1. Mose 3,1-19(20-24) | Invokavit | 22.02.2026
Einführung in das 1. Buch Mose
1. Einführung und Gliederung
Das 1. Buch Mose
Markantestes Gliederungssystem des überlieferten Textes und zugleich Spezifikum der Genesis gegenüber den anderen Büchern des Pentateuch ist die (priesterschriftliche) Aufteilung in Geschlechterfolgen (תּוֹלֵדוֹת tôledôt), wonach die einzelnen Teile jeweils die Nachkommensgeschichte der in der Genealogie genannten Person(en) oder Größe(n) berichten: 2,4a
2. Entstehung
Obige Rede vom „biblischen Israel“ (im Unterschied zum „historischen Israel“) deutet an, dass die Genesis, ja die fünf Bücher Mose, der Pentateuch
- zahlreiche Texte von Anfang an für ihren literarischen Kontext des werdenden Buches in Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Texten geschrieben wurden, dass
- der Untergang Israels (also des „Nordreichs“) 722 v.Chr. und erst recht der Untergang Judas (also des „Südreichs“) 587 v.Chr. Katalysatoren für Verschriftlichung und Komposition der Texte darstellten, und dass
- das bis in die 1970er Jahre zwar nicht unbestrittene, aber maßgebliche Quellenmodell (mit den vier Quellenschriften Jahwist, Elohist, Deuteronomium und Priesterschrift, die in sukzessiven Redaktionsprozessen miteinander verbunden wurden) den Textbestand der Genesis und des Pentateuch insgesamt nicht hinreichend erklären kann.
Entsprechend wird seit den 1970er Jahren immer stärker eine Kombination von Quellen-, Fragmenten- / Erzählkranz- und Ergänzungs- / Fortschreibungsmodellen zur Erklärung der Theologiegeschichte der Genesis (und des Pentateuch insgesamt) vertreten:
Dabei gilt als relativ konsensfähig, dass der Jakob-Esau-Laban-Erzählkranz aus Israel (Gen *25
Erstmalig kombiniert wurden die Urgeschichte, die Erzelternerzählung sowie die Exoduserzählung von der Priesterschrift im 5. Jh. v. Chr., deren Erzählzusammenhang von der Schöpfung
Während im klassischen Quellenmodell die große Masse der Texte vor-priesterschriftlich eingeordnet wurde, wird in der aktuellen Forschung die nach-priesterschriftliche Entstehung vieler Texte erkannt und mit dem Ergänzungsmodell erklärt. Dies gilt in besonderer Weise, aber bei Weitem nicht ausschließlich, für die ehedem dem Elohisten zugewiesenen Texte in Gen 15
3. Wichtige Themen
Die Genesis stellt in ihren ersten Kapiteln den Gott Israels als den Erschaffer der ganzen Welt dar. Oder anders, in der Reihenfolge der kanonischen Leserichtung, formuliert: Der Erschaffer der ganzen Welt erweist sich in der Genesis als der Gott der Erzeltern „Israels“. Auf die Herausstellung der gesamten Menschheit als Ebenbild
Der priesterschriftliche Schöpfungssegen („Seid fruchtbar und mehret euch…“; 1,28
Die Priesterschrift weist zudem in Gen 9
Die unendlich vielseitigen und äußerst breit rezipierten Texte der Genesis zeichnen sich schließlich durch ihre realistische, ungeschönte Darstellung menschlichen Lebens auf Erden im Verhältnis zur menschlichen und nicht-menschlichen Mitwelt und im Verhältnis zu Gott aus, das von allen Seiten immer wieder in Frage gestellt und bedroht wird.
Literatur:
- Albertz, Rainer, Die Josephsgeschichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur Überwindung einer anhaltenden Forschungskontroverse (FAT 153), Tübingen 2021.
- Bührer, W., 2019, Neuere Ansätze in der Pentateuchkritik, VuF 64, 19–32.
- Gertz, J. Chr., 22021, Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11 (ATD 1), Göttingen.
- Gertz, J. Chr. 62019, Tora und Vordere Propheten, in: Ders. u.a. (Hgg.), Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen, 193–312.
- Köckert, M., 2017, Abraham. Ahnvater – Vorbild – Kultstifter (BG 31), Leipzig.
