Deutsche Bibelgesellschaft

Johannes 14,1-6 | Neujahrstag | 01.01.2026

Einführung in das Johannesevangelium

Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.

Robert Kysar

Das Evangelium „nach Johannes" ist das tiefgründigste und theologisch wie kulturgeschichtlich wirkungsvollste der kanonischen Evangelien. Es unterscheidet sich in Stoff, narrativer Gestalt, Sprache und Theologie signifikant von den Synoptikern. Die Erklärung dieser Besonderheiten sowie die Frage nach seinen Quellen und seinem historischen und theologischen Wert gehören zu den schwierigsten und umstrittensten Fragen der Forschung.

Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium. Es ist programmatisch aus nachösterlicher Perspektive gestaltet, aus der durch den Geist gewirkten „Erinnerung“ (Joh 2,22; 12,16), und es trägt diese Perspektive bewusst in die Erzählung der Geschichte Jesu und seines Todes (19,30), so dass alle Einzel-Episoden schon im Licht des Ganzen des Christusgeschehens, im ‚österlichen Glanz‘, zu lesen sind.

Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2), Lazarus (Joh 11), die Fußwaschung (Joh 13). Wichtige synoptische Stoffe (z.B. Geburtsgeschichten, Gleichnisse, Bergpredigt, Endzeitrede) fehlen. Die Tempelreinigung (Joh 2,13-22) ist aus dem Passionskontext an den Anfang umgestellt, der Todesbeschluss des Hohen Rates (Joh 11,45-54) erfolgt ebenfalls schon vor der Passion als Antwort auf die Lazarus-Erweckung. Dies weist auf eine bewusste Umgestaltung der älteren Jesusüberlieferung hin, die auch geschichtliche Sachverhalte in großer Freiheit anders erzählt. Dies zeigt sich auch in der anderen Sprache Jesu, die im Grunde die Sprache aller anderen Figuren und des Autors ist. D.h., auch in Jesu Worten und Reden spricht faktisch der joh Autor.

1. Verfasser

Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23) identifiziert wurde. Diese Zuschreibung ist erklärlich, weil man diesen ‚Lieblingsjünger‘ (LJ) mit dem ‚unbekannten‘ zweiten Jünger aus Joh 1,35-40 identifiziert hat und (aufgrund von Mk 1,16-20 oder Apg 3-5) in diesem den Zebedaiden Johannes sah. So ‚wurde‘ der LJ zum Augenzeugen der ganzen Erzählung und das Evangelium bekam ‚apostolische‘ Würden. Nach der Johanneslegende (bei Irenäus u.a.) soll dieser Johannes als Greis sein Werk in Ephesus in Kleinasien geschrieben haben, nach Clemens v. Alex. ist es als „geistliches“ Evangelium in Ergänzung und Vertiefung zu den drei eher „leiblichen“ Erzählungen der Synoptiker abgefasst.

Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.

Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21 führt die Abfassung auf den LJ zurück, in Joh 1-20 ist dieser zwar an wenigen Stellen ab dem letzten Mahl (13,23; 19,25-27; 20,1-10) Petrus an die Seite gestellt, doch eher als ‚ideale Figur‘, die Jesus näher ist und ihn besser versteht. Der eigentliche „Autor“ ist in Joh 1-20 der „erinnernde“ Geist (Joh 14,25f). Wenn hinter dem LJ auch eine ‚reale‘ Figur im Umkreis der joh Gemeinden stand (wie 21,22f nahelegt), ist fraglich, ob dieser mit einer bekannten Gestalt zu identifizieren ist. Das Joh wäre in dann Fall posthum von Schülern (21,24f) herausgegeben. Wenn der Autor des Joh mit dem von 1-3Joh identisch ist, wäre der autoritativ schreibende „Presbyteros“ aus 2Joh 1; 3Joh 1 am ehesten mit dem bei Papias von Hierapolis (Eus., h.e. 3,39,4) als Traditionsträger in der Asia erwähnten „Presbyteros Johannes“ zu identifizieren. Die spätere Zuschreibung an den Zebedaiden wäre dann in einer Verwechslung oder eher intentionalen Überblendung der Namen erfolgt.

Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f bezeugt eine bewusste Auswahl des Autors aus den ihm verfügbaren Stoffen. Daraus folgt aber: Die Eigenständigkeit in Stoff und literarischer Ausgestaltung belegt keine ‚Unabhängigkeit‘ von der synoptischen Tradition. Jede Rekonstruktion schriftlicher Quellen (z.B. einer ‚Semeia‘-Quelle mit Wundergeschichten oder eines eigenen Passionsberichtes) ist m.E. unmöglich, doch sind neben den Synoptikern (v.a. Mk) mündliche und schriftliche Gemeindetraditionen anzunehmen, die aber alle eigenständig umgestaltet sind. Der Autor kennt das Mk (wie z.B. die Anspielungen auf die Gethsemane-Episode in 12,27f; 14,31 und 18,11 zeigen) und setzt die Kenntnis auch bei seinen Lesern voraus (s. 3,24), evtl. kennt er auch Lk oder Stoffe daraus, eine Kenntnis des Mt ist nicht zu belegen. Er ist gleichfalls vertraut mit jüdischen Bräuchen und wohl auch mit Gegebenheiten in Jerusalem. Vielleicht ist er ursprünglich ein Palästiner, der dann im Zuge des jüdischen Krieges nach Kleinasien kam.

2. Adressaten

Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh greifbar sind. Diese Gemeinden (oder die ‚Joh. Schule‘) in Kleinasien sind erst im letzten Drittel des 1. Jh. greifbar, sie hatten eigene Traditionen, aber nahmen auch synoptische und paulinische Motive auf. Ein Teil der joh Christusgläubigen entstammte wohl der Diasporasynagoge, und die traumatischen Spuren einer erfolgten Trennung (aposynagogos: Joh 9,22; 12,42; 16,2) sind wahrnehmbar, hingegen waren andere wohl Nichtjuden („Griechen": Joh 7,35; 12,20). Der Kontext steht also ein Verband ‚gemischter‘ Gemeinden, wohl im urbanen Raum, in dem neben diesen joh Christusgläubigen auch anders geprägte Gruppen koexistierten (z.B. Apk, Eph, Pastoralbriefe).

Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1 die Genesis überbietend aufnimmt und in 21,25 mit einem Hinweis auf viele Bücher endet.

3. Entstehungsort

Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus angesetzt. Dies ist im Joh und den drei Briefen nicht positiv zu belegen, und sachlich wäre jeder urbane Kontext im östlichen Mittelmeerraum denkbar, doch weist das frühe Zeugnis des Papias von Hierapolis, Polykarp u.a. auf den Raum Kleinasiens, ebenso die frühe Verbindung mit der dort situierten Apokalypse. Andere Vorschläge (Alexandrien wegen der Rede vom Logos; Syrien wegen vermeintlicher Nähe zu gnostischen Traditionen; Ostjordanland wegen der Bedeutung der ‚Juden‘) sind ebensowenig zu belegen. Kleinasien bleibt die wahrscheinlichste Option.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30), seine Sendung (ans Kreuz) der Erweis der ‚Liebe‘ Gottes zur Welt (3,16). Auffällig ist die ‚Vergegenwärtigung‘ der Eschatologie: Das ‚ewige Leben‘ ist schon jetzt im Glauben gegeben (5,24), das Gericht ergeht jetzt in der Begegnung mit Jesus (3,18). Zentrale Bedeutung hat der Geist, der als ‚Beistand‘ (Paraklet) der nachösterlichen Gemeinde diese begleitet, erinnert und zum Zeugnis befähigt. Joh entwickelt eine Art, von Vater, Sohn und Geist in personaler Unterscheidung zu reden, die bereits in die Richtung der späteren Trinitätslehre führt. Das alles wird in Bezug auf die Schriften Israels entfaltet, die nach Joh sämtlich von Jesus zeugen. Daher beansprucht der joh Jesus Exklusivität als Offenbarer (1,18; 14,6), während alle anderen Wege, auch der der nicht an Jesus glaubenden Schüler Moses (9,28) nicht „zum Vater“ führen. Die schroffe antijüdische Polemik ist z.T. Ertrag der schmerzhaften Trennungs- und Identitätsbildungsprozesse. Für die Gemeinde ergibt sich daraus eine innere Trennung von der ‚Welt‘, der mit einer (Familien-)Ethik der (nicht nur, aber vorrangig) auf die eigene Gruppe gerichteten Liebe begegnet wird.

5. Besonderheiten

Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
  • Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
  • Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
  • Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.

A) Exegese kompakt: Johannes 14,1–6

Nicht aufwühlende Angst, sondern Glauben!

