2. Korinther 5,(14b-18)19-21 | Karfreitag | 03.04.2026
Einführung in den 2. Korintherbrief
Der 2 Kor
1. Verfasser
Paulus ist der einzige ntl. Autor, über den wir genauere Kenntnisse haben. Geboren (vermutlich zwischen 1 und 10 n.Chr.) in Tarsus, ist die Zeit vor seiner Berufung (32/33 v.Chr.) nur in Umrissen erkennbar; über die Zeit bis zum Beginn der selbständigen Mission in Europa (Philippi: 50 n.Chr.) gibt es schon wesentlich mehr Nachrichten, und über die letzten rund 12 Jahre seines Wirkens, d.h. bis zur Hinrichtung in Rom
2. Adressaten
Die im Jahre 51/52 n.Chr. gegründete "ekklesia tou theou" ("Gemeinde Gottes") war in sich keine homogene Einheit, wie bereits aus 1 Kor 1-3
3. Entstehungsort
Ob es ‚den‘ einen Entstehungsort gab, hängt davon ab, ob man den vorliegenden 2 Kor als Brief ansieht, der einheitlich abgefasst und abgeschickt worden ist, oder ob man ihn als eine spätere Kompilation mehrerer ursprünglich eigenständiger Briefe beurteilt. In der Literatur wird unter der Voraussetzung der Einheitlichkeit als Zeit der Spätherbst 55 und als Ort Makedonien, (d.h. eine der dortigen christlichen Gemeinden) genannt. Dies beruht auf den Angaben in 2,12f
4. Wichtige Themen
Die Frage der Briefkompilation:
Ein in der Exegese des 2 Kor bis heute umstrittene Frage ist, ob es sich bei diesem Text um ein einheitlichen Brief handelt, ob er also in der vorliegenden Form abgefasst und als ganzer abgeschickt worden ist, oder ob es sich um eine Zusammenstellung mehrerer ursprünglich einzeln verfasster Briefe handelt. Grund für die Debatte sind massive Schwierigkeiten, die gegen die Einheitlichkeit sprechen:
1. In 2 Kor 7,5-16
2. Auch innerhalb von 1,1-9,15
- Die in 2,12f
begonnene Erzählung von der Reise des Paulus, um Titus zu treffen, wird abrupt unterbrochen und erst in 7,5 fortgesetzt. Dafür gibt es in den übrigen Briefen des Paulus keine Parallele. - In 6,12f
; 7,2-4 (also direkt vor dem Neueinsatz 7,5) findet sich zudem ein Briefschluss, der sich von dem in 7,16 deutlich unterscheidet: Hier, in 6,12f; 7,2-4, wirbt Paulus um das Vertrauen der Gemeinde, das nach 7,15f doch vollständig wiederhergestellt ist. - In Kap 8
und 9 wird zweimal die geplante Kollekte für die Gemeinde in Korinth behandelt. Beide Kapitel sind untereinander unverbunden und haben auch keine Verbindung zu den übrigen Teilen des Briefes. - Schließlich ist 6,14-7,1
ein Fremdkörper, der mit seiner scharfen Abgrenzung nach außen wichtigen Aussagen des 1 Kor widerspricht und häufig für unpaulinisch gehalten wird (so F. Lang, D.-A. Koch, M.M. Mitchell).
Nimmt man ernst, dass hier ganz unterschiedliche Situationen im Verhältnis zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde sichtbar werden, ist eine einheitliche Interpretation kaum möglich, auch wenn dies immer wieder versucht wird (so Th. Schmeller). Eine mögliche Rekonstruktion der Briefabfolge (und der Krise zwischen Apostel und Gemeinde) rechnet mit 5 Briefen (so M.M. Mitchell; D.-A. Koch):
- Brief A: „1. Kollektenbrief“ (2 Kor 8
; Mai 54): Paulus versucht die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (vgl. 1 Kor 16,1-4 ), die in Korinth zwischenzeitlich ins Stocken geraten ist, wieder in Gang zu bringen. Kurz danach hat Paulus neue Nachrichten aus Korinth, die besagen, dass nicht nur die Kollekte, sondern auch sein Apostelamt insgesamt in Frage gestellt wird. Die Reaktion ist: - Brief B: „Apologie“ (2 Kor 2,14-6,13
; 7,2-4 ; Juni 54): Paulus verteidigt sein Verständnis des Apostelamtes in klarem, aber ruhigem Ton. Im August 54 reist Paulus spontan von Ephesus nach Korinth, um direkt die Probleme zu klären („Zwischenbesuch“). Der Besuch endet in einer offenen Konfrontation. Paulus reist ab. Es droht der offene Bruch. Die Reaktion ist: - Brief C: sog. „Tränenbrief“ bzw. „Kampfbrief“ (2 Kor 10,1-13,10
; August 54); Paulus verfasst eine harte Attacke, um die Gemeinde zur Umkehr zu bewegen, und schickt Titus mit diesem Brief nach Korinth.
