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Psalm 90,1-14(15-17) | Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Totensonntag | 24.11.2024

Einführung in die Psalmen

Für umfangreichere Informationen besuchen Sie den Artikel Psalmen (AT) im WiBiLex

1. Der Psalter – das Psalmenbuch

Mit „Psalter“ bezeichnet man in der Regel die Sammlung von 150 Psalmen (in der griechischen Tradition 151 Psalmen), aufgeteilt auf fünf Bücher, wie sie im hebräischen Alten Testament zusammengestellt sind. Die atl. Exegese hat sich, vor dem Hintergrund variierender Psalmensammlungen in Qumran, in den letzten 30 Jahren intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, welche Kriterien der Zusammenstellung der biblischen Psalmen zugrunde liegen und was dies für die Lektüre von Einzelpsalmen bzw. Psalmengruppen bedeutet (Zenger 2000, 416-435). Die Ansicht, dass es sich bei dem Psalter um ein Gesangbuch des Zweiten Tempels handelt, wird kaum noch vertreten. Einzelne Psalmen mögen tatsächlich im öffentlichen Tempelkult ihren Ort gehabt haben (s. die Verweise auf ein Tempelweihfest Ps 30,1 oder den Sabbat Ps 92,1; in der LXX kommen auch Hinweise auf verschiedene Wochentage hinzu), der größere Teil hingegen ist auf den Einzelnen ausgerichtet. Auch was die musikalische Aufführung von Psalmen betrifft, bewegen wir uns auf unsicherem Terrain. Einerseits kann man wenig Konkretes über das Singen von Psalmen und die Verwendung von Musikinstrumenten sagen, andererseits lassen die vorhandenen Anmerkungen in den Texten, die Verweise auf Sängergruppen, Melodien und Instrumente doch die Annahme zu, dass es eine musikalische Begleitung des Gebets gegeben hat.  

2. Die Psalmen

Während die Bezeichnungen Psalm und Psalter auf eine musikalische Tradition und den Vortrag von Psalmen verweisen, wird mit den Bezeichnungen tehillīm „Preisungen“ (tehillāh als Lobpreis Gottes; „…und mein Mund wird deinen Lobpreis verkündigen“, Ps 51,17b), und tepillāh „Gebet“ (so in der vorläufigen Schlussnotiz Ps 72,19 „Ende der Gebete Davids“) die Rede zu, mit und auch über Gott in den Blick genommen. Die Psalmen sind, als poetische Texte, das eine wie das andere, Lied, begleitet mit Saitenspiel, Lobpreis und Gebet.

Mit Aufkommen der Gattungsforschung Ende des 19. und Anfang des 20. Jh.s wurden Einzelpsalmen auf bestimmte wiederkehrende Muster bezüglich ihrer Form und ihrer institutionellen Einordnung, d.h. ihres sog. Sitzes im Leben, hin befragt. Die Klagelieder des Einzelnen (s. Ps 13) erweisen sich als größte derart als Gruppe erkennbare Psalmen. Ihnen liegt i.d.R. eine recht klare Struktur zugrunde (Anrufung, Klage, Bitte, Vertrauensbekenntnis/Lobgelübde). Der immer wieder als auffällig wahrgenommene Stimmungsumschwung von der Klage zum Lob/Dank wurde mit diversen Theorien zu erklären versucht. Letztlich bleibt jedoch vor allem festzuhalten, dass „hinter der Wende von der Klage zum Lob ein Prozess, genauer: ein Gebetsprozess steht, der von Anfang an, d.h. mit Beginn des Betens, in Gang kommt und den ganzen Text durchzieht“ (Janowski, Konfliktgespräche, 77). Formal weniger deutlich strukturiert, inhaltlich jedoch gut zuzuordnen, sind die Klagelieder des Volkes (z.B. Ps 79).

Das Lob Gottes äußert sich in den Hymnen, die zum Lob auffordern und es anschließend entfalten (Ps 98,1: „Singt JHWH ein neues Lied, denn er hat Wunder getan, seine Rechte hat ihm geholfen, sein heiliger Arm“). Teilweise wird das hymnische Loblied vom Danklied (Ps 30 u.ö.) unterschieden. Terminologisch findet es sich im hebr. tôdāh „Dank“ wieder (Ps 42,5), ein Ausdruck der für das Danklied ebenso stehen kann wie für das Dankopfer.

