Matthäus 3,13-17 | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11.01.2026
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 3,13-17
Übersetzung
13 Damals kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Aber Johannes hinderte ihn, indem er sagte: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?!“ 15 Aber antwortend sagte Jesus zu ihm: „Lass es zu für jetzt, denn so ist es uns bestimmt, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Daraufhin ließ er ihn = (es) ihm zu. 16 Unmittelbar nachdem Jesus getauft worden war, stieg er aus dem Wasser und siehe da, die Himmel öffneten sich [für ihn] und er sah den Geist Gottes, herabkommend auf sich wie eine Taube. 17 Und siehe da, eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Dieser ist mein Sohn, der Geliebte, an dem ich Gefallen habe.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 13: Zur Taufe des Johannes als religionsgeschichtliches Novum in Israel s. Exegese kompakt zu Mt 3,1-12
V. 14: διεκώλυεν Imperfekt aktiv von διακωλύω „hindern“, „verhindern“, „abhalten“. Das Imperfekt ist konativ zu bestimmen: Er versuchte ihn abzuhalten. Es kommt im NT nur an dieser Stelle vor, häufiger ist dagegen das einfache Verb ohne Präposition κωλύω: es steht zumeist für den verhinderten Zugang zu Jesus bzw. zum Heil (Mt 19,14
V. 15: ἄφες ἄρτι – ἄφες ist ein Imperativ Aorist, 2. Person Singular des Verbs ἀφίημι „entlassen“, „zulassen“, „verlassen“, „erlassen“, das von Matthäus häufig und vielfältig verwendet wird (z.B. Mt 6,12
πρέπον ἐστιίν: „es ist bestimmt“. Dieser Ausdruck kommt in den Synoptikern nur hier vor und drückt wie δεῖ eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit aus. Etwas muss so geschehen, damit der Wille Gottes bzw. die Schriften erfüllt werden können (δεῖ kommt erstmals in 16,21
πληρῶσαι πᾶσαν δικαιοσύνην „alle Gerechtigkeit erfüllen“. Zwei Auslegungstraditionen stehen sich hier gegenüber. Die eine sieht hier eine ethische Weisung, die Jesus exemplarisch und als Vorbild für alle erfüllt; πᾶσα δικαιοσύνη ist dann keine besondere, nur von Jesus zu erfüllende Gerechtigkeit, sondern meint „alles, was gerecht ist“ sei zu tun (so Luz im EKK z. St.). Die heilsgeschichtliche Deutung geht von der auffälligen Verwendung von πληρόω im ersten Evangelium aus: Von den 16 Belegen im Evangelium (Mk: 2-mal, Lk: 9-mal, Joh: 15-mal) beziehen sich 13 auf die formelhafte Einleitung eines Schriftzitats (1,22
V. 16: ἰδού „siehe!“ Mit 62 Verweisen verwendet Matthäus ἰδού häufiger als jeder andere Autor (Lukas 57-mal, Markus 7-mal und Johannes nur 4-mal). Wenn es nicht in der direkten Rede verwendet wird (als aufmerksamkeitsfordernde Einleitung), ist es regelmäßig Teil des mt. Erzählstils. Was mit ἰδού eingeleitet wird, kann man in den meisten Fällen tatsächlich sehen, d. h. die Leser / Hörer des Evangeliums werden aufgefordert, sich das, was Matthäus in Worte gefasst hat, als Bild vorzustellen. In den ersten vier Kapiteln wird ἰδού 9-mal verwendet und leitet in sechs Fällen theophane Ereignisse ein: Engel in 1,20
„herabkommend … wie eine Taube“: In der biblischen und frühjüdischen Literatur gibt es keine überzeugende Parallele für die Gegenüberstellung von Heiligem Geist und Taube, weshalb dieser Vergleich nicht auf das Aussehen oder die Gestalt des Geistes (anders Lk 3,22
ἠνεῴχθησαν , Aorist Passiv Indikativ von ἀνοίγω „öffnen“, hier als passivum divinum zu verstehen, d. h. Gott ist es, der hier den Himmel für seinen Sohn öffnet.
