Deutsche Bibelgesellschaft

Lukas 21,25-33 | 2. Sonntag im Advent | 07.12.2025

Einführung in das Lukasevangelium

1. Verfasser

Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3), allerdings nennt er nicht seinen Namen, sondern nur den seines Adressaten Theophilus. Er ist kein Augenzeuge, sondern in seinem Zeugnis von solchen abhängig (Lk 1,2). Der erstmals in der inscriptio von P75 ca. ein Jahrhundert nach der Abfassung des Evangeliums genannte Name Lukas, der etwa zur gleichen Zeit auch bei Irenäus bezeugt wird (Adv Haer III,1,1), könnte fiktiv sein, wenngleich er sich im Unterschied zu ‚Matthäus‘ oder ‚Johannes‘ weniger für eine Fiktion nahelegt, da sich mit ihm keine unmittelbare apostolische Autorität reklamieren lässt. Der ebenfalls in das späte zweite Jahrhundert zu datierende Kanon Muratori identifiziert den Verfasser aufgrund der „Wir-Passagen“ in der Apostelgeschichte mit dem in Phlm 24 und 2 Tim 4,11 genannten Paulusbegleiter und dem in Kol 4,14 genannten Arzt Lukas. Bleibt letzteres unsicher, so gewinnt die Annahme, dass es sich um einen Paulusbegleiter handeln könnte, wieder an Zustimmung (vgl. Wolter 8). Wurde früher oft angenommen, dass er wegen fehlender Kenntnisse Palästinas, des Vermeidens semitischer Begriffe und seiner Zurückhaltung gegenüber der Sühnevorstellung Heidenchrist gewesen sein müsse (vgl. Fitzmyer 42-47), so wird heute aufgrund der genauen Kenntnis der griechischen Übersetzung des Alten Testaments sowie jüdischer Interna (Lehrdifferenzen zwischen Sadduzäern und Pharisäern), aber auch wegen seines Interesses an der Israelfrage häufig angenommen, dass er Jude war (vgl. Smith: Luke). Die Verbindung von biblischem und hellenistischem Denken, das Desinteresse an der Gesetzesfrage und die Rolle der „Gottesfürchtigen“ in der Apostelgeschichte machen es jedoch mindestens ebenso wahrscheinlich, dass Lukas aus dem Kreis der „Gottesfürchtigen“ stammt, Sympathisanten der Synagoge, die wegen des Verlustes der gesellschaftlichen Beziehungen, den Beschneidung und das Einhalten der Reinheitsgebote nach sich zogen, den Übertritt zum Judentum nicht vollziehen wollten / konnten. Damit ließe sich die „doppelte kulturelle Identität des Verfassers“ am ungezwungensten erklären (Marguerat 33; Bovon I, 22); Lukas stünde „nicht nur theologisch, sondern auch biographisch zwischen Judentum und Hellenismus“ (Kraus 244).

2. Adressaten

Die Anrede an Theophilus als einen in der christlichen Überlieferung Unterwiesenen (Lk 1,4) zeigt, dass sich Lukas an Christen richtet. Aber sein Bemühen, als „Evangelist der Griechen“ (Wiefel 4) seine Botschaft in den kulturellen Kontext der griechisch-römischen Welt zu übersetzten, lässt vermuten, dass er sein Werk auch als eine zur werbenden Weitergabe an Nichtchristen geeignete Schrift angelegt hat. Paradigmatisch dokumentiert das die - zumindest in der vorliegenden Form von Lukas verfasste - Areopagrede (Apg 17, 22–32), das „Muster einer Missionsrede an Gebildete“ (Harnack 391).

