Aschera
Andere Schreibweise: Asherah (engl.)
(erstellt: Februar 2026)
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1. Name
Der biblische Name Aschera (hebräisch ʼăšerāh אֲשֵׁרׇה) ist etymologisch von einer Form ’ṯrt abzuleiten, wie sie in der schriftlichen Überlieferung der Nachbarkulturen, insbesondere in Ugarit, belegt ist (s.u. 2.). Der Zischlaut š (שׁ) des hebräischen Namens kann sprachgeschichtlich auf den Interdental ṯ zurückgeführt werden, für den das hebräisch-aramäische Kurzalphabet keine Ausdrucksmöglichkeit kennt (→ Alphabet
Die masoretische Vokalisierung der biblischen Namensform lässt auf eine ursprüngliche Lautung ’Aṯirat des kanaanäischen Namens schließen. Es handelt sich grammatikalisch um ein weibliches Substantiv. Im Bibeltext ist neben der Form ʼăšerāh אֲשֵׁרׇה auch häufig ein Plural ’ăšerîm אֲשֵׁרִים bzw. ’ăšerôt אֲשֵׁרֹות bezeugt (s.u. 3.1.). Aufgrund der unterschiedlichen orthographischen Wiedergabe des Namens in den antiken Textzeugnissen sind in der Fachliteratur verschiedene Transkriptionen in Gebrauch: ’Aṯirat, Athiratu, ’Aṯirtu, ’Ašerah, Ascherah usw. Im Interesse der Übersichtlichkeit wird im Folgenden der eingebürgerte Name Aschera gebraucht – wo nötig ergänzt um die konkret vorliegende Schreibung der jeweiligen Quelle.

Die → Septuaginta

Die Deutung des Namens Aschera als „heiliger Ort, Kultplatz“ hängt auch mit der Etymologie der zugrundeliegenden Wurzel ’ṯr zusammen, für die eine Bedeutung „Spur, Ort, Stelle“ in den semitischen Sprachen weithin verbreitet ist. Allerdings wurden auch andere etymologische Erklärungen des Namens vorgeschlagen wie etwa „(auf dem Meer) wandelnd“ oder „glänzend“. Die quellenbedingt schwierige Funktionsbestimmung der Gottheit im Pantheon der verschiedenen Kulturräume macht jeden Versuch einer Erklärung ihres Namens problematisch (s.u. 5.).
Ob Aschera mit der in ägyptischen Quellen genannten Göttin Qudš(u) gleichzusetzen ist (→ Göttin
2. Eine Göttin des kanaanäischen und südarabischen Pantheons
2.1. Die frühesten Quellen
Die ältesten Belege für eine Gottheit namens Aširatu bzw. Ašratu (sumerisch Gubarra) begegnen in akkadischen Texten der altbabylonischen Zeit (→ Babylonien
2.2. In Ugarit
Die ausführlichsten Informationen zu Aschera sind in den in alphabetischer Keilschrift geschriebenen literarischen Texten aus Ugarit aus der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. zu finden. Im ugaritischen Baal-Zyklus tritt Aschera (’aṯrt) als Mutter („Schöpferin“) zahlreicher Götter (qnyt ’ilm) in Erscheinung, die ihrerseits als „Söhne der Aschera“ (bn ’aṯrt) bezeichnet werden (TUAT.NF 8, 209f., 214; → Muttergöttin
2.3. In Phönizien, bei den Israeliten und Philistern
Dem ugaritischen Epos über König Keret (Kirta) lässt sich entnehmen, dass die Göttin Aschera ein Heiligtum in der phönizischen Küstenstadt → Tyrus
Direkte Hinweise auf einen Aschera-Kult im südlichