Leviatan
Andere Schreibweise: Leviathan (engl.)
(erstellt: Februar 2026)
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1. Begriff und kulturgeschichtlicher Kontext
Der Leviatan (hebr. liwjātān) bezeichnet in der Bibel ein mythisches, drachenähnliches Wasserwesen mit Merkmalen von Schlangen oder Krokodilen. Seine biblische Darstellung greift altorientalische Vorstellungen auf, insbesondere aus dem Bereich politisch-religiöser Herrschaftssymbolik. Dabei entfalten die Texte ein eigenständiges und mitunter subversives Profil.
1.1. Wortbedeutung und Herkunft
„Leviatan“ ist eine Transkription des biblischen Begriffs, phonetisch entsprechend dem hebräischen liwjātān, das vermutlich vom ugaritischen ltn abgeleitet ist – einer Bezeichnung für eine mythologische Schlangenfigur (KTU 1.3; 1.5). Diese Verbindung gilt in der Forschung weithin als gesichert, auch wenn Details der sprachlichen Herleitung umstritten bleiben.
Biblische Texte begleiten den Leviatan durch charakteristische Begriffe („Schlange“, „Köpfe“, „Flucht“, „Windung“, „Meer“). Jes 27,1
In Hi 3,8
Insgesamt steht liwjātān in einem semantischen Feld von weltumspannendem Chaos, Ritual und Herrschaft (Angelini 2018). Menschliche Akteure im Kontext biblischer Leviatan-Nennungen sind entweder koloniale Großmächte (Jes 27; Ps 74) oder gesellschaftliche Eliten (Hi). Eine Ausnahme bildet Ps 104, wo Leviatan als Teil der Schöpfungsordnung ohne herrschaftskritischen Kontext erscheint.
1.2. Vergleich zu anderen Schlangendrachen (Rahab, Tannin)
(a) Gemeinsame Motive: Leviatan, → Rahab
(b) Differenzierung: Trotz motivischer Nähe bleiben die Gestalten namentlich voneinander unterschieden. Bereits die ugaritische Mythologie kennt zwei eigenständige Wesen (ltn und tnn), die beide dem Meeresgott Jam unterstehen. Die Vielzahl von Namen für ähnliche Wesen verweist auf ein im Alten Orient verbreitetes rituelles Verständnis, wonach die Wirksamkeit von Beschwörungen durch die möglichst umfassende Kenntnis und Benennung der beteiligten Mächte und Gegenmächte gesteigert wird.
(c) Spätere Vereinheitlichung zu einem Chaoswesen: In der griechischen → Septuaginta
(d) Konsequenzen für die Deutung: Der Versuch einer exakten Definition muss Leviatan als Teil eines Netzwerks mythischer Traditionen und Motive verstehen. Seine Nennungen setzen kulturelles Vorwissen voraus und folgen eher altorientalischer Gelehrsamkeit als systematischen Definitionen. Leviatan, Rahab und Tannin erscheinen als unterscheidbare, jedoch überlappende Erscheinungsformen des Chaos.
2. Leviatan in der Hebräischen Bibel
Der Name Leviatan erscheint in der Hebräischen Bibel explizit an fünf Stellen: Jes 27,1
Demgegenüber zeigen Ps 104,26
Der Leviatan war kein Element populärer Religionspraxis, sondern Teil einer von Eliten geprägten rituellen und symbolischen Kommunikation. Dies erklärt sowohl die seltene Nennung in biblischen Texten als auch das eher geringe Vorkommen in der materiellen Kultur Israels und des Alten Orients.

Ikonographische Belege sind spärlich (vgl. ägyptische Darstellungen des Pharaos [als Horus] im Kampf gegen Apophis [Abb. 1], sowie levantinische Rollsiegel [u.a. vom Tell Asmar mit einer mehrköpfigen Schlangengestalt; vgl. Abb. 2]). Als Teil einer etablierten politischen Bildsprache bedurfte der Leviatan keiner ausführlichen Erklärung. Biblische Texte setzen das Motiv gezielt an Scharnierstellen ein, um größere Reflexionsräume zu eröffnen – etwa in Ps 104, wo der gesamte Kosmos mit Himmel, Erde und Meer in den Blick tritt.

