Matthäus 27,(57-61)62-66 | Karsamstag | 04.04.2026
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 27,(57-61)62-66
Übersetzung
57 Nachdem es Abend geworden war, kam ein reicher Mensch aus Arimathia, des Namens Josef, welcher auch selbst ein Schüler/Jünger von Jesus geworden war. 58 Dieser, hingehend zu Pilatus, erbat den Leib des Jesus. Daraufhin ordnete Pilatus an, dass er ausgehändigt werde. 59 Und nehmend den Leib wickelte Josef ihn in eine reine Leinwand 60 und legte ihn in sein (eigenes) neues Grab, welches er ausgehauen hatte aus dem Fels und, nachdem er einen großen Stein vor die Tür des Grabes gewälzt hatte, ging er davon. 61 Es war aber dort Maria, die Magdalenerin, und die andere Maria, sitzend gegenüber dem Grab.
62 Am nächsten Tag, welcher ist nach dem Rüsttag, versammelten sich die Hohepriester und Pharisäer bei Pilatus, 63 sagend: „Herr, wir erinnerten uns, dass jener Verführer sagte, als er noch lebte: ,Nach drei Tagen werde ich auferstehen.‘ 64 Befiehl daher, das Grab sicher zu machen bis zum dritten Tag, damit nicht, indem sie kommen, seine Jünger ihn stehlen und dem Volk sagen, ,Er ist auferweckt worden von den Toten‘, und der letzte Betrug schlimmer wird als der erste.“ 65 Es sagte ihnen Pilatus: „Habt eine Wache! Geht hin, sichert (es) wie ihr wisst/für richtig haltet.“ 66 Die aber hingingen, sicherten das Grab, indem sie den Stein versiegelten (und) mit der Wache.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.57 Ὀψίας δὲ γενομένης „als es Abend geworden war“: Das Geschehen dieses Tages begann „am frühen Morgen“ (27,1: Πρωΐας δὲ γενομένης), jetzt ist die Sonne am Untergehen, und mit dem Verschwinden der Sonne endet für die jüdische Tradition der Tag.
Josef von Arimathäa: Er ist auch in Joh 19,38
ἐμαθητεύθη μαθητεύω eigentlich „Schüler sein“, transitiv auch „unterrichten“; das Verb fehlt in der LXX, bei Philo und Josephus (die aber alle das Nomen μαθητής „Schüler“ kennen); im NT außer hier nur noch in Mt 13,52
V.59 ἐνετύλιξεν von ἐντυλίσσω „einwickeln“ – so auch in der Parallele Lk 23,53
V.60 ἐλατόμησεν von λατομέω, in der LXX entweder „Steine hauen/brechen“ (z.B. 1Kön 5,29) oder „aushauen“ (aus dem Fels), zumeist von Zisternen (Ex 21,33
Fürsorglich legt Josef ihn in sein eigenes (!) – so nur Mt – neu aus dem Felsen ausgehauenes Grab (dass das Grab noch unbelegt war, sagen auch Lk 23,53
V.62 Τῇ δὲ ἐπαύριον „am nächsten Tag“, vgl. 27,1 und oben V.57, verweist durch den Zusatz „welcher ist nach dem Rüsttag“ eindeutig auf den Sabbat; als „Rüsttag“ gilt der Freitag, an welchem die Vorbereitungen für den Sabbat stattfinden.
V.63 ὁ πλάνος „der Verführer“, bei Matthäus nur hier gebraucht, ebenso das dazugehörige Nomen ἡ πλάνη; häufig ist dagegen das dazugehörige Verb πλανάω „irreführen“ (trans.) bzw. „herumirren“ (intrans.), das er sowohl konkret von verirrten Schafen (Mt 18,12f.
μετὰ τρεῖς ἡμέρας ἐγείρομαι „nach drei Tagen werde ich aufgeweckt“: diese Ankündigung verweist auf Mt 12,40
V.64 ἀσφαλισθῆναι Infinitiv Aorist Passiv von ἀσφαλίζω, „sichern“, „sicher machen“, „einschließen“. Das Verb kommt im NT nur 4-mal vor, davon 3-mal in diesen und den nächsten Versen, dazu in Apg 16,24
V.65 κουστωδία koustōdia, Lehnwort aus lateinisch custodia, im NT nur hier in 27,65f.; 28,11.
