Matthäus 9,14-17 | Aschermittwoch | 18.02.2026
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 9,14-17
Übersetzung
14 Daraufhin kommen zu ihm die Jünger des Johannes, sagend: Warum fasten wir und die Pharisäer [viel], aber deine Jünger fasten nicht? 15 Und es sagte zu ihnen Jesus: Können etwa die Söhne des Bräutigams trauern, solange der Bräutigam mit ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, wenn weggenommen sein wird von ihnen der Bräutigam, und dann werden sie fasten. 16 Niemand näht doch als Aufnäher einen ungewalkten Flicken auf ein altes (Ober-)Gewand. Denn sein Füllstück hebt sich ab von dem Gewand, und der Riss wird schlimmer. 17 Noch füllt man neuen Wein in alte Lederschläuche; wenn aber doch, zerreißen die Schläuche, und der Wein fließt aus, und die Schläuche sind verdorben. Stattdessen füllt man neuen Wein in neue Schläuche, und beide bleiben bewahrt.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.14 [πολλά]: das textlich unsichere Objekt zu „fasten“ ist entbehrlich, da „fasten“ keines Objekts bedarf. Wird es beibehalten, dann ist die Bedeutung „im Hinblick auf vieles“, d.h. es geht nicht um ein besonders langes oder strenges Fasten
V.15 μή hier als Fragepartikel im Sinne von „etwa“, auf die eine verneinende Antwort erwartet wird, s. GGNT § 246a.
οἱ υἱοὶ τοῦ νυμφῶνος – die LÜ gibt diese Wendung mit „Hochzeitsgäste“ wieder, aber hier sind genauer die „Freunde“ des Bräutigams bzw. wörtlich „des Brautgemachs“ gemeint (νυμφών = „Brautgemach“ oder „Hochzeitssaal“, vgl. Tob 6,13
ἀπαρθῇ Aorist Passiv (3. Person Singular) von ἀπαίρω, „wegnehmen“ „weggehen“ (das Wort kommt nur hier und in den Parallelstellen Mk 2,20
V.16 ἐπιβάλλει ἐπίβλημα: eine klassische figura etymologica, ein beliebtes Stilmittel der griechischen Rhetorik: Verb und das davon abhängige Objekt werden aus demselben Wortstamm gebildet. Hier zu verstehen als: „einen Flicken einflicken“ (oder: „einen Aufnäher aufnähen“). Wörtlich bedeutet ἐπιβάλλω „daraufwerfen“ oder „darauflegen“.
ῥάκους ἀγνάφου: Genitivattribut zum Objekt ἐπίβλημα, mit dem das Material des „Aufnähers“ angegeben wird: ῥάκος (nur hier und Mk 2,21
V.16b τὸ πλήρωμα αὐτοῦ – „sein Füllstück“: dieser Satzteil wird meist, so auch hier, als Subjekt von αἴρει interpretiert, was jedoch wegen des Personalpronomens (αὐτοῦ) unnatürlich klingt. Alternativ kann es das direkte Objekt von αἴρει sein, dessen Subjekt dann das Objekt des voranstehenden Satzes ist (ἐπίβλημα). Der Sinn wäre dann: Der Aufnäher aus ungewalktem Stoff reißt „sein Füllstück“ aus dem alten Gewand (so u.a. Th. Zahn, Das Evangelium nach Matthäus, Ndr. 1984 der 4. Aufl. von 1922, S. 381).
V.17 ῥήγνυνται Präsens Medium 3. Person Plural von ῥήγνυμι „zerreißen“, „platzen“; das Wort kommt nur hier im NT vor (die Parallelstellen haben ῥήσσω mit derselben Bedeutung).
οἱ ἀσκοί: Im Neuen Testament kommt dieses Wort nur hier und den syn. Parallelen vor, aber darüber hinaus 15-mal in der LXX
καὶ ἀμφότεροι συντηροῦνται – Präsens Passiv 3. Person Plural von συντηρέω „bewahren“, „behalten“, im NT nur hier und Mk 6,20
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Die Predigtperikope ist Teil einer dreiteiligen Einheit, die in Mt 9,9
Ulrich Luz (EKK I/2, S. 46) bezeichnet diese Einheit als „Streitgespräch“ und sieht die Johannesjünger hier eingereiht „in die Reihe der jüdischen Gegner Jesu“ (a.a.O., S. 47). Es handelt sich aber nicht um Gegnerschaft, sondern um gegenseitige Wahrnehmung. Jesus stellt sich durch sein Reden (Bergpredigt, Kap. 5–7) und Handeln (Kap. 8+9) vor, zur Entscheidung und Trennung (von der Mehrheit des Volkes, den Pharisäern, seiner Familie und möglicherweise auch vom Täufer) kommt es jedoch erst in Kap. 12+13.