Wenn biblische Personen explizit mit dem Leviatan-Motiv verbunden werden, handelt es sich um Vertreter der kultischen oder politischen Elite: → Asaf
2.1. Jes 27,1 - Geschlagener Gottesfeind
Jes 27,1
Jes 27,1 steht innerhalb der Kapitel Jes 24–27, die häufig als → Jesaja-Apokalypse
Das Leviatan-Motiv wird dabei rhetorisch instrumentalisiert, um konkrete politische Hoffnung auszudrücken (Kamionkowski 2017, 83–85). Leviatan steht hier nicht primär für eine abstrakte kosmische Macht, sondern fungiert als Chiffre für die Lebenswirklichkeit in der häufig brutal geführten Großreichspolitik und die Verstrickungen der lokalen Eliten. Die mythologischen Attribute des Leviatan („flüchtend“, „gewunden“, „im Meer“) entstammen der ugaritischen Chaoskampftradition (ltn brḥ ʿqltn). Sie werden nicht erklärend entfaltet, sondern auf eine knappe mythische Aussage (Mythologem; → Mythos [AT]
Durch diesen für altorientalische Kulturen typischen Gebrauch des Mythologems unterscheidet sich Jes 27,1 deutlich von Ps 104 oder Hi 40,25–41,26. Nicht die Ambivalenz oder Unverfügbarkeit des Leviatan steht im Vordergrund, sondern seine eindeutige Charakterisierung als Gottesfeind und seine endgültige Vernichtung. Die Aussage bei Jesaja zielt nicht auf kosmologische Spekulation, sondern ist politisch-performativ: Leviatan repräsentiert alle ungerechten Ordnungen, deren Überwindung den Weg für zukünftige Sicherheit und Erlösung ebnet (vgl. Jes 26,1f.
2.2. Ps 74,14 - Verspeister Gottesfeind
Psalm 74 gehört zur Gruppe der „Asaf-Psalmen“ (Ps 73–83) und reflektiert in poetischer Sprache die Zerstörung des Jerusalemer Tempels sowie die Entweihung heiliger Stätten durch die babylonischen Truppen Anfang des 6. Jahrhunderts vor der Zeitenwende. Inmitten der Klage verweist der Text auf einen mythischen Gotteskampf als Erinnerung an frühere göttliche Machterweise. Ps 74,13f.
Vergleichbare Motive finden sich in altägyptischen Ritualtexten. Im thebanischen Papyrus pBM 10188 (30,14f.) wird beschrieben, wie → Apophis
Robert Ritner betont, dass das rituelle Verschlingen im Kontext altägyptischer Magie nicht allein Zerstörung bedeutet, sondern insbesondere die Einverleibung der mit dem Objekt verbundenen Kräfte. Wer einen Gott oder Dämon in dieser Vorstellungswelt verschlingt, eignet sich dessen Kraft an: „Verzehr bedeutet die Aufnahme eines Objekts und den Erwerb seiner Vorzüge oder Eigenschaften. Alternativ kann die Handlung auch eine primär feindliche Funktion haben, wobei ‚verschlingen‘ so viel wie ‚vernichten‘ bedeutet – selbst dann bleibt jedoch oft der Gedanke des Machtgewinns erhalten“ (Ritner 2008, 103).
