Matthäus 1,18-25 | Christfest II | 26.12.2025
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 1,18-25
Übersetzung
18 Die Geburt aber von Jesus dem Messias war so: Seine Mutter Maria war mit dem Joseph verlobt. Bevor sie zusammenkamen, fand es sich, dass sie schwanger war vom Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, weil der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sie heimlich zu entlassen (sich von ihr zu scheiden, vgl. Mt 5,31f
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.18: τοῦ δέ: Auffällig ist der Satzanfang, der sich in 2,1
Jesus Christus
μνηστευθείσης ist ein feminines Partizip im Aorist Passiv (hier: Genitivus absolutus) von μνηστεύω „werben (um eine Frau)“, „sich verloben“, Passiv: „verlobt sein/werden“ (vgl. Lk 1,27
πρὶν (ἤ): Temporale subordinierende Konjunktion „bevor“, gefolgt von einem AcI (Akkusativ mit Infinitiv). Im MtEv außer hier noch in 26,34
εὑρέθη: 3. Person Singular im Aorist Passiv von εὑρίσκω „finden“.
ἐν γαστρὶ ἔχουσα: in der Septuaginta gängiger Ausdruck für eine Schwangerschaft (ἡ γαστήρ, „Bauch“, „Mutterleib“), vgl. Gen 16,4f
V.20: ἐνθυμηθέντος ist ein Partizip Passiv im Aorist (hier: Genitivus absolutus) von ἐνθυμέομαι „erwägen“, „über etwas nachdenken“ (vgl. Mt 9,4
κατ᾿ ὄναρ ist eine nur bei Mt vorkommende Verbindung von κατά und τὸ ὄναρ, „Traum(vision)“, die er auch in 2,12.13
τὸ γεννηθέν: Passives Partizip (Neutrum Singular) mit Artikel von γεννάω „zeugen“ (so allein 39-mal in Mt 1,2-16
V.21: Zur Aufgabe von Josef vgl. Josephus, Antiquitates 19,11: Der römische Kaiser Caligula präsentiert sein Kind im Zeustempel, um es als Kind des Zeus auszugeben. Jesus dagegen ist „aus dem Heiligen Geist gezeugt“ und wird hier einem irdischen Vater anvertraut, der ihn mit der Namensgebung als seinen Sohn rechtlich anerkennt.
Ἰησοῦς, hebr. Josua bzw. Jehoschua: Der hebr. Name ist mit einem Nomen (jeschua’ / jescha’ „Hilfe“, „Heil“, „Rettung“) aus dem Verbalstamm ישע (j-sch-’) „retten“ gebildet, dazu kommt „Jeh“ (als Abkürzung des Gottesnamens JHWH) als sog. theophores Element, so dass der Name bedeutet: „Jahwe ist Rettung/Hilfe/Heil“. Im Hebräischen bildet diese Wurzelgleichheit von Eigennamen und Verb eine figura etymologica: „Du sollst seinen Namen Jeschua’ nennen, und retten wird er (wa-joschia’) sein Volk von »ihren« Sünden.“ Das zugrunde liegende hebräische Verb Verb jascha wird in der LXX mit ῥύομαι (z.B. Ex 2,17
τὸν λαὸν αὐτοῦ ἀπὸ τῶν ἁμαρτιῶν αὐτῶν: Mt verwendet hier zum ersten Mal λαός „Volk“, das in der Septuaginta bevorzugt für Israel verwendet wird; die biblische Verankerung zeigt sich auch daran, dass λαός bei Mt häufig in alttestamentlichen Zitaten begegnet, so in 2,6
ἀπὸ τῶν ἁμαρτιῶν αὐτῶν: αὐτῶν bezieht sich trotz des Plurals („ihren“) auf λαός (Singular). Da ein Volk aus zahlreichen Individuen besteht, ist eine sog. „sinngemäße Konstruktion“ (constructio ad sensum) möglich, vgl. v. Siebenthal, GGNT § 265.