[αὐτῷ]: „Die Himmel wurden ihm/für ihn geöffnet”. Das etwas unbeholfen wirkende, textkritisch unsichere αὐτῷ dient als Gegengewicht zur Verkündigung der himmlischen Stimme, die sich – anders als bei Markus und Lukas – nicht direkt an Jesus („Du bist ...“), sondern als „Identifikationsformel“ an einen nicht näher bezeichneten Adressatenkreis richtet („Dies ist mein geliebter Sohn“). Zum Zusammenhang von Messias, Davidssohn und eschatologischer Gerechtigkeit s. Jes 9,1-6
εἶδεν … καταβαῖνον ὡσεὶ περιστερὰν [καὶ] ἐρχόμενον ἐπʼ αὐτόν: „Er sah … herabkommend wie eine Taube und kommend auf ihn“: Markus und Lukas verwenden für die Bewegung des Geistes nur ein Verb (καταβαίνω, „herabkommen“), während Matthäus dieses Ereignis durch ein zweites Verb noch stärker hervorhebt. Das Personalpronomen αὐτόν am Ende spiegelt das anfängliche αὐτῷ und unterstreicht den alleinigen Fokus auf Jesus: Für ihn wurden die Himmel geöffnet, und zu ihm kam der Geist vom Himmel.
V. 17: ὁ υἱός μου ὁ ἀγαπητός „mein Sohn, der geliebte“. Zu dieser Wendung s. Gen 22,2
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Der Predigtperikope unmittelbar voraus geht die Ankündigung des Täufers
Angefangen hat das Wirken des Geistes jedoch schon vor der Geburt von Jesus. Denn der, der hier zur Taufe kommt, ist der vom Heiligen Geist Gezeugte (1,18
Der Text beschreibt die einzige Begegnung zwischen Jesus und dem Täufer und sein Wort an Johannes ist Jesu erste Äußerung überhaupt bei Matthäus. Die Programmatik dieses Satzes zeigt sich darin, dass zwei zentrale Themen des ersten Evangeliums darin begegnen: Erfüllung der Schrift und eine neue Gerechtigkeit, die mit den neuen Möglichkeiten und Gegebenheiten des Himmelreiches kompatibel ist. Mit seiner Aussage definiert Jesus seine eigene Aufgabe, die die des Täufers umgreift („uns“), d. h. nach Matthäus ist die zu erfüllende Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) ein geeigneter Begriff, um programmatisch die ‚Mission‘ Jesu zu beschreiben. Die Aufgabe des Täufers und die Aufgabe Jesu war es, die „ganze Gerechtigkeit“ zu erfüllen. Das wird auch an der letzten Stelle, an der der Täufer auftaucht (Mt 21,32
3. Historische Einordnung
Matthäus ist der einzige Evangelist, der, beginnend mit 3,15
4. Schwerpunkte der Interpretation
In der Tauferzählung und durch das Erfüllungszitat Jes 42,1-4
Die Taufe Jesu bringt zum ersten Mal alle drei Akteure zusammen, die bei Matthäus die höchste Autorität innehaben. Dies ereignet sich als ein theophanes Geschehen, in dem sich der Vater mittels einer Stimme vom Himmel offenbart und der Geist (der hier erstmals als „Geist Gottes“ identifiziert wird) in Gestalt einer Taube sichtbar wird. Beide göttliche Wesen setzen sich in eine Beziehung zu Jesus, der von der Himmelsstimme als „mein geliebter Sohn“ identifiziert wird: Der Gott Israels, der sich seinem Volk als der eine wahre Gott zu erkennen gegeben hat, offenbart sich hier als Vater eines Sohnes. Das ist der dramatische Inhalt dieses Offenbarungsgeschehens und damit eine Theophanie im eigentlichen Sinne: Denn von nun an ist der eine Gott Israels ohne diese Vaterschaft nicht mehr darstellbar. Und schon hier ist für die Leser von Matthäus klar, dass diese Vaterschaft eine andere ist als die, die den davidischen Königen (2Sam 7,14
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Die Taufe Jesu gipfelt in einer zweifachen Epiphanie: Durch das sichtbare Herabkommen des Geistes Gottes und eine Himmelsstimme offenbart der Vater sich seinem Sohn, der bereits vor seiner Geburt durch einen Engel Gottes als „Gott mit uns“ (Mt 1,23
Literatur (außer den Kommentaren)
- Matthäus 3,1–12 | Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis) | 24.06.2025: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500124
- Deines, Roland: Die Gerechtigkeit der Tora im Reich des Messias, WUNT 177, Tübingen 2004.
- –: Gerechtigkeit, die zum Leben führt. Die christologische Bestimmtheit der Glaubenden bei Matthäus, Zeitschrift für Neues Testament 18 (2015), 46–56 (Heft 36).
- –: Der Relevanzverlust des Redens von Gott als Folge der methodischen Ausklammerung Gottes in der Bibelwissenschaft, Theologische Beiträge 53 (2022), 225–239.