Diese Vorstellung wird in spätantiker rabbinischer Literatur fortgeführt. Laut bBaba Batra 75a
In Ps 74,14
2.3. Ps 104,26 - Göttliches Spielzeug
Im Gegensatz zu den gewaltgeladenen, theopolitisch aufgeladenen Darstellungen des Leviatan in Jes 27,1 und Ps 74,14 wirkt er in Ps 104,26
Besonders auffällig ist die Entdramatisierung des Leviatan. Er erscheint weder als Gegner noch als bedrohliche Macht. Seine Existenz bezeugt vielmehr die freie und überbordende Schöpfungskraft JHWHs. Damit wird das traditionelle Chaoskampf-Motiv (→ Chaos / Chaoskampf
In der rabbinisch-jüdischen Rezeption (z.B. bBaba Batra 75a
Innerhalb der bisher aufgeführten biblischen Leviatan-Texte nimmt Ps 104,26 eine besondere Stellung ein: Das Ungeheuer wird weder zerstört noch bekämpft. Vielmehr wird es als Teil der Schöpfung wahrgenommen, bewundert und integriert. Der einstige Chaosdrache erscheint so als spielerisch gezähmtes Wesen im Dienst göttlicher Schöpfermacht. Damit wird Leviatan nicht als bloßer Antagonist gedacht, sondern als Element einer Schöpfungsordnung, die auch das Potenzial des Chaotischen umfasst. Dies ist eine theologische Verschiebung vom dualistischen Ordnungsmodell (Gott gegen das Chaos) hin zu einer inklusiveren Kosmologie, in der auch das Fremde, Wilde oder vormals Bedrohliche funktional eingebunden ist. Vergleichbare Vorstellungen finden sich auch außerhalb der Bibel, etwa im ägyptischen Papyrus Insinger (32,1–6), wo die Schöpfung des Erdbodens ausdrücklich mit einem zyklischen Prozess des Zeugens, Verschlingens und erneuten Zeugens verbunden ist. Chaos und Schöpfung erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als ein dynamisches Zusammenspiel, das den Kosmos trägt.
2.4. Hi 3,8 - Manipulierbares Zerstörungswesen
In Hi 3,8
Hiobs Fluch zielt auf die Tilgung seiner eigenen Existenz – nicht bloß als Verlangen nach Nichtsein, sondern als aktiver Gegenzauber gegen die göttliche Schöpfung. „Ausgelöscht werde der Tag, an dem ich geboren werde“ (Hi 3,3
Vergleichbare rituelle Strategien begegnen in der ägyptischen Osirisliturgie. So wird der durch das Ritual zu belebende Tote etwa in Spruch 18 der Stundenwachen (2. Stundenwache) wie folgt beschworen: „Die Wärme auf deinem Mund (7) ist der Hauch, der aus den Nüstern des Seth kommt. (8) Vernichtet werden sollen die Winde des Himmels, (9) wenn die Wärme in deinem Mund vernichtet wird. (10) Ausgehen sollen dem Himmel seine Sterne, wenn die Wärme in deinem Mund ausgeht“ (Assmann 2008, 352f.). Ähnlich opfert Hiob in seiner Beschwörung bewusst die kosmische Ordnung, nicht aus nihilistischem Antrieb, sondern um Gott zu provozieren. Sein Ziel ist es, durch die maximale Intensität ritueller Sprache eine Umkehr des göttlichen Ratsbeschlusses zu erzwingen. Die Anrufung Leviatans geschieht nicht aus Resignation, sondern ist ein Versuch, über die Aneignung der Sprache kultischer Spezialisten eine personale Gegenposition zur göttlichen Weltordnung zu beziehen (vgl. Grunert 2024, 224ff.).
In Hi 7,12
Innerhalb des Hiobbuchs ist Hiob der Einzige, der das Chaos-Motiv aktiv instrumentalisiert – nicht um das Chaos zu bannen, sondern um es gezielt als Anklage gegen die bestehende, von ihm als ungerecht empfundene Ordnung einzusetzen und deren Umkehr zu seinen Gunsten zu bewirken.
2.5. Hi 40,25-41,26 Königlicher Agent des Chaos
Die ausführlichste biblische Darstellung des Leviatan findet sich in Hi 40,25–41,26
Das Hiobbuch greift damit eine zentrale Frage altorientalischer Schöpfungstheologie auf: das Verhältnis zwischen Schöpfer und dem zivilisationsfeindlichen Chaos. Anders als etwa in Offb 12,9
Hiob selbst hatte zuvor – unwissend über die Ereignisse im himmlischen Rat (Hi 1-2
Auffällig ist die Parallele zwischen Leviatan und dem → Satan
Die Gottesrede verwendet die Leviatan-Beschreibung, um Hiobs Perspektive dahingehend zu erweitern. Er bildet nicht das Zentrum der Schöpfung, und göttliches Handeln entspricht nicht seinem begrenzten Ordnungsdenken. Stattdessen formuliert der Text eine schöpfungstheologische Dialektik: Der gute Schöpfer integriert auch das Chaos in seine Ordnung – ohne es zu relativieren oder menschlicher Kontrolle zugänglich zu machen. Hiobs Theologie, wonach Wohlverhalten göttlichen Segen garantiert (vgl. Hi 29
Leviatan wurde so zu einer zentralen Figur für die theologische Auseinandersetzung mit Leid und Gottes Handeln in der Welt. Seine Existenz markiert das Nicht-Verfügbare in Gottes Schöpfung – nicht in Opposition zu Gott, sondern unter dessen souveränem Blick.
