-20; vgl. 7,1). Aus 1 Kor 7 geht hervor, dass die Frage der Ehe und insbesondere der „Mischehen“ in Korinth umstritten war.

In Kap. 8-11 erörtert Paulus die Tatsache, dass korinthische Christusgläubige an Mahlzeiten teilnehmen, die auch kultischen Charakter haben können. Paulus betont die Freiheit zum Essen des „Götzenopferfleisches“ (8,1ff.), doch gebe es diese nicht abstrakt, sondern nur konkret in der Gemeinschaft der Glaubenden. Der Verzehr von Opferfleisch ist nicht wegen einer womöglich kultischen Qualität des Fleisches verboten, aber der Verzicht ist geboten aus Rücksicht auf andere, die tatsächlich Anstoß nehmen. Eine unmittelbare Teilnahme am Opferkult („Tisch der Dämonen“) ist unvereinbar mit der Teilhabe am „Tisch des Herrn“ (10,14-22).

Da es offenbar Tendenzen gab, die üblichen Konventionen im Verhältnis von Männern und Frauen zu verwischen, fordert Paulus, Frauen sollten die übliche Haartracht tragen, wenn sie im Gottesdienst predigen und beten (11,2-16; das dazu im Widerspruch stehende rigorose „Sprechverbot“ in 14,34.35 ist sehr wahrscheinlich eine später eingefügte Interpolation). Zur Mahlfeier erfuhr Paulus von Verhaltensweisen, die es aus seiner Sicht „unmöglich“ machten, das „Herrenmahl“ zu feiern, da jeder „sein eigenes Mahl“ vorwegnimmt (11,17-34). Da aber in diesem Mahl der Tod des Herrn verkündigt wird „bis er kommt“, ist ein individualistischer Missbrauch der Mahlfeier verwerflich.

Das Pneumatikertum ist in Korinth stark entwickelt (1 Kor 12-14). Paulus betont deshalb das Zusammenwirken aller „Glieder“ innerhalb des „Leibes“, in dem es keinerlei Hierarchie gibt; dann bezeichnet er abschließend die Gemeinde ganz betont als „Leib Christi“ (12,27). In 13,1-13 beschreibt er die Liebe als kritischen Maßstab für alles Handeln; dieser Text ist kein „Lied“, sondern bezieht sich durchgängig auf die Gemeindesituation. Paulus schreibt nicht, dass es der korinthischen Gemeinde an Liebe mangelt, aber er betont, dass die Liebe höherwertig ist als alle „Geistesgaben“ und alle „Erkenntnis“. In Kap. 14 zum „Zungenreden“ fordert er, die geistgewirkte Ekstase müsse danach beurteilt werden, was sie zum Aufbau der Gemeinde beiträgt; dann verliere die Ekstase ihren besonderen Wert, und zugleich erweise sich jede Leistung für die Gemeinde als eine Wirkung des Geistes. Auch in Kap. 15 wird die Gemeindesituation sichtbar: Einige sagen „Es gibt keine Auferstehung der Toten“ (V. 12), andere hingegen lassen sich sogar „für die Toten“ taufen, um ihnen Anteil an der Auferstehung zu geben (V. 29). Dagegen argumentiert Paulus vom Bekenntnis her (V. 1-11): Aus dem Glauben an Jesu Auferstehung folgt die Hoffnung auf die noch in der Zukunft liegende Auferstehung der Toten (V. 20). Die Frage, auf welche Weise die Toten auferstehen werden, ist töricht (V. 35), denn die Erfahrung lehrt doch, dass der gesäte Same zuerst „stirbt“ und dass Gott ihm dann einen neuen Leib gibt (V. 35-41); in der Auferstehung der Toten wird Gott ebenso handeln (V. 42-49). Am Ende offenbart Paulus ein „Geheimnis“: Es werden alle – die Toten und die bei der Parusie Lebenden – verwandelt werden, und erst dann wird der Tod besiegt sein (V. 50-55). Gegenwärtig aber wird die Macht des Todes erfahren in Form der durch das Gesetz wirksamen Sünde (V. 56). Am Ende (16,1-24) stehen organisatorische Anweisungen zur Sammlung der Kollekte für Jerusalem, sodann eine Besuchsankündigung sowie Grüße.

5. Besonderheiten

Der Argumentationsgang des Paulus im 1 Kor lässt eine innere Kohärenz erkennen: Es gibt eine christologische, kreuzestheologische Grundlage für die Aussagen zu den unterschiedlichen Themen. Schwer zu beantworten ist die Frage nach dem religiösen bzw. philosophischen Hintergrund der korinthischen Parteienbildung; die Annahme, hier zeige sich eine frühe Form christlicher „Gnosis“, wird im Allgemeinen verneint, aber „weisheitliche“ Tendenzen sind deutlich erkennbar (1,18-31; 2,1-16). Kontrovers diskutiert wird die Frage, welche Vorstellung hinter der in Korinth ausgesprochenen Ablehnung der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (1 Kor 15,12) steht: Möglich ist, dass die Erwartung der Auferstehung als „unvernünftig“ angesehen wird; die in 15,12 zitierte Aussage könnte aber im Gegenteil auch „enthusiastisch“ gemeint gewesen sein in dem Sinne, die Glaubenden seien „bereits auferstanden“ (vgl. 2 Tim 2,18).

Literatur:

  • Hans Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 21981.
  • Eva Ebel, Die Attraktivität früher christlicher Gemeinden. Die Gemeinde von Korinth im Spiegel griechisch-römíscher Vereine (WUNT II/178), Tübingen 2004.
  • Andreas Lindemann, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/I), Tübingen 2000.
  • Margaret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG4 Band 4, Tübingen 2001, Sp. 1688–1694.
  • Dieter Zeller, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 2009.

A) Exegese kompakt: 1. Korinther 15,(12-18)19-28

Die Angabe in der Perikopenordnung für den Predigttext am Ostersonntag lautet: 1 Kor 15,(12–18)19–28. Soll der umfangreiche Abschnitt 1 Kor 15,12–28 der Predigt zugrunde liegen? Oder der kürzere Text 15,19–28? Als Ausgangspunkt für die Predigt ist 15,12 gut geeignet, denn in V. 12a wird das in V. 3b–5 zitierte Osterkerygma nochmals ausgesprochen, und der in V. 12b zitierte Satz spiegelt dann die (auch moderne) Skepsis. Hingegen wäre der Einstieg mit V. 19 für die Predigt weniger geeignet, denn hier liegt zum einen der Abschluss des in V. 12 begonnenen Gedankengangs vor, und es ist zum Andern deutlich, dass nicht mit V. 19, sondern mit V. 20 ein neuer Gedankengang beginnt.

In 1 Kor 15,3b–7 zitiert Paulus das von ihm in V. 1 als „das Evangelium“ (τὸ εὐαγγέλιον) bezeichnete Bekenntnis zur Auferweckung des gekreuzigten Christus, in V. 8–11 ergänzt durch Aussagen hinsichtlich der Erscheinungen des Auferstandenen (ὤφθη). Daraus ergibt sich, beginnend in V. 12, die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, die das Thema ist bis zum Ende des ganzen Kapitels. Diesen umfassenden Kontext sollte die Predigt zu 1 Kor 15,20–28 stets mit im Blick haben.

20Νυνὶ δὲ Χριστὸς ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν ἀπαρχὴ τῶν κεκοιμημένων. 21ἐπειδὴ γὰρ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν. 22ὥσπερ γὰρ ἐν τῷ Ἀδὰμ πάντες ἀποθνῄσκουσιν, οὕτως καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται. 23Ἕκαστος δὲ ἐν τῷ ἰδίῳ τάγματι· ἀπαρχὴ Χριστός, ἔπειτα οἱ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ παρουσίᾳ αὐτοῦ, 24εἶτα τὸ τέλος, ὅταν παραδιδῷ τὴν βασιλείαν τῷ θεῷ καὶ πατρί, ὅταν καταργήσῃ πᾶσαν ἀρχὴν καὶ πᾶσαν ἐξουσίαν καὶ δύναμιν. 25δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι οὗ θῇ πάντας τοὺς ἐχθροὺς ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. 26ἔσχατος ἐχθρὸς καταργεῖται ὁ θάνατος· 27πάντα γὰρ ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. ὅταν δὲ εἴπῃ ὅτι πάντα ὑποτέτακται, δῆλον ὅτι ἐκτὸς τοῦ ὑποτάξαντος αὐτῷ τὰ πάντα. 28ὅταν δὲ ὑποταγῇ αὐτῷ τὰ πάντα, τότε [καὶ] αὐτὸς ὁ υἱὸς ὑποταγήσεται τῷ ὑποτάξαντι αὐτῷ τὰ πάντα, ἵνα ᾖ ὁ θεὸς [τὰ] πάντα ἐν πᾶσιν.

1. Korinther 15,20-28NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling der Entschlafenen.

21 Weil nämlich durch einen Menschen der Tod, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.

22 Wie nämlich in Adam alle sterben, so auch werden Christus alle lebendig gemacht werden.

23 Jeder aber in seinem eigenen Rang: (Als) Erstling Christus, dann die zu Christus (Gehörenden) bei seiner Parusie.

24 Dann das Ende, wenn er übergibt die Herrschaft Gott, dem Vater, wenn er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht.