- Stuhlmacher, Peter, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Grundlegung. Von Jesus zu Paulus, Göttingen 32005, 56–65.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Den entscheidenden Impuls in der Exegese entdecke ich in der Anregung, von der Perikope her darüber nachzudenken, ob Jesus „mehr war als nur ein Mensch wie wir.“ Und die Frage zu stellen, heißt an dieser Stelle ja ganz offensichtlich, sie mit „Ja“ zu beantworten. Wenn ich aber zu dieser Antwort finde, stellt sich unmittelbar eine Folgefrage, nämlich: Auf welche Art und Weise lässt sich das Einzigartige der Person Jesu beschreiben, der Mensch war – ja, voll und ganz –, aber eben doch nicht nur ein Mensch wie wir?
Als zentrale Aussage nehme ich in diesem Zusammenhang die Spitzenaussage aus der Exegese wahr: „Der Gott Israels, der sich seinem Volk als der eine wahre Gott zu erkennen gegeben hat, offenbart sich hier als Vater eines Sohnes. Das ist der dramatische Inhalt dieses Offenbarungsgeschehens und damit eine Theophanie im eigentlichen Sinne: Denn von nun an ist der eine Gott Israels ohne diese Vaterschaft nicht mehr darstellbar.“ Und ebenfalls pointiert ausgedrückt: „Wo Jesus redet und handelt, da redet und handelt Israels Gott selbst.“ Dabei wird das Bild der Taufe Jesu schon in der Exegese eingezeichnet in einen trinitarischen Gesamtzusammenhang, wenn der Verfasser beobachtet, dass hier „erstmals in sichtbarer Weise Vater, Sohn und Heiliger Geist miteinander handeln.“
2. Thematische Fokussierung
Hinweise zur thematischen Fokussierung bietet der Text selbst an. Das zweimalige ἰδοὺ (V. 16f.) dient dazu, etwas zu fokussieren oder – mit den Worten der Exegese – „sich das, was Matthäus in Worte gefasst hat, als Bild vorzustellen.“ Damit ergibt sich bei der Wahrnehmung des Textes ein Achtergewicht: Das Wesentliche steht offensichtlich in den letzten beiden Versen: Das Kommen des Geistes und die ‚Identifikationsformel‘: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Von hier aus legt es sich meiner Meinung nach auch nahe, bei der Interpretation der Begrifflichkeit „alle Gerechtigkeit erfüllen“ in V. 15 der heilsgeschichtlichen Deutung zu folgen. Denn hier wird ja nicht nicht das Exemplarische und Vorbildhafte in den Blick gerückt, sondern gerade das Besondere und Außergewöhnliche.
In dem Zusammenhang wird man in Weiterführung von Gedanken des Verfassers der Exegese gegenüber andersartigen Auslegungen tatsächlich fragen müssen, ob dem Text nicht die wesentliche Aussagespitze genommen wird, wenn die Gottesstimme nur noch als das in den Blick gerät, was Menschen dem Menschen Jesus zugeschrieben haben.
3. Theologische Aktualisierung
Die klassische Christologie, wie sie nicht zuletzt im deutschen Kontext gepflegt und weitergeführt wurde, hat heute einen schweren Stand. Christian Danz stellt in einem neuen Lexikonartikel pauschal fest: „Für große Teile der Menschheit ist das Christusbild der deutschsprachigen Theologie nicht nachvollziehbar.“ (Danz, Jesus Christus)
In seiner eigenen Entfaltung der Christologie formuliert er: „Jesus Christus ist weder eine Voraussetzung der christlichen Religion noch ist es die Gemeinde, die ihn zum Gott erhebt. Dass er Gott ist, meint kein inhaltliches Merkmal seiner Person. Es ist ein Beschreibungselement des Funktionierens der religiösen Kommunikation seiner Erinnerung. Folglich stellt die Einfügung des Christusbekenntnisses in den Gottesgedanken keine inhaltliche Erweiterung eines allgemeinen Gottesgedankens dar, den das Christentum mit dem Judentum teilt. Vielmehr entsteht hierdurch ein neues und anderes Verständnis von Religion. Die individuelle Aneignung Gottes wird zum Bestandteil des Gottesgedankens. Dafür steht Jesus Christus in der christlichen Religion“ (Danz, Jesus Christus).