V.66 σφραγίσαντες von σφραγίζω, „versiegeln“ (vgl. ἡ σφραγίς „Siegel“ bzw. „Siegelabdruck“). Die Störung der Totenruhe durch das Aufbrechen, Ausrauben und widerrechtliche Belegen von Gräbern ist ein zahlreich belegtes Problem in der Antike (ein Beispiel ist die sogenannte Nazareth-Inschrift). Fluchformeln gegen solche Schändungen sind fester Bestandteil von antiken Grabinschriften und auch das Versiegeln von Gräbern findet sich in der Literatur.
2. Literarische Gestalt und Kontext
Diese kurze Doppelepisode bietet eine interessante Figurenkonstellation: Josef und die Frauen im ersten Teil, die Hohenpriester
3. Historische Einordnung
Der erste Abschnitt (Verse 57–61) wird historisch in der Regel nicht bezweifelt. Die Aushändigung des Leichnams an Familienangehörige war zur Zeit des Augustus und seiner Nachfolger üblich und ist in römischen Quellen bezeugt (s. Paulus, Der Prozess Jesu, 32). Josef von Arimathia und seine Bitte vor Pilatus ist zudem in allen vier Evangelien bezeugt (neben der Mt-Stelle s. Mk 15,42–47
Die Historizität des zweiten Abschnitts (Verse 62–66), der Mt Sondergut ist und in 28,11–15 eine Fortsetzung findet (zudem im apokryphen Petrusevangelium eine ausführliche Parallele hat), ist dagegen nach Ulrich Luz „mit keinen historischen Mitteln zu retten“; seines Erachtens ist dies alles „gut ausgedacht“, aber insgesamt „bizarr“ und völlig unwahrscheinlich. Er sieht darin lediglich eine „polemische Legende“ und einen weiteren Beleg für die „Schlechtigkeit der jüdischen Führer …, die bis zum Schluss mit betrügerischen Mitteln die Wahrheit der Auferstehung bekämpfen“ (EKK I/4, 391f.).
Gegen eine derartige Interpretation kann argumentiert werden: Die Erwähnung der Pharisäer in diesem Kontext ist nicht einem matthäischen Antipharisäismus geschuldet, sondern der Tatsache, dass es insbesondere die Pharisäer waren, die an die Auferstehung des Leibes glaubten (Mt 22,14
4. Schwerpunkte der Interpretation
Der vorliegende Text ist die ausführlichste Schilderung dessen, was Paulus in 1Kor 15,4
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Um das „er wurde begraben“ aufzunehmen, empfiehlt es sich, den „Leib/Leichnam“ Jesu als zentrale Erzählfigur zu wählen (was auch dem christologischen Fokus der ganzen Passionsgeschichte entspricht): auch der Gestorbene bleibt in Gestalt seines „Leibes“ die Person, um die sich alles dreht. Die einen wollen ihm ihre Liebe bezeugen, indem sie für ein ehrenvolles Begräbnis trotz oder gerade wegen des anstößigen Todes am Kreuz sorgen: ein reines Leichentuch und als Grabstätte das neu ausgehauene Felsengrab eines reichen, einflussreichen Mannes, das sorgfältig „mit einem großen Stein“ verschlossen wird. Die Frauen, in 27,55
Die vielen – bis heute virulenten – Theorien, die seither über Jesus aufgekommen sind, vom Leichenraub über Scheintod und Wiederbelebungsmaßnahmen im Grab durch Josef von Arimathäa oder essenische „Engel“ (= Heiler), zeigen, dass Matthäus wohl ahnte, dass Menschen alles daransetzen würden, um nicht an die Auferstehung dieses einen Menschen glauben zu müssen. Denn wenn das wahr wäre, dann hätte es etwas mit jedem von uns zu tun.
Literatur
- Fine, Steven, Die Bestattung Jesu: Texte und archäologische Befunde, in: Das Neue Testament jüdisch erklärt, Stuttgart 2021, 735–738.
- Hengel, Martin, Das Begräbnis Jesu bei Paulus und die leibliche Auferstehung aus dem Grabe, in: ders., Studien zur Christologie. Kleine Schriften IV, WUNT 201, Tübingen 2006, 386–450.
- Hengel, Martin u. Anna Maria Schwemer, Jesus und das Judentum, Geschichte des frühen Christentums 1, Tübingen 2007, 619–621.