V.22: τὸ ῥηθὲν: determiniertes Partizip im Aorist Passiv von λέγω „sagen“ (zu den Stammformen s. GGNT § 113,7); die Wendung πληρωθῇ τὸ ῥηθὲν „(damit) erfüllt würde das, was gesagt worden ist durch…“ ist die für Mt typische Einleitungsformel für die – wegen dieser Wendung sogenannten – „Erfüllungszitate“: 2,15
V.23: Das Jesajazitat, das sich im ursprünglichen Kontext an den davidischen König Ahas von Juda angesichts einer militärischen Bedrohung richtet, folgt bei Mt weitgehend der Septuaginta. Geändert ist allerdings die Verbform: in der Septuaginta ist es der König, der dem Kind den Namen Immanuel geben soll. Mt ändert die 2. Person Singular (so auch der hebr. Text) in die dritte Person Plural: „Sie werden seinen Namen Immanuel nennen.“ Damit ist angedeutet, dass am Ende dieses Lebens die Menschen erkannt haben werden, dass dieser den ihm von Gott gegebenen Namen mit Recht trägt: er ist „der Gott mit uns“ (Mt 28,20
2. Literarische Gestaltung und Kontext
V.18a dient als Überschrift, dann folgt die eigentliche Geburtsgeschichte Jesu im MtEv, gerahmt von der Genealogie und der Huldigungsszene durch die Weisen aus dem Osten. Die Erzählung wird durch den zweimaligen Genitivus absolutus in V. 18b (μνηστευθείσης) und V. 20a (ἐνθυμηθέντος) gegliedert. Der erste bezieht sich auf Maria, die als „verlobt“ und damit rechtlich als verheiratet eingeführt wird, der zweite auf Josef, der aufgrund der unerwarteten Schwangerschaft Marias „ehe sie zusammengekommen waren“, darüber nachdenkt, sie heimlich zu verlassen. Das wäre ein rein menschliches Drama, stünde dazwischen nicht die knappe Bemerkung, dass ihre Schwangerschaft ἐκ πνεύματος ἁγίου herrührt. Diesen besonderen Umständen auf Seiten Marias korrespondiert bei Josef, dass er „gerecht war“. Die übliche Auslegung sieht darin lediglich einen Verzicht, Maria öffentlich des Ehebruchs anzuklagen mit allen damit verbundenen Folgen. Tiefer versteht Adolf Schlatter diese Stelle, wenn er darin den freiwilligen Verzicht Josefs auf Maria sieht: „Wie könnte er Maria für sich begehren, nachdem Gott sie in seinen Dienst berufen hat?“ (Der Evangelist Matthäus, 13). Aber bevor es zu einer Trennung von Seiten Josefs kommt, erscheint ihm „ein Engel des Herrn“, der ihm eine zweifache Aufgabe als Messiasvater zuweist (ganz ähnlich, wie der Engel Gabriel Maria in ihre Aufgabe als Messiasmutter eingewiesen hat, s. Lk 1,26-38
Mit V. 22f. unterbricht der Evangelist die Erzählung. Das erste „Erfüllungszitat“ im Evangelium erklärt, warum „dieses alles“ (τοῦτο ὅλον) so geschehen musste. Es ist ein auktorialer Kommentar, der indirekt auf Gott (passivum divinum) als letzte Ursache verweist. Es „muss erfüllt werden, was gesagt worden ist vom Herrn“ (V. 22). In V. 24f. wird dann beschrieben, dass Josef ausführt, was ihm aufgetragen ist:
Auftrag des Engels (V. 20f.) | Ausführung durch Josef (V. 24f.) |
παραλαβεῖν Μαρίαν τὴν γυναῖκά σου | παρέλαβεν τὴν γυναῖκα αὐτοῦ |
[τέξεται δὲ υἱόν] | οὐκ ἐγίνωσκεν αὐτὴν ἕως οὗ ἔτεκεν υἱόν |
καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ἰησοῦν | ἐκάλεσεν τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ἰησοῦν. |
Die Aoristformen in der Ausführung lassen den Vollzug erkennen: Er nimmt Maria zur Frau (d.h. der Evangelist impliziert, dass zwischen V. 23 und 24 die Heimholung/Hochzeit stattgefunden hat), sodass er bei der Geburt von Jesus als der rechtmäßige Vater gelten kann. Maria brachte einen Sohn zur Welt und Josef nannte ihn Jesus. Und doch betont Matthäus noch einmal explizit, dass er mit seiner Frau keinen Geschlechtsverkehr hatte. Das Werden dieses Kindes, das soll deutlich werden, hat seinen Ursprung einzig im prophetisch vorab verkündigten Willen Gottes und im Wirken des Heiligen Geistes. Die beiden Aussagen, die noch offen und „innerhalb der Erzählung nicht eingelöst“ werden, sind das Retten von Sünden und die Benennung von Jesus als Immanuel
3. Historische Einordnung