3. Deutung
In der Hebräischen Bibel erscheint Leviatan nicht nur als Symbol kosmischer Unordnung, sondern zugleich als Spiegel gesellschaftlicher Machtfragen. Er tritt nahezu ausschließlich im Umfeld politischer, kultischer oder ökonomischer Eliten auf: beim königsnahen Propheten (Jes 27,1), dem Tempeldichter (Ps 74,14) oder dem Großgrundbesitzer (Hi 3,8). Leviatan fungiert dabei als Chiffre für eine unkontrollierbare Gegenmacht, die sowohl göttlicher als auch menschlicher Souveränität entzogen ist – und genau dort thematisiert wird, wo diese ins Wanken gerät.
3.1. Schöpfungstheologie
Besonders in Hi 40,25–41,26 wird die politische Tiefendimension deutlich: Die Bezeichnung Leviatans als „König über alle Söhne des Stolzes“ (Hi 41,26
Vor diesem semiotischen Hintergrund ist Leviatan nicht naturalistisch zu verstehen. Zoologische Deutungen – etwa als → Krokodil
In modernen Forschungsdiskursen wird dagegen davon ausgegangen, dass Leviatan eine literarisch geformte Figur der kosmologischen Mythopoesie ist, in der die Grenze von „natürlich“ und „übernatürlich“ intentional überschritten wird. Vergleichbare Überlagerungen sind im altägyptischen Ritualgut belegt, etwa in der Apophis-Liturgie (pBM 10188), wo Mischwesen beschworen und in ihrer dämonischen Kraft gebunden werden.
Obwohl die Formgestalt des Leviatan in Teilen an europäische Drachenvorstellungen erinnert, bleibt er im biblischen Kontext eng mit maritimen Räumen (Meer, Urflut, große Flüsse) verbunden. Seine hebräischen Bezeichnungen beinhalten häufig Zusätze wie „Schlange“ (nāḥāš) oder „Ungeheuer“ (tannîn). Moderne Umschreibungen wie „Seedrache“ oder „Drachenschlange“ versuchen diese Assoziationen aufzugreifen (s.o. 1.).
Allerdings ist das Leviatan-Motiv nicht einheitlich gestaltet. Die fünf namentlichen Belege (Jes 27,1; Ps 74,14; Hi 3,8; Ps 104,26; Hi 40,25–41,26) stammen aus unterschiedlichen literarischen Kontexten und reflektieren verschiedene theologische Perspektiven:
Diese Perspektiven stehen nicht in Widerspruch, sondern nebeneinander. Die Hebräische Bibel entfaltet kein systematisches Leviatan-Konzept, sondern eine dynamische Symbolfigur an der Schnittstelle von Kosmologie, Anthropologie und Krisenbewältigung.
3.2. Politische Symbolik
Schlangen- und Drachenwesen wie die ägyptische ʿApep, der ugaritische Lotan oder die mesopotamische → Tiamat
- Zerstörung: Chaoswesen werden getötet, z. B. in den Neujahrstexten Babylons, im Baʿal-Mythos (→ Baal
) oder in → Edfu . - Rituelle Manipulation: Die chaotische Kraft wird rituell gebunden, etwa durch Bes-Zauber.
- Identifikation: Herrscher präsentieren sich als Drachenwesen (z. B. Šulgi-Hymnus C: „Ich bin eine Drachenschlange […]“), um transzendente Macht auszustrahlen.
Archäologische Funde aus der südlichen Levante zeigen dagegen eine klare Präferenz für apotropäische Schutzfiguren wie Bes, das Horusauge oder den → Uräus

Leviatan ist daher nicht Ausdruck privater Frömmigkeit, sondern Teil einer gelehrten, schriftbasierten Kosmosdeutung. Solche Figuren dienten als Bestandteile einer „kognitiven Karte“ (Höppner 2005, 59), mit der Schreiber Bedrohung und Ordnung ins Verhältnis setzten.
Die biblischen Texte übernehmen dieses Motivarsenal – aber sie setzen es theologisch um:
- Zerstörung – aber nur durch Gott: In Jes 27,1
tötet JHWH selbst den Leviatan mit seinem Schwert. Kein König greift ein. In Ps 74 erinnert sich das könig-lose Volk an Gottes frühere Taten. Die Gewalt gegen das Chaos ist exklusiv göttlich – nie delegierbar. - Manipulation – und ihre Entmachtung: In Hi 3,8
versucht Hiob, Leviatan zu beschwören – eine Strategie kultischer Eliten, die kosmische Ordnung durch Sprache beeinflussen wollten. Doch Hi 38–41 stellen diesem Zugriff eine Welt gegenüber, die sich menschlicher Kontrolle entzieht: Regen fällt in der Wüste, Tiere gebären unbeobachtet, der Mensch kennt die Himmelsordnungen nicht. Leviatan selbst (Hi 41 ) wird zum Inbegriff des Unverfügbaren: kein Zauber, kein Werkzeug, keine List wirkt gegen ihn. - Verweigerte Herrscher-Identifikation: Altorientalische Herrscher werden mitunter mit Drachenwesen bzw. Mischgestalten identifiziert oder als göttliche Hybride dargestellt. In der Hebräischen Bibel bleibt diese Form der Selbsterhöhung ausgeschlossen. Leviatan bleibt das Andere – großartig, furchteinflößend, aber nie mit dem Menschen verschmolzen. Psalm 104,26
treibt diese Abgrenzung auf die Spitze: Gott spielt mit Leviatan. Der Mensch beobachtet – mehr nicht.
Fazit: Die Hebräische Bibel übernimmt Bildsprache und Motivik altorientalischer Macht- und Chaosdiskurse, interpretiert sie aber theologisch neu durch Inversion: Gewalt ist nicht übertragbar (Jes 27; Ps 74), Kontrolle bleibt Illusion (Hi 38), Identifikation ist unzulässig (Hi 41; Ps 104). Leviatan markiert die Grenze menschlicher Verfügung – und verweist auf einen Gott, der sich entzieht und doch ordnet.
4. Rezeption
4.1. Rabbinische Tradition
In der rabbinischen Literatur erfährt der Leviatan eine deutliche Transformation. In bBaba Batra 74a–75a
Inhaltlich greift die Darstellung auf biblische Texte zurück – insbesondere auf Ps 74,14
Vergleichbare Motive sind aus altägyptischen Ritualen bekannt. Der Bremner-Rhind-Papyrus (BM EA 10188) etwa schildert das Schlachten der Chaosmacht → Apophis
Bemerkenswert ist, dass Leviatan als Meereswesen nicht den Speisevorschriften von Lev 11 entspricht. Dennoch wird sein Fleisch in bBaba Batra 75a zum Festmahl der Gerechten. Die Szene markiert eine eschatologische Welt, in der rituelle Unterscheidungen zwar nicht abgeschafft, jedoch durch göttliches Handeln transformiert sind. In späteren chassidischen Auslegungen wird dies als Zeichen einer künftigen Ordnung gedeutet, in der selbst das Unreine gewandelt wird.
Spätere mystische und philosophische Deutungen interpretieren Leviatan symbolisch weiter – etwa als Verkörperung des Yetzer Hara (Trieb zum Bösen) oder in Anlehnung an den Ouroboros, die sich selbst verschlingende Schlange als Symbol zyklischer Erneuerung. Whitney betont allerdings, dass solche Allegoresen in bBaba Batra 75a selbst nicht angelegt sind, sondern spätere Interpretationen darstellen (Whitney 2006, 256–265).
Die rabbinische Rezeption bewahrt zentrale Aspekte des biblischen Profils – insbesondere die exklusive Rolle Gottes bei der Überwindung des Chaos – und entwickelt sie weiter in Richtung einer eschatologisch transformierten Weltordnung. Der Leviatan wird nicht mehr nur gefürchtet oder bestaunt, sondern steht im Zentrum einer künftigen Gerechtigkeit: als Zeichen der Transformation des Chaos in etwas Gutes und der Vollendung göttlicher Verheißungen.
