Deutsche Bibelgesellschaft

Andere Schreibweise: Leviathan (engl.)

(erstellt: Februar 2026)

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1. Begriff und kulturgeschichtlicher Kontext

Der Leviatan (hebr. liwjātān) bezeichnet in der Bibel ein mythisches, drachenähnliches Wasserwesen mit Merkmalen von Schlangen oder Krokodilen. Seine biblische Darstellung greift altorientalische Vorstellungen auf, insbesondere aus dem Bereich politisch-religiöser Herrschaftssymbolik. Dabei entfalten die Texte ein eigenständiges und mitunter subversives Profil.

1.1. Wortbedeutung und Herkunft

„Leviatan“ ist eine Transkription des biblischen Begriffs, phonetisch entsprechend dem hebräischen liwjātān, das vermutlich vom ugaritischen ltn abgeleitet ist – einer Bezeichnung für eine mythologische Schlangenfigur (KTU 1.3; 1.5). Diese Verbindung gilt in der Forschung weithin als gesichert, auch wenn Details der sprachlichen Herleitung umstritten bleiben.

Biblische Texte begleiten den Leviatan durch charakteristische Begriffe („Schlange“, „Köpfe“, „Flucht“, „Windung“, „Meer“). Jes 27,1 nennt ihn „flüchtende Schlange“ (nāḥāš bāriaḥ), „gewundene Schlange“ (nāḥāš ʿǎqallātôn) und setzt ihn parallel zu tannîn („Meerungeheuer“). Solche Beschreibungen entsprechen dem ugaritischen Mythos (KTU 1.3 III,38–40), wo Lôtan ebenfalls als flüchtig, gewunden und siebenköpfig beschrieben wird. Auch Ps 74,14 erwähnt mehrere „Köpfe“ (rāʾšîm), was die Nähe zur ugaritischen Vorstellung bestätigt.

In Hi 3,8 erscheint Leviatan im Kontext eines magischen Rituals, in Hi 41,26 hingegen trägt er den Herrschaftstitel mælækh („König“) über die „Söhne des Stolzes“ (bənê šāḥaṣ). Diese Titel deuten Leviatan als höchste Chaosmacht (→ Chaos / Chaoskampf) innerhalb einer Hierarchie von gefährlichen Wesen.

Insgesamt steht liwjātān in einem semantischen Feld von weltumspannendem Chaos, Ritual und Herrschaft (Angelini 2018). Menschliche Akteure im Kontext biblischer Leviatan-Nennungen sind entweder koloniale Großmächte (Jes 27; Ps 74) oder gesellschaftliche Eliten (Hi). Eine Ausnahme bildet Ps 104, wo Leviatan als Teil der Schöpfungsordnung ohne herrschaftskritischen Kontext erscheint.

1.2. Vergleich zu anderen Schlangendrachen (Rahab, Tannin)

(a) Gemeinsame Motive: Leviatan, → Rahab und → Tannin teilen ein gemeinsames Wortfeld („flüchtend“, „windend“, „zerschmettert“, „Meer“). Biblische Texte setzen sie teils synonym ein (vgl. Jes 27,1; Ps 74,13f.; Hi 26,12f.).

(b) Differenzierung: Trotz motivischer Nähe bleiben die Gestalten namentlich voneinander unterschieden. Bereits die ugaritische Mythologie kennt zwei eigenständige Wesen (ltn und tnn), die beide dem Meeresgott Jam unterstehen. Die Vielzahl von Namen für ähnliche Wesen verweist auf ein im Alten Orient verbreitetes rituelles Verständnis, wonach die Wirksamkeit von Beschwörungen durch die möglichst umfassende Kenntnis und Benennung der beteiligten Mächte und Gegenmächte gesteigert wird.

(c) Spätere Vereinheitlichung zu einem Chaoswesen: In der griechischen → Septuaginta (LXX) werden liwjātān, rāḥāv und tannîn meist zu Gattungsbezeichnungen (drákōn „Drache“, kētos „Seeungeheuer“) verallgemeinert. Im Neuen Testament kulminiert dies in der Gleichsetzung des Drachen mit Satan (Offb 12,9). An die Stelle der traditionellen Differenzierung tritt das allgemeinere Motiv eines einzigen Chaoswesens.

(d) Konsequenzen für die Deutung: Der Versuch einer exakten Definition muss Leviatan als Teil eines Netzwerks mythischer Traditionen und Motive verstehen. Seine Nennungen setzen kulturelles Vorwissen voraus und folgen eher altorientalischer Gelehrsamkeit als systematischen Definitionen. Leviatan, Rahab und Tannin erscheinen als unterscheidbare, jedoch überlappende Erscheinungsformen des Chaos.

2. Leviatan in der Hebräischen Bibel

Der Name Leviatan erscheint in der Hebräischen Bibel explizit an fünf Stellen: Jes 27,1; Ps 74,14; Ps 104,26; Hi 3,8 und Hi 40,25–41,26. Diese Texte lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Jes 27,1, Ps 74,14 und Hi 3,8 verorten den Leviatan in performativen Kontexten, die an altorientalische Grabes- und Tempelrituale, Beschwörungstexte und magische Formeln erinnern (vgl. Angelini 2018, 21–80). Der Schlangendrache steht hier für eine antikosmische Chaosmacht, die Gottes Schöpfungsordnung bedroht: Er wird entweder vernichtet (Jes 27,1), symbolisch verspeist (Ps 74,14) oder beschworen (Hi 3,8).

Demgegenüber zeigen Ps 104,26 und vor allem Hi 40,25–41,26 eine andere Perspektive. In diesen Texten bleibt Leviatan zwar gefährlich und unzähmbar, steht aber klar unter Gottes Kontrolle und agiert innerhalb seines Machtbereichs. Gerade die Spannung zwischen Chaosmacht und integriertem Geschöpf bildet das zentrale hermeneutische Potenzial des Leviatan-Motivs. Die biblischen Texte nutzen Leviatan nicht zu einer eigenständigen mythologischen Systematisierung, sondern als Reflexionsfigur für politische (Jes 27,1; Ps 74,14), anthropologische (Hi 40,25–41,26) und kosmologische (Ps 104,26) Fragestellungen (vgl. Ortlund 2021, 56; Orlov 2023, 47–56).