25 Er muss nämlich herrschen, bis „er alle Feinde unter seine Füße gelegt“ hat.

26 Als letzter Feind wird der Tod vernichtet.

27 Denn „er hat alles unter seine Füße unterworfen“. Wenn es aber heißt ‚Alles ist ihm unterworfen‘, dann ist offenkundig: mit Ausnahme dessen, der ihm alles unterworfen hat.

28 Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird sich (auch) der Sohn dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 20 ἐγήγερται (Perfekt Passiv) beschreibt nicht das Geschehen, sondern das Ergebnis: Christus ist auferweckt; der Begriff ἀπαρχή ist nicht allein numerisch zu verstehen, sondern zielt auf die damit für die „Entschlafenen“ verbundene Konsequenz. Das erläutert Paulus mit der Adam-Christus-Typologie, wobei er in V. 21 „anonym“ zwei Nominalsätze formuliert (δι’ ἀνθρώπου θάνατος / δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν) und dann in V. 22 die Namen nennt (vgl. Röm 5): „In Adam“ herrscht das Sterben, „in Christus“ wird das Leben herrschen. Ist πάντες in V. 22a ebenso gemeint wie πάντες in V. 22b? Schreibt Paulus, dass so wie ἐν τῷ Ἀδάμ ausnahmslos alle Menschen sterben, so ἐν τῷ Χριστῷ ausnahmslos alle Menschen lebendig gemacht werden? Sollte πάντες verschieden gemeint sein, wäre die Zahl „der (Menschen) in Christus“ womöglich geringer als „die (der Menschen) in Adam“. Jedenfalls meint Paulus in V. 20–22, dass aus Gottes Handeln an Christus die Gewissheit der künftigen Auferstehung abzuleiten ist. Dieses geschieht gemäß V. 23.24a zeitlich nacheinander in drei „Abteilungen“ (τάγμα im NT nur hier): Christus als ἀπαρχή (vgl. V. 20), dann bei seiner Parusie οἱ τοῦ Χριστοῦ, also die Christusgläubigen; die abschließende Wendung εἶτα τὸ τέλος (V. 24a) spricht vom „Ende“ (nicht von einem „Rest der Entschlafenen“). Gemäß V. 24b wird er (Christus) die bis dahin von ihm ausgeübte Herrschaft Gott übergeben, nachdem (ὅταν) er jegliche andere Macht vernichtet hat; das Gottesprädikat „Vater“ (τῷ θεῷ καὶ πατρί) weist voraus auf die Christusbezeichnung υἱός (V. 28). Paulus erläutert das in V. 25 durch den Hinweis auf ein unabweisbares Geschehen (δεῖ); gemäß Ps 110,1 muss „er“ (Christus) so lange herrschen, bis „er“ (Gott) ihm alle seine Feinde unterworfen haben wird. Gemäß V. 26 wird als letzter Feind der Tod vernichtet (καταργεῖται, vgl. V. 24b), der Tod wird also nicht nur „besiegt“ oder „unterworfen“, sondern er wird nicht mehr sein. Das belegt Paulus in V. 27a durch ein weiteres, ebenso wie zuvor in V. 25 auf Gottes (endzeitliches) Handeln an Christus gedeutetes Psalm-Zitat (Ps 8,7). Dazu stellt er in V. 27b fest, dass die Aussage „Alles ist unterworfen“ selbstverständlich (δῆλον) nicht für den (= Gott) gilt, der ihm (= Christus) alles unterworfen hat. Paulus schließt (V. 28a), wenn (ὅταν) „ihm“ (Christus) alles unterworfen worden ist, dann (τότε) werde „der Sohn selbst“ (ὁ υἱός als absolutes Christusprädikat nur hier) sich dem unterwerfen, der ihm alles („das All“) unterworfen hat, damit (V. 28b) Gott „alles in allem ist“ (die Wendung [τὰ] πάντα ἐν πᾶσιν hatte Paulus schon in 12,6 gebraucht, nicht im apokaplyptischen Sinn; auf Christus bezogen begegnet sie dann in Kol 3,11; Eph 1,23).  

2. Literarische Gestaltung

Paulus entwickelt in 15,20–28 die Voraussetzungen einer apokalyptischen Vorstellung vom Ablauf der Endereignisse. In V. 20–24a geht es um die durch Christus eröffnete und ermöglichte Auferweckung der (menschlichen) Toten; in V. 24b–28 aber ist die Perspektive ausgeweitet auf die ganze Schöpfung, wie die Herrschaftsbegriffe βασιλεία, πᾶσα ἀρχή usw. sowie das häufig verwendete (τὰ) πάντα anzeigen. In V. 25 und in V. 27 verwendet Paulus zur Erläuterung vorangegangener Aussagen (γάρ) die Eingangszeile des Königpsalms Ps 110,1 und die auf die Herrschaft des Menschen bezogene Aussage im Schöpfungspsalm 8 (Ps 8,7); er deutet sie christologisch, schränkt dann aber die Aussage über das Herrschen in beiden Fällen zeitlich ein (s.o.).