Zahlreiche Psalmen sind aufgrund ihres Inhalts einzelnen Gruppen zugeordnet, so die Zionspsalmen (u.a. 46; 48), die Jhwh-Königspsalmen (u.a. Ps 93); die Königspsalmen (u.a. Ps 72), die Geschichts- oder die Schöpfungspsalmen. Unter diesen kommt nun vor allem den Weisheitspsalmen bzw. den weisheitlichen Reflexionen, die sich in diversen Psalmen finden lassen, hervorgehobene Bedeutung zu. Sie nehmen das Verhältnis von Gott und Mensch grundlegend in den Blick und ordnen auf diese Weise individuelle Erfahrung in einen größeren Zusammenhang ein (s. Ps 49), bzw. leiten, durch bewusste Platzierung im Gesamtpsalter, zum Gebet an. Die Zuordnung einzelner Psalmen zu den genannten Gattungen gibt Aufschluss über die Funktion und Kommunikationsabsicht des Psalms und ermöglicht es, durch die Identifizierung des Typischen, das Untypische und Besondere in Abweichungen von einer Gattung zu erkennen. Es darf dennoch nicht übersehen werden, dass der Großteil der Psalmen Elemente verschiedener Gattungen aufweist, d.h. u.a., dass sich hymnische Elemente in Klageliedern finden (Ps 74,12ff.) und weisheitliche Reflexionen diverse Psalmen durchziehen (s.u.a. Ps 73). Besonders in dieser Mischung von Reflexionen und direkter Gottesanrede zeigt sich die Bedeutung der Psalmen als Schule des Betens, als Hilfe zur Sprachfindung im Gespräch mit Gott.

3. Datierung

Die Datierung einzelner Psalmen ist ausgesprochen schwierig, da in den Texten an sich altes Traditionsgut wieder aufgenommen und in neue Zusammenhänge gestellt worden ist. In der Regel bemüht man sich, unter Berücksichtigung von Querbezügen zu anderen Überlieferungen des Alten Testaments sowie mittels traditions- und theologiegeschichtlicher Einordnungen um eine Zuordnung der einzelnen Psalmen zu größeren Epochen, d.h. der Königszeit, der exilisch-nachexilischen und der hellenistischen Zeit.

Der Psalter als abgeschlossene Sammlung wird ins 2.Jh.v.Chr. zu datieren sein.

4. Theologie

Die Psalmen befassen sich mit Grundfragen des Lebens, die im Gebet vor Gott gebracht werden. Lebensfreude und Dank finden ebenso ihren Raum wie Leiden, Angst und bedrohliche Todesnähe. Nichts muss im Gebet ausgespart, alles kann vor Gott getragen werden, auch in Klage und Anklage.

Die Gerechtigkeit Gottes wird gepriesen oder eingefordert, wo sie, der eigenen Lebenserfahrung gemäß, nicht zu greifen scheint. Neben der – immer wieder auch konfliktbehafteten – Verhältnisbestimmung von Gott, Individuum und dessen sozialem Umfeld gehört auch die Reflexion über Gott, Mensch und Welt in das Gebet. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst (Ps 8,5). 

Als herausfordernd werden die sog. Rachepsalmen empfunden (u.a. Ps 94,1–2.22–24). Oft als ethisch nicht vertretbar deklassiert und beiseite geschoben, verdienen sie, so unbequem es auch ist, wenigstens einer kritischen Betrachtung. Gewalterfahrung, Hilflosigkeit angesichts der Feinde und der Schrei nach Veränderung stehen im Hintergrund dieser Texte, die zeigen, dass auch die dunklen Seiten des menschlichen Herzens vor Gott offenliegen. Ob und wie sie in den Gemeindekontext eingebracht und ggf. gebetet werden sollten, ist jedoch stets aufs Neue zu fragen.