Der Leviatan war kein Element populärer Religionspraxis, sondern Teil einer von Eliten geprägten rituellen und symbolischen Kommunikation. Dies erklärt sowohl die seltene Nennung in biblischen Texten als auch das eher geringe Vorkommen in der materiellen Kultur Israels und des Alten Orients.

Abb. 1: Pharao mit der ägyptischen Doppelkrone, dargestellt als Horus, besiegt die chaotische Schlange Apophis.

Ikonographische Belege sind spärlich (vgl. ägyptische Darstellungen des Pharaos [als Horus] im Kampf gegen Apophis [Abb. 1], sowie levantinische Rollsiegel [u.a. vom Tell Asmar mit einer mehrköpfigen Schlangengestalt; vgl. Abb. 2]). Als Teil einer etablierten politischen Bildsprache bedurfte der Leviatan keiner ausführlichen Erklärung. Biblische Texte setzen das Motiv gezielt an Scharnierstellen ein, um größere Reflexionsräume zu eröffnen – etwa in Ps 104, wo der gesamte Kosmos mit Himmel, Erde und Meer in den Blick tritt.

Abb. 2: Drache (hier eine siebenköpfige Schlange) als Chaoswesen, das die göttliche Heilsordnung bedroht. Die Götter und – als ihre Stellvertreter – die irdischen Könige müssen das Chaos im Zaum halten (Rollsiegel; Tell Asmar; 3. Jt. v.Chr.).

Wenn biblische Personen explizit mit dem Leviatan-Motiv verbunden werden, handelt es sich um Vertreter der kultischen oder politischen Elite: → Asaf als poetischer Deuter einer kollektiven politischen Krise (Ps 74), → Jesaja als ‚Politikberater‘ am königlichen Hof (Jes 7; Maul 2013, 18), in dessen prophetische Tradition sich Jes 27 stellt, und → Hiob als Großgrundbesitzer (Hi 3). Die ausführlichste Darstellung des Leviatan in Hi 40,25–41,26 erfolgt durch JHWH selbst: Er wird dort als souveränes, königliches Geschöpf innerhalb des göttlichen Kosmos beschrieben (vgl. Hi 41,26).

2.1. Jes 27,1 - Geschlagener Gottesfeind

Jes 27,1 schildert, wie JHWH Leviatan endgültig vernichtet: „An jenem Tag wird JHWH mit seinem harten, großen und starken Schwert heimsuchen: Leviatan, die flüchtende Schlange (nāḥāš bāriaḥ), und Leviatan, die gewundene Schlange (nāḥāš ʿǎqallātôn), und er wird das Ungeheuer im Meer (hattannîn ʾǎšær bajjām) töten.“ Die doppelte Erwähnung des Leviatan mit epithetonartigen Attributen sowie die zusätzliche Nennung des Tannin verweist auf rituell-poetische Anrufungsstrukturen, wie sie aus altorientalischen Beschwörungstexten bekannt sind (vgl. Angelini 2018, 21–80; Orlov 2023, 47–56).

Jes 27,1 steht innerhalb der Kapitel Jes 24–27, die häufig als → Jesaja-Apokalypse bezeichnet werden. Trotz dieser Einordnung liegt der Schwerpunkt nicht auf apokalyptischer Spekulation, sondern auf theologisch-politischer Krisenkommunikation. Der Abschnitt formuliert eine prophetische Gegenrede zur Erfahrung imperialer Fremdherrschaft sowie zu den daraus resultierenden Erfahrungen von Leid und Tod (vgl. Jes 26). JHWHs universalistischer Herrschaftsanspruch wird in diesem Zusammenhang mit der als ungerecht erfahrenen chaotischen Realität kontrastiert, die im Leviatan eine eingängige und ausdrucksstarke Chiffre findet.

Das Leviatan-Motiv wird dabei rhetorisch instrumentalisiert, um konkrete politische Hoffnung auszudrücken (Kamionkowski 2017, 83–85). Leviatan steht hier nicht primär für eine abstrakte kosmische Macht, sondern fungiert als Chiffre für die Lebenswirklichkeit in der häufig brutal geführten Großreichspolitik und die Verstrickungen der lokalen Eliten. Die mythologischen Attribute des Leviatan („flüchtend“, „gewunden“, „im Meer“) entstammen der ugaritischen Chaoskampftradition (ltn brḥ ʿqltn). Sie werden nicht erklärend entfaltet, sondern auf eine knappe mythische Aussage (Mythologem; → Mythos [AT]) verdichtet: Gott wird mit seinem „harten, großen und starken Schwert“ (bǝḥarbô haqqāšāh wǝhaggədôlāh wǝhaḥǎzāqāh) eingreifen und die Chaosmacht besiegen (Kamionkowski 2017, 86f.).

Durch diesen für altorientalische Kulturen typischen Gebrauch des Mythologems unterscheidet sich Jes 27,1 deutlich von Ps 104 oder Hi 40,25–41,26. Nicht die Ambivalenz oder Unverfügbarkeit des Leviatan steht im Vordergrund, sondern seine eindeutige Charakterisierung als Gottesfeind und seine endgültige Vernichtung. Die Aussage bei Jesaja zielt nicht auf kosmologische Spekulation, sondern ist politisch-performativ: Leviatan repräsentiert alle ungerechten Ordnungen, deren Überwindung den Weg für zukünftige Sicherheit und Erlösung ebnet (vgl. Jes 26,1f.).