Die Geburtsgeschichte von Jesus steht wie alle Kindheitserzählungen bei Mt und Lk unter Legendenvorbehalt (vgl. die Erklärung zu Mt 2,1-12
4. Schwerpunkte der Interpretation
Mt erzählt kein Familiendrama, sondern die Genesis des Messias Jesus. Dabei ist die Bedeutung des Heiligen Geistes bei der Zeugung Jesu für ihn entscheidend. Das zeigt die Verteilung der Erwähnungen des Heiligen Geistes, die im ersten Evangelium recht ungleichmäßig ist: Von insgesamt nur zwölf Stellen finden sich allein fünf zwischen 1,18 und 4,1, und davon die ersten beiden in dieser Perikope. Es beginnt damit, dass der Heilige Geist als Ursache für die Schwangerschaft Marias offenbart wird (Gott taucht als Vater von Jesus erst indirekt in Mt 2,15
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Zwei Gedanken sind für den Evangelisten entscheidend: Der erste, dass der Ursprung von Jesus bei Gott liegt. Es geht nicht um eine Jungfrauengeburt (wenn überhaupt, geht es einzig um eine Schwangerschaft ohne menschlichen Vater), sondern es geht um eine Geburt, die allein von Gott ausgeht. Dass Josef bis zur Geburt von Jesus nicht mit Maria geschlechtlich verkehrte, auch nachdem er sie zu sich heimgeholt hatte und damit nach außen hin die Hochzeit vollzogen worden war (V. 25a), betont dies abschließend noch einmal mit aller Deutlichkeit. „Dieses alles“ geschieht, damit Gottes Verheißungen erfüllt werden und die Menschen sagen werden: „mit uns ist Gott!“ Der zweite Gedanke ist, dass das Mitsein Gottes in seinem Volk sich – gegen alle Erwartungen – nicht durch die Überwältigung der Feinde (eine Erwartung, die in Lk 1,51-53
Literatur
- Berghorn, Matthias: Die Genesis Jesu Christi aber war so... Die Herkunft Jesu Christi nach dem matthäischen Prolog (Mt 1,1-4,16), BBB 187, Göttingen 2019.
- Mayordomo-Marín, Moisés, Den Anfang hören. Leserorientierte Evangelienexegese am Beispiel Matthäus 1–2, FRLANT 180, Göttingen 1998.
- Ratzinger, Joseph, Prolog. Die Kindheitsgeschichten, Freiburg 2012 (= ders., Jesus von Nazareth, Gesammelte Schriften 6/1, Freiburg 2013, 41–126). Vgl. dazu auch Söding, Thomas: (Hg.), Zu Bethlehem geboren? Das Jesus-Buch Benedikts XVI. und die Wissenschaft, Freiburg: Herder, 2013.
- Stuhlmacher, Peter, Die Geburt des Immanuel. Die Weihnachtsgeschichten aus dem Lukas- und Matthäusevangelium, Göttingen 22006, 65–76.
- Wucherpfennig, Ansgar, Josef der Gerechte. Eine exegetische Untersuchung zu Matthäus 1–2, HBS 55, Freiburg: Herder 2008.
- –, Leitbild einer neuen Männlichkeit. Die Darstellung Josefs in Mt 1-2, Bibel und Kirche 70 (2015), 14–18.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen und Fokussierung
Die Predigt kreist um die beiden Figuren Josef und Jesus:
Josef hat sich die vom Engel gegebene Aufgabe nicht ausgesucht (wie Maria übrigens auch nicht: beide bekommen dieses Kind einfach so, auf Gottes Zuruf; ein Gottesgeschenk, um das sie nicht gebeten haben, für das sie nichts getan haben und das ihnen noch viel Arbeit und viel Kummer machen wird). Er würde sich aus der Angelegenheit gerne diskret herausziehen, aber er wird noch gebraucht! So nimmt Josef die Aufgabe an und geht mit seiner ‚heiligen Familie‘ einen schwierigen Weg ins Ungewisse, bald auch als Flüchtling (Mt 2,14
Die Exegese schärft den Blick auf Josef:
- Neu ist für mich der Gedanke, Josef könnte Scheu empfinden, Maria zu sich zu holen, weil sie als von Gott Erwählte ihm gewissermaßen nicht zusteht.
- Die (öffentliche) Namensgebung durch den Vater bedeutet eine rechtmäßige Anerkennung der Vaterschaft und macht Jesus zum legitimen Davidssohn.
Jesus ist in der Perikope noch nicht einmal auf der Welt. Trotzdem bekommt seine Aufgabe als Erwachsener schon Konturen: Er ist Erbe des messianischen Königtums. Als solcher kommt er nicht, um die Feinde des Gottesvolkes zu überwinden, sondern um „das Problem der Sünden zu lösen“. Was mag das für die Hörer konkret heute heißen?