3. Historische Einordnung
Für Jesu jüdische Zeitgenossen war das zweimalige wöchentliche Fasten der Pharisäer (vgl. Lk 18,12
4. Schwerpunkte der Interpretation
Mit dem Hochzeitsvergleich verweist Jesus darauf, dass in seiner Gegenwart die Heilszeit angebrochen ist (vgl. Jes 61,10
5. Theologische Perspektivierung
Zentrales Thema ist das Verhältnis des Bestehenden zu dem gerade Werdenden. Die Zukunft kommt nur im Hinblick auf die zukünftig eintretende Abwesenheit des Bräutigams in den Blick, aber darauf liegt nicht der Fokus. Die Gegenwart ist entscheidend, weil jetzt der Bräutigam da ist und damit die Zeit des Feierns. Nur – wer feiert mit? Die „Zöllner und Sünder“ (9,10
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die υἱοὶ τοῦ νυμφῶνος bezeichnen gar nicht die Hochzeitsgäste im Allgemeinen, sondern eher sowas wie den Freundeskreis um den Bräutigam herum, die „best men“ im Plural. Dann könnte man hier an so etwas wie einen Junggesellenabschied denken. Denn da wird ja traditionell auch zum letzten Mal in vertrauter Runde gefeiert, bevor der Bräutigam mit der Hochzeit herausgenommen wird aus dem Kreis der jungen Männer. Aber das Erlebte, bzw. das Vergangene, (das alte Gewand, der alte Schlauch) soll nicht vergessen werden. Im mt Sondergut 9,17b wird deutlich: Es gilt, das Alte und das Neue gleichermaßen zu bewahren, es aber nicht zu vermischen. Es geht beim „Neuen“ um die Erfüllung von Gesetz und Propheten (5,17
2. Thematische Fokussierung
Es sind Bilder aus der Alltagswelt, die die messianische Aufgabe Jesu verdeutlichen sollen: Er wählt Beispiele, die wir kennen: Wie wir uns kleiden, wie wir zusammenkommen und feiern. Dort gilt es, unsere Hörerinnen und Hörer abzuholen, wenn wir Wesentliches ausdrücken möchten. Wichtig ist aber, dass die dahinterstehende Botschaft auch wirklich zum Ausdruck kommt und nicht die Bilder für sich stehen bleiben. Wir verpassen die Aussage, wenn wir uns etwa beim Upcycling (neue Flicken), bei der Aufbewahrung edler Getränke (neuer Wein in alten Schläuchen) oder in Hochzeits-Anekdoten verlieren. Der Bräutigam will uns sagen: Wesentlich für das Kommen des Himmelreichs sind nicht Fasten und Buße tun, sondern die gelebte Barmherzigkeit.
3. Theologische Aktualisierung
Der für mich stärkste Satz steht als Auftakt vor der eigentlichen Perikope in Mt 9,13
Es geht Jesus dabei nicht grundsätzlich um die Abkehr einer "regelbasierten" Frömmigkeit Die geregelte Frömmigkeitspraxis soll aber nicht dazu führen, dass wir spontane Anlässe zur (Mit-)Freude bzw. die Herausforderungen zur Nächstenliebe (das zeigt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter) versäumen, nur weil auf unserem Kalender gerade "Fasten" oder "Gottesdienstbesuch" steht.
Jesus erinnert daran, die Frömmigkeit im gelebten Leben zu äußern. Mit dem Hochzeitsvergleich wird auch deutlich: Es macht keinen Sinn, aus regelbasierten Gründen zu verzichten, wenn gerade Feiern angesagt ist und alle in Stimmung sind. Verzicht, Buße und Innerlichkeit haben ihren Ort dann, wenn es das Leben von uns fordert oder wenn wir uns als Gemeinschaft darüber verständigen. Was aber in keiner Sekunde gelebten Lebens vergessen werden darf, ist die Nächstenliebe; Jesus sitzt mit den Zöllnern zu Tisch; er ruft die Sünder zu sich. In den neuen Schläuchen fließt der Wein der Barmherzigkeit.
4. Bezug zum Kirchenjahr
In meinem Umfeld kenne ich keine evangelische Gemeinde, in der an Aschermittwoch Gottesdienst gefeiert und gepredigt wird. Aber als Ende des Karnevals und Beginn der Fastenzeit ist der Aschermittwoch vertraut. Im Wiederentdecken der Kraft der Rituale begegnen mir auch im evangelischen Kontext Aschekreuze und Einstimmungen auf die bevorstehende Fastenzeit. Wenn keine Andacht vorgesehen ist, bietet sich ein digitaler Gruß in Form eines kurzen Videos oder Gedanken in Stichworten. Darin könnte man sich Gedanken machen, wann Gemeinschaften gemeinsam Feiern und Spaß haben wollen und wann sie Innerlichkeit und Ruhe brauchen. Dass es nicht um das Fasten an sich geht, sondern christliche Bußzeiten insbesondere auf die Christusfeste Weihnachten und Ostern vorbereiten sollen, kann zur wesentlichen Aussage führen: nicht äußerliche Frömmigkeitspraxis ist wesentlich, sondern die Botschaft der Gnade und Barmherzigkeit.
5. Anregungen
Die Perikope regt dazu an, Alltagserfahrungen aufzugreifen und Obergewänder und Weinschläuche in moderne Bilder zu übersetzen; vielleicht in Anlehnung an den vorausgegangenen Karneval. Es bietet sich außerdem an, die sehr bildhafte Szene vor Augen zu führen und vielleicht die Perspektive der Johannesjünger einzunehmen: ein sicher üppiges Mahl mit vermutlich gut betuchten Zoll-Eintreibern, guter Wein, Gelächter und Geselligkeit. Dem gegenüber steht die Bußfrömmigkeit der Johannesjünger, die derartige Zusammenkünfte ablehnt. Sie werden von Jesus eingeladen, über ihre Form der Frömmigkeit nachzudenken und erfahren eine neue Sicht auf die messianische Botschaft.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines(Einführung und Exegese)
- Esther Joas (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500174
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