3. Datierung

Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems an, auf die das Evangelium zurückblickt (vgl. Lk 21,20–24 mit Mk 13,14–20; Lk 19,43f) und bestimmt den spätesten Zeitpunkt von der Apostelgeschichte her, deren Paulusbild gegenüber dem Paulus der Briefe hagiographisch überhöht ist. Da die relativ wohlwollende Darstellung der römischen Herrschaft nicht so recht in die Spätzeit Domitians mit dessen übersteigertem Herrscherkult seit Beginn der 90er Jahre passt (vgl. Johannesoffenbarung), Lukas die Sammlung der Paulusbriefe noch nicht zu kennen scheint und die Front gegenüber dem Judentum nicht so verhärtet ist wie bei Matthäus, wird das Doppelwerk meist zwischen 75 und 90 verortet. Ein nicht allzu spätes Abfassungsdatum legt sich auch nahe, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass Lukas Begleiter des Paulus gewesen sein könnte.

4. Entstehungsort

Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom und Philippi vermutet; keine Annahme konnte sich bislang überzeugend durchsetzen.

5. Theologisches Zentrum: Gott

In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43 wird Jesus einmal genannt, Gott fünfmal. Diese Theozentrik ist Programm und bestimmt das ganze Doppelwerk, wie schon die Statistik zeigt: Das Appellativum θεός (das sich jeweils bis auf wenige Ausnahmen auf den biblischen Gott bezieht) findet sich bei Markus 48mal, bei Matthäus 51mal und bei Johannes 83mal, im lukanischen Doppelwerk aber 290mal (Evangelium 122, Apostelgeschichte 168); hinzu kommt der namensäquivalente Gebrauch von Gottesepitheta wie „Herr“, „Höchster“, „Mächtiger“, „Retter“ oder „Gebieter“. Zudem wird der göttliche Machtbereich entschiedener als in den anderen Evangelien als „heilig“ abgesetzt – das Adjektiv ἅγιος findet sich 7mal bei Markus, 10mal bei Matthäus und 5mal bei Johannes, im Doppelwerk aber 73mal. Zentrales Thema des Lukasevangeliums ist also Gott – der Gott, den Jesus von seinem ersten Wort als Jugendlicher (Lk 2,49) bis zu seinem letzten Wort als Sterbender (Lk 23,46 vgl. 23,34) als Vater anruft. Die göttliche Vaterschaft ist nicht nur Zentrum seines Betens (Lk 11,2-4.11-13; 22,42), sondern auch seines Selbstverständnisses (Lk 10,21f), seiner Ethik (Lk 6,35f) und seiner Verkündigung (Lk 15,11-32). Dessen Barmherzigkeit, programmatisch in den Lobgesängen des Anfangs gepriesen (Lk 1,50.54.72.78), bestimmt Jesu Worte, Werke und sein Verhalten. Weil dieser Gott als „Akteur im Hintergrund“ (Schmidt) alles durch „den festgesetzten Willen und das Vorauswissen“ lenkt (Apg 2,23), ist auch in Jesu scheinbarem Scheitern nur das geschehen, „was seine Hand und Wille zuvor festgesetzt hat“ (Apg 4,28). Indem so Gottes „mitleidende Barmherzigkeit“ denen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, den Morgenglanz seiner Ewigkeit aufstrahlen ließ (Lk 1,78f) wurde inmitten allen Unheils jenseits von Eden Heilsgeschichte möglich, wurde „die Tür zum schönen Paradeis“ wieder aufgeschlossen (EG 27,6 vgl. Lk 23,43).