2.2. Ps 74,14 - Verspeister Gottesfeind

Psalm 74 gehört zur Gruppe der „Asaf-Psalmen“ (Ps 73–83) und reflektiert in poetischer Sprache die Zerstörung des Jerusalemer Tempels sowie die Entweihung heiliger Stätten durch die babylonischen Truppen Anfang des 6. Jahrhunderts vor der Zeitenwende. Inmitten der Klage verweist der Text auf einen mythischen Gotteskampf als Erinnerung an frühere göttliche Machterweise. Ps 74,13f. lautet: „Du hast das Meer mit deiner Kraft gespalten, zerschmettert die Köpfe der Tanninim über den Wassern. Du hast die Köpfe [des] Leviatan zerschlagen, ihn zur Speise gegeben dem Volk der Wüstentiere.“ Die Darstellung des Leviatan mit mehreren Köpfen (rāʾšîm) verweist auf die mehrköpfige Gestalt des Drachens aus der ugaritischen Tradition (vgl. KTU 1.3 III,38–42). Der Akt der Zerschlagung symbolisiert hier nicht allein den Sieg über das Chaos, sondern auch dessen rituelle Aneignung: Der geschlagene Drache dient zur Speise. Die Wendung „zur Speise gegeben dem Volk der Wüstentiere“ (maʾǎkāl lǝʿām lǝṣîjîm) lässt sowohl eine metaphorische Andeutung auf biblische Erzählungen – Israels Versorgung in der Wüste – als auch eine mythologisch-rituelle Interpretation zu, bei der die Macht des Chaoswesens angeeignet wird.

Vergleichbare Motive finden sich in altägyptischen Ritualtexten. Im thebanischen Papyrus pBM 10188 (30,14f.) wird beschrieben, wie → Apophis, der als Schlange dargestellte Gegner des Sonnengottes, geschlachtet und den Göttern zum Verzehr gegeben wird („Alle Götter empfangen ihre Fleischportion von dir“). Auch die Osirisliturgie kennt entsprechende Vorstellungen: In der 6. Tagesstunde der Stundenwachen (ν–ξ) erbitten Priester ein Gemetzel an → Osiris’ Feinden, deren Fleisch den Göttern dargebracht wird.

Robert Ritner betont, dass das rituelle Verschlingen im Kontext altägyptischer Magie nicht allein Zerstörung bedeutet, sondern insbesondere die Einverleibung der mit dem Objekt verbundenen Kräfte. Wer einen Gott oder Dämon in dieser Vorstellungswelt verschlingt, eignet sich dessen Kraft an: „Verzehr bedeutet die Aufnahme eines Objekts und den Erwerb seiner Vorzüge oder Eigenschaften. Alternativ kann die Handlung auch eine primär feindliche Funktion haben, wobei ‚verschlingen‘ so viel wie ‚vernichten‘ bedeutet – selbst dann bleibt jedoch oft der Gedanke des Machtgewinns erhalten“ (Ritner 2008, 103).

Diese Vorstellung wird in spätantiker rabbinischer Literatur fortgeführt. Laut bBaba Batra 75a bereitet JHWH am Ende der Tage den Gerechten ein Festmahl aus dem Fleisch des Leviatan. Whitney sieht darin die Transformation eines kanaanäischen Mythologems in die rabbinische Endzeitvorstellung (Whitney 2017, 181). Laut Bergmann wird das besiegte Chaos in das Motiv des eschatologischen Mahls integriert, in dem das Überwundene zur Nahrung der Gerechten wird (Bergmann 2019, 268ff.). Das überwundene Chaos wird zur Nahrung und somit zur Quelle der Gerechtigkeit für die Erwählten.

In Ps 74,14 wird Leviatan nicht einfach vernichtet, sondern als Opfergabe kultisch integriert. Das Zerschlagen seiner Köpfe führt zu einem rituellen Transfer: Die chaotische Kraft des Drachens wird der von Gott garantierten Ordnung einverleibt – als Speise, als kultische Handlung und als Symbol göttlicher Souveränität.

2.3. Ps 104,26 - Göttliches Spielzeug

Im Gegensatz zu den gewaltgeladenen, theopolitisch aufgeladenen Darstellungen des Leviatan in Jes 27,1 und Ps 74,14 wirkt er in Ps 104,26 regelrecht harmlos: „Dort ziehen Schiffe dahin, der Leviatan, den du gebildet hast, um mit ihm zu spielen“ (šām ʾånîjôt jǝhallekhûn liwjātān zæh jāṣartā lǝśaḥæq bô). Die Stelle ist eingebettet in einen Abschnitt, der das Meer als Raum göttlicher Schöpfung und Fülle preist (Ps 104,24–26). Leviatan wird nicht als Feind dargestellt, sondern als integraler Bestandteil des göttlich geordneten Kosmos – ein Geschöpf, das Gott selbst zu seinem Spiel (lǝśaḥæq) erschaffen hat. Der hebräische Begriff śāḥaq („spielen“) bezeichnet fröhliches Spiel oder auch das souveräne göttliche Lachen (vgl. Ps 2,4); seine genaue Bedeutung bleibt hier jedoch offen.

Besonders auffällig ist die Entdramatisierung des Leviatan. Er erscheint weder als Gegner noch als bedrohliche Macht. Seine Existenz bezeugt vielmehr die freie und überbordende Schöpfungskraft JHWHs. Damit wird das traditionelle Chaoskampf-Motiv (→ Chaos / Chaoskampf) bewusst umgekehrt: Statt Kampf und Zerstörung steht hier spielerische Kontrolle im Vordergrund. Die Nähe Gottes zum Leviatan wirkt fast zärtlich – ein Kontrast, der in der theologischen Rezeption häufig als Ausdruck göttlicher Souveränität interpretiert wurde, die keiner Gewaltanwendung mehr bedarf (vgl. Hi 40,29).

In der rabbinisch-jüdischen Rezeption (z.B. bBaba Batra 75a) wurde der Vers allegorisch auf die Endzeit umgedeutet: Leviatan dient dabei als zukünftige Speise, zugleich aber auch als Symbol für die Gotteskindschaft, die an göttlichem Spiel und Freude teilhat. Die Septuaginta übersetzt das hebräische lǝśaḥæq mit empaízesthai („zum Spielen“) und bewahrt damit die ursprüngliche Aussage, ohne die spätere eschatologische Deutung anzudeuten.

Innerhalb der bisher aufgeführten biblischen Leviatan-Texte nimmt Ps 104,26 eine besondere Stellung ein: Das Ungeheuer wird weder zerstört noch bekämpft. Vielmehr wird es als Teil der Schöpfung wahrgenommen, bewundert und integriert. Der einstige Chaosdrache erscheint so als spielerisch gezähmtes Wesen im Dienst göttlicher Schöpfermacht. Damit wird Leviatan nicht als bloßer Antagonist gedacht, sondern als Element einer Schöpfungsordnung, die auch das Potenzial des Chaotischen umfasst. Dies ist eine theologische Verschiebung vom dualistischen Ordnungsmodell (Gott gegen das Chaos) hin zu einer inklusiveren Kosmologie, in der auch das Fremde, Wilde oder vormals Bedrohliche funktional eingebunden ist. Vergleichbare Vorstellungen finden sich auch außerhalb der Bibel, etwa im ägyptischen Papyrus Insinger (32,1–6), wo die Schöpfung des Erdbodens ausdrücklich mit einem zyklischen Prozess des Zeugens, Verschlingens und erneuten Zeugens verbunden ist. Chaos und Schöpfung erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als ein dynamisches Zusammenspiel, das den Kosmos trägt.

2.4. Hi 3,8 - Manipulierbares Zerstörungswesen

In Hi 3,8 tritt Leviatan im Kontext einer rituellen Fluchbeschwörung auf (→ Fluch / Fluchspruch): „Es sollen ihn verfluchen, die Verflucher des Tages, die fähig sind, Leviatan zu wecken“ (ʾorǝrê jôm […] ʿorer liwjātān). Die Formulierung verweist auf spezialisierte Bannsprecher, die das Chaos gezielt heraufbeschwören können. Anders als in Jes 27 oder Ps 74 erscheint Leviatan hier nicht als direkter göttlicher Feind, sondern als aktivierbare, manipulierbare Zerstörungskraft, die einer performativen Gegenschöpfung dient.

Hiobs Fluch zielt auf die Tilgung seiner eigenen Existenz – nicht bloß als Verlangen nach Nichtsein, sondern als aktiver Gegenzauber gegen die göttliche Schöpfung. „Ausgelöscht werde der Tag, an dem ich geboren werde“ (Hi 3,3) stellt Hiobs Geburtsmorgen parallel zum Schöpfungsmorgen in Gen 1. Er ruft die Verflucher des Tages an, die Leviatan wecken sollen, um den Tag zu vernichten. Damit bedient sich Hiob bewusst Sprache und Funktion altorientalischer Chaosbeschwörung. Wie Ritner mit Blick auf die altägyptische Magie (→ Magie [Ägypten]) formuliert, zielt ein solches Verfahren darauf, eine kosmische Ordnung zerstörerisch außer Kraft zu setzen, damit Raum für eine persönliche Forderung entsteht (Ritner 2008, 102f.).

Vergleichbare rituelle Strategien begegnen in der ägyptischen Osirisliturgie. So wird der durch das Ritual zu belebende Tote etwa in Spruch 18 der Stundenwachen (2. Stundenwache) wie folgt beschworen: „Die Wärme auf deinem Mund (7) ist der Hauch, der aus den Nüstern des Seth kommt. (8) Vernichtet werden sollen die Winde des Himmels, (9) wenn die Wärme in deinem Mund vernichtet wird. (10) Ausgehen sollen dem Himmel seine Sterne, wenn die Wärme in deinem Mund ausgeht“ (Assmann 2008, 352f.). Ähnlich opfert Hiob in seiner Beschwörung bewusst die kosmische Ordnung, nicht aus nihilistischem Antrieb, sondern um Gott zu provozieren. Sein Ziel ist es, durch die maximale Intensität ritueller Sprache eine Umkehr des göttlichen Ratsbeschlusses zu erzwingen. Die Anrufung Leviatans geschieht nicht aus Resignation, sondern ist ein Versuch, über die Aneignung der Sprache kultischer Spezialisten eine personale Gegenposition zur göttlichen Weltordnung zu beziehen (vgl. Grunert 2024, 224ff.).

In Hi 7,12 fragt er polemisch, ob er selbst ein → Tannin sei, dass Gott ihn derart streng bewachen müsse. In Hi 9,13–22 spielt er auf Gottes Zorn gegen → Rahab an, um die ihm genehme Weltordnung wiederzuerlangen. Mythologische Sprachbilder, die traditionell Gottes Größe betonen, werden von Hiob gegen Gott gewendet. Daraus zieht Hiob das bittere Fazit: „Den Vollkommenen wie den Übeltäter vernichtet er“ (Hi 9,22).

Innerhalb des Hiobbuchs ist Hiob der Einzige, der das Chaos-Motiv aktiv instrumentalisiert – nicht um das Chaos zu bannen, sondern um es gezielt als Anklage gegen die bestehende, von ihm als ungerecht empfundene Ordnung einzusetzen und deren Umkehr zu seinen Gunsten zu bewirken.

2.5. Hi 40,25-41,26 Königlicher Agent des Chaos

Die ausführlichste biblische Darstellung des Leviatan findet sich in Hi 40,25–41,26 innerhalb der Gottesreden. Im Unterschied zu Hi 3,8 oder Ps 74,14, wo Leviatan beschworen oder bezwungen wird, erscheint er hier als unzähmbares, von Gott erschaffenes Wesen – Ausdruck göttlicher Kreativität und Souveränität. Leviatan entzieht sich jeglicher menschlichen Kontrolle und versetzt sogar Fürsten in Schrecken (Hi 41,17). Der Abschnitt schließt mit der Feststellung: „Er ist König über alle Söhne des Stolzes“ (Hi 41,26). Diese Aussage bündelt die theologische Aussage des Textes: Leviatan stellt keine randständige Bedrohung dar, sondern eine zentrale Figur göttlicher Weltregierung – einen Agenten des Chaos im Dienst des Schöpfers.