3. Kontext und historische Einordnung

In 1 Kor 15 erörtert Paulus das im 1 Kor bereits mehrfach kurz erwähnte „Ende“ (vgl. 1,8; 3,8b.13–15; 11,26b;13,12); in seiner zur Entstehung der Gemeinde führenden Verkündigung hatte er von der Auferstehung Christi gesprochen und offenbar auch von der Auferstehung der Toten; jedenfalls lässt sich die in 15,12 zitierte Aussage als Widerspruch bzw. als Ablehnung einer solchen Erwartung verstehen. Paulus will zeigen, dass der Satz „Es gibt keine Auferstehung der Toten“ unvereinbar ist mit dem in Korinth in Geltung stehenden Bekenntnis zur Auferstehung Christi. Er bietet eine apokalyptische Beschreibung der künftigen Endzeitereignisse; er schließt aber mit einer die Gegenwart des Lebens betreffenden Zusage (V. 58) und verweist gleich danach auf die Jerusalem-Kollekte (16,1–4).

4. Schwerpunkte der Interpretation

Der Gedankengang in 15,20–28 zielt darauf, aus dem Glauben an Jesu Auferweckung durch Gott die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten abzuleiten. Der Gerichtsgedanke fehlt in 1 Kor 15, er begegnet dann aber in 2 Kor 5,10.

5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

Auch wenn sich die Predigt auf V. 20–28 konzentriert, könnte sie eingangs kurz referierend auf das in V. 12 bzw. in V. 12–19 Gesagte eingehen, ohne dabei aber der Frage nach dem „Hintergrund“ der in V. 12b offensichtlich zitierten Position im Einzelnen nachzugehen. Als Zusammenfassung der Argumentation in V. 20–28 könnte abschließend an V. 19 erinnert werden, wo Paulus sehr zugespitzt die Gewissheit betont, dass wir nicht nur gegenwärtig in „in Christus“ hoffende Menschen sind, sondern über der Gegenwart des Lebens hinaus.

Ein „Nachsprechen“ des ganzen Textes 15,20–28 wird in der Predigt kaum möglich sein. Paulus setzt den von ihm in Korinth gepredigten und in der Gemeinde offenbar anerkannten Glauben an die Auferweckung Christi voraus; es geht ihm jetzt darum, die Konsequenzen zu entfalten, die sich aus diesem Glauben für die Hoffnung der Glaubenden ergeben. Die am Ostersonntag möglicherweise entstehende Frage, inwieweit Paulus die Auferstehung Jesu als ein „historisches Datum“ gesehen haben könnte, spielt in diesem Argumentationsgang keine Rolle. Paulus sieht offenbar keinen Anlass, den Glauben an Jesu Auferstehung „plausibel“ zu machen, denn dieser wird von den Glaubenden in Korinth ja anerkannt; es geht ihm um die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, und dabei sollen vor allem die Aussagen in V. 26 und in V. 28 den Glaubenden eine Gewissheit vermitteln, die über alle Zeit hinaus Geltung besitzt.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

Traugott Roser und Bernd Kuschnerus im Gedankenaustausch

1. Persönliche Resonanzen

Sich mit Paulus gegen Marginalisierung wehren

Die Exegese macht mir deutlich, wie sehr die Aussagen zur Auferstehungsgewissheit des Paulus aus seinem Verhältnis zur Gemeinde in Korinth zu verstehen sind. Besonders beschäftigen mich folgende Aspekte:

  • Paulus will dazugehören. Er hat in Korinth mehrere Jahre lang gepredigt. Jetzt ist er viel auf Reisen. Zwischen der Gemeinde und ihm gibt es einen lebendigen Austausch über Briefe. Aber wird das reichen, dass er und die Gemeinde eins sind in Christus?
  • Die Distanz macht Paulus verletzlich. Diverse Gruppierungen in der Gemeinde, von den religiös Spekulativen und ihren sophistischen Gedankenspielen über die vermögend Mächtigen bis zu den pneumatischen Ekstatiker:innen stellen die Autorität des Apostels in Frage. Nachdem er zu den Anwürfen und Kritik von allen Seiten Stellung genommen hat, kommt er in Kapitel 15 (im Sinne von „das Wichtigste kommt zum Schluss!“) noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das er schon in seiner Predigttätigkeit betonte. Offenbar wurde ihm aus der Gemeinde von den laut geäußerten Zweifeln „einiger“ berichtet und er sah sich zur Stellungnahme genötigt: der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, die an die Auferstehung Christi geknüpft ist.
  • Lassen wir heute Predigenden diese Frage an uns heran? Welche Bedeutung hat unser Glaube an die Auferstehung für unsere Rolle in Gemeinde, Kirche und Gesellschaft? Anders gefragt: interessiert es uns noch, wie beherzt die Menschen der Gemeinde im Ostergottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis zur „Auferstehung der Toten“ mitsprechen?

Über die Exegese von Teil A hinaus irritiert mich die Bedeutung des Wortfelds „unterwerfen“, das die Vv. 25-28 zu bestimmen scheint. Machtstrukturen werden einerseits kritisiert (V.24 werden „Herrschaft, Gewalt, Macht“ vernichtet), andererseits werden neue Hierarchien gesetzt (Vv.27f). Das stimmt mich zumindest nachdenklich darüber, wie ich den Tod denke: ist er (immer) ein Feind? Paulus setzt in jedem Fall auf die Hoffnungskraft der – in heutiger Sprache – Überwindung des Todes.

(Traugott Roser)

„Wäre er geblieben, wo des Todes Wellen branden, so hofften wir umsonst, doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden“ (EG 117).

Die Osterfreude stellt sich dort ein, wo Menschen die Auferstehung Jesu als etwas begreifen, das ihnen zugute geschehen ist. Die Exegese fördert meine Predigt, indem sie zeigt, wie Paulus aus dem Glauben an Jesu Auferweckung durch Gott die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten ableitet. Ostern dient nicht dem Gedenken an ein historisches Ereignis. Der Glaube an die Auferstehung Jesu begründet vielmehr die Hoffnung und Freude der Glaubenden. Denn der Osterglaube bedeutet, auf Gott zu vertrauen. Die österliche Hoffnung richtet sich auf Gottes Handeln an uns und sie bezieht die ganze Schöpfung ein (1 Kor 15, 28). Die zahlreichen konkreten Hinweise aus der Exegese für die Predigt empfinde ich als unterstützend. So erscheint die Begrenzung der Textgrundlage auf 1 Kor 15,20–28 als sinnvoll, wenn der Zusammenhang des Kapitels beachtet wird.

(Bernd Kuschnerus)

2. Thematische Fokussierung

Das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten gehören zusammen.

Darüber soll Gewissheit vermittelt werden, wie die Exegese gezeigt hat. Die Beschreibung Christi als „Erstling“ (V.20.23) und die Adam-Christus-Typologie (V.21f.) zeigen eine Zugehörigkeit und eine Entsprechung zwischen Christus und uns auf.  Zugleich wird zwischen Christus und uns unterschieden (V.23ff.). Dass es betont um eine Auferstehung von den Toten geht (V.20; vgl. V.12–16), ist von Bedeutung. Denn „wo man ausblendet, dass man mitten im Leben auf den Tod stößt, kann man auch nicht ernst nehmen, dass man mitten im Tod auf die Quelle des Lebens trifft“ (Dalferth, 311). Die Osterbotschaft tritt einer Skepsis hoffnungsvoll gegenüber und zeigt sich einem Enthusiasmus gegenüber realistisch. Paulus geht von dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu Christi von den Toten aus.  Auch angesichts moderner Skepsis kann die Predigt nicht am Glauben an die Auferstehung Jesu vorbei die christliche Hoffnung begründen, wohl aber die existentielle Neuausrichtung eines Lebens entfalten, dessen Hoffnung auf Gott über den Tod hinaus geht.

(Bernd Kuschnerus)

Auferstehung? Wir müssen reden!

In zweierlei Hinsicht stellen der Text und die exegetischen Überlegungen Fragen an die gegenwärtige Lebenswelt:

  • Paulus will gar nicht die Auferweckung Christi plausibel machen, wohl aber die Auferstehung der Toten. Das wirft Fragen nach unserem Auferstehungsglauben heute auf. Welche Relevanz hat dieser heute, im Kreis der eigenen Familie, im Freundeskreis, in unseren Gemeinden? Für Schleiermacher waren es v.a. die ‚Gebildeten unter den Verächtern‘, über die er sich Gedanken machte; heute sind die Zweifel in allen Milieus, Bildungsschichten und Altersgruppen verbreitet (s.u.). Der Predigttext ermahnt uns, vom Osterereignis her über unsere Vorstellung von der Auferstehung der Toten nachzudenken.
  • Die Frage nach der Auferstehung der Toten stellt sich sehr konkret, wenn man den Ostergottesdienst als trauernder Mensch begeht, entweder als Schwerkranker mit dem Wissen, dass es das letzte Osterfest sein wird, das man feiert. Oder nach dem Tod eines nahestehenden Menschen.