6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung

Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede des Paulus zeigt, in deren semantischer Ambivalenz sich wie in einem Brennglas die lukanische Hermeneutik der Doppelkodierung spiegelt: Zum einen wird das christliche Zeugnis an die biblische Überlieferung zurückgebunden und in deren Licht gedeutet, zugleich aber profiliert Lukas seinen zweigeteilten „Bericht“ im ständigen Dialog mit den Bildungstraditionen seiner Zielgruppe in der hellenistischen Welt (vgl. M.Becker: Dion). So werden gerade die markanten Besonderheiten des Doppelwerks vom Magnifikat über die Weihnachtsgeschichte, die Kindheitsgeschichte, die Darstellung des Täufers, die Ethik einer imitatio Dei, die Tischreden bis hin zu den Passions- und Ostererzählungen so dargeboten, dass sie aus doppelter Perspektive plausibilisiert werden. So verweist die auf das Leiden und Sterben erfolgende Himmelfahrt auch terminologisch auf die frühjüdische Eliatradition (vgl. 2 Kön 2,9.10.11; Sir 48,9; 1 Makk 2,58), aber mit überraschender Deutlichkeit eben auch auf Herakles, der als „Retter (σωτήρ) der Erde und der Menschen“ (Dion or. 1,84) nach seinem Sterben, bei dem er den „Vater“ gebeten hat, seinen Geist zu sich aufzunehmen (vgl. Ps._Seneca: Hercules Oeteus 1695.1703f mit Lk 23,46), vom „allmächtigen Vater“ im „Vierrossegespann“ nach oben „entrafft“ und „unter die strahlenden Sterne versetzt“ (Ovid: Met. IX,271f), also vergöttlicht wurde. Diese Doppelkodierung reicht bis in das Gottesverständnis: So wird die Verbindung von Gott und Leben als Inbegriff der biblischen Gottesoffenbarung vom lukanischen Jesus deutlicher unterstrichen als in seinen Vorlagen (Lk 20,36.38 vgl. E.-M. Becker), zugleich aber betont der lukanische Paulus im Anschluss an die stoische Religionsphilosophie dieselbe Verbindung als Charakteristikum der paganen Gottesahnung (Apg 17,25.28), wobei er sogar zustimmend einen paganen Zeushymnus zitieren kann (Apg 17,28), zugleich aber die Religiosität der gebildeten ‚Heiden‘ durch Bezug auf die Auferstehung eingemeindet (Apg 17,31 vgl. 17,18).

Literatur:

  • Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
  • Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
  • F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
  • Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
  • Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
  • Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
  • Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
  • Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
  • Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
  • Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
  • Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
  • M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.

A) Exegese kompakt: Lukas 21,25-33

25Καὶ ἔσονται σημεῖα ἐν ἡλίῳ καὶ σελήνῃ καὶ ἄστροις, καὶ ἐπὶ τῆς γῆς συνοχὴ ἐθνῶν ἐν ἀπορίᾳ ἤχους θαλάσσης καὶ σάλου, 26ἀποψυχόντων ἀνθρώπων ἀπὸ φόβου καὶ προσδοκίας τῶν ἐπερχομένων τῇ οἰκουμένῃ, αἱ γὰρ δυνάμεις τῶν οὐρανῶν σαλευθήσονται. 27καὶ τότε ὄψονται τὸν υἱὸν τοῦ ἀνθρώπου ἐρχόμενον ἐν νεφέλῃ μετὰ δυνάμεως καὶ δόξης πολλῆς. 28ἀρχομένων δὲ τούτων γίνεσθαι ἀνακύψατε καὶ ἐπάρατε τὰς κεφαλὰς ὑμῶν, διότι ἐγγίζει ἡ ἀπολύτρωσις ὑμῶν.

29Καὶ εἶπεν παραβολὴν αὐτοῖς· ἴδετε τὴν συκῆν καὶ πάντα τὰ δένδρα· 30ὅταν προβάλωσιν ἤδη, βλέποντες ἀφ’ ἑαυτῶν γινώσκετε ὅτι ἤδη ἐγγὺς τὸ θέρος ἐστίν· 31οὕτως καὶ ὑμεῖς, ὅταν ἴδητε ταῦτα γινόμενα, γινώσκετε ὅτι ἐγγύς ἐστιν ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ.