- Metzger, Bruce M., The Nazareth Inscription Once Again, in: Jesus und Paulus, FS Werner Georg Kümmel, hg. v. E. Earle Ellis u. Erich Gräßer, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1975, 221–235 = ders., New Testament Studies. Philological, Versional, and Patristic, NTTS 10, Leiden: Brill, 1980, 75–92. [enthält Text und Übersetzung]
- Paulus, Christoph G., Der Prozess Jeus – aus römisch-rechtlicher Perspektive, Schriftenreihe der Juristischen Gesellschaft zu Berlin 194, Berlin/Boston 2016.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Der Predigttext besteht aus zwei aufeinander folgenden Abschnitten des Matthäus-Evangeliums. Beide zeigen unterschiedliche Aspekte: Freunde und Gegner Jesu reagieren unterschiedlich auf seinen Tod. Das gilt es zu beachten.
Der Leichnam Jesu ist Objekt und doch zugleich der Mittelpunkt des Geschehens - um ihn gruppieren sich die Agierenden und zeigen dabei unterschiedliche Positionen: Fürsorge der Freunde - Vorsorge der Gegner. Das regt zur Frage an: wo und wie stehen wir heute dem Grab Jesu
Wichtig ist mir die Erinnerung daran, dass der Auferstehungsglaube unter Pharisäern zur Zeit Jesu verbreitet war. Wenn Jesus als Verführer wahrgenommen und dargestellt wird, muss alles darangesetzt werden, ihn im Tod und im Grab zu lassen.
Haben die Frauen die Hoffnung auf Auferstehung vergessen? Das würde ich nicht so interpretieren. Ich denke eher: nach dem Tod Jesu am Kreuz und dem Verlust eines geliebten Menschen stehen die Trauer und vielleicht auch der Schock über den schrecklichen Tod im Vordergrund. Die Hoffnung auf Auferstehung kann die Trauer nicht ersetzen. Schweigend dabeistehen wie die Frauen und sich dann wieder dem Alltag zuwenden wie Josef sind Möglichkeiten, Abschied zu nehmen. Die Trauer in den verschiedenen Ausdrucksformen braucht genügend Raum und Zeit. Hoffnung kann dann auch wieder aufkeimen. Die Predigt sollte dem Rechnung tragen.
2. Thematische Fokussierung
Einleuchtend und anregend ist der Hinweis des Exegeten, dass der Text zwei Teile und damit auch zwei unterschiedliche Akzente enthält. Soll man auf einen verzichten? Was würde man verlieren? Was gewinnt man durch den Zusammenhang?
Mit der Grablegung (57-61) ist die Fürsorge für den Leichnam und die Trauer um den Verstorbenen im Fokus der Predigt.
Die Szene um die Bewachung des Grabes (62-66) kann als Vorbereitung auf das Geschehen am Ostermorgen angesehen werde. Trotz aller Maßnahmen seiner Gegner wird sich die Voraussage Jesu erfüllen: er bleibt nicht im Grab, die Auferstehung kommt in den Blick.
Im gesamten Text steht Jesus im Mittelpunkt. Nicht als der aktiv Handelnde, aber als Objekt des Handelns aller Personen, die im Text erwähnt werden: Josef von Arimathia - die beiden Marias - die Pharisäer - Pilatus und die Wachen.
Überlegt werden muss, wo der Schwerpunkt liegen soll - beides zusammen? Ist das möglich? Teil A versucht mit der Überschrift: „Sorgen um einen Leichnam“ eine Verbindung, für mich bleiben doch unterschiedliche Akzente bestehen.
3. Theologische Aktualisierung
Tod und Bestattung, Fürsorge und Trauer stehen im Mittelpunkt mindestens des ersten Teils des Textes. Damit ist die Beziehung zu unserem Leben heute unmittelbar gegeben. Die Erfahrung von Tod, Verlust und Abschied kennen wir alle mehr oder weniger unmittelbar. Der Predigttext verharrt bei Bestattung und Trauer und gibt so dem Geschehen zwischen dem Tod am Kreuz und der Auferstehung einen eigenen Raum. Den gilt es zu nutzen und zu beachten!
Dass Matthäus diesen Abschnitt der Passionsgeschichte so ausführlich schildert, hilft dabei, darüber nachzudenken, ob und wie Tod und Bestattung Jesu für meinen Umgang mit dem Tod lieber Menschen und auch mit meinem eigenen Sterben Bedeutung gewinnen können.
- Josef von Arimathia zeigt in seiner anrührenden Mühe um den Leichnam, was nach dem Tod eines geliebten Menschen zu tun bleibt und noch getan werden kann: den Gestorbenen ein letztes Mal pflegen, ihn in saubere Leinwand hüllen und ins Grab legen. Auch wenn das heute meistens von professionellen Bestattern übernommen wird, bleibt doch die Geste einer letzten Liebestat von Bedeutung.
- Die Frauen tun das, was sie schon lange getan haben und auch während der ganzen Passion nicht aufgegeben haben: sie folgen Jesus - bis ans Kreuz und nun ans Grab. Auch jetzt bleiben sie bei ihm. Stumm sind sie geworden, aber sie bleiben. Der Ort, an dem Jesus begraben wurde, ist der Ort, an dem sie ihm nahe sein wollen, ist ihr Ort geworden. Trauer braucht einen Ort (solch ein Ort muss nicht in jedem Fall ein Grab sein, wie unser Text es nahelegt), Trauer braucht Zeit, zum Schweigen, zur Nähe und zur Erinnerung.
Beim Grab bleiben, nicht davonlaufen, nicht verdrängen, nicht übergehen, nicht schon Ostern werden lassen - das ist die Herausforderung für die Predigt am Karsamstag. Dabeibleiben, auch wenn es schwerfällt.
Wer sich dem aussetzt, der entdeckt vielleicht die ungeheure Botschaft dieses Textes: Gott geht den Weg der Menschen mit, bis in den Tod, bis ins Grab. In Jesus begibt Gott sich selbst kompromisslos in die Nacht hinein. Er ist ein Gott des ganzen Lebens, mit all seinen Höhen und Tiefen. Von der Geburt bis zur Bestattung, vom Anfang bis zum Ende ist er nah bei uns. Diese Hoffnung möchte ich predigen: Hoffnung auf die Nähe Gottes in jedem Augenblick meines Lebens und meines Todes.
Wie der Evangelist Matthäus wissen auch wir (und wir wissen es vom ihm), dass die Geschichte hier nicht zu Ende ist. Gott lässt sich nicht aufhalten, weder von der Trauer, dem Schweigen und Verstummen seiner Freundinnen noch von unserer Hoffnungslosigkeit. Auch nicht von den Leugnern und all denen, die sich seinem Weg in den Weg stellen wollen, sei es mit dicken Steinen oder bewaffneter Gewalt. Das ist unsere Hoffnung, die über den Tod hinaus reicht und sich in dem Lachen in der Osternacht ausdrückt.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag heißt nicht ohne Grund Karsamstag (Ostersonnabend ist der 1. Samstag nach Ostern). Es ist die Zeit der Grabesruhe, ein stiller Tag. „Gekreuzigt, gestorben und begraben“ dieser Teil des apostolischen Glaubensbekenntnisses prägt den Tag und den Gottesdienst. Er steht unter dem Zeichen des toten, begrabenen Jesus mit all der Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verwirrung, die seine Freunde empfinden. Mt 27,57-61
Der Gottesdienst sollte davon geprägt sein: Stille - Nachdenken über das eigene Leben - Trauer und Erinnerung an Verstorbene. Vielleicht können Kerzen angezündet werden, Psalmworte der Klage und des Trostes gelesen werden.
Psalm 88 kann als Klagepsalm gelesen werden.
Die Zusage: „Gott ist bei dir, im Leben, im Sterben und im Tod“ kann durch einen persönlichen Segen erfahrbar gemacht werden.
Seelsorgerliche Begleitung kann angeboten werden, persönliche Gespräche im Anschluss an den Gottesdienst.
In der evangelischen Kirche wird oft am Abend des Tages oder in der Nacht die „Osternacht“ gefeiert. Hier steht dann neben dem Gedenken an den Tod auch die Hoffnung auf das neue Leben liturgisch im Vordergrund.
Das Apostolische Glaubensbekenntnis weist mit der Formulierung „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ noch auf einen weiteren Aspekt dieses Tages hin. Karsamstag als Tag des Abstiegs Jesu in die „scheol“: die durch den Kreuzestod angebotene Erlösung gilt allen Menschen, den Lebenden und den Toten (vgl. 1.Petrus 3,19). Christus gibt niemanden verloren. Auch jene nicht, die lange vor ihm gelebt haben, so der Glaube der Alten. Dieser Gedanke legt sich aber von unserem Text her nicht nahe - er bleibt einer anderen Perikope vorbehalten.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Anita Müller-Friese (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500183
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