Am Anfang der Abschiedsreden Jesu setzt das Johannesevangelium der aufwühlenden Angst programmatisch den Glauben an Gott und Christus entgegen, der in kommenden Krisen zum Durchhalten helfen soll.

1Μὴ ταρασσέσθω ὑμῶν ἡ καρδία· πιστεύετε εἰς τὸν θεὸν καὶ εἰς ἐμὲ πιστεύετε. 2ἐν τῇ οἰκίᾳ τοῦ πατρός μου μοναὶ πολλαί εἰσιν· εἰ δὲ μή, εἶπον ἂν ὑμῖν ὅτι πορεύομαι ἑτοιμάσαι τόπον ὑμῖν; 3καὶ ἐὰν πορευθῶ καὶ ἑτοιμάσω τόπον ὑμῖν, πάλιν ἔρχομαι καὶ παραλήμψομαι ὑμᾶς πρὸς ἐμαυτόν, ἵνα ὅπου εἰμὶ ἐγὼ καὶ ὑμεῖς ἦτε. 4καὶ ὅπου [ἐγὼ] ὑπάγω οἴδατε τὴν ὁδόν.

5Λέγει αὐτῷ Θωμᾶς· κύριε, οὐκ οἴδαμεν ποῦ ὑπάγεις· πῶς δυνάμεθα τὴν ὁδὸν εἰδέναι; 6λέγει αὐτῷ [ὁ] Ἰησοῦς· ἐγώ εἰμι ἡ ὁδὸς καὶ ἡ ἀλήθεια καὶ ἡ ζωή· οὐδεὶς ἔρχεται πρὸς τὸν πατέρα εἰ μὴ δι’ ἐμοῦ.

Johannes 14,1-6NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

„Euer Herz soll nicht aufgewühlt werden! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre dem nicht so, hätte ich euch dann etwa gesagt: ‚Ich gehe hin, euch den Ort zu bereiten?‘ Und wenn ich hingegangen bin und euch den Platz bereitet habe, werde ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit wo ich bin, auch ihr seid.

Und wohin ich gehe, den Weg wisst ihr.“

(Da) sagt Thomas zu ihm: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir den Weg wissen?“

Jesus sagt zu ihm: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich.“

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 1: Μὴ ταρασσέσθω – Imperativ 3. Sing. Passiv. „aufwühlen“ / „erschüttern“.

πιστεύετε ist in beiden Fällen ebenfalls als Imperativ zu lesen (ebenso auch 14,27).

V. 2: εἰ δὲ μή: Hier ist (elliptisch) ein Verb ausgelassen: „Wenn es nicht so wäre…“ – und es folgt ein (irrealer) Fragesatz „... hätte ich zu euch gesagt: ‚Ich gehe hin…‘?“

Das Selbstzitat „Ich gehe hin…“ verweist auf ein Wort Jesu, das aber zuvor im Joh nicht berichtet ist. Dies wurde häufig als Indiz literarischer Verwerfungen interpretiert, doch kann man dahinter auch ein literarisches Stilmittel sehen, das Aufmerksamkeit bewirkt. Jesus hat seinen Jüngern noch viel mehr gesagt, als in diesem Buch aufgeschrieben ist.

V. 3: πορευθῶ – Konjunktiv Aorist von πορεύομαι: Der ἐάν–Satz ist ein Eventualis, der die durchaus realistisch erwartete Aktion an einem unbestimmten künftigen Zeitpunkt thematisiert. Der Tempuskontrast ist zu beachten: ἵνα ὅπου εἰμὶ ἐγὼ (Präsens) καὶ ὑμεῖς ἦτε. (Konj. Aorist mit futurischem Sinn).

2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext

Am Beginn der Abschiedsreden bzw. in ihrem ersten Redeteil (14,1–31) wird – nach der ersten Thematisierung des Weggehens Jesu (13,33) und der verunsicherten Frage des Petrus, wohin er denn gehe (13,36) – das Problem der Abwesenheit Jesu und die damit gegebene Angst der Jüngergemeinde in der ‚Welt‘ bearbeitet. Die Rede präsentiert ein Bündel von Antworten, die sachlich differieren, sich aber in ihrer tröstlich-ermutigenden Funktion und Wirkung bestärken: Jesus ist beim Vater für die Seinen wirksam und kommt wieder, um sie zu sich zu holen (V. 2–3); der Hl. Geist wird als ‚Stellvertreter‘ Jesu und Beistand bei ihnen sein (V. 16f.); sie sind nicht verwaist/allein (V. 18); sie werden ihn mit geistigen Augen wiedersehen (V. 19); Jesus wird „in“ den Seinen sein und sie „in“ ihm (V. 20); der Vater und Jesus werden in ihnen einwohnen (V. 21–24); er gibt ihnen seinen Frieden (V. 27a). Die „Rahmung“ (V. 1.27b) ist programmatisch: Die Jünger sollen nicht erschüttert oder aufgewühlt und furchtsam sein, sondern „glauben“. Dieser Aufruf in V. 1 ist der Tenor für das Folgende. Der Glaube an Gott und Jesus soll in allen kommenden Unsicherheiten vor der ‚Erschütterung‘ bewahren.