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Übersetzung

25 Und es werden Zeichen erscheinen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden Beklemmung der Völker, die angesichts des brausenden und tobenden Meeres nicht mehr ein noch aus wissen. 26 Die Menschen werden die Besinnung verlieren vor Furcht und in Erwartung dessen, was auf den Erdkreis zukommt, denn die Mächte der Himmel werden wanken. 27 Und dann werden sie den Menschensohn in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit kommen sehen. 28 Wenn aber diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: „Schaut auf die Feige und alle Bäume! 30 Wenn sie jetzt austreiben, seht ihr es und wisst selbst, dass der Sommer bereits nahe ist. 31 So erkennt ihr auch, wenn ihr seht, wie dies geschieht, dass Herrschaft Gottes nahe ist. 32 Amen ich sage euch: Diese Generation vergeht sicher nicht, bis alles geschieht. 33 Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden sicher nicht vergehen.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Lukas hat den Text seiner Markusvorlage entnommen, ihn allerdings in deutlich gehobener Sprache reformuliert. So findet sich das Wort ἀπορία, wörtlich „Weglosigkeit“, im Neuen Testament nur hier, gleiches gilt für σάλος „Erschütterung“ und ἀποψύχω, wörtlich „aushauchen“. Συνοχή „Beklemmung“ kommt im Neuen Testament nur noch einmal vor, ἦχος „Brausen“ nur noch dreimal. Die ‚barbarische‘ Ankündigung eines Weltuntergangs hat Lukas also in stilistisch ansprechender Sprache wiedergegeben. Dem entspricht auch eine inhaltliche Akzentverschiebung: vom Schrecken zum Zuspruch (s.u.). Wenig ist in der neutestamentlichen Wissenschaft so umstritten wie Herkunft und ursprüngliche Bedeutung der Selbstbezeichnung Jesu als Menschensohn. Der Ausdruck kann im Hebräischen und Aramäischen einfach einen Menschen bezeichnen (vergleichbar dem deutschen ‚Menschenkind‘), er hat aber seit Dan 7,13 einen doppelten Boden: Dort wird eine Gestalt die „wie ein Mensch(ensohn)“ den vier Bestien entgegengesetzt, welche im Gegensatz zu dem mit den Wolken des Himmels kommenden Menschensohn aus dem Chaosbereich des Meeres aufgestiegen sind und die Macht der Weltreiche symbolisieren. Im Gegensatz zu deren Bestialität symbolisiert der Menschensohn die humane Macht Gottes. So ist er auch anderswo bei Lukas Repräsentant von Gottes rettender Herrschaft (vgl. Lk 19,10).

2. Gattung und Kontext

Es handelt sich um eine prophetische Weissagung, gefolgt von einem Gleichnis. Der Makrokontext ist die letzte öffentliche Rede Jesu vor seiner Verhaftung. Deren Ausgangspunkt ist die Bewunderung der Pracht des Tempels, dessen Zerstörung Jesus daraufhin ankündigt (21,5–9). Die folgende Darlegung der kommenden Schrecken (21,10f.) wird unterbrochen von Ankündigungen zukünftiger Verfolgungen der Christusgläubigen (21,12–19) und des Untergangs von Jerusalem (21,20–24), der als „Tage der Vergeltung“ bezeichnet wird und das Gericht über die Verfolger schildert. Daraufhin wendet sich die Rede in unserem Text wieder der Beschreibung des Weltendes zu.