Ich erinnere mich sehr gut an den Ostersonntagsgottesdienst, den ich als junger Witwer mit 42 Jahren erlebte. Ich achtete auf jedes Wort und ärgerte mich, wenn über das Sterben und die Trauer der Kartage hinweg gegangen wurde. Trost spendete mir dagegen das Öl-Gemälde rechts von der Kanzel: ein dem Grab entstiegener Auferstandener in weißem Gewand im Stil von Gustave Doré. Mächtig. Leiblich. Strahlend. Was die Worte nicht leisten konnten, zeigte mir die selbstverständlich realistische Darstellung.

Was, wenn unter den Hörer:innen der Osterpredigt mehr Menschen sind, denen es nicht um eine abstrakte Frage, wie man sich die Auferweckung Christi oder der Toten vorzustellen hat, geht, sondern Menschen, für die es um eine Frage existenziellen Trostes geht? 1 Kor 15 scheint – im Unterschied zu 1 Thes 4,13ff – nicht mit der Intention des Trostes verfasst zu sein. Deshalb könnte man hinweisen, wie Paulus an anderer Stelle die „Brüder und Schwestern (!), nicht im Ungewissen lassen [will] über die, die da schlafen, damit ihr nicht traurig seid…“ (1 Thes 4,13).

(Traugott Roser)

3. Theologische Aktualisierung

Wie müssen, wir können reden. Ja, über Auferstehung!

Laut der 6. Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung besuchen den Ostergottesdienst vor allem Menschen, die auch sonst Sonntagsgottesdienste besuchen. Für Konfessionslose hat der Ostergottesdienst kaum Bedeutung. Von den Altersgruppen sind vorwiegend die Ü70-Jährigen und die 14-29-Jährigen vertreten, am wenigsten die Babyboomer. In den traditionellen Milieus hat der Besuch des Ostergottesdienstes hohe Bedeutung, aber auch bei anderen, wie den Leistungsbewusst-Individuellen und Konsum-Materialistischen. Sie gehören dazu wie auch die Prediger:in selbst.

In V.12 – sinnvollerweise der Lesung von Vv. 20-28 vorangestellt – geht der Apostel frontal auf die Kernfrage zu: von Christus wird in den Kirchen verkündet, dass er auferstanden ist. Aber (auch in der Kirche) nicht wenige lehnen die Vorstellung von der Auferstehung der Toten ab. Was also denken wir, die wir als Gemeinde am Ostertag zusammenkommen, darüber? Zweifel sind nicht ausgeschlossen: dafür sorgt schon die Evangeliums-Lesung, der echte Markus-Schluss Mk 16,1-8, bei dem die ersten Zeuginnen des leeren Grabs voller Angst (oder Scham?) den Mund halten. Was also sagen wir?

Zum Beispiel den Jugendlichen im Gottesdienst? Eine Dissertation an Universität Kassel untersuchte in einer qualitativen Studie Todesvorstellungen und Jenseitshoffnung von Jugendlichen, insbesondere, wenn sie zum Theologisieren mit Studierenden eingeladen waren (vgl. Kallies-Bothmann 2022). Die Studie stellte einen überraschend klaren Zusammenhang zwischen Jesu Auferweckung und allgemeiner Vorstellung fest: „sofern die Jugendlichen die Auferstehung an sich als zweifelhaft betrachten oder in einem Suchprozess nach für sie angemessenen Deutungen sind, können sie keine Hoffnung ausbilden. Hoffnung baut auf ein Sich-verlassen-Können auf.“ Die mit vielen Meinungen konfrontierten Jugendlichen wollen im ernsthaften Gespräch gefordert werden und verlangen nach Auskunft über unseren Glauben an Christi Auferstehung als Basis eines Bezugs von Auferstehungshoffnung. Paulus selbst beschreibt sich in Gal 1,15ff als Auferstehungszeuge, malt das aber nicht aus. Anders geht es uns Heutigen auch nicht.

Paulus bezieht persönlich Stellung. Für ihn hängt seine eigene Glaubwürdigkeit an der Wirklichkeit des Auferstandenen. Dabei geht er nicht über den Tod hinweg, im Gegenteil, für ihn ist das Sterben seit Adam eine harte Grundgegebenheit, bittere Realität! Doch die neue Schöpfung, die mit Christus begonnen hat, betrifft ebenso alle, die Christusgläubigen und dann alles, was bis dahin dem Tod unterworfen war! Wenn man diesen Gedanken in die Mitte stellt, dann wird der Trost der Auferstehungshoffnung unmittelbar begreifbar: der Tod ist besiegt.