4.2. Alte Kirche
Die altkirchliche Rezeption des Leviatan ist durch eine konsequente allegorische Deutung geprägt, die das biblische Drachenmotiv entpolitisiert und in das christologische Heilsverständnis integriert. Kosmologische, politische und anthropologische Dimensionen der alttestamentlichen Texte treten zugunsten einer dämonologisch-gegengöttlichen Lesart zurück.
4.2.1. Entpolitisierung und imperiale Loyalität
Im Kontext wachsender Übereinstimmung mit dem römischen Staat wurde das Bild des Leviatan zunehmend von der politischen auf die geistliche Ebene verschoben. Besonders nach der konstantinischen Wende wurde Leviatan nicht mehr als Symbol imperialer Gewalt (vgl. Jes 27,1
4.2.2. Verinnerlichung von Feindschaft
Leviatan wird in der patristischen Literatur zum Sinnbild innerer Verderbtheit. Gregor der Große interpretiert in seinen Moralia in Iob (33,21f.; 33,44f.) die „Nasenlöcher“ des Leviatan als versteckte Versuchungen, die durch den Ring göttlicher Gnade gebändigt werden. Die Schuppen des Tieres stehen für verhärtete Sünder, die durch gegenseitige Schuld so eng verbunden seien, dass „kein Hauch der Ermahnung“ eindringen könne (Moralia in Iob 33,54f.). Origenes sieht in den Fragmenta in Iob (28,95) in Leviatan ein Wesen, das sich mit „Masken der Tugend“ tarnt; seine Glieder seien die Irrlehrer, deren Mund „flammende Reden“ gegen den Schöpfer hervorbringe.
4.2.3. Christologisierung des Drachenkampfes
In der patristischen Auslegung wird der Kampf gegen Leviatan als Typus für Christi Sieg über das Böse gelesen (vgl. Offb 12
Der Leviatan dient somit zur Illustration göttlicher Allmacht; Ambivalenzen, wie sie Ps 104,26
4.3. (Westliche) Moderne Popkultur
In der westlichen Traditionsbildung ist Leviatan nie zu einem integralen Bestandteil religiöser oder kultureller Symbolik geworden. Während das europäische Mittelalter eine reiche Drachenüberlieferung kennt – etwa im Mythos vom heiligen Georg –, handelt es sich dabei um eigenständige Entwicklungen. Der biblische Leviatan bleibt dagegen eine Fremdfigur mit begrenzter Wirkungsgeschichte. Seit der spiritualisierenden Allegorese der Kirchenväter (→ Bibelauslegung, christliche
Gleichwohl verschwindet Leviatan nicht vollends aus der Überlieferung. In esoterischen und okkultistischen Kontexten wird der Name weiterverwendet, oft mit dem Ziel ritueller Aneignung von Macht. Diese Vorstellung steht jedoch im Gegensatz zum biblischen Befund, der Leviatan als unzähmbares Geschöpf innerhalb göttlicher Souveränität beschreibt. Okkultistische Beschwörungen – etwa in LaVeys Satanic Mass – rekurrieren stärker auf romantische Magier-Bilder des 19. Jahrhunderts als auf das biblische Profil.
Einen paradigmatischen Neuzugang zur Deutungsgeschichte liefert Thomas Hobbes mit seinem Werk Leviathan (1651). Der biblische Drache wird darin zum Bild des Staates – eines übermächtigen, künstlich geschaffenen Souveräns, der die Einzelwillen zum Zweck der Friedenssicherung zusammenführt. Der Leviatan ist hier kein Feind Gottes mehr, sondern eine politische Metapher: ein „künstlicher Mensch“, der Leben und Tod regelt, um Ordnung zu garantieren. Thomas Hobbes entmythologisiert die Figur des Leviatan und überführt sie in eine politische Anthropologie: Die göttlich-unverfügbare Machtgestalt wird zum Symbol staatlicher Souveränität – ein Kunstwesen aus zivilisatorischen Konstrukten, das Schutz durch Kontrolle verspricht. Damit ersetzt Hobbes die biblische Unverfügbarkeit Gottes durch ein säkular rationalisiertes Machtmodell. Die Problematik einer solchen Festlegung göttlicher Souveränität auf politisch-institutionelle Ordnungen wurde vielfach thematisiert (vgl. Martinich 1992).