3. Historische Einordnung

Spiegelte das Vorherige die Ereignisse des jüdischen Krieges, so blickt unser Abschnitt in die Zukunft, auf das Ende der Zeit. Er tut dies mit Hilfe eines Gewebes prophetischer Texte, die entweder zitiert werden (Daniel) oder auf die angespielt wird (Joel, Jesaja und Haggai). Man wird die Möglichkeit nicht ausschließen können, dass derartige Weissagungen im Kern auf Jesus zurückgehen, aber es ist schwer zu sagen, wie viel davon frühchristliche Fortschreibung im Lichte der Schriften ist.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Lukas hat gegenüber seiner Vorlage die kosmische Dimension des Weltunterganges stark verkürzt: Statt vom kosmischen Zusammenbruch spricht er nur noch von „Zeichen“ an Sonne, Mond und Sternen. Stattdessen fügt er eine Passage ein, in der er zunächst den Aufruhr des Meeres und dann die Angst und das Entsetzen der Menschen schildert, die angesichts dieser hereinbrechenden Schrecken verzweifeln. Das aber ist der Auftakt zum entscheidenden Geschehen, der Ankunft des Menschensohnes. Dabei lässt Lukas den Satz von Mk 13,27 par. Mt 24,31 aus, dass der Menschensohn seine Engel aussenden werde, um seine Erwählten zu sammeln. Stattdessen beschreibt er in wirkungsvollem Kontrast zu den zuvor geschilderten Schrecken der „Völker“ die Reaktion der Gläubigen: Die bisher Bedrückten dürfen jetzt ihren Blick erheben und sich aufrichten, denn auch das Ende hat ein Ende: „eure Erlösung naht!“ Anhand der Feige und aller anderen Bäume, deren Austreiben den Sommer ankündigt, veranschaulicht Jesus darauf seine Folgerung: Wenn das Angekündigte geschieht, ist Gottes Herrschaft nahe. Damit wird unterstrichen, dass das Ziel der Geschichte nicht die Vernichtung des Kosmos ist, sondern dessen Erneuerung durch Gott. Rätselhaft bleibt die Aussage, dass diese Generation nicht vergeht, bis alles geschieht. Klar ist dagegen der Schlussvers: Jesu Worte überdauern Himmel und Erde, seine Zusagen sind ‘solider’ als die vor Augen stehende Wirklichkeit.

5. Theologische Perspektivierung

Das Wort „Erlösung“ (apolytrōsis) ist im Neuen Testament selten und findet sich in den Evangelien nur hier. Seine Verwendung hier betont, dass am Ende der Geschichte nicht das Chaos steht, sondern die Herrschaft des Höchsten, der sein Angesicht in Jesus Christus gezeigt hat.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Den Plätzchenteller habe ich auf dem Schoß, den Zimttee in der Tasse. Zufrieden schaue ich auf den leuchtenden Stern in meinem Fenster und warte heimlich auf Schnee, während im Radio „Last Christmas“ säuselt.

Beim Lesen des Predigttextes bleibt mir die Marzipankartoffel allerdings im Halse stecken. Es ist noch nicht Weihnachten! Es ist Buß- und Besinnungszeit, auch wenn das kaum noch jemand wahr haben möchte.

Die „Zeichen an Sonne, Mond und Sternen“ lassen mich aufhorchen, die „Beklemmung der Völker“ kommt mir bekannt vor. Die Welt im Wanken – eine Zukunftsvision? Gerade jetzt bringt diese Vision einen Saite in mir zum Schwingen. Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit greift um sich. Ich brauche mehr Licht. Jede Woche eines mehr.

Nein – es ist noch nicht Weihnachten. Aber bald. Die Knospen der Christrose sind prall gefüllt. Bald ist es so weit: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.“

2. Thematische Fokussierung

Die Exegese macht deutlich, dass im Zentrum dieser Perikope trotz aller Weltuntergangsstimmung nicht der Tod steht, sondern der Trost. Nicht die Zerstörung, sondern der Zuspruch. Der lukanische Christus rammt die Verlorenen nicht ungespitzt in den Boden – er kommt, um „sie zu suchen und selig zu machen“ (Lk 19,10). Im furchterregenden Ende (V. 26) klingt ein Neuanfang an, der mit nichts zu vergleichen ist, was menschliche Erfahrung kennt: Erlösung! Ein Wort, das in den Evangelien einzig und allein hier Verwendung findet. Und so ist es genau der Satz, der in der Markusvorlage fehlt – „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht“ –, der als immer wieder kehrender Wochenspruch zum zweiten Advent erklingen darf. Die eschatologische Bedeutung dieses Verses erfährt zu diesem Zeitpunkt im Kirchenjahr in meinen Ohren eine klare präsentische Öffnung hin zum Erlösungsgeschehen, das mit Weihnachten seinen Anfang nimmt.