Das Hiobbuch greift damit eine zentrale Frage altorientalischer Schöpfungstheologie auf: das Verhältnis zwischen Schöpfer und dem zivilisationsfeindlichen Chaos. Anders als etwa in Offb 12,9, wo der Drache mit dem Satan identifiziert und endgültig vernichtet wird, vermeidet Hi 40–41 eine solche Dualisierung. Leviatan wird nicht bekämpft, sondern wie in Ps 104 bestaunt; er ist nicht Gottes Feind, sondern Bestandteil seiner Ordnung – wenn auch an deren äußerstem Rand. Chaos erscheint nicht als Ausnahmezustand, sondern als notwendige Grenzgestalt eines Kosmos, der sich der Ordnungsgewalt von Statusträgern wie Hiob entzieht.

Hiob selbst hatte zuvor – unwissend über die Ereignisse im himmlischen Rat (Hi 1-2) – Leviatan (Hi 3,8), Tannin (Hi 7,12) und Rahab (Hi 26,12) als Symbole einer zerstörerischen Gegenmacht interpretiert. Diese Deutung wird in Hi 40–41 grundlegend korrigiert: Leviatan bleibt zwar bedrohlich, ist jedoch kein Gegengott, sondern eine Kreatur Gottes – ähnlich wie → Behemot (Hi 40,15–24), der ihm als Pendant zur Seite gestellt wird. Beide repräsentieren das Wilde, Unverfügbare und Unzähmbare, das dennoch in Gottes Kosmos aufgehoben bleibt.

Auffällig ist die Parallele zwischen Leviatan und dem → Satan aus Hi 1–2: Beide wirken als von Gott eingesetzte Prüfsteine und handeln nicht autonom, sondern im Rahmen göttlicher Souveränität. Leviatan erfüllt nicht trotz, sondern wegen Gottes Willen seine Rolle als „Haupt über die Söhne des Stolzes“ (roʾš livnê šāḥaṣ). Diese Wendung zielt nicht allein auf mythische Wesen, sondern – im Licht der Elihu-Reden – auch auf Macht-Menschen wie Hiob, die sich zuweilen selbst zum Maßstab der Weltordnung erheben könnten (vgl. Hi 29,18; Hi 36,7–12). Nach Elihu führt Gott solche Menschen durch das Leid zur Einsicht – nicht zur Bestrafung, sondern zur Umkehr (Hi 36,15–17). Leviatan wird damit zur konfrontativen Spiegelung eines auf Statusträger zentrierten Weltbildes.

Die Gottesrede verwendet die Leviatan-Beschreibung, um Hiobs Perspektive dahingehend zu erweitern. Er bildet nicht das Zentrum der Schöpfung, und göttliches Handeln entspricht nicht seinem begrenzten Ordnungsdenken. Stattdessen formuliert der Text eine schöpfungstheologische Dialektik: Der gute Schöpfer integriert auch das Chaos in seine Ordnung – ohne es zu relativieren oder menschlicher Kontrolle zugänglich zu machen. Hiobs Theologie, wonach Wohlverhalten göttlichen Segen garantiert (vgl. Hi 29), wird dadurch ebenso korrigiert wie die Theologie seiner Freunde (vgl. Hi 22,29).

Leviatan wurde so zu einer zentralen Figur für die theologische Auseinandersetzung mit Leid und Gottes Handeln in der Welt. Seine Existenz markiert das Nicht-Verfügbare in Gottes Schöpfung – nicht in Opposition zu Gott, sondern unter dessen souveränem Blick.

3. Deutung

In der Hebräischen Bibel erscheint Leviatan nicht nur als Symbol kosmischer Unordnung, sondern zugleich als Spiegel gesellschaftlicher Machtfragen. Er tritt nahezu ausschließlich im Umfeld politischer, kultischer oder ökonomischer Eliten auf: beim königsnahen Propheten (Jes 27,1), dem Tempeldichter (Ps 74,14) oder dem Großgrundbesitzer (Hi 3,8). Leviatan fungiert dabei als Chiffre für eine unkontrollierbare Gegenmacht, die sowohl göttlicher als auch menschlicher Souveränität entzogen ist – und genau dort thematisiert wird, wo diese ins Wanken gerät.

3.1. Schöpfungstheologie

Besonders in Hi 40,25–41,26 wird die politische Tiefendimension deutlich: Die Bezeichnung Leviatans als „König über alle Söhne des Stolzes“ (Hi 41,26) unterstreicht seine Funktion als Kontrastfigur zu Ordnungsmodellen, die auf gesellschaftliche Eliten zentriert sind.Die → Schöpfung erscheint nicht als Raum administrativer Kontrolle, sondern als Ausdruck göttlicher Freiheit. Gerade im Unterschied zu um Herrschergestalten zentrierte Kosmologien ist das bemerkenswert: Sargon von Akkad erklärte Kiš, seinen Ursprungsort, zum Modell einer geordneten Welt – kiššatum wurde zum Begriff für den gesamten, beherrschten Kosmos. Dagegen markiert Leviatan im Hiobbuch die Grenze menschlicher Machtsysteme – und entzieht sich jeder imperialen Vereinnahmung.

Vor diesem semiotischen Hintergrund ist Leviatan nicht naturalistisch zu verstehen. Zoologische Deutungen – etwa als → Krokodil – stoßen an Grenzen, insbesondere angesichts der Darstellung seiner übernatürlichen Eigenschaften (z. B. Feuerspeien, Hi 41,10–13). Gleichwohl versuchte man noch im 19. Jahrhundert, solche Phänomene naturkundlich zu erklären. So schrieb Franz → Delitzsch (1864, 495), der geöffnete Rachen eines sich sonnenden Krokodils könne „einen Reiz auf die Netzhaut und von da auf den Vagus ausüben“, was „die Reflexerscheinung des Niesens“ und damit eine „Lichterscheinung“ hervorrufe – eine Deutung, die heute allerhöchstens als pittoresk erscheint.

In modernen Forschungsdiskursen wird dagegen davon ausgegangen, dass Leviatan eine literarisch geformte Figur der kosmologischen Mythopoesie ist, in der die Grenze von „natürlich“ und „übernatürlich“ intentional überschritten wird. Vergleichbare Überlagerungen sind im altägyptischen Ritualgut belegt, etwa in der Apophis-Liturgie (pBM 10188), wo Mischwesen beschworen und in ihrer dämonischen Kraft gebunden werden.