5. Rezeption

Die Rezeptionsgeschichte der Psalmen und des Psalters hat in den letzten Jahren immer mehr an Raum gewonnen. Unterschiedliche Auslegungstraditionen, so in jüdischer und christlicher Exegese werden ebenso in den Blick genommen, wie Psalmen und Psalter in darstellender Kunst oder Musik.

Zur Anregung: Gillingham, S., 2008–2022, Psalms through the Centuries, Blackwell Publishing, Vol 1–3.

Literatur:

  • Janowski, B., 22006, Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchen-Vluyn.
  • Körting, C., 2015, The Psalms - Their Cultic Setting, Forms and Traditions, in: Hebrew Bible / Old Testament Volume III Part 2 The Twentieth Century – From Modernism to Post-Modernism, Göttingen, 531–558.
  • Zenger, E., 2011, Psalmen Auslegungen Band II; 4. Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i. Br., 679–854.

A) Exegese kompakt: Psalm 90,1–14(15–17)

1תְּפִלָּה֮ לְמֹשֶׁ֪ה אִֽישׁ־הָאֱלֹ֫הִ֥ים אֲֽדֹנָ֗י מָע֣וֹן אַ֭תָּה הָיִ֥יתָ לָּ֗נוּ בְּדֹ֣ר וָדֹֽר׃ 2בְּטֶ֤רֶם ׀ הָ֘רִ֤ים יֻלָּ֗דוּ וַתְּח֣וֹלֵֽל אֶ֣רֶץ וְתֵבֵ֑ל וּֽמֵעוֹלָ֥ם עַד־ע֝וֹלָ֗ם אַתָּ֥ה אֵֽל׃ 3תָּשֵׁ֣ב אֱ֭נוֹשׁ עַד־דַּכָּ֑א וַ֝תֹּ֗אמֶר שׁ֣וּבוּ בְנֵי־אָדָֽם׃ 4כִּ֤י אֶ֪לֶף שָׁנִ֡ים בְּֽעֵינֶ֗יךָ כְּי֣וֹם אֶ֭תְמוֹל כִּ֣י יַעֲבֹ֑ר וְאַשְׁמוּרָ֥ה בַלָּֽיְלָה׃ 5זְ֭רַמְתָּם שֵׁנָ֣ה יִהְי֑וּ בַּ֝בֹּ֗קֶר כֶּחָצִ֥יר יַחֲלֹֽף׃ 6בַּ֭בֹּקֶר יָצִ֣יץ וְחָלָ֑ף לָ֝עֶ֗רֶב יְמוֹלֵ֥ל וְיָבֵֽשׁ׃ 7כִּֽי־כָלִ֥ינוּ בְאַפֶּ֑ךָ וּֽבַחֲמָתְךָ֥ נִבְהָֽלְנוּ׃ 8שַׁתָּ֣ עֲוֺנֹתֵ֣ינוּ לְנֶגְדֶּ֑ךָ עֲ֝לֻמֵ֗נוּ לִמְא֥וֹר פָּנֶֽיךָ׃ 9כִּ֣י כָל־יָ֭מֵינוּ פָּנ֣וּ בְעֶבְרָתֶ֑ךָ כִּלִּ֖ינוּ שָׁנֵ֣ינוּ כְמוֹ־הֶֽגֶה׃ 10יְמֵֽי־שְׁנוֹתֵ֨ינוּ בָהֶ֥ם שִׁבְעִ֪ים שָׁנָ֡ה וְאִ֤ם בִּגְבוּרֹ֨ת ׀ שְׁמ֘וֹנִ֤ים שָׁנָ֗ה וְ֭רָהְבָּם עָמָ֣ל וָאָ֑וֶן כִּי־גָ֥ז חִ֝֗ישׁ וַנָּעֻֽפָה׃ 11מִֽי־י֭וֹדֵעַ עֹ֣ז אַפֶּ֑ךָ וּ֝כְיִרְאָתְךָ֗ עֶבְרָתֶֽךָ׃ 12לִמְנ֣וֹת יָ֭מֵינוּ כֵּ֣ן הוֹדַ֑ע וְ֝נָבִ֗א לְבַ֣ב חָכְמָֽה׃ 13שׁוּבָ֣ה יְ֭הוָה עַד־מָתָ֑י וְ֝הִנָּחֵ֗ם עַל־עֲבָדֶֽיךָ׃ 14שַׂבְּעֵ֣נוּ בַבֹּ֣קֶר חַסְדֶּ֑ךָ וּֽנְרַנְּנָ֥ה וְ֝נִשְׂמְחָ֗ה בְּכָל־יָמֵֽינוּ׃ 15שַׂ֭מְּחֵנוּ כִּימ֣וֹת עִנִּיתָ֑נוּ שְׁ֝נ֗וֹת רָאִ֥ינוּ רָעָֽה׃ 16יֵרָאֶ֣ה אֶל־עֲבָדֶ֣יךָ פָעֳלֶ֑ךָ וַ֝הֲדָרְךָ֗ עַל־בְּנֵיהֶֽם׃ 17וִיהִ֤י ׀ נֹ֤עַם אֲדֹנָ֥י אֱלֹהֵ֗ינוּ עָ֫לֵ֥ינוּ וּמַעֲשֵׂ֣ה יָ֭דֵינוּ כּוֹנְנָ֥ה עָלֵ֑ינוּ וּֽמַעֲשֵׂ֥ה יָ֝דֵ֗ינוּ כּוֹנְנֵֽהוּ׃
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Übersetzung