Die Briefe A/B/C sind von Ephesus aus verfasst. Danach reist Paulus zunächst nach Alexandria Troas, hat dort keine Nachricht von Titus, reist diesem im Winter 54/55 nach Makedonien entgegen (2,12f
- Brief D: „Versöhnungsbrief“ (2 Kor 1,1-2,13
; 7,5-16 ; Frühjahr 55): Paulus klärt letzte offene Fragen und bestätigt seinerseits die Versöhnung. - Brief E: „2. Kollektenbrief“ (2 Kor 9
; April/Mai 55): Die wiederaufgenommene Kollekte soll möglichst bald beendet werden.
Verfasst sind die beiden letzten Briefe in einer Gemeinde in Makedonien (also Philippi, Thessaloniki
5. Inhaltliche Schwerpunkte
Zentrales Thema von „Apologie“ und „Kampfbrief“ ist das Apostelamt, und zwar insbesondere die Schwachheit und das Leiden des Apostels. Dies passt nicht zu dem offensichtlich vielfach erwünschten Bild eines religiösen Heros, der in seiner Person die Überlegenheit der eigenen Botschaft anschaulich werden lässt. Paulus nimmt diese Kritik auf, ohne sich ihr anzupassen. Im Gegenteil: Wenn er der Apostel des Gekreuzigten ist (vgl. 1 Kor 2,2
Literatur:
- Eve-Marie Becker, Schreiben und Verstehen. Paulinische Briefhermeneutik im Zweiten Korintherbrief, NET 4, Tübingen 2002.
- Dietrich-Alex Koch, Geschichte des Urchristentums. Ein Lehrbuch, Göttingen 2. Auflage 2014, 214‒315. 333‒337.
- Margret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG 4. Auflage, Band 4, 2001, 1688–1694.
Kommentare
- Friedrich Lang, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1986.
- Thomas Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther. Teilband I. 2 Kor 1,1–7,4, EKK 7/1, Neukirchen-Vluyn/Ostfildern 2010.
- Margaret E. Thrall, The Second Epistle to the Corinthians, Volume I. Introduction and Commentary on II Corinthians I–VII / Volume II. Commentary on Corinthians VIII–XII, ICC, Edinburgh 1994 und 2000.
A) Exegese kompakt: 2. Korinther 5,(14b-18)19-21
Der Text 2Kor 5,11‒6,2, zu dem der Predigttext 5,14-7/18-21 gehört, ist Teil einer umfangreichen, in sich stimmigen Texteinheit, die mit 2,14 beginnt und bis 6,13
c) 6,11-14
Auch das Thema für diesen Brief und die Abfassungssituation sind evident:
e) Situation: Paulus befindet sich seit gut einem Jahr nicht mehr in Korinth, sondern in Ephesos. In der erst vor kurzem gegründeten christlichen Gemeinde in Korinth, gibt es, wie der 1Kor zeigt, unterschiedliche Vorstellungen über die das angemessene Bild eines Apostels, seine Fähigkeiten in der Öffentlichkeit. Weit verbreitet war der Wunsch, dass die Überlegenheit und Kraft der Botschaft nicht nur verbal, sondern auch durch eindrucksvolle pneumatische Fähigkeiten und Ekstasen des Missionars (Zungenreden; 1Kor 14
Insofern kann der Abschnitt 2,14‒6,13+7,2-4 mit guten Gründen als ursprünglich eigenständiger Brief angesehen werden (die sog. „Apologie“), dessen Thema in 2,16 (Ende) klar formuliert wird. "Wer ist dafür geeignet?“ – nämlich die „Erkenntnis Gottes“ (V. 14) auszubreiten. Allerdings: Paulus geht auf seine Weise auf diese Frage ein. Er redet von seinem Auftrag, allenfalls von seiner Befähigung durch Gott, aber nicht von seinen Fähigkeiten. Das wäre, in seiner Terminologie, ein ‚Rühmen nach dem Fleisch‘. Stattdessen begründet Paulus, worauf die Aufgabe des Apostels
V. 14-17: christologische Reflexion mit zwei Schlussfolgerungen
V. 18-20: das Apostelamt als Dienst der Versöhnung
V. 21: soteriologische Konsequenz (ringförmiger Rückbezug auf V. 15).
Übersetzung
(14) Christi Liebe beherrscht uns, und wir sind zu folgendem Urteil gelangt:
Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben.
(15) Und er ist für alle gestorben, damit die Lebenden
nicht mehr sich selbst leben,
sondern dem, der für uns gestorben und auferstanden ist.
(16) Daher (gilt): Wir kennen von nun an niemanden mehr in fleischlicher Weise. Wenn wir auch Christus in fleischlicher Weise erkannt haben, erkennen (wir ihn) aber jetzt nicht mehr (nach dem Fleisch); (17) daher: Wenn jemand in Christus (ist), (ist er) neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
(18) Aber das alles aus Gott,
der uns mit sich selbst durch Christus versöhnte
und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat;
(19) wie nämlich Gott die Welt in Christus mit sich versöhnt hat,
indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete
und unter uns das Wort von der Versöhnung angeordnet hat. (20) Für Christus handeln wir nun als Gesandte, wie ja Gott durch uns auffordert. Anstelle von Christus bitten wir:
Lasst euch versöhnen mit Gott.
(21) Den, der die Sünde nicht kannte, hat er um unseretwillen
zur Sünde gemacht,
damit wir Gottes Gerechtigkeit werden.
Auslegung
In V. 14-17 und 18-20 geht Paulus jeweils kettenartig vor: Ein Ausgangssatz mit einem zentralen Leitwort (V. 14: Einer ist für alle gestorben / V. 18: Gott hat uns mit sich versöhnt) wird zur Basis für weitere Sätze, die den Ausgangssatzaufnehmen und weiterführen. Außerdem ist deutlich: V. 14-17 ist insgesamt die Basis dafür, dass in V. 18f gesagt werden kann, dass Gott „uns“ (bzw. ‚die Welt‘) „in Christus“ versöhnte. Beide Teile sind theologisch dichte Ausführungen, die einerseits Sprache und Denkweise der Antike aufnehmen und andererseits diese auch transzendieren oder abwandeln.
In der hellenistisch-römischen Welt gibt es zahlreiche Überlieferungen des Inhalts, dass z.B. ein König oder ein Feldherr oder ein sonstiger „Gerechter
Das Stichwort „Versöhnung" (καταλλαγή) ist ursprünglich keine religiöse Kategorie, sondern fest im politischen Diskurs verankert: Oft mussten griechische Stadtstaaten, die früher verfeindet waren, sich aussöhnen, weil neue Bedrohungen es erforderlich machten. Sie waren gezwungen, mit ursprünglichen Gegnern zu kooperieren. Häufig war dabei auch ein Vermittler tätig, der den Versöhnungsprozess moderierte. Es gab sogar eine Art ‚Vergebung‘, nämlich, dass ausdrücklich vereinbart wurde, gegenseitiges früheres Unrecht, das einer Versöhnung im Wege stehen konnte, zu "vergessen".
Paulus verwendet diese ursprünglich rein politisch-diplomatische Konzeption, um den Zusammenhang von Gotteshandeln und Beauftragung des Apostels zu verdeutlichen. Dafür muss er aber an dieser Konzeption mehrere Änderungen vornehmen: a) „Versöhnung“ ist hier kein zweiseitiger Prozess, sondern rein Tat Gottes: Er versöhnt uns/die Welt „mit sich.“ b) Der Apostel ist auch nicht Vermittler, schon gar nicht aus eigner Macht oder eigenem Recht. Der „Dienst der Versöhnung“, der seine Aufgabe ist, ist von Gott eingesetzt und besteht darin, das „Wort von der Versöhnung“ auszurichten. Die Tätigkeit des Apostel lässt zusammenfassen in der Bitte: Lasst euch versöhnen mit Gott (V. 20). Allerdings richtet sich diese Bitte (auch als Kurzfassung der Verkündigung) nicht an die Empfänger des Briefs. Diese, die Paulus direkt in der 2. Person Plural anspricht, kommen erst in 6,1 in den Blick. Erst dort geht es direkt um deren Situation, die längst getauft sind: Das ‚Bleiben‘ in den Gnade Gottes.