Letztlich verlangt 1 Kor 15 ebenso sehr eine Predigt über die Auferstehung der Toten wie über den Tod als Feind. Der christliche Glaube kann sich nicht mit dem Tod abfinden. Schon gar nicht muss man den Tod akzeptieren, weder den Jesu noch den eigenen noch den eines geliebten Menschen. Gott will Leben. Das Leben des Sohnes, das Leben des Menschen, das Leben der Schöpfung. An Jesus Christus hat er das aller Welt offenbart. Der Tod ist besiegt. An diese Offenbarung zu erinnern, ist unser Job als Prediger:innen, mindestens an Ostern.

(Traugott Roser)

Mit Ostern lassen sich alle, die der Wirklichkeit des Adam unterliegen, auf eine neue Wirklichkeit ansprechen, die durch Christus geprägt ist.

Das Leben, das mit dem Tod zu Ende gehen wird, hat bei Gott eine Zukunft. Diese wird nicht allein für uns, sondern für alle erhofft. Diese Hoffnung zeichnet Paulus zufolge Christenmenschen aus. Sie ermöglicht eine alle Lebensbereiche umfassende befreite Haltung: „Frei von der Angst vor seinen Grenzen, seinen Fristen, seiner Endlichkeit, frei für das jetzt, frei für die Mitmenschen, frei für Gott und die Freude an ihm“ (UEK, 123). Sie blendet gerade nicht aus, was Paulus mit dem „Modell Adam“ kennzeichnet. Die Menschen, denen ich im Ostergottesdienst begegne, sind sterblich wie ich. Möglicherweise begleitet sie Angst vor dem Tod, die Sorge um Angehörige, die Trauer um Verstorbene.  Einige haben sich mit einer ungünstigen Krankheitsdiagnose auseinandersetzen müssen, manche haben Angehörige in ihrer letzten Lebensphase begleitet. Einige beschäftigt vielleicht, wie sie wohl an ihrem Lebensende Schmerz bewältigen und selbstbestimmt bleiben können. Andere fühlen sich durch Pflegekostendiskussionen und Verklärungen des Suizids als vermeintlichem Akt der Autonomie unter Druck gesetzt. Eine kompetente und menschlich zugewandte Hospizarbeit und Palliativversorgung können zu einem Sterben in Würde beitragen. Wie kann das Beziehungsnetz der Gemeinde dazu helfen, dass Einsamkeit, Altersarmut und Trauer nicht dazu führen, dass Menschen sich als Last empfinden und des Lebens müde werden?  Die brutale Wirklichkeit des Kriegs in Europa lässt uns das Wissen um vielfaches gewaltsames Sterben bedrohlich nahekommen. In V.26 gerät der Tod als „der letzte Feind“ in den Blick. Nicht mit dem Tod, der Zerstörung, der Erniedrigung und dem Hass zu konspirieren, ist eine daraus abzuleitende Konsequenz (Jüngel, 70f.). Ostern kann bedeuten, zu hoffen, auch wenn wir an das Ende unserer Möglichkeiten gekommen sind. Die österliche Hoffnung geht über anthropozentrische Begrenzungen hinaus (V.28). Kann sie Resignation angesichts ökologischer Krisen überwinden?

(Bernd Kuschnerus)

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Text aus 1 Kor 15 hat zahlreiche Kirchenlieder angeregt.

Das Wochenlied „Christ lag in Todes Banden“ (EG 101) vollzieht den „wunderlichen Krieg“ Christi gegen den Tod nach. Das Lied „Mit Freuden zart“ (EG 108) nimmt das Motiv des den Tod bezwingenden Christus aus 1Kor 15,20–26 so auf, dass die Verheißung an „seine Schar“ deutlich wird. Den österlichen Sieg besingt auch „O Tod, wo ist dein Stachel nun?“  (EG 113).  Im Rahmen der gottesdienstlichen Lesungen hebt sich der Text aus 1Kor 15 durch seinen argumentativen Charakter hervor. Die alttestamentliche Lesung aus 1 Sam 2 rühmt Gott mit einem Psalm. Der Evangeliumstext aus Mk 16,1–8 nimmt das Osterbekenntnis mit erzählerischen Mitteln auf. Die Epistel und der Predigttext aus 1Kor 15 ziehen aus dem Osterbekenntnis Schlussfolgerungen, die beleuchten, wo wir die Quelle der Osterfreude suchen können, ohne uns in Illusionen zu verlieren.

(Bernd Kuschnerus)

Er ist wahrhaftig auferstanden… und mit ihm auch wir!

Paulus wäre eigentlich lieber direkt bei den Korinther:innen gewesen, mit Predigt, Feier und gemeinsamem Mahl. Heutige Prediger:innen haben die Möglichkeit zum Osterfrühstück mit der Gemeinde. Statt beim traditionell responsorisch-liturgischen Ostergruß „Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“ stehenzubleiben, kann man zu Tee, Kaffee und Osterbrot die Frage stellen: Und wir auch? Darüber kann man sich nach einer anregenden Predigt austauschen. 