3. Theologische Aktualisierung

Noch vor einigen Jahren hielt ich die Aussage „Ich gucke keine Nachrichten.“ für einfältiges Desinteresse. Heute versuche ich selbst, die Informationen aus aller Welt so zu dosieren, dass sie mich nicht lähmen. Die prophetische Weissagung aus den Versen 25 und 26 jedenfalls klingt seit einiger Zeit, als wäre sie Bestandteil der Tagesschau. 

„Wenn aber diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht“ ist ein Zuspruch, den ich brauche. Wohl wissend, dass der, der ihn aussprach, kurz darauf sein Leben verlor. Wohl wissend, dass die, die seine Worte weitergetragen haben, mit Anfechtungen zu kämpfen hatten. Und wohl wissend, dass Gottvertrauen schon immer und bis heute nicht ohne Zweifel zu haben ist. Wenn es aber da ist, hat es die sicht- und spürbare Wirkung: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter.“

Der Brauch, im Advent, wenn die Tage immer dunkler werden, jeden Sonntag eine Kerze mehr anzuzünden, bis in der dunkelsten Nacht des Jahres ein ganzer Lichterbaum aufstrahlt, symbolisiert dieses Gottvertrauen in schönster Weise. 

4. Bezug zum Kirchenjahr

Die alttestamentliche Lesung (Jes 63,15-64,3) und der Wochenpsalm (Ps 80) sind ebenso wie der Predigttext von der Spannung zwischen Bedrohung und Zuspruch geprägt und lassen sich meines Erachtens leichter integrieren als die Mahnung zur Geduld aus der Epistel (Jak 5, 7–11). Das Wochenlied „Oh Heiland, reiß die Himmel auf“ (EG 7) korreliert wunderbar: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab“ aus der alttestamentlichen Lesung (Jes 64,1) erfährt innerhalb des Liedes die soteriologische Deutung, die dem Predigttext innewohnt. Die Erlösung (V. 28) geschieht durch den „Erlöser“ aus Strophe 7. In der Adventszeit gesungen entfaltet dieses Lied eine präsentische Eschatologie, die das Heilshandeln schon mit der Ankunft des Heilands beginnen lässt.

5. Anregungen

Verwoben mit dem Wochenlied (EG 7).

In Anlehnung an das Bild „Der Riss“ von Beate Heinen (im Internet mehrfach zu finden).

Der Himmel reißt auf und bildet einen Riss mitten in der Wirklichkeit. Gold schimmert hindurch. Bringt Glanz mit sich. Es ist nur ein schmaler Riss, der sich durch die Wirklichkeit zieht. Viel breiter erscheint das Gewühl von Menschen, die sich wie ein unaufhaltsamer Strom von links nach rechts bewegen. Im Dunkeln. Ohne erkennbare Gesichter, ohne erkennbares Ziel. Wie von einer unsichtbaren Kraft dahingetrieben.

Das Dunkel ist allerdings kein Grau in Grau, sondern es schimmert. Wird angestrahlt von dem hellen Riss. Auch die Farbigkeit der Gestalten lässt erahnen, dass jeder einzelne Mensch in dieser unzählbaren Menge einmalig ist, kostbar, geliebt. Getrieben wie gezogen von Sehnsucht und Liebe, von Ängsten und Dunkelheiten.

Mitten über diesem verschwommenen Nebeneinander reißt der Himmel auf. In voller Länge – von oben nach unten. Ein heilsamer Riss. Ein Spalt breit Weihnachten. Ein Spalt breit Menschwerdung – nur ein Spalt, aber doch deutlich, leuchtend und klar. So wird Gott hineingeboren in unsere Welt, wie sie ist. Mit all ihren Rissen – den verheilten, den vernarbten, den ganz frischen.

Sein Licht wird an Weihnachten Hand und Fuß bekommen. Wird ausstrahlen, durchdringen und erfüllen. Die graue Menge wird nicht mehr zu Boden schauen. Sie wird sich aufrichten, den Kopf heben. Und weitergehen. Aber anders.

Autoren

  • Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
  • Angelika Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500154

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