Lukas 21,25-33 | 2. Sonntag im Advent | 07.12.2025
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 21,25-33
Übersetzung
25 Und es werden Zeichen erscheinen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden Beklemmung der Völker, die angesichts des brausenden und tobenden Meeres nicht mehr ein noch aus wissen. 26 Die Menschen werden die Besinnung verlieren vor Furcht und in Erwartung dessen, was auf den Erdkreis zukommt, denn die Mächte der Himmel werden wanken. 27 Und dann werden sie den Menschensohn in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit kommen sehen. 28 Wenn aber diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: „Schaut auf die Feige und alle Bäume! 30 Wenn sie jetzt austreiben, seht ihr es und wisst selbst, dass der Sommer bereits nahe ist. 31 So erkennt ihr auch, wenn ihr seht, wie dies geschieht, dass Herrschaft Gottes nahe ist. 32 Amen ich sage euch: Diese Generation vergeht sicher nicht, bis alles geschieht. 33 Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden sicher nicht vergehen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Lukas hat den Text seiner Markusvorlage entnommen, ihn allerdings in deutlich gehobener Sprache reformuliert. So findet sich das Wort ἀπορία, wörtlich „Weglosigkeit“, im Neuen Testament nur hier, gleiches gilt für σάλος „Erschütterung“ und ἀποψύχω, wörtlich „aushauchen“. Συνοχή „Beklemmung“ kommt im Neuen Testament nur noch einmal vor, ἦχος „Brausen“ nur noch dreimal. Die ‚barbarische‘ Ankündigung eines Weltuntergangs hat Lukas also in stilistisch ansprechender Sprache wiedergegeben. Dem entspricht auch eine inhaltliche Akzentverschiebung: vom Schrecken zum Zuspruch (s.u.). Wenig ist in der neutestamentlichen Wissenschaft so umstritten wie Herkunft und ursprüngliche Bedeutung der Selbstbezeichnung Jesu als Menschensohn. Der Ausdruck kann im Hebräischen und Aramäischen einfach einen Menschen bezeichnen (vergleichbar dem deutschen ‚Menschenkind‘), er hat aber seit Dan 7,13
2. Gattung und Kontext
Es handelt sich um eine prophetische Weissagung, gefolgt von einem Gleichnis
3. Historische Einordnung
Spiegelte das Vorherige die Ereignisse des jüdischen Krieges, so blickt unser Abschnitt in die Zukunft, auf das Ende der Zeit. Er tut dies mit Hilfe eines Gewebes prophetischer Texte, die entweder zitiert werden (Daniel) oder auf die angespielt wird (Joel, Jesaja und Haggai). Man wird die Möglichkeit nicht ausschließen können, dass derartige Weissagungen im Kern auf Jesus zurückgehen, aber es ist schwer zu sagen, wie viel davon frühchristliche Fortschreibung im Lichte der Schriften ist.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Lukas hat gegenüber seiner Vorlage die kosmische Dimension des Weltunterganges stark verkürzt: Statt vom kosmischen Zusammenbruch spricht er nur noch von „Zeichen“ an Sonne, Mond und Sternen. Stattdessen fügt er eine Passage ein, in der er zunächst den Aufruhr des Meeres und dann die Angst und das Entsetzen der Menschen schildert, die angesichts dieser hereinbrechenden Schrecken verzweifeln. Das aber ist der Auftakt zum entscheidenden Geschehen, der Ankunft des Menschensohnes
5. Theologische Perspektivierung
Das Wort „Erlösung“ (apolytrōsis) ist im Neuen Testament selten und findet sich in den Evangelien nur hier. Seine Verwendung hier betont, dass am Ende der Geschichte nicht das Chaos steht, sondern die Herrschaft des Höchsten, der sein Angesicht in Jesus Christus gezeigt hat.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Den Plätzchenteller habe ich auf dem Schoß, den Zimttee in der Tasse. Zufrieden schaue ich auf den leuchtenden Stern in meinem Fenster und warte heimlich auf Schnee, während im Radio „Last Christmas“ säuselt.
Beim Lesen des Predigttextes bleibt mir die Marzipankartoffel allerdings im Halse stecken. Es ist noch nicht Weihnachten! Es ist Buß- und Besinnungszeit, auch wenn das kaum noch jemand wahr haben möchte.