1 Ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes.

Herr, ein Hort bist du für uns gewesen

von Geschlecht zu Geschlecht.

2 Bevor die Berge geboren wurden

und du hervorbrachtest Erde und Erdkreis,

von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, Gott.

3 Du lässt zurückkehren den Menschen zu Staub

und du sprichst: Kehrt zurück, Kinder Adams.

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen

wie der gestrige Tag, der vorbeigegangen ist

 und (wie) eine Nachtwache.

5 Du schwemmst sie hinweg, (wie) ein Schlaf sind sie,

am Morgen sind sie wie Gras, das nachwächst.

6 Am Morgen sprießt es und wächst nach,

am Abend vergeht es und verdorrt.

7 Denn wir schwinden in deinem Zorn

und in deiner Wut werden wir dahingerafft.

8 Du stellst vor dich unsere Sünden

unser Verborgenes in das Licht deines Angesichts.

9 Denn alle unsere Tage verschwinden durch deinen Grimm

wir vollenden unsere Jahre wie einen Seufzer.

10 Die Tage unserer Jahre sind in sich siebzig Jahre,

und durch (deine) Kraft achtzig Jahre.

Und ihr Stolz ist gleichwohl Mühsal und Nichtigkeit,

ja, schnell ist es vorüber, als flögen wir davon.

11Wer erkennt die Macht deines Zorns,

und gemäß der Furcht vor dir deinen Grimm?

12 Zu zählen unsere Tage, so lehre (uns),

damit wir ein weises Herz gewinnen.

13 Kehre doch um, Jhwh, wie lange noch?

Habe Mitleid mit Deinen Knechten.

14 Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade,

dass wir jubeln und uns freuen alle unsere Tage.

15 Erfreue uns gemäß den Tagen, die du uns niedergedrückt hast,

gemäß den Jahren, die wir Böses sahen.

16 Es möge sichtbar werden an deinen Knechten dein Wirken

und dein Glanz über ihren Kindern.

17 Die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns

und das Werk unserer Hände mache fest über uns und das Werk unserer Hände mache fest.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Die LXX-Fassung, die an einigen Stellen deutlich vom MT abweicht, ist hier nicht berücksichtigt. Viele der im Apparat der BHS vorgeschlagenen Konjekturen sind bedenkenswert, aber nicht nötig. Die Übersetzung geht davon aus, dass die vv. 3–10 grundsätzliche Aussagen über das Geschick des Menschen machen. Die Verben sind aus diesem Grunde präsentisch übersetzt.