Bevor Paulus in 6,1 direkt die gegenwärtige Situation der Adressanten in den Blick nimmt, formuliert er in V. 21 bewusst paradox das Ergebnis der „Versöhnung in Christus“: Gottes Heilshandel besteht nicht nur in der Ablösung des ‚Alten‘ durch das ‚Neue‘(V. 17). Hier wird jetzt ein radikaler Rollentausch in Szene gesetzt, um das grundsätzlich Neue zu veranschaulichen: Christus, der die Sünde nicht kannte, - ihn hat Gott zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit werden.
Diese Formulierung hat zahlreiche Auslegungsversuche provoziert. Zu berücksichtigen ist jedoch: Paulus spitzt zu, was in V. 14‒17 bereits enthalten ist – und er hat es für diesen Zusammenhang überhaupt formuliert. Also ist V. 21 auch konsequent in diesem Zusammenhang zu interpretieren, anstatt ihn völlig zu überfrachten. Beschrieben wird der grundsätzliche Existenzwandel, der sich in der Annahme der Botschaft vom Versöhnungshandeln Gottes vollzieht, was in V. 14f christologisch begründet und in V. 17 als Neuschöpfung beschrieben wurde. Dass dieser Status in V. 21 als δικαιοσύνη θεοῦ (Gottes Gerechtigkeit
Literatur
- Breytenbach, C., Versöhnung. Eine Studie zur paulinischen Soteriologie, WMANT 60, Neukirchen-Vluyn 1989;
- Frey, J. / Schröter, J. (Hg.), Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, UTB 2953, 2. Aufl., Tübingen 2012 (wichtige Aufsatzsammlung);
- Wischmeyer, O., „Die Liebe Christi dringet uns …“. 2Kor 5,14f und die Liebe Christi bei Paulus, in: Sänger (Hg.), Der zweite Korintherbrief. Literarische Gestalt – historische Situation – theologische Argumentation (FS D.-A. Koch), FRLANT 250, Göttingen 2012, 323‒336;
- Wolter, M., Paulus. Ein Grundriss seiner Theologie, 3. Aufl., Göttingen 2021, 90‒92; 97‒128.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Es ist ein überaus dichter und vieldiskutierter Text, durch den mich die Exegese konzentriert leitet. Paulus verwendet antike Denkfiguren und verändert sie in spezifischer Weise. So hat im Glaubensurteil des Apostels die Lebenshingabe Jesu nicht das Weiterleben einiger, sondern das „Gestorbensein“ aller (V.14) und die Eröffnung einer neuen Existenz zur Folge. Die Passage zielt auf das Thema der Versöhnung. Die eindringliche Bitte: „Lasst Euch versöhnen mit Gott,“ fasst den Dienst des Apostels zusammen. Sie fesselt meine Aufmerksamkeit. Doch richtet sie sich nicht unmittelbar an die Angeschriebenen. Diese sind bereits als „Geheiligte in Christus Jesus“ ansprechbar. Ich frage mich, was das für die Predigtperspektive auf meine Gemeinde bedeuten kann.
2. Thematische Fokussierung
„Versöhnung“ erscheint als ein Schlüsselwort in einer gesellschaftlichen Situation, in der Kommunikation als vielfach polarisiert erlebt wird (Kumkar, 2025) und in der die gegensätzlichen Ansprüche, in politischen, kulturellen und religiösen Meinungen Recht zu haben, einander oft unversöhnlich gegenüberstehen. Inwiefern aber müssen Menschen heute mit Gott versöhnt werden? Ist nicht eher eine Gleichgültigkeit gegenüber Gott festzustellen oder eine Haltung, nach der die Religion als überholt angesehen wird? Feindschaft gegenüber Gott kann Paulus zufolge an einem Leben „für sich selbst“ (V.15b) festgemacht werden. Sie begegnet gewiss dann, „wenn die Wahrheit in Lüge verkehrt und das Leben auf brachiale oder sublime Weise mit Füßen getreten wird“ (Weder, 327).