- Römer, Th., 2014, Das Buch Genesis, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 94–110.
- Schüle, A., 22020, Die Urgeschichte. Genesis 1-11 (ZBK.AT 1.1), Zürich.
- Tal, Abraham, Genesis, Biblia Hebraica Quinta 1, Stuttgart 2015.
- Wöhrle, Jakob, Fremdlinge im eigenen Land. Zur Entstehung und Intention der priesterlichen Passagen der Vätergeschichte (FRLANT 246), Göttingen 2012.
Die biblische Urgeschichte (Gen 1–11)
Die biblische Urgeschichte in Gen 1–11 bedenkt die Entstehung der Welt und ihrer Ordnung, das Woher des Menschen und die Ursprünge der Kultur. Sie ist Ausdruck der in vielen antiken Kulturen geteilten Grundüberzeugung, dass alles Gegenwärtige und alles Zukünftige sein Wesen im Anfang erhalten hat. In diesem Sinne ist sie nicht nur Welterklärung, sondern auch der Versuch, die Welterfahrung deutend zu verstehen. Die dazugehörige sprachliche Ausdrucksform ist der Mythos, der von dem erzählt, „was niemals geschah, aber immer ist“ (Salustios; 4. Jh. n. Chr.). Im Zentrum dieses Nachdenkens in beispielhaften Erzählungen, zu denen sich naturkundliche (in Gen 1,1-2,3
Die historisch-kritische Analyse des Pentateuchs ist von der Beobachtung ausgegangen, dass in Gen 1–3 zwei deutlich unterscheidbare Schöpfungsberichte vorliegen. Grundlegend für die weitere Diskussion ist die hieraus entwickelte Annahme, dass sich in Gen 1–11 zwei ehedem unabhängig voneinander überlieferte Versionen der Urgeschichte unterscheiden lassen, die erst redaktionell zusammengearbeitet wurden. Die eine der beiden Versionen, die priesterschriftliche Urgeschichte, ist Teil eines heilsgeschichtlichen Gesamtentwurfs aus der frühnachexilischen Zeit, der mit der Schöpfung einsetzt und zumindest bis zum Einzug Gottes in das Zeltheiligtum nach Ex 40
Eigenständige Version oder Bearbeitung?
Die nicht zur Priesterschrift gehörigen Anteile in Gen 1–11 wurden in jüngerer Zeit wiederholt einer Bearbeitung der Priesterschrift zugeschrieben. Hier wird aber zu unterscheiden sein. Es gibt Passagen, welche die Priesterschrift und ihre Kombination mit den nicht zur Priesterschrift gehörigen Passagen bereits voraussetzen. Hierzu gehören neben kleinen redaktionellen Eintragungen die Episode von den „Göttersöhnen und Menschentöchtern“ (Gen 6,1-4
Datierung?
Die priesterschriftliche Urgeschichte gehört wie die Priesterschrift
A) Exegese kompakt: 1. Mose 3,1-19(20-24)
Die Paradieserzählung: Willkommen in der Realität
Übersetzung
3,1 Aber die Schlange war klüger als alles Getier des Feldes, das Jhwh-Gott gemacht hatte, und sie sprach zu der Frau: Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr von keinem der Bäume des Gartens essen dürft? 2 Da sagte die Frau zu der Schlange: Wir dürfen von den Früchten der Bäume des Gartens essen, 3 nur von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht davon essen und sie auch nicht anrühren, dass ihr nicht sterbt! 4 Da sagte die Schlange zu der Frau: Ihr werdet mitnichten sterben! 5 Vielmehr weiß Gott sehr wohl, dass, sobald ihr davon esst, eure Augen aufgehen werden und ihr wie Gott sein werdet, wissend um Gut und Schlecht. 6 Da sah die Frau, dass der Baum gut war als Speise und er eine Lust war für die Augen und dass der Baum verlockend war, um Einsicht zu erlangen; da nahm sie von seiner Frucht und aß und sie gab auch ihrem Mann neben ihr und er aß. 7 Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Da flochten sie Laub vom Feigenbaum zusammen und machten für sich Schurze. 8 Als sie das Geräusch von Jhwh-Gott hörten, wie er beim Abendwind im Garten wandelte, da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Jhwh-Gott inmitten der Bäume des Gartens. 9 Da rief Jhwh-Gott den Menschen und er sagte zu ihm: Wo bist du? 10 Da sagte er: Ich habe ein Geräusch von dir gehört im Garten, da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und versteckte mich. 11 Da sagte er: Wer hat dir eröffnet, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? 