2. Literarische Gestaltung

Der Psalm weist einige klare Strukturelemente auf. Nach der hymnischen, Gottes Ewigkeit besingenden und Vertrauen ausdrückenden direkten Anrede Gottes in v. 1b–2, wird in den vv. 3.5.8 Gottes über das Ende des menschlichen Lebens bestimmende Handeln (2.m.sg.) benannt, gefolgt durch כי-Sätze in den vv. 4.7.9, welche in Bildern die menschliche Vergänglichkeit beschreiben. V. 3 setzt, diese Reihe eröffnend, einen Akzent, weil er direkte Rede Gottes formuliert: „Kehrt zurück, Kinder Adams.“ V. 10 bildet den Abschluss der Reihe, die sich insgesamt als Vergänglichkeitsklage beschreiben lässt, mit dem Verweis auf die begrenzte Lebenszeit des Menschen von siebzig bis achtzig Jahren. Durch die Fragepartikel מי „wer“ eingeführt, kommt es in den vv. 11–12 zur entscheidenden Bitte, die sich aus der Erkenntnis der Vergänglichkeit ergibt: „Zu zählen unsere Tage, (so) lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen“ (Ps 90,12). In v. 13 wird eine Reihe von Imperativen begonnen (Ps 90,13.14.15), die Gott zum Handeln an seinen Knechten, und das heißt zum Beenden der Leidenssituation, auffordern. Abschließend wird, diesmal im Jussiv (Ps 90,16.17), die Hoffnung formuliert, dass Gottes Freundlichkeit über den Betenden sei.

Es steht zur Debatte, ob Ps 90,13–17 dem Psalm später hinzugefügt worden sind. Das soll hier nicht vertieft werden. Einen gegenüber den vv. 1b–12 anderen Schwerpunkt setzen diese Verse in jedem Fall. Widmet sich Ps 90,1–11 ganz grundsätzlich der conditio humana und spricht vom Menschen (den Kindern Adams), so sind mit den Knechten diejenigen gemeint, die in einer engen persönlichen Beziehung zu Gott stehen (insb. aufgrund von erfahrenem Leid; vgl. Ps 102,15.29). Aus dieser engen Beziehung heraus bitten sie um eine Änderung ihrer Situation und wollen es zudem nicht dabei belassen, dass mit siebzig oder achtzig Jahren alles vorbei sei – als flögen wir davon und nichts bleibt. Sie bitten um eine Perspektive für die Generationen und auch das Werk ihrer Hände.

3. Kontext und historische Einordnung

Mit Ps 90 wird das vierte Psalmenbuch (Ps 90–106) eröffnet. Es sind die großen Themen von Zorn und Güte Gottes, die das Buch rahmen. Insbesondere Ps 90,13–17 schlagen einen Bogen zu Ps 106, der die Geschichte des Volkes reflektiert und dessen Bitte um Sammlung aus den Völkern nach dem Exil (Ps 106,44–47) sachlich an die Bitte um Mitleid mit den Knechten aus Ps 90,13f. anknüpft.

Ps 90 ist psalterkompositorisch jedoch auch Teil der Psalmengruppe 90–92. Liest man diese drei Psalmen nacheinander, so ergibt sich eine Abfolge aus Klage über die Vergänglichkeit (Ps 90), Zusage von Gottes Schutz und einem langen Leben (Ps 91) und Dank für Zuverlässigkeit Gottes (Ps 92). Die Vergänglichkeitsbilder aus Ps 90,5–6 vom vertrocknenden Gras werden überführt in Bilder der Fruchtbarkeit (Ps 92,13–14); vgl. auch Ps 90,14 und 92,3–5 „am Morgen,“ Ps 90,16 und 92,5 „dein Wirken.“