Obwohl die Formgestalt des Leviatan in Teilen an europäische Drachenvorstellungen erinnert, bleibt er im biblischen Kontext eng mit maritimen Räumen (Meer, Urflut, große Flüsse) verbunden. Seine hebräischen Bezeichnungen beinhalten häufig Zusätze wie „Schlange“ (nāḥāš) oder „Ungeheuer“ (tannîn). Moderne Umschreibungen wie „Seedrache“ oder „Drachenschlange“ versuchen diese Assoziationen aufzugreifen (s.o. 1.).

Allerdings ist das Leviatan-Motiv nicht einheitlich gestaltet. Die fünf namentlichen Belege (Jes 27,1; Ps 74,14; Hi 3,8; Ps 104,26; Hi 40,25–41,26) stammen aus unterschiedlichen literarischen Kontexten und reflektieren verschiedene theologische Perspektiven:

  • Zerschlagung einer Chaosmacht (Jes 27,1; Ps 74,14),
  • rituelle Manipulation (Hi 3,8),
  • Integration in die göttliche Schöpfungsordnung (Ps 104,26),
  • symbolische Funktion innerhalb einer theozentrischen Weltregierung (Hi 40-41).

Diese Perspektiven stehen nicht in Widerspruch, sondern nebeneinander. Die Hebräische Bibel entfaltet kein systematisches Leviatan-Konzept, sondern eine dynamische Symbolfigur an der Schnittstelle von Kosmologie, Anthropologie und Krisenbewältigung.

3.2. Politische Symbolik

Schlangen- und Drachenwesen wie die ägyptische ʿApep, der ugaritische Lotan oder die mesopotamische → Tiamat sind bereits lange vor der Bibel belegt. Ihre Funktionen konzentrieren sich auf rituelle Kontexte, in denen Eliten oder Könige kosmische Bedrohung bewältigen. Drei Strategien dominieren:

  1. Zerstörung: Chaoswesen werden getötet, z. B. in den Neujahrstexten Babylons, im Baʿal-Mythos (→ Baal) oder in → Edfu.
  2. Rituelle Manipulation: Die chaotische Kraft wird rituell gebunden, etwa durch Bes-Zauber.
  3. Identifikation: Herrscher präsentieren sich als Drachenwesen (z. B. Šulgi-Hymnus C: „Ich bin eine Drachenschlange […]“), um transzendente Macht auszustrahlen.

Archäologische Funde aus der südlichen Levante zeigen dagegen eine klare Präferenz für apotropäische Schutzfiguren wie Bes, das Horusauge oder den → Uräus. Chaosschlangenmotive wie ʿApep sind äußerst selten; als eines der wenigen Beispiele sei ein Skarabäus aus Tell el-Farʿa-Süd (19. Dyn.; Grab 902C) genannt, der Seth-Baʿal beim Niederstoßen der Apophis-Schlange zeigt (Abb. 3).

Abb. 3: Skarabäus mit Darstellung des Seth-Baal beim Niederstoßen der Apophis-Schlange. Tell el-Farʿa-Süd, Friedhof 900, Grab 902C; 19. Dynastie (1292–1186 v.Chr.).

Leviatan ist daher nicht Ausdruck privater Frömmigkeit, sondern Teil einer gelehrten, schriftbasierten Kosmosdeutung. Solche Figuren dienten als Bestandteile einer „kognitiven Karte“ (Höppner 2005, 59), mit der Schreiber Bedrohung und Ordnung ins Verhältnis setzten.

Die biblischen Texte übernehmen dieses Motivarsenal – aber sie setzen es theologisch um:

  • Zerstörung – aber nur durch Gott: In Jes 27,1 tötet JHWH selbst den Leviatan mit seinem Schwert. Kein König greift ein. In Ps 74 erinnert sich das könig-lose Volk an Gottes frühere Taten. Die Gewalt gegen das Chaos ist exklusiv göttlich – nie delegierbar.
  • Manipulation – und ihre Entmachtung: In Hi 3,8 versucht Hiob, Leviatan zu beschwören – eine Strategie kultischer Eliten, die kosmische Ordnung durch Sprache beeinflussen wollten. Doch Hi 38–41 stellen diesem Zugriff eine Welt gegenüber, die sich menschlicher Kontrolle entzieht: Regen fällt in der Wüste, Tiere gebären unbeobachtet, der Mensch kennt die Himmelsordnungen nicht. Leviatan selbst (Hi 41) wird zum Inbegriff des Unverfügbaren: kein Zauber, kein Werkzeug, keine List wirkt gegen ihn.
  • Verweigerte Herrscher-Identifikation: Altorientalische Herrscher werden mitunter mit Drachenwesen bzw. Mischgestalten identifiziert oder als göttliche Hybride dargestellt. In der Hebräischen Bibel bleibt diese Form der Selbsterhöhung ausgeschlossen. Leviatan bleibt das Andere – großartig, furchteinflößend, aber nie mit dem Menschen verschmolzen. Psalm 104,26 treibt diese Abgrenzung auf die Spitze: Gott spielt mit Leviatan. Der Mensch beobachtet – mehr nicht.

Fazit: Die Hebräische Bibel übernimmt Bildsprache und Motivik altorientalischer Macht- und Chaosdiskurse, interpretiert sie aber theologisch neu durch Inversion: Gewalt ist nicht übertragbar (Jes 27; Ps 74), Kontrolle bleibt Illusion (Hi 38), Identifikation ist unzulässig (Hi 41; Ps 104). Leviatan markiert die Grenze menschlicher Verfügung – und verweist auf einen Gott, der sich entzieht und doch ordnet.

4. Rezeption

4.1. Rabbinische Tradition

In der rabbinischen Literatur erfährt der Leviatan eine deutliche Transformation. In bBaba Batra 74a–75a wird erzählt, wie Gott den Leviatan am Ende der Tage töten und sein Fleisch den Gerechten als Festmahl darbieten wird (→ Heilige Mahlzeit). Aus seiner Haut werde eine Sukka (eine Laubhütte) gefertigt, unter der die Erwählten sitzen. Die Szene verbindet Motive mythologischer Drachenbekämpfung mit eschatologischer Hoffnung, Vergeltung und liturgischer Umgestaltung.