12 Da sagte der Mensch: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, da habe ich gegessen. 13 Da sagte Jhwh-Gott zu der Frau: Was hast du getan? Da sagte die Frau: Die Schlange hat mich verführt, da habe ich gegessen. 14 Da sagte Jhwh-Gott zu der Schlange: Weil du dies getan hast, verflucht bist du fort von allem Vieh und von allem Getier des Feldes; auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens. 15 Und Feindschaft will ich stiften zwischen dir und der Frau und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft; sie wird dir nach dem Kopf treten, und du wirst ihr nach der Ferse schnappen. 16 Zu der Frau sagte er: Ich will grenzenlos machen deine Mühsal, vor allem während deiner Schwangerschaft; unter Schmerzen sollst du Kinder gebären, und nach deinem Manne soll dein Verlangen sein, er aber soll über dich herrschen! 17 Und zum Menschen sagte er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört hast und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, du darfst nicht von ihm essen – verflucht ist der Ackerboden um deinetwillen, unter Mühsal sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Und Dornstrauch und Gestrüpp soll er dir sprossen lassen, und du sollst das Kraut des Feldes essen. 19a Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, denn von ihm bist du genommen, 19b denn Staub bist du und zum Staub sollst du zurückkehren.
(20 Da nannte der Mensch den Namen seiner Frau Ḥawwā (Eva), denn sie wurde die Mutter aller Lebenden. 21 Da machte Jhwh-Gott für den Menschen und seine Frau Kleidung aus Fell und er bekleidete sie. 22 Und Jhwh-Gott sagte: Sieh! Der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Schlecht erkennt; jetzt aber, dass er nicht seine Hand ausstreckt und auch noch vom Baum des Lebens nimmt und isst und ewig lebt! 23 Und Jhwh-Gott schickte ihn aus dem Garten Eden, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. 24 Und er vertrieb den Menschen, und er ließ die Cheruben und die Flamme des zuckenden Schwertes östlich vom Garten Eden wohnen, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.)
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 16–17: Die Übersetzung hat schon der LXX
V. 17 und V. 21: In Gen 2,4-3,24
2. Kontext
Traditionell wird der Predigtabschnitt als „Erzählung vom Sündenfall“
Wichtig für das Verstehen des Textabschnittes ist, dass er ein integraler Bestandteil der Paradieserzählung in Gen 2,4-3,24
3. Textgenese
Der Text ist weitgehend einheitlich. Die ungewöhnliche Gottesbezeichnung Jhwh-Gott (Luther: „Gott der Herr“) ist eine Folge der redaktionellen Verbindung mit der Priesterschrift, die durchgängig den Gattungsbegriff „Gott“ verwendet. Die Kombination mit dem Eigennamen Jhwh
4. Schwerpunkte der Interpretation und theologische Perspektivierung
Die Perikope bietet einen bunten Strauß von Motiven und Einzelszenen, die allesamt eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet haben:
1. Die Nacktheit: Nacktheit ist ein Leitmotiv der Paradieserzählung. Der erste Teil endet mit der unbelastet-ahnungslosen Nacktheit des ersten Menschenpaares (Gen 2,25
2. Die Schlange: Die Schlange wird als eines der von Gott geschaffenen Tiere eingeführt. Im weiteren Verlauf bietet die Paradieserzählung eine Ätiologie der Lebensweise der „auf dem Bauch kriechenden und Staub fressenden“ Schlangen. Die Schlange ist also als Vorfahr aller Schlangen gedacht. Damit erübrigt sich die in der Auslegungsgeschichte seit dem 1. Jh. n.Chr. vielfach vertretene Ansicht, es handele sich um eine widergöttliche Macht oder Personifizierung des Bösen (vgl. Weish 2,23-25
3. Der Dialog von Schlange und Frau: Die Schlange eröffnet das Gespräch mit einer harmlos klingenden Frage: „Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr von keinem der Bäume des Gartens essen dürft?“ Damit verkehrt sie die nahezu ausnahmslose Freigabe aller Bäume durch Gott in ihr Gegenteil (Gen 2,16-17