Auch wenn der Psalm seiner Überschrift nach dem Mose zugeordnet wird, gehört er in seinem Kernbestand in die persische Zeit. Zentral für die Datierung sind vor allem die Aussagen der weisheitlichen Vergänglichkeitsklage von Ps 90, die Prov 8, Hiob und Kohelet nahe sind. Ps 90,1.13.16 hingegen zeigen große Nähe zum Moselied von Dtn 32 und zitieren in Ps 90,1–2 aus dem Mosesegen von Dtn 33,15.27. Daher mögen sie noch ein wenig jünger sein.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Die folgenden Bemerkungen nehmen den Psalm insgesamt in den Blick (s. Bemerkungen zur Gliederung). Das Gottesbild des Psalms verweist auf den ewigen Schöpfergott und den Gott, der mit Zorn auf das menschliche Tun reagiert und dem nichts verborgen bleibt. Das Menschenbild ist im Kontrast dazu durch Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit geprägt. Die Bilder, die aufgenommen sind, der Schlaf, das verwelkende Gras, die begrenzten Zeitläufe von Tag und Nacht und von höchstens achtzig Jahren, unterstreichen die Flüchtigkeit menschlichen Lebens nachdrücklich. Es scheint keinen Ausweg zu geben als den, die begrenzte Lebenszeit im Bewusstsein der Macht des Zorns Gottes gut zu nutzen. Doch v. 3b, die einzige direkte Gottesrede des Psalms, lädt zum Nachdenken ein. „Kehrt zurück, Kinder Adams.“ Ist das die Rückkehr zum Staub, die Rückkehr vom Staub oder gar Rückkehr/Umkehr zu Gott? Während der Kontext v. 3a annehmen lässt, dass es sich hier um einen ewigen Kreislauf handeln könnte (vgl. Ps 104,29.30), lässt v. 13 („Kehre doch um, Jhwh“) in der Wiederaufnahme der Wurzel שוב aus v. 3b einen neuen Gedanken darin erkennen. Umkehr des Menschen und Umkehr Gottes stehen u.a. in Sach 1,3; Mal 3,7 in einem reziproken Verhältnis. Darauf mag die Hoffnung basieren, dass sich für die Knechte doch etwas ändern könnte. Das Todesgeschick wird auch in den vv. 13–17 nicht in Frage gestellt, aber der Blick auf das Leben ist ein anderer. Der sich seinen Knechten zuwendende Gott ist der, der freundlich schaut, der die Tage durch Freude und Jubel geprägt sein lässt.

5. Theologische Perspektivierung

Der Ewigkeit Gottes stellt Ps 90 die Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit des Menschen gegenüber. Der Psalm bietet mit den vv. 11–12 und 13–17 im Grunde zwei Antworten für den angemessenen Umgang mit dieser Spannung. Die vv. 11–12 formulieren im weisheitlichen Duktus. Es geht darum, ein gelingendes Leben zu führen, wissend um das Todesgeschick. Die vv. 13–17 hingegen formulieren auf der Beziehungsebene. Es geht um „deine Knechte.“ Das kann Gott nicht außer Acht lassen und so möge er mit Freundlichkeit auf seine Knechte blicken und auch einem durch den Tod begrenzten Leben eine Perspektive geben.

Literatur

  • Christine Forster, Begrenztes Leben als Herausforderung. Das Vergänglichkeitsmotiv in weisheitlichen Psalmen, Zürich 2000.
  • Frank-Lothar Hossfeld und Erich Zenger, Psalmen 51–100, HThK.AT, Freiburg/Basel/Wien 2000.
  • Johannes Schnocks, Vergänglichkeit und Gottesferne, in: A. Berlejung und B. Janowski (Hgg.),Tod und Jenseits im Alten Israel und in seiner Umwelt, Tübingen 2009, 3–23.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Exegese bestätigt meine Anfragen an Psalm 90 als Predigttext für den Totensonntag.

Gedanken der Lebenden über das Leben angesichts seiner Vergänglichkeit stehen im Mittelpunkt der Zwiesprache mit Gott. Nicht um die Toten geht es.

Die Knechte Gottes wissen sich bei Gott geborgen, der die Welt und alles, was darin ist, aus sich hervorgebracht, geboren hat. Anders als in der Lutherübersetzung beginnt Psalm 90 dadurch mit einem Bild der engen Beziehung zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung, welches im dritten Teil wieder entscheidende Bedeutung bekommt.

Deutlich steht die Struktur der vv. 3–10 aus der Übersetzung und den Beobachtungen zur literarischen Gestaltung vor Augen: Der Wechsel zwischen der Beschreibung von Gottes Handeln aus Zorn, ja Willkür, und der Vergänglichkeit des Menschen bewirkt Resignation. Trotz der gewaltigen Bilder und Ausdrücke liest es sich fast wie eine emotionslose Erläuterung der Gegebenheit, wodurch das entstehende Gefühl der Trostlosigkeit nur noch verstärkt wird. Knapp gesagt: Gott ist der undurchschaubare Bestimmer, und der Mensch ist dem ohne jeglichen Einfluss ausgeliefert. Mehr noch ist die Sündhaftigkeit des Menschen, gegen die er nicht grundlegend ankommt, offenbar die Ursache für Gottes wütendes Agieren, wie das dreifache „Denn“ zu Beginn der vv. 4.7.9 quasi einhämmert.