In meiner Ansprache setze ich voraus, dass die Gemeinde in der Gnade Gottes steht (vgl. 6,1
3. Theologische Aktualisierung
Die Botschaft von der Versöhnung ist die heilsame Alternative in einer vielfach durch Feindseligkeiten und Hass bedrohten Zeit. Versöhnung ist alles andere als selbstverständlich. Sie ist nicht verfügbar, aber möglich. Es gibt viele bewegende Beispiele. Ich denke an die Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, die aus einem Geist der Vergebung und des von Dialog und der Suche nach Frieden geprägten Neuanfangs entstanden ist. Dazu gehört die Erinnerung an furchtbares Unrecht. Mir stehen auch das gemeinsame Gedenken und die freundschaftlichen Begegnungen im tschechischen Lidice vor Augen. Das Dorf Lidice war 1942 von Deutschen vollkommen zerstört und die Bewohner ermordet oder in Konzentrationslager deportiert worden. Wenige Kinder überlebten, denn man hatte sie zur „Germanisierung“ verschleppt. Dass nach diesen entsetzlichen Verbrechen in der Zeit von Jahrzehnten eine Gemeinschaft der Versöhnung gewachsen ist, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Für mich sind diese Beispiele Ermutigungen dafür, dass auch trotz der Bedrohungen unserer Tage Versöhnung möglich ist und ein „Miteinander in Zeiten der Polarisierung“ (Cheema/ Mendel) gelingen kann. Gott schenkt der Welt Versöhnung. Es ist möglich, dass Menschen sich versöhnen. Auch angesichts von Schuld kann ein Miteinander neu entstehen. Die Bitte um Versöhnung öffnet Zukunft. Auf diese heilende Bedeutung wies Desmond Tutu hin. Er betonte nach dem Ende der Schrecken des Apartheitsregimes, „dass es für Südafrika ohne Vergebung, ohne Versöhnung keine Zukunft gegeben hätte. Unsere Wut und das Streben nach Rache hätten uns in den Untergang geführt. Das Gleiche gilt auch für jeden einzelnen Menschen und für die Menschheit insgesamt“ (Tutu,10).
4. Bezug zum Kirchenjahr
Am Karfreitag gedenken wir des Todes Jesu. Der Predigttext richtet unseren Blick auf die Liebe Christi und das Wort der Versöhnung. Damit kommt der von Gott durch Christus ermöglichte Neuanfang aus Liebe zur Sprache. So stimmt unser Text gut mit dem Wochenspruch aus Joh 3,16
5. Anregungen
Paulus kennzeichnet sein Zureden an die Gemeinde als Bitte Christi. Die Sprachform der Bitte passt zur Versöhnungsbotschaft, weil sie den Angesprochenen einen Freiraum gewährt. Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen (Weder, 329). Sie zielt auf freie Einsicht und Bejahung (Jüngel, 182f). Eine Verkündigung, die sich dieser Anrede verdankt, wird wachsam und selbstkritisch gegenüber allen Versuchen der Überwältigung und autoritären religiösen Ansprüchen sein. Versöhnung lässt sich nicht einfordern oder aufnötigen. Liebe bezwingt nicht auf gewalttätige Art. Sie erscheint so überzeugend und zugleich widerstehlich (!) wie ein Christus, der sich in die Hände der Menschen begibt. Ausgehend vom bittenden Christus möchte ich am Karfreitag für Versöhnung werben und selbst darauf aufmerksam sein, wo – nicht zuletzt in der Gemeinde – Menschen neu miteinander anfangen, einander anerkennen und wo Zerbrochenes geheilt wird.
Literatur
- S. Cheema / M. Mendel, Muslimisch jüdisches Abendbrot. Das Miteinander in Zeiten der Polarisierung, Köln 2024.
- W. Engemann. Einführung in die Homiletik, UTB 2128, Tübingen/Basel 22011.
- E. Jüngel, Die Autorität des bittenden Christus. Eine These zur materialen Begründung der Eigenart des Wortes Gottes. Erwägungen zum Problem der Infallibilität in der Theologie, in: Unterwegs zur Sache. Theologische Bemerkungen, BevTh 61, München 21988, 179-188.
- N.C.Kumkar, Polarisierung. Die Ordnung der Politik, Berlin 2025.
- E. Stehlík, Lidice. Geschichte eines Dorfes, Lidice 2004.
- D. Tutu/ M.Tutu, Das Buch des Vergebens. Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit, Berlin 2015.
- H. Weder, Neutestamentliche Hermeneutik, ZGB, Zürich 1986.
- https://nagelkreuz.de/
Autoren
- Prof. a.D. Dr. Dietrich-Alex Koch (Einführung und Exegese)
- Dr. Bernd Kuschnerus (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500182
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