Schon in dem Jesus-Stammbaum macht Mt deutlich, dass er Josef nicht als leiblichen Vater Jesu sieht (Mt 1,16
Auf zwei Rahmungen im MtEv macht die Exegese aufmerksam: Am Anfang wie am Ende des Evangeliums stehen Engel als „‚Gatekeeper‘ einer himmlischen oder göttlichen Wirklichkeit“. Und Jesus ist der Immanuel, der Gott-mit-uns; „Matthäi am Letzten“ verspricht Jesus: ich bin bei euch alle Tage. (Manche Hörer werden fragen: wie geht das jetzt mit der Schwangerschaft „von dem Heiligen Geist“? Die ‚technische‘ Seite der jungfräulichen Empfängnis interessiert den Evangelisten nicht. Sie ist auch kein lohnendes Thema für die Predigt.)
2. Theologische Aktualisierung
(1) Ein Vater auf Erden für das Jesuskind und der Himmlische Vater für uns:
Die Perikope nimmt das Thema Vaterschaft in den Blick. Die Rede von Gott als „Vater“ ist charakteristisch für Jesu Gottesbeziehung; so lehrt er auch seine Jünger beten (Mt 6,9
Was Vaterschaft heißt und wie ein Vater sein kann, lernt der junge Jesus bei Josef. Das Kind braucht einen Vater zum Heranwachsen. Dass Jesus mit einem irdischen Vater aufwächst, gibt seiner Rede vom „Vater“ Kontur – auch unserem Gebet „Vater unser im Himmel“.
Natürlich sind wir nicht im gleichen Sinn Kinder Gottes wie Jesus (den das Credo den „eingeborenen Sohn“ nennt). Die Predigt achtet diesen Unterschied. Sie gewinnt aber mit Josef eine Perspektive darauf, wie unsere Gottesbeziehung Aspekte einer gelingenden, stärkenden, fördernden Kind-Vater-Beziehungen haben kann.
(2) Ein König, der sein Volk frei macht:
Als messianischer König hat Jesus die Aufgabe, „sein Volk“ zu „retten“. Anders als einige Messias-Anwärter des 1. Jh. erfüllt Jesus diese Aufgabe nicht als Anführer einer politischen Aufstandsbewegung (vgl. auch Joh 18,36f
Es ist daher ganz folgerichtig, dass diese Freiheit im Kontext des Volkes Gottes erfahren wird und nicht nur individuell (auch wenn sie natürlich eine höchstpersönliche Erfahrung ist).
(3) Alle Tage bis an der Welt Ende:
„Sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns“ (1,23). Hier kündigt sich der Ziel- und Schlusssatz des MtEv schon an: Jesus ist „bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (28,20).
In allen Einsamkeits- und Umbruchserfahrungen, die womöglich rund ums Christfest und den Jahreswechsel intensiver erfahren werden als sonst, steht hier eine große, tröstliche und ermutigende Zusage. Niemand, der zu Christus gehört, geht allein. Auch wo die Verbindung zu Gott mit den Jahren dünn geworden ist, kann sie immer neu aufgenommen werden.
3. Bezug zum Kirchenjahr
Am zweiten (oder ersten) Weihnachtstag hören die Gottesdienstbesucher die matthäische Perikope von Josefs Rolle in der Weihnachtsgeschichte. Freuden und Belastungen des Weihnachtsfestes liegen großteils schon hinter ihnen, wenn größerer Familienbesuch nicht erst noch eintrifft.
Von Josef bringt die Gemeinde Bilder aus geschnitzten Krippen, aus Krippenspielen und weihnachtlichen Volksliedern mit. Josef ist gewissermaßen Statist in der Weihnachtsgeschichte: mit Hut und Bart, mit dem Esel an der Hand, und beim Krippenspiel darf er als erster an die Tür der Herberge klopfen und vom Wirt die Absage hören.
Gut daher, dass die Perikopenordnung die mt Josefs-Perikope vorsieht und so die Gelegenheit bietet, seine Figur einmal frisch und ohne traditionelle Rollenfestschreibungen anzuschauen.
Gleichzeitig ist das eigentliche Zentrum des Hl. Christfests die Menschwerdung des Sohnes Gottes „für uns Menschen und zu unserem Heil“ (vgl. Nizänum). Schon am 1. Adventssonntag kam Jesus als messianischer König ins Bild. Die messianische Aufgabe Jesu gibt der mt Weihnachts-Vorgeschichte ihre besondere Klangfarbe.
4. Anregungen
Der erste und zweite Weihnachtstag sind wirklich „Hochfest“; festliche Freude soll über dem Gottesdienst liegen. Wo die Möglichkeiten vorhanden sind, können weihnachtliche Volkslieder (etwa aus dem Quempasbuch oder was regional bekannt ist) mit ihrem Josef-Bild die Predigt kontrastieren oder ergänzen.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Florian Herrmann (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500160
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