Inhaltlich greift die Darstellung auf biblische Texte zurück – insbesondere auf Ps 74,14, wo Gott „die Köpfe des Leviatan zerschmettert“ und ihn „zur Speise gibt dem Volk der Wüstentiere“. Während Ps 74 Gottes vergangenes Eingreifen erinnert, projiziert bBaba Batra 75a die Szene in die Zukunft und gestaltet sie messianisch um. Auch gegenüber Hi 41, wo Leviatan als Furcht einflößendes, unzähmbares Geschöpf beschrieben wird, das Gottes Souveränität bezeugt, verschiebt sich der Akzent: Der Drache wird nicht nur beschrieben, sondern endgültig in die göttliche Ordnung überführt und aufgelöst.

Vergleichbare Motive sind aus altägyptischen Ritualen bekannt. Der Bremner-Rhind-Papyrus (BM EA 10188) etwa schildert das Schlachten der Chaosmacht → Apophis, deren zerstückelter Körper den Göttern zur Speise dient („alle Götter empfangen ihre Fleischportion von dir“). Die rabbinische Szene greift dieses Motiv der Einverleibung feindlicher Macht auf, jedoch mit ethisch-messianischer Umdeutung: Das vormals Bedrohliche wird nicht nur überwunden, sondern gewandelt.

Bemerkenswert ist, dass Leviatan als Meereswesen nicht den Speisevorschriften von Lev 11 entspricht. Dennoch wird sein Fleisch in bBaba Batra 75a zum Festmahl der Gerechten. Die Szene markiert eine eschatologische Welt, in der rituelle Unterscheidungen zwar nicht abgeschafft, jedoch durch göttliches Handeln transformiert sind. In späteren chassidischen Auslegungen wird dies als Zeichen einer künftigen Ordnung gedeutet, in der selbst das Unreine gewandelt wird.

Spätere mystische und philosophische Deutungen interpretieren Leviatan symbolisch weiter – etwa als Verkörperung des Yetzer Hara (Trieb zum Bösen) oder in Anlehnung an den Ouroboros, die sich selbst verschlingende Schlange als Symbol zyklischer Erneuerung. Whitney betont allerdings, dass solche Allegoresen in bBaba Batra 75a selbst nicht angelegt sind, sondern spätere Interpretationen darstellen (Whitney 2006, 256–265).

Die rabbinische Rezeption bewahrt zentrale Aspekte des biblischen Profils – insbesondere die exklusive Rolle Gottes bei der Überwindung des Chaos – und entwickelt sie weiter in Richtung einer eschatologisch transformierten Weltordnung. Der Leviatan wird nicht mehr nur gefürchtet oder bestaunt, sondern steht im Zentrum einer künftigen Gerechtigkeit: als Zeichen der Transformation des Chaos in etwas Gutes und der Vollendung göttlicher Verheißungen.

4.2. Alte Kirche

Die altkirchliche Rezeption des Leviatan ist durch eine konsequente allegorische Deutung geprägt, die das biblische Drachenmotiv entpolitisiert und in das christologische Heilsverständnis integriert. Kosmologische, politische und anthropologische Dimensionen der alttestamentlichen Texte treten zugunsten einer dämonologisch-gegengöttlichen Lesart zurück.

4.2.1. Entpolitisierung und imperiale Loyalität

Im Kontext wachsender Übereinstimmung mit dem römischen Staat wurde das Bild des Leviatan zunehmend von der politischen auf die geistliche Ebene verschoben. Besonders nach der konstantinischen Wende wurde Leviatan nicht mehr als Symbol imperialer Gewalt (vgl. Jes 27,1; Ps 74,13f.), sondern als Darstellung einer abstrakt-bösen Macht gedeutet. In Expositio in Iob (3,8) bezeichnet Julian von Eclanum den Leviatan als „grausamen Drachen“, der aus dem Meer emporsteigt, um Tod und Verführung zu bringen – im Gegensatz zur positiven Darstellung in Ps 104,26, wo Gott mit ihm „spielt“.

4.2.2. Verinnerlichung von Feindschaft

Leviatan wird in der patristischen Literatur zum Sinnbild innerer Verderbtheit. Gregor der Große interpretiert in seinen Moralia in Iob (33,21f.; 33,44f.) die „Nasenlöcher“ des Leviatan als versteckte Versuchungen, die durch den Ring göttlicher Gnade gebändigt werden. Die Schuppen des Tieres stehen für verhärtete Sünder, die durch gegenseitige Schuld so eng verbunden seien, dass „kein Hauch der Ermahnung“ eindringen könne (Moralia in Iob 33,54f.). Origenes sieht in den Fragmenta in Iob (28,95) in Leviatan ein Wesen, das sich mit „Masken der Tugend“ tarnt; seine Glieder seien die Irrlehrer, deren Mund „flammende Reden“ gegen den Schöpfer hervorbringe.

4.2.3. Christologisierung des Drachenkampfes

In der patristischen Auslegung wird der Kampf gegen Leviatan als Typus für Christi Sieg über das Böse gelesen (vgl. Offb 12; Offb 20). Gregor der Große beschreibt in Moralia in Iob 33,37 den Leviatan als „in Ketten gelegte Bestie“, die am Jüngsten Tag vor Engeln und Erwählten gerichtet werde. Julian der Arianer interpretiert Hi 40,32 als Hinweis auf die Tilgung der Schuld des Teufels gegenüber der Menschheit (Commentarius in Iob 40,32). Ephraem der Syrer verkündet in seinem Commentarius in Iob 41,2f. den endgültigen Triumph Christi.

Der Leviatan dient somit zur Illustration göttlicher Allmacht; Ambivalenzen, wie sie Ps 104,26 bietet („den du gemacht hast, um mit ihm zu spielen“), bleiben unberücksichtigt. Die Auslegung folgt einem klaren dualistischen Schema: Gott steht für das Reine, der Drache für das Unreine; der Kampf gilt als entschieden, das Ende als besiegelt.