Was bleibt also? Überraschend gibt die Übersetzung von v. 12 einen neuen Akzent: Klug macht nicht das Wissen um die eigene Sterblichkeit an sich, zu dem der vertraute Luthertext, der auch der Spruch des Totensonntags ist, mahnt, sondern das Zählen der Tage angesichts des Wissens um deren Begrenztheit bringt Weisheit ins Herz. Nicht auf das fraglose Ende des Lebens also kommt es an, sondern auf dessen Gelingen, Tag für Tag.

Hilfreich ist mir die Erkenntnis, dass ab v. 13 die Beziehung wechselt. Nach Gott und Mensch an sich sind es nun Jhwh und sein erwähltes Volk, es sind seine Knechte, seine Kinder, die an ihren Gott appellieren. Könnten die Tage des Lebens nicht doch neuen Inhalt und neue Perspektive bekommen? Wenn Sünde die Abkehr von Gott ist, das Hinaustreten aus der Beziehung, könnte die Umkehr zu Gott (v. 3b) dann nicht auch die Umkehr Gottes zu seinen Kindern (v. 13) bewirken? Mehr noch bitten die Knechte ihren Herrn, die Kinder ihren Vater, die Mutter, die sie geboren hat, den Zorn in Freundlichkeit zu wandeln, Gnade vor Recht walten zu lassen und so dem menschlichen Leben Freude, Glanz und Sinn zu geben.

2. Thematische Fokussierung

Dem Menschen als Adamskind bleibt das Erleben, Gottes zornigem Handeln ausgeliefert zu sein. Der Mittelteil des Psalms führt diese Erkenntnis drastisch und ausführlich vor Augen. Aufgabe ist, die begrenzte Anzahl irdischer Tage richtig zu füllen. Die an Gott gerichtete Bitte „Lehre uns!“ entspricht der weisheitlichen Haltung, sich mit der Gestaltung des vergänglichen und sich letztem Verstehen entziehenden Lebens gleichwohl nicht allein gelassen zu wissen.

Die Gotteskinder als diejenigen, die in enger, persönlicher Verbundenheit zu Gott stehen, dürfen auf eine neue, weitergehende Perspektive hoffen. Was Gott geboren hat, soll nicht seinem Zorn überlassen bleiben. Umkehr und Rückkehr in die Gottesbeziehung sind möglich. Gottes gnädige, freundliche Zuwendung vermag dem menschlichen Leben und Werk eine Bedeutung zu geben, die bleibt. Jedem Tag in Ohnmacht und Versagen kann ein anderer in Freude und der Erfahrung, dass das eigene Tun etwas bewirkt, entgegengesetzt werden, so Gott will. Darum bitten die Kinder ihren Schöpfer und erinnern ihn an sein Mitleid und an die Verantwortung, die der gütige Herr gegenüber seinen Knechten hat.

3. Theologische Aktualisierung

Der Psalm wird Mose zugeschrieben. Dieser bekam noch einen Ausblick auf das gelobte Land, durfte es selbst aber nicht mehr betreten. Die Lebenden ziehen weiter. Sie erinnern sich an die Toten, ehren vielleicht ihr Wirken, von dem sie im besten Sinne profitieren. Doch die Toten bleiben tot und die Lebenden suchen nach Perspektiven für ihre verbleibenden Tage. Der aus jüngerer Zeit stammende Psalm 90 hat dies sicher vor Augen, wenn Mose als Autor genannt wird.

An der Situation hat sich auch im ausgehenden Jahr 2024 nichts geändert. Die gute Botschaft für die Lebenden erwächst aus ihrer Gottesbeziehung. Diese braucht es, um dem vergänglichen Leben buchstäblich etwas abgewinnen zu können.