Der Textabschnitt besteht aus drei recht unverbundenen Teilen: a) einem Aufruf zum Glauben (V. 1), b) einem apokalyptischen Spruch über Jesu Weggehen und Wiederkommen (V. 2f.) und c) einem durch einen knappen Jüngerdialog (V. 4f.) eingeleiteten Offenbarungswort (V. 6).

  1. V. 1 setzt nach dem kleinen Dialog Jesu mit Petrus 13,36–38 neu ein mit einer Aufforderung an die Jünger im Plural. Im Imperativ wird formuliert, sie sollen (in der Situation nach Jesu Weggang) nicht erschüttert/aufgewühlt werden bzw. sein, sondern glauben. Dabei sind auffällig Glaube an „Gott“ und Glaube an Jesus in einem Atemzug genannt.
  2. V. 2–3 führt die Rede weiter, knüpft aber sachlich nicht direkt an V. 1 an. In dem vermutlich traditionellen Parusiespruch (parallel zu 1Thess 4,16f.) mit den Elementen „weggehen – wiederkommen – zu sich holen – (neue Gemeinschaft)“ wird durch das Stilmittel des Selbstzitats ein Punkt hervorgehoben: Jesus ist nach seinem Weggang beim Vater zugunsten der Seinen wirksam: Er bereitet ihnen den Ort, die Wohnung beim Vater. Vorangestellt ist die Aussage von den „vielen Wohnungen“ im „Haus meines Vaters“. Den verunsicherten Jüngern wird also zugesprochen, dass ihnen eine Heimat, eine Wohnstätte bei Gott in einer neuen und dann nicht mehr gefährdeten Gemeinschaft mit Jesus bereitet wird – und Jesu Weggang dient diesem Ziel.
  3. Der Jüngerdialog knüpft etwas plump an und dient v.a. als Übergang zu V. 6. In V. 4 wird die Rede vom Weggang 13,33.36; 14,2 aufgenommen und vorausgesetzt, dass die Jünger Jesu ‚Ziel‘ wissen. In 13,36 hatte Petrus schon unwissend danach gefragt, nach 14,2 sollten die Jünger wissen, doch erscheinen sie (repräsentiert durch Thomas) hier völlig unverständig, als hätten sie V. 2f. nicht gehört. Es ist klar: Dies ist kein logisch-psychologisch nachvollziehbares Gespräch, sondern eine literarische Konstruktion. Es geht nicht um die Jünger des irdischen Jesus, sondern um die Lesergemeinde: Sie soll sehen, wie unverständig die Jünger waren – und besser verstehen. Die ganze (dialogisch aufgebrochene) Rede Joh 14 ist ein Mosaik von verschiedenartigen Teilen, die zu einem textpragmatischen Zweck zusammengefügt sind: Es geht um Resilienz und Glauben in der (nachösterlichen) Zeit der Verunsicherung.

V. 6 bietet den Zielpunkt des kurzen Abschnitts in einem zusprechenden Ich-bin-Wort Jesu. Im Kontextrahmen verankert ist nur die Rede von Jesus als „Weg“ zum Vater. Die Prädikationen „Wahrheit“ und „Leben“, die auch in anderen Ich-Bin-Worten eine Rolle spielen, erscheinen hier eher als Zugabe bzw. Qualifikation des ersten Prädikats: Jesus ist der ‚in Wahrheit zum Leben führende Weg‘. Dem entspricht auch der negativ formulierte Nachsatz, der gut johanneisch die soteriologische Exklusivität der Person Jesu (als Weg zum Vater) bekräftigt. Jesus spricht sich selbst als Weg zur ‚Heimat‘ beim Vater und als Gegenstand des Glaubens zu.