4.3. (Westliche) Moderne Popkultur

In der westlichen Traditionsbildung ist Leviatan nie zu einem integralen Bestandteil religiöser oder kultureller Symbolik geworden. Während das europäische Mittelalter eine reiche Drachenüberlieferung kennt – etwa im Mythos vom heiligen Georg –, handelt es sich dabei um eigenständige Entwicklungen. Der biblische Leviatan bleibt dagegen eine Fremdfigur mit begrenzter Wirkungsgeschichte. Seit der spiritualisierenden Allegorese der Kirchenväter (→ Bibelauslegung, christliche) verliert das Motiv an Aussagekraft.

Gleichwohl verschwindet Leviatan nicht vollends aus der Überlieferung. In esoterischen und okkultistischen Kontexten wird der Name weiterverwendet, oft mit dem Ziel ritueller Aneignung von Macht. Diese Vorstellung steht jedoch im Gegensatz zum biblischen Befund, der Leviatan als unzähmbares Geschöpf innerhalb göttlicher Souveränität beschreibt. Okkultistische Beschwörungen – etwa in LaVeys Satanic Mass – rekurrieren stärker auf romantische Magier-Bilder des 19. Jahrhunderts als auf das biblische Profil.

Einen paradigmatischen Neuzugang zur Deutungsgeschichte liefert Thomas Hobbes mit seinem Werk Leviathan (1651). Der biblische Drache wird darin zum Bild des Staates – eines übermächtigen, künstlich geschaffenen Souveräns, der die Einzelwillen zum Zweck der Friedenssicherung zusammenführt. Der Leviatan ist hier kein Feind Gottes mehr, sondern eine politische Metapher: ein „künstlicher Mensch“, der Leben und Tod regelt, um Ordnung zu garantieren. Thomas Hobbes entmythologisiert die Figur des Leviatan und überführt sie in eine politische Anthropologie: Die göttlich-unverfügbare Machtgestalt wird zum Symbol staatlicher Souveränität – ein Kunstwesen aus zivilisatorischen Konstrukten, das Schutz durch Kontrolle verspricht. Damit ersetzt Hobbes die biblische Unverfügbarkeit Gottes durch ein säkular rationalisiertes Machtmodell. Die Problematik einer solchen Festlegung göttlicher Souveränität auf politisch-institutionelle Ordnungen wurde vielfach thematisiert (vgl. Martinich 1992).

Diese Transformation steht in einer Tradition altorientalischer Bildstrategien, in denen Chaoswesen als Projektionsflächen für imperiale Machtdarstellung dienten. Hobbes säkularisiert diese Symbolik und knüpft damit an Muster an, die in der christlichen Auslegung über lange Zeit unterdrückt oder verdrängt worden waren. Die nachhaltige Wirkung seiner Neuinterpretation zeigt sich bis heute: In der gegenwärtigen Forschungsliteratur ist Hobbes’ Leviatan oft präsenter als Jes 27 oder Hi 41. Der Name steht auch im aktuellen Diskurs weniger für ein mythologisches Ungeheuer als für ein Konzept moderner Staatlichkeit.

Die Popularität dieser Neuinterpretation verweist zugleich auf das Unbehagen, das das biblische Motiv in der christlichen Tradition ausgelöst hat. Schon die Kirchenväter versuchten, die Ambivalenz des Chaoswesens durch allegorische Lesarten zu entschärfen. In der neuzeitlichen Exegese wird dieser Zugriff durch naturalistische Deutungen ersetzt: Leviatan als Elefant, Nilpferd, Krokodil oder – im neuhebräischen Sprachgebrauch – als Wal. Auch die zoologische Benennung des „Pottwals Leviathan“ (1799) und seine Aufnahme in Herman Melvilles Moby Dick reflektieren diesen Rationalisierungstrend, ohne das mythische Erzählpotenzial vollständig zu ersetzen.

Gerade in populärkulturellen Kontexten lebt dieses Potenzial wieder auf. In Horror-, Fantasy- und Actiongenres erscheint Leviatan – häufig gemeinsam mit → Behemot – als Symbol unkontrollierbarer Urgewalt: als Endgegner, apokalyptische Bestie oder Repräsentant des radikal Anderen. Diese Darstellungen knüpfen unbewusst an altorientalische Motivlagen an: Leviatan wird nicht als Tier, sondern als Gegenmacht dargestellt.

Besonders deutlich wird dies in subkulturellen Ausdrucksformen wie Heavy Metal, Science-Fiction und Gaming. Anders als im Okkultismus bleibt hier die Unverfügbarkeit des Chaoswesens bestehen. Leviatan erscheint als ästhetische und narrative Herausforderung – nicht als kontrollierbare Größe, sondern als Konfrontation mit einer Macht, die sich dem Zugriff entzieht. In dieser Rezeption zeigt sich überraschend deutlich die theologische Tiefe des biblischen Motivs.

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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  • Delitzsch, Franz, 1864, Das Buch Hiob (BC IV/2), Leipzig.
  • Grunert, Volker, 2024, Hiobs Kosmos. Eine Kontextualisierung im Rahmen spätzeitlicher Krisen- und Leidensbewältigung (ORA 60), Tübingen.
  • Kamionkowski, S. Tamar, 2017, Leviathan, in: Rasmus Nilsen (Hg.), Playing with Leviathan. Interpretation and Reception of Monsters from the Biblical World, Leiden, 83–94.
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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: Pharao mit der ägyptischen Doppelkrone, dargestellt als Horus, besiegt die chaotische Schlange Apophis. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
  • Abb. 2: Drache (hier eine siebenköpfige Schlange) als Chaoswesen, das die göttliche Heilsordnung bedroht. Die Götter und – als ihre Stellvertreter – die irdischen Könige müssen das Chaos im Zaum halten (Rollsiegel; Tell Asmar; 3. Jt. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
  • Abb. 3: Skarabäus mit Darstellung des Seth-Baal beim Niederstoßen der Apophis-Schlange. Tell el-Farʿa-Süd, Friedhof 900, Grab 902C; 19. Dynastie (1292–1186 v. Chr.). BODO ID 16707; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg Schweiz.

Abbildungen

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