Vorab lohnt ein genaues Nachdenken über die Zusammensetzung der Gottesdienstgemeinde: für wen ist die Botschaft von der Auferweckung der Toten vielleicht in diesem Jahr besonders tröstend? Was würde dieser Person fehlen, wenn es diesen Text des Paulus nicht gäbe? Ein Meditieren in diese Richtung wird davor bewahren, sich in abstrakten Spekulationen zu verlieren.

(Traugott Roser)

5. Anregungen

Auferstehung ist das Reich des Möglichen!

Einen liebevollen Gedankenanstoß bietet eine Grabinschrift, die der calvinistisch sozialisierte, britische Dichter und Dandy Lord George Gordon Byron seinem Hund Boatswain widmete, einem Neufundländer, der mit nur fünf Jahren an Tollwut starb: diesem Hund, der „Schönheit ohne Eitelkeit besaß, / Stärke ohne Anmaßung, / Mut ohne Bösartigkeit, / und alle Tugenden des Menschen ohne seine Laster“ würden Menschen den Zugang zur Seligkeit absprechen: „Man spricht die Seel‘, die er gezeigt, ihm ab. / Der Mensch jedoch will hochgewürdigt sein / Und einen Himmel für sich ganz allein.“

Weil Paulus V.24 offenlässt, was ‚das Ende‘ ist, wenn alle Macht, Gewalt und Herrschaft vernichtet sind, darum hat auch kein Mensch die Macht, den Himmel zu verschließen, Auferstehung auszuschließen. Auferstehung ist das Reich des Möglichen, das Reich Gottes. Wie tröstlich ist das für Trauernde vor und nach einem Tod!

(Traugott Roser)

Paulus nimmt diejenigen ernst, deren Einwände er zitiert.

Er würdigt sie einer ausgedehnten Argumentation. Die Osterfreude ist aber auch auf eine bildliche Sprache angewiesen (UEK, 108). Sie ermöglicht es, nicht nur über Erfahrungen zu sprechen, sondern neue Erfahrungen zu machen (Anderegg, 84). Paulus verwendet in V.24–28 bildliche Sprache. Er greift auf Psalmen zurück, wenn er die Endereignisse als einen paradoxen Feldzug des Lebens darstellt, in dem Gott die feindlichen Mächte unterwirft und zuletzt den Tod vernichtet. Welchen Widerhall kann diese „Gegenbewegung zu den in der Welt vorherrschenden Kräften des Todes“ (Dalferth, 462) in unserem Leben finden? Am Ende ist Gott „alles in allem“ – auch die Sprache neuerer Lyrik, wie das Gedicht „Ein Leben nach dem Tode“ von Marie-Luise Kaschnitz, kann uns helfen, dieser Hoffnung Ausdruck zu geben (vgl. Lindemann, 104f).

(Bernd Kuschnerus)

Literatur

  • Johannes Anderegg, Sprache und Verwandlung. Zur literarischen Ästhetik, Göttingen 1985.
  • Byron, George Gordon (1808), Epitaph für einen Hund (2012 Altenmünster), zitiert von Scheck, Denis & Schenk, Christina (2021), Der Undogmatische Hund, Köln, 251).
  • Ingolf U. Dalferth, Deus Praesens. Gottes Gegenwart und christlicher Glaube, Tübingen 2021.
  • Hörsch, Daniel, Deeg, Alexander et.al. (2024), Kirchgang und Gottesdienst im Plural, in: Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD und Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (Hg.) Wie hätlst du’s mit der Kirche?. Zur Relevanz von Religion und Kirche in der pluralen Gesellschaft. Analysen zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig: EVA. 447-472.
  • Eberhard Jüngel, Von Zeit zu Zeit. Betrachtungen zu den Festzeiten im Kirchenjahr, Bovenden 21996.
  • Kallies-Bothmann, Johanna (2022), Todesvorstellungen und christliche Auferstehungshoffnung im Blickfeld der Jugendtheologie, Kassel. https://doi.org/10.17170/kobra-202201115399
  • Andreas Lindemann, Auferstehung. Gedanken zur biblischen Überlieferung, Göttingen 2009.
  • Unsere Hoffnung auf das ewige Leben. Ein Votum der Union Evangelischer Kirchen in der EKD, Neukirchen-Vluyn 22008.

Autoren

  • Prof. i.R. Dr. Andreas Lindemann (Einführung und Exegese)
  • Dr. Bernd Kuschnerus (Praktisch-theologische Resonanzen)
  • Prof. Dr. Traugott Roser ((Praktisch-theologische Resonanzen)

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