Die „Zeichen an Sonne, Mond und Sternen“ lassen mich aufhorchen, die „Beklemmung der Völker“ kommt mir bekannt vor. Die Welt im Wanken – eine Zukunftsvision? Gerade jetzt bringt diese Vision einen Saite in mir zum Schwingen. Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit greift um sich. Ich brauche mehr Licht. Jede Woche eines mehr.
Nein – es ist noch nicht Weihnachten. Aber bald. Die Knospen der Christrose sind prall gefüllt. Bald ist es so weit: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.“
2. Thematische Fokussierung
Die Exegese macht deutlich, dass im Zentrum dieser Perikope trotz aller Weltuntergangsstimmung nicht der Tod steht, sondern der Trost. Nicht die Zerstörung, sondern der Zuspruch. Der lukanische Christus rammt die Verlorenen nicht ungespitzt in den Boden – er kommt, um „sie zu suchen und selig zu machen“ (Lk 19,10
3. Theologische Aktualisierung
Noch vor einigen Jahren hielt ich die Aussage „Ich gucke keine Nachrichten.“ für einfältiges Desinteresse. Heute versuche ich selbst, die Informationen aus aller Welt so zu dosieren, dass sie mich nicht lähmen. Die prophetische Weissagung aus den Versen 25 und 26 jedenfalls klingt seit einiger Zeit, als wäre sie Bestandteil der Tagesschau.
„Wenn aber diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht“ ist ein Zuspruch, den ich brauche. Wohl wissend, dass der, der ihn aussprach, kurz darauf sein Leben verlor. Wohl wissend, dass die, die seine Worte weitergetragen haben, mit Anfechtungen zu kämpfen hatten. Und wohl wissend, dass Gottvertrauen schon immer und bis heute nicht ohne Zweifel zu haben ist. Wenn es aber da ist, hat es die sicht- und spürbare Wirkung: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter.“
Der Brauch, im Advent, wenn die Tage immer dunkler werden, jeden Sonntag eine Kerze mehr anzuzünden, bis in der dunkelsten Nacht des Jahres ein ganzer Lichterbaum aufstrahlt, symbolisiert dieses Gottvertrauen in schönster Weise.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die alttestamentliche Lesung (Jes 63,15-6
5. Anregungen
Verwoben mit dem Wochenlied (EG 7).
In Anlehnung an das Bild „Der Riss“ von Beate Heinen (im Internet mehrfach zu finden).
Der Himmel reißt auf und bildet einen Riss mitten in der Wirklichkeit. Gold schimmert hindurch. Bringt Glanz mit sich. Es ist nur ein schmaler Riss, der sich durch die Wirklichkeit zieht. Viel breiter erscheint das Gewühl von Menschen, die sich wie ein unaufhaltsamer Strom von links nach rechts bewegen. Im Dunkeln. Ohne erkennbare Gesichter, ohne erkennbares Ziel. Wie von einer unsichtbaren Kraft dahingetrieben.
Das Dunkel ist allerdings kein Grau in Grau, sondern es schimmert. Wird angestrahlt von dem hellen Riss. Auch die Farbigkeit der Gestalten lässt erahnen, dass jeder einzelne Mensch in dieser unzählbaren Menge einmalig ist, kostbar, geliebt. Getrieben wie gezogen von Sehnsucht und Liebe, von Ängsten und Dunkelheiten.
Mitten über diesem verschwommenen Nebeneinander reißt der Himmel auf. In voller Länge – von oben nach unten. Ein heilsamer Riss. Ein Spalt breit Weihnachten. Ein Spalt breit Menschwerdung – nur ein Spalt, aber doch deutlich, leuchtend und klar. So wird Gott hineingeboren in unsere Welt, wie sie ist. Mit all ihren Rissen – den verheilten, den vernarbten, den ganz frischen.
Sein Licht wird an Weihnachten Hand und Fuß bekommen. Wird ausstrahlen, durchdringen und erfüllen. Die graue Menge wird nicht mehr zu Boden schauen. Sie wird sich aufrichten, den Kopf heben. Und weitergehen. Aber anders.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Angelika Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500154
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