3. Literarischer Kontext und historische Einordnung

Auf dem Hintergrund des Dialogs mit Petrus 13,36–38 erhält der „Glaube“ in 14,1 sein Profil: Glaube tritt an die Stelle der vorigen Nachfolge. Während Petrus noch Jesus „nachfolgen“ wollte, konkret hinterherlaufen, mitgehen, selbst in den Tod, so wird ihm nun deutlich gemacht, dass dies ab Jesu Weggang nicht mehr möglich ist. Auch nicht der von ihm offerierte Einsatz seines Lebens: „Sein Leben hingeben für“ den anderen – das kann Petrus nicht, das kann nur Jesus (V. 38)! Die irdische Nachfolge wird nun in einen neuen Modus überführt: „Glauben“ an den Jesus, der nicht mehr sichtbar und greifbar, sondern ‚erhöht‘, ‚verherrlicht‘ und ‚beim Vater‘ ist. Dieser Glaube impliziert Jesu Einheit mit dem Vater. Er ersetzt nicht den Glauben an Gott: er ist dessen neue, von jetzt an gültige Gestalt. Glaube an Gott ist nun christologisch bestimmt: als Glaube an den, in dem Gott zum „Leben der Welt“ (6,51) gewirkt hat.

Der Parusiespruch ist wohl traditionell aus der joh Gemeinde aufgenommen. Auch wenn in der folgenden Rede andere Formen der Gegenwart Gottes, Christi und des Geistes bei/in den Glaubenden verheißen werden, geht es dann nicht um die Korrektur einer vermeintlich ‚naiven‘ Parusieerwartung. Joh ist kein ‚Aufklärer‘ oder ‚Entmythologisierer‘! Es geht vielmehr darum, in variierten Sprachbildern eine kräftige Botschaft der Vergewisserung für die nachösterlich-angefochtene Jüngergemeinde zu formulieren. Das Bild von himmlischen Wohnungen bzw. „Ruheorten“ der Gerechten entstammt apokalyptischen Traditionen (1 Hen 39,3–7; 45,3; 2 Hen 65,9f.; 61,1; vgl. auch Lk 16,9). Im Hintergrund steht das Bild des himmlischen Tempels oder Palastes. Gerade in Verunsicherung ist Wohnung, Bleibe, Heimat in einer unangefochtenen Gemeinschaft zentral.

Das Ich-bin-Wort entstammt wohl der joh Tradition und ist nur locker in den Kontext eingefügt, hier ist nur das Weg-Motiv aufgenommen. Dieses hat seinen Hintergrund in den Psalmen, dort ist „Weg“ mit der Tora (Ps 119), mit Lebensführung und Lebenswegen (auch im Plural, z.B. Ps 16,11: „Wege zum Leben“) verbunden. Dies ist hier konzentriert: Der (eine, wahre) Weg zu Gott, der (göttliches, ewiges) Leben gibt, ist Jesus in Person. Es geht nicht um Lehre, Anleitung, sondern um die personale Verbindung, das glaubende Vertrauen in ihn als Person. 

4. Schwerpunkte der Interpretation

Was ist dieser „Glaube“, der „Unerschütterlichkeit“ impliziert? Kann man dazu ermahnen? Drei Dimensionen können hier weiterhelfen.

  1. Joh 14,1 meint nicht stoische Unerschütterlichkeit oder Apathie. Es geht nicht um ein Ideal, das der Mensch durch Training oder Meditation erreichen könnte. Es geht um vertrauenden Glauben, um eine im persönlichen Bezogensein auf Christus geschenkte Gewissheit dessen, dass er mit geht und dass am Ende von allem die Gemeinschaft mit ihm und mit Gott steht.
  2. Von ταράσσεσθαι „aufgewühlt/erschüttert werden“ ist im Joh in doppelter Weise die Rede: Jesus selbst ist „erschüttert“ am Grab des Lazarus (Joh 11,33), wo sein eigener Todesweg beginnt, in der joh Gethsemane-Szene, wo seine ‚Stunde‘ anbricht (Joh 12,27), und da, wo er den Verräter identifiziert (Joh 13,21). In Joh 14,1 spricht mithin der, der in seiner Erschütterung die Macht des Todes an sich selbst erlitten hat, den angesichts seines Abschieds erschütterten Jüngern Trost zu: Sie sollen nicht (zu Verzweiflung und Glaubensverlust) erschüttert sein, weil er selbst „für“ sie diese Erschütterung durchstanden und „die Welt besiegt“ hat (Joh 16,33). In Joh 14,1 konkretisiert sich der (in 13,36–38 bereits erkennbare) Stellvertretungsgedanke.
  3. In Joh 17,15f. bittet der Abschiednehmende den Vater, dass die Seinen „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ vor dem Bösen bewahrt bleiben. Sie sollen in der Welt leben und gleichwohl eine eschatologische Weltdistanz praktizieren. Das Weltliche ist nur das Vorletzte. Die Bezogenheit auf Christus, die (bildliche) Hoffnung auf eine ‚himmlische‘ Heimat, die Erwartung der Parusie soll aber nicht zu einer weltflüchtigen Haltung führen, sondern Durchhalten in Schwierigkeiten, Resilienz in Krisen ermöglichen. Glaube ist Gegenkraft gegen die Angst. 