Zwar wird man die Probleme nicht ausblenden können, die Danz für die Rezeption der klassischen Christologie beobachtet und beschreibt. Fraglich ist allerdings, ob sein radikaler Neuentwurf der Christologie, der in keiner erkennbarer Kontinuität zur christologischen Dogmenbildung seit ihren Anfängen steht, hierfür die Lösung ist. Gerade in der Radikalität dieses Konzepts wird aber deutlich, worum es eben auch bei der Auslegung dieses Predigtwortes geht: Ist Jesus bloß ein Mensch, der von der Gemeinde zum Gott erhoben worden ist und der zum Sinnbild für „[d]ie individuelle Aneignung Gottes“ wird? Oder bildet der Text eine Wirklichkeit ab, die sich in personalen Kategorien greifen lässt: Etwa zwischen Vater und Sohn, zwischen Glaubenden und Christus? Oder etwas vereinfacht ausgedrückt: Ist der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes vor allem „ein Beschreibungselement des Funktionierens der religiösen Kommunikation seiner Erinnerung“, oder ist Jesus Christus ein personales Gegenüber für die Gläubigen, zu dem man beten kann, dessen verlässliches Dasein (vgl. Mt 28,20
Gottesdienstbesucherinnen und -besucher dürften für ihr Leben eher das Zweite suchen als das Erste – und ich bin überzeugt: zu Recht!
So lädt das Predigtwort gerade im Jahr nach den Jubiläumsfeierlichkeiten „.1.700 Jahre Konzil von Nicäa“ (https://www.oekumene-ack.de/nizaea2025
4. Bezug zum Kirchenjahr?
Als Evangelium des 1. Sonntags nach Epiphanias gibt das Predigtwort den Fokus für die Gottesdienstfeier vor. Die Taufe Jesu steht im Mittelpunkt – und zugleich zeigen sich eine Vielzahl an Verbindungslinien, die zum Teil in der Exegese schon angedeutet worden sind: Mit Blick auf das Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist ließe sich ein Zusammenhang zum Trinitatisfest herstellen. Das Stichwort „Taufe“ lässt auch unsere Taufe in den Blick geraten, wie sie etwa am Sonntag Quasimodogeniti oder am 6. Sonntag nach Trinitatis in unterschiedlicher Weise theologisch ausgedeutet wird.
Von Weihnachten herkommend, könnte die Frage aufgenommen werden: Wer ist dieses Kind in der Krippe, das in unseren Gottesdiensten der letzten Wochen und in der Ausgestaltung der Weihnachtszeit vergleichsweise viel Raum eingenommen hat? – Deko, Chiffre für ein modifiziertes Religionsverständnis oder eben doch mehr?
5. Anregungen
Mit ihrem Lied „One of us” (https://youtu.be/aDdOnl0bHO4?si=iLIhy0mUk-h9a6T2
Was damals aufsehenerregend wirkte und von einigen wahrscheinlich auch als Provokation erlebt worden ist, hat in säkularisierten Kontexten und angesichts von Tendenzen des Theologieverlusts in unterschiedlichen Kirchen seine Originalität verloren. „Gott, einer von uns“, solidarisch an unserer Seite, ist kein sonderlich originelles theologisches Konzept mehr. Man könnte auch sagen: Diese Geschichte ist fürs erste auserzählt.
Aufregender, provokativer und herausfordernder scheint mir dagegen in unserer Zeit die Gegenfrage zu sein, zu der das Predigtwort einlädt: „Was bedeutet es, dass Jesus nicht bloß einer von uns ist? Welche Folgen hat es, dass er nicht bloß „One of us“, sondern „One of God“ ist? Die Predigtvorbereitung könnte diesen Fragen hinterherdenken: Was, wenn Jesus Gottes Sohn ist? Und was würde fehlen, wenn er es nicht wäre? – Hier ließe sich mancher Schatz heben, in traditioneller Christologie, aber auch mit neuen Beschreibungen und Deutungen.
Und vielleicht könnten sich sogar diejenigen, die sich schwertun mit der klassischen Christologie, im Rahmen eines Gedankenexperiments im Konjunktiv auf die Frage einlassen „Was wäre, wenn Jesus nicht nur einer von uns wäre?“ Gut möglich, dass die Beantwortung dieser Frage die eine oder andere Überraschung bereithalten würde und zu einem neuen Verständnis dessen führt, von dessen Taufe die Predigtperikope redet.
Literatur/ Medien:
- Danz, Christian: „Jesus Christus (als Thema systematischer Theologie)“, Version 1.0, in: Onlinelexikon Systematische Theologie, ISSN 3052-685X, 1. Mai 2025. DOI: https://doi.org/10.15496/publikation-104731
, 2.6.2025. - 1700 Jahre erstes Ökumenisches Konzil von Nizäa (325), https://www.oekumene-ack.de/nizaea2025
, 2.6.2025. - Joan Osborne – One of us, https://youtu.be/aDdOnl0bHO4?si=iLIhy0mUk-h9a6T2
, 2.6.2025.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Christoph Barnbrock (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500167
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