4. Der Griff nach der verbotenen Frucht: Nach einer wirkmächtigen Auslegungstradition weckt die Schlange in der Frau den hybriden Wunsch, wie Gott zu sein. Dass sie und mit ihr ihr Mann diesem Wunsch nachgegeben haben, sei der Fall des Menschen in eine von Gott gelöste Autonomie. Dagegen ist in jüngerer Zeit mit guten Argumenten Einspruch erhoben worden: Vom Öffnen der Augen wird im Alten Testament stets neutral oder positiv gesprochen; die Erkenntnis von Gut und Böse wird wie das Bemühen, Einsicht zu erlangen, stets positiv bewertet (vgl. 1Kön 3,5–14
5. Adoleszenz und Sexualität: Das Adoleszenzmotiv – das Erwachen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit wird am Beispiel der Nacktheit und der Entdeckung der Scham vorgeführt – ist kulturübergreifend verbreitet. Konkretes Vorbild könnte die Episode von Enkidu und Šamhat aus dem Gilgamesch-Epos
5. Das Verhör: Die Antwort des Menschen auf Gottes Frage „Wo bist Du, Mensch?“ belegt den Zusammenhang von Entscheidungsfähigkeit und Gewissen. Mit der Frage „Woher weißt Du, dass Du nackt bist?“ wird deutlich, dass mündiges Handeln auch die Bereitschaft verlangt, Verantwortung zu übernehmen. Die Frage Gottes hätte durchaus die Möglichkeit eröffnet, für die Tat einzustehen. Doch der Mensch und mit ihm eine über Jahrhunderte hinweg männlich dominierte Auslegungsgeschichte (vgl. Sir 25,24
6. Die Fluch- und Strafsprüche: Mit den Fluch- und Strafsprüchen erreicht die Paradieserzählung ihren ätiologischen Zielpunkt. Die Lebenswirklichkeit ist ambivalent. Leben und Weiterleben bereiten dem Menschen Freude und Mühsal. Kinder werden unter Schmerzen geboren. Das Verhältnis von Mann und Frau ist gleichermaßen von gegenseitiger Zuneigung und einseitiger Machtverteilung bestimmt. Die Kultivierung des Erdbodens sichert die Lebensgrundlagen des Menschen, doch verlangt sie ihm harte und oftmals vergebliche Arbeit ab. Diese alltägliche Erfahrung, deren Überwindung der Verheißung eines neuen Himmels und einer neueren Erde vorbehalten bleibt (vgl. Jes 65,17
Die Ambivalenz menschlichen Lebens zwischen Freude und Leid tritt im sozialen und historischen Kontext der Erzählung wohl nirgendwo sonst so deutlich zu Tage wie im Strafspruch gegen die Frau. Ihr wird viel Mühsal angekündigt, wobei sie vor allem während der Schwangerschaft von Nöten und Beschwernissen geplagt sein wird (vgl. Gen 25,22
5. Perspektiven für die Predigt
Die Perikope bietet eine Fülle an assoziationsreichen Motiven und deren facettenreiche Entfaltung. Die besondere Herausforderung liegt in der Auswahl und Fokussierung. Zum Glück muss nicht alles in einer Predigt gesagt werden!
Der Text bietet eine Ätiologie einer widersprüchlichen Daseinserfahrung. Besonders lohnend scheint mir daher zu sein, das Gespür des Textes für die Ambivalenzen des menschlichen Lebens herauszuarbeiten. Hierfür bietet sich vor allem das Verhältnis von „Erkenntnis und Sünde“ und von „schöpfungsgemäßen Rollenverständnissen“ an. Beide Motivkomplexe haben die Auslegungsgeschichte der Erzählung seit jeher stark geprägt. Sie bedürfen eines sehr sensiblen Umgangs, der sich von den Vorgaben der Tradition freimacht, diese aber immer mitbedenkt.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Es mag die Wissenschaftlerin in mir sein, doch dass Erkenntnisgewinn und die angestrebte Unterscheidung von Gut und Schlecht per se etwas Erstrebenswertes sind, ist mir sehr sympathisch. Dass damit auch Unsicherheit, Irrtum und die Abneigung zur Verantwortungsübernahme einhergehen, entspricht meiner Erfahrung. Doch nicht nur der Erkenntnisgewinn, sondern fast alles in dieser Erzählung ist zweischneidig, ambivalent: der Paradiesgarten, das Gottesbild, die Grunderfahrungen menschlichen Lebens.