5. Theologische Perspektivierung

Von den vielen Facetten des Textes ist für die Predigt auszuwählen. Ich plädiere dafür, im Kontext von Neujahr den Fokus nicht auf das Thema der Parusie Christi zu legen und auch nicht die Frage nach der Exklusivität des Christusglaubens (V. 6b) aufzuwerfen, das solus Christus, das Joh sicher für manche postmoderne Ohren in befremdlicher Klarheit festhält. Mir scheint der Tenor des Abschnitts und der ganzen Rede hier am ehesten geeignet zu sein, um am Anfang des Jahres, in der medial verstärkten Ungewissheit im Blick auf das, was persönlich und politisch auf uns zukommt, zusprechend (und nicht fordernd) davon zu reden, wie der Glaube an Gott und die Gemeinschaft Christi (im Herzen, im Geist) Kraft zu geben vermag, Ängste zu überwinden und – auch in Krisen – die Zuversicht und das Vertrauen zu bewahren.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Exegese hilft mir und meinen postmodernen Ohren, den Fokus von meinem Befremden über die Exklusivität des Ich-Bin-Wortes auf das eigentliche Thema der Abschiedsworte Jesu zu verlagern, nämlich auf das Thema der sicheren Glaubensbeheimatung in Krisenzeiten.

Neu ist für mich der Gedanke, dass sich das physische Nachlaufen Jesu in dessen Abwesenheit zu einer geistlichen Vertrauensbeziehung wandelt. Damit ist der Weg der Nachfolge kein starrer, immer schon eindeutiger Weg. Das löst für mich auch manches Überforderungsgefühl mit den Ansprüchen einer mimetischen Ethik, welche die Christus-Nachfolge in der Nachahmung von Jesu Taten verwirklich sieht. Nicht alles, was Jesus tat, liegt im Bereich des mir Möglichen. Jesus Christus ist für mich gestorben, damit ich lebe. Insbesondere diesen letzten Weg können wir nicht nachahmen, nicht alleine bewältigen. Deshalb ist er uns vorausgegangen, durch den Tod ins Leben und schließlich zu seinem Vater, um uns Wohnung zu bereiten.

Schön ist der Gedanke der Glaubensgemeinschaft als sichere Bleibe und Heimat in Zeiten der Unsicherheit und Überwältigung. Er gefällt mir besonders, wenn diese Heimat nicht durch menschlich eingezogene Grenzen künstlich eingeengt und umstellt wird. Ebenso bereichert mich die Idee, dass der Weggang Jesu einem konkreten Ziel folgt, nämlich der Vorbereitung einer sicheren Bleibe.

Eine Frage bleibt für mich im Nachgang der Exegese offen: Ist es überhaupt möglich, dass einer an meiner statt das Gefühl der Erschütterungen erlebt und durchsteht? Können diese Art der Gefühle übernommen werden?

2. Thematische Fokussierung

Das Sprachbild der Erschütterung in der Krise oder des Aufgewühlt-Seins angesichts massiver Bedrohungslagen ist gut mit der gegenwärtigen Lebenswelt und Welterfahrung zu verknüpfen. Erschütterung macht sich breit, wenn wieder einmal eine Gewalttat nicht verhindert werden konnte und Menschenleben kostete, wenn die Natur in Extremwettern erbarmungslos zurückschlägt, wenn immer weitere Kriege angezettelt werden, wenn „so etwas“ im Jahre 2026 „immer noch“ möglich ist oder passiert. Ob es sich dann bei uns stets um tatsächliche Herzenserregung handelt oder unter Umständen um medial hochgepeitschte Empörung, mag Gott allein beurteilen. In Schockzuständen befinden wir uns (gefühlt) ununterbrochen. Auch in Zuständen der Überwältigung und Machtlosigkeit.