Diese Transformation steht in einer Tradition altorientalischer Bildstrategien, in denen Chaoswesen als Projektionsflächen für imperiale Machtdarstellung dienten. Hobbes säkularisiert diese Symbolik und knüpft damit an Muster an, die in der christlichen Auslegung über lange Zeit unterdrückt oder verdrängt worden waren. Die nachhaltige Wirkung seiner Neuinterpretation zeigt sich bis heute: In der gegenwärtigen Forschungsliteratur ist Hobbes’ Leviatan oft präsenter als Jes 27 oder Hi 41. Der Name steht auch im aktuellen Diskurs weniger für ein mythologisches Ungeheuer als für ein Konzept moderner Staatlichkeit.
Die Popularität dieser Neuinterpretation verweist zugleich auf das Unbehagen, das das biblische Motiv in der christlichen Tradition ausgelöst hat. Schon die Kirchenväter versuchten, die Ambivalenz des Chaoswesens durch allegorische Lesarten zu entschärfen. In der neuzeitlichen Exegese wird dieser Zugriff durch naturalistische Deutungen ersetzt: Leviatan als Elefant, Nilpferd, Krokodil oder – im neuhebräischen Sprachgebrauch – als Wal. Auch die zoologische Benennung des „Pottwals Leviathan“ (1799) und seine Aufnahme in Herman Melvilles Moby Dick reflektieren diesen Rationalisierungstrend, ohne das mythische Erzählpotenzial vollständig zu ersetzen.
Gerade in populärkulturellen Kontexten lebt dieses Potenzial wieder auf. In Horror-, Fantasy- und Actiongenres erscheint Leviatan – häufig gemeinsam mit → Behemot
Besonders deutlich wird dies in subkulturellen Ausdrucksformen wie Heavy Metal, Science-Fiction und Gaming. Anders als im Okkultismus bleibt hier die Unverfügbarkeit des Chaoswesens bestehen. Leviatan erscheint als ästhetische und narrative Herausforderung – nicht als kontrollierbare Größe, sondern als Konfrontation mit einer Macht, die sich dem Zugriff entzieht. In dieser Rezeption zeigt sich überraschend deutlich die theologische Tiefe des biblischen Motivs.
Literaturverzeichnis
1. Lexikonartikel
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- Theologisches Wörterbuch zu den Qumrantexten, Stuttgart u.a. 2011-2016
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- Grunert, Volker, 2024, Hiobs Kosmos. Eine Kontextualisierung im Rahmen spätzeitlicher Krisen- und Leidensbewältigung (ORA 60), Tübingen.
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- Orlov, Andrei A., 2023, Supernal Serpent. Mysteries of Leviathan in Judaism and Christianity, New York.
- Ortlund, Eric, 2021, Piercing Leviathan. God’s Defeat of Evil in the Book of Job (New Studies in Biblical Theology 60), Downers Grove.
- Ritner, Robert K., 2008, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice (Studies in Ancient Oriental Civilization 54), Chicago.
- Whitney, Jamie L., 2017, Monsters as Messianic Metaphors. The Leviathan Tradition in b. Baba Batra 74b–75a, in: Rasmus Nilsen(Hg.), Playing with Leviathan. Interpretation and Reception of Monsters from the Biblical World, Leiden, 165–181.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Pharao mit der ägyptischen Doppelkrone, dargestellt als Horus, besiegt die chaotische Schlange Apophis. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
- Abb. 2: Drache (hier eine siebenköpfige Schlange) als Chaoswesen, das die göttliche Heilsordnung bedroht. Die Götter und – als ihre Stellvertreter – die irdischen Könige müssen das Chaos im Zaum halten (Rollsiegel; Tell Asmar; 3. Jt. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
- Abb. 3: Skarabäus mit Darstellung des Seth-Baal beim Niederstoßen der Apophis-Schlange. Tell el-Farʿa-Süd, Friedhof 900, Grab 902C; 19. Dynastie (1292–1186 v. Chr.). BODO ID 16707; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg Schweiz.
Abbildungen
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