Selbst das Abfassen der Paradieserzählung als solcher hat ambivalente Züge – als wolle die Erzählung selbst ein Beispiel für die Zweischneidigkeit menschlichen Schaffens geben: Durch die Strafsprüche in V. 16–19 werden Geschlechterrollen und das Ungleichgewicht der Geschlechter zugleich festgeschrieben als auch als Mangelzustand gekennzeichnet.
2. Thematische Fokussierung
Die Ambivalenz menschlicher Kulturphänomene ist omnipräsent. Forschung, die zur Lösung großer Menschheitsprobleme beitragen kann, kann ebenso zur Auslöschung von Menschenleben oder Zementierung von Machtverhältnissen genutzt werden. Die Folgen des eigenen Handelns sind in unseren globalen, immer komplexeren Lebenszusammenhängen kaum noch abzusehen. Angesichts dessen stellt sich schon die Frage, ob wir tatsächlich (noch) unterscheiden können, was gut und schlecht ist, was gut und was nur gut gemeint. Das göttliche Urteil, dass der Mensch urteilsfähig sei (V. 22) ist da quasi auch ein Urteil im doppelten Sinn: Wir sind befähigt, zu unterscheiden, aber: Wir müssen entscheiden. Doch nicht nur in den großen Fragen der Ethik spielt die Ambivalenz eine Rolle. Wie in der Urgeschichte selbst, ist sie Kennzeichen großer Linien und gesellschaftlicher Strukturen, durchdringt aber auch die grundlegenden Erfahrungen menschlicher Beziehungen, die sich im Spannungsfeld von ungleichem Nehmen und Geben, Selbst- und Fremdbestimmung, Glückssteigerung und gesteigerter Verwundbarkeit bewegen. Das gilt für Eltern kleiner Kinder wie auch für Kinder alt gewordener Eltern, für Freundschaften wie Partnerschaften.
3. Theologische Aktualisierung
Der Gesamtkontext von Gen 2–3 entwirft ein Gottesbild, dass nicht überstrapaziert werden kann und will. Denn warum hat Gott die Bäume überhaupt gepflanzt, wenn man doch sowieso nicht von ihnen essen soll und für wen waren sie gedacht, wenn nicht für den Menschen? „Was wäre, hätte Gott die Bäume nicht gepflanzt…? “Auf dieses Gedankenspiel will sich der Text gar nicht einlassen. Er erzählt vom Paradies, weil er vom Menschen erzählen will. Aber was macht Gott nun konkret in Gen 3
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Rahmung des Predigttextes am ersten Sonntag der Passionszeit Invokavit ist herausfordernd: Hat die Exegese herausgestellt, dass die Schlange weder mit dem Bösen schlechthin zu identifizieren ist noch das Essen der Menschen im Garten als Ursünde auszumachen ist, nehmen sowohl der Wochenspruch aus 1Joh 3,8b
Gibt es in der heimischen Kirche eine Darstellung der Garten- und Baumszene könnte die Predigt auch im Dialog mit dem entsprechenden Kunstwerk entworfen werden. Wie würden Sie das Bild heute gestalten? Was kann so bleiben, was muss anders aussehen? Ist die Gartenszene Bild eines typisch antithetischen Bilderzyklus (Paradiesbaum – Kreuz, Schlange – Überwindung des Todes etc.) wäre es einer Überlegung wert, was passiert, wenn man einen solchen Zyklus mit „Ambivalenzen“ überschreiben würde: Wie verändert sich dadurch die Wahrnehmung der dargestellten Szenen? Welche anderen biblischen Geschichten könnten entsprechend in der Linie von Gen 3
5. Anregungen
Vielleicht ist es ratsam sich von der Lust am Erzählen in Gen 3
Autoren
- Prof. Dr. Walter Bührer (Einführung Genesis)
- Prof. Dr. Jan C. Gertz (Einführung in die Urgeschichte und Exegese)
- Dr. Ann-Kathrin Knittel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500175
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