Dass das Thema der „Resilienz“ seit Jahren boomt, ist nicht verwunderlich und hängt natürlich auch damit zusammen, dass psychische Leiden in den multiplen Bedrohungslagen zunehmen. Und das, obwohl sich das Wohlstandniveau in unseren Breitengraden gleichzeitig auf einem historischen Höchststand befindet. Die Erschütterung stellt sich besonders dann ein, wenn etwas, das einmal selbstverständlich war, nun nicht ohne weiteres verfügbar ist oder jedenfalls droht, abhanden zu kommen: Sicherheit, Frieden, Zusammenhalt, Zugang zu überlebenswichtigen Ressourcen. So geht es auch den Jüngerinnen und Jüngern, ja vielleicht auch schon vor dem Weggang Jesu und nicht erst nach Ostern und Himmelfahrt. Die Verlustangst erschüttert das Herz, egal ob der Verlust bisher nur prophezeit wird oder schon eingetreten ist.

Besondere Vorsicht ist bei der homiletischen Aufbereitung der joh Abschiedsworte m.E. vor Absolutheitsansprüchen geboten, aber auch vor der vorschnellen Überwindung jedweder Exklusivitätsansprüche. Der Tenor des Textes, das macht die Exegese deutlich, ist nicht die Verengung des Weges zum Vater hin, sondern die Weitung. Jesus spricht hier keinen Geheimweg an, der erst aufwendig aufgedeckt werden muss, sondern der Weg ist offen und einsichtig für seine Jünger, die in der Stunde des Abschiedes danach fragen. Er ist offen für die Leser:innen, die in nachösterlicher Zeit nach einem gangbaren Weg ohne Jesu leibliche Führung fragen. Der Weg ist offen. Die Wohnungen sind viele. Und um diesen Weg zu gehen und die Wohnungen zu finden, steht die Verbindung zum in Jesus Christus offenbarten Gott im Vordergrund, nicht die Abkopplung von der Welt und das Verschanzen hinter so oder so gesteckten Grenzzäunen. Das sollte der Tenor auch der homiletischen Annäherung an die Abschiedsszene sein. 

3. Theologische Aktualisierung

Kann mir jemand das Gefühl der Erschütterung in der Krise abnehmen, es für mich und an meiner statt fühlen und überwinden? Im ersten Moment bin ich skeptisch.

Die Exegese verdeutlicht: Es geht dem joh Jesus nicht darum, sich in Apathie zu üben nach dem Motto „das muss mich nicht erschüttern, denn es geht mich alles nichts mehr an“, weil Christus es für mich schon abgegolten hat. Natürlich gehen mich als Christenmensch die Krisen der Welt etwas an, und natürlich werde ich davon bewegt, aber – und das ist entscheidend – nicht bis zur absoluten Erschütterung, nicht bis in die Todesstarre hinein. Jesus selbst erlebt für uns die gefährlichste aller Erschütterungen in der Begegnung mit den Todesmächten. Diese Art der Erschütterung ist mehr als nur ein Gefühl, sie ist eine Bedrohung an Leib und Leben. Aus dieser gefährlichsten Bedrohung hat Christus uns erlöst. Nicht aber von der Begegnung mit den kleineren Ablegern der Todesmächte in der Welt. Das Leiden an einer gott-losen Welt soll weder in Weltflucht, Abstumpfung oder stoische Teilnahmslosigkeit führen, noch in Überwältigung, Verzweiflung und Depression. Der Weg Jesu Christi führt mitten hindurch. Der Weg des Glaubens führt mitten hindurch. Es ist ein Tanz auf der Schwelle.

Auch das Wort Resilienz bedeutet ja nicht Erstarrung – weder in Apathie noch in Schockstarre, sondern meint im Kern Beweglichkeit. Lat. resilire heißt übersetzt zurückspringen, abprallen. Man kommt durchaus in Berührung und ganz bestimmt in Bewegung. Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zufolge ist Resilienz „die Fähigkeit von Personen oder Gemeinschaften, schwierige Lebenssituationen wie Krisen oder Katastrophen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen.“ Als Gegenteil zur Resilienz wird hier die „Vulnerabilität“ aufgerufen. Resilienz im Glaubenssinne bedeutet aber nicht das Gegenteil von Vulnerabilität. Man bleibt auch als Glaubende vulnerabel, ist aber von der letzten Konsequenz der Vulnerabilität, der Todesstarre und -einsamkeit erlöst.