Viele der Gottesdienstbesucher:innen, die an diesem Sonntag die Kirchen aufsuchen und ihrer Toten gedenken, vielleicht noch in großer, überwältigender Trauer sind, voller Gefühle in ihrer ganzen Bandbreite den Verstorbenen und dem Tod gegenüber, haben die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen zwar einen Tag nach dem anderen zählen können, aber niemals wissen, welcher der letzte sein wird. Einige der Hörer:innen werden vielleicht bitter auf die menschliche Ohnmacht blicken, dass der Vergänglichkeit, der Krankheit, der zunehmenden Hinfälligkeit oder dem plötzlichen Weggerissenwerden nicht vorzubeugen und nichts entgegenzusetzen war. Andere schauen vielleicht voller Dankbarkeit über das lange und erfüllte Leben ihrer Angehörigen getrost zurück- und nach vorne.

Eine neue Sicht auf das eigene Leben lehrt der Psalm. Der ewige Gott ist doch wandelbar. Seine Gnade vermag den Tagen Freude und Sinn zu geben, wie viele es auch immer sein mögen. Die dem Ps 90 folgenden zwei Psalmen gehören in den Horizont des Lebens als Gotteskind. Gottes Wesen erschöpft sich nicht im Wechsel von Zorn und Güte, das Menschsein nicht im Ausgeliefertsein und flehentlichen Bitten.

So weit, so gut. Doch was ist mit den Toten, um derentwillen die Menschen doch an diesem Sonntag gekommen sind? In welchem Licht stehen deren Leben und Sterben, vergewissernd, tröstend? Was ist mit denen, die die Freundlichkeit Gottes nicht spüren konnten, den Sinn ihrer Tage nicht zu sehen vermochten und den Ertrag ihrer Hände Arbeit nicht mehr erleben durften?

Gilt die Bitte darum, dass Gott das Leben seines Kindes freundlich anschauen und mit bleibendem Sinn erfüllen mag, auch rückwirkend und über die Generationen hinweg in die Zukunft? Die Exegese eröffnet vorsichtig diese Möglichkeit.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr hat zwei Proprien. Das Proprium des Totensonntags, dem der Psalm 90 zugeordnet und in diesem Jahr auch Predigttest ist, ist in besonderer Weise dem Gedenken an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres gewidmet.

Der Klage über die Vergänglichkeit des Lebens, dem Nichtverstehen und Gefühl des Ausgeliefertseins Raum zu geben, ist in einem Gottesdienst zum Totensonntag wichtig. Gleichwohl kann die Prediger:in dabei nicht stehen bleiben. Gott ist und bleibt verantwortlich für das Leben und den Tod seiner Kinder. Er kann in seinem Zorn erlebt werden, er, ist Gegenüber der Fragen und Klagen, der eigenen Wut und Trostlosigkeit. Er ist und bleibt auch Urheber von Glück und bleibendem Wert eines Lebens. An ihn richtet sich der Dank für die Erinnerungen an erfülltes Leben.

Die Epistel aus 1Kor 15 setzt bei der Vergänglichkeit des Lebens an, nimmt mit den Bildern des Säens, der Verweslichkeit und Schwachheit des menschlichen Lebens und Leibes die Bildwelt von Ps 90,3–10 auf und setzt ihr überraschende Wendungen entgegen. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten gilt nun allen Gotteskindern die Verheißung, nach dem Tod vollends aus dem Kreislauf der irdischen Natur herauszukommen. Das christliche Evangelium versichert uns, dass wir uns auf die Gnade und Freundlichkeit Gottes verlassen dürfen und mit 70 oder 80 Jahren, wenn es hochkommt, nicht alles vorbei ist, auch nicht für die, die schon verstorben sind und derer wir am Totensonntag gedenken. Von dieser tröstlichen Hoffnung singen auch die Wochenlieder.

Eingebettet in den Klangraum, den die Perikopenordnung für den Sonntag insgesamt eröffnet, kann die Predigt zu Psalm 90 einen wohltuenden Akzent setzen.

Autoren

  • Prof. Dr. Corinna Körting (Einführung und Exegese)
  • Daniela Fricke (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500075

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