Eine weitere Besonderheit der Glaubensresilienz ist: Man meistert Herausforderungen im Glauben nicht allein aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Kraft, die sich die Glaubende durchaus in gewisser Weise mit aneignet. Getauft sein heißt, mit Jesus Christus sterben und auferstehen (Röm 6,3-5).

Ganz bestimmt ist Glaubensresilienz das Gegenteil von Verdrängung, Weltflucht und Krisenleugnung. Wie gesagt: Man kommt in Berührung. Glaubensresilienz stärkt nicht auf Kosten von anderen, sondern sie hilft zur Stärkung der Mitmenschen. Der Weg ist nicht exklusiv. Die Heimat, die Bleibe, die Jesus uns bereitet und die jetzt schon in der Glaubensgemeinschaft zugänglich ist, ist eine Heimat, die Zugehörigkeit nicht auf der Basis von Ausgrenzung aufbaut. Das besondere an Jesu Weg ist ja: Er schließt alle mit ein, die der Vater selbst auf den Weg gebracht hat (Joh 6,44, Joh 17,21). Es ist keine eigene Leistung, sich für diesen Weg zu entscheiden, sondern eine vom Vater vollzogene Öffnung. Das ist der große Zuspruch dieser Abschiedsszene.

Und doch steckt darin auch ein Anspruch. Nämlich, dass wir unserem Glauben wieder etwas zutrauen. Dass wir unserem Glauben zutrauen, uns zu tragen, auch in Krisenzeiten, auch wenn die schlimmen Prophezeiungen irgendwann wirklich eintreten, wenn die Ressourcen so knapp werden, dass es uns wirklich tangiert, und die Herrschenden der Welt unsere Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen heben. Christus ist Herr allein. Im Glauben daran, ist hoffentlich manche Schreckensnachricht (ganz ohne news-avoidance-Strategien) besser abzufedern.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Gern wird rund um den Jahreswechsel Dietrich Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten treu und still umgeben“ bemüht. Anstoß nimmt so manch eine an der Strophe: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand / so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus deiner guten und geliebten Hand.“ Ist es denn menschenmöglich, ganz ohne Zittern, ganz ohne Erschütterung die Leiden dieser Welt hinzunehmen? Man kann fragen, ob es für Bonhoeffer selbst möglich war, ob er nicht selbst gezittert hat, bei allem, was ihm widerfahren ist. Es sind allerdings die Worte, mit denen er sich in eine Glaubensstärke und -resilienz hineingedichtet hat. Es sind Worte, mit denen wir uns heute in diese Glaubensstärke hineinsingen können. Sicherlich nicht ohne tief bewegt zu sein von den Geschehnissen der gegenwärtigen Welt. Aber immer mit der Sehnsucht und Frage: Wer ist Jesus Christus für mich heute? Wie hilft er mir auf dem Weg in meine sichere Bleibe bei Gott, in die Geborgenheit Gottes?

Oft wird am ersten Tag des neuen Jahres über gute Vorsätze gepredigt. Mit Hilfe der Johannesperikope ließe sich verdeutlichen, dass Vorsätze im besten Falle keine starren Gesetze sind, sondern bewegliche Kieselsteine auf dem Weg zu Gott, dessen festes Fundament die persönliche und vertrauensvolle Beziehung zu Jesus Christus bildet. Der Verzicht auf fettige Speisen hilft nicht per se dabei, Krisen zu bewältigen. Wenn der Verzicht es aber leichter macht, mit Gott im Gespräch und in den Krisen beweglich zu bleiben, na dann wohlan!

Auch wird am ersten Tag im neuen Jahr gern auf die Jahreslosung Bezug genommen. Für das Jahr 2026 wird es der Vers aus Offenbarung 21,5 sein: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ Wenn einem am ersten Tag im Jahr verkündet wird, dass alles neu werden soll, kann man es ja durchaus mit der Angst zu tun bekommen. Dass Gott die Kraft hat, alles neu zu machen, ohne die alles entscheidende Verbindung zu kappen, dazu lässt sich im Duett aus Offb 21,5 mit Joh 14,1-6 Zuversicht predigen.

Autoren

  • Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
  • Dr. Olivia Rahmsdorf (Praktisch-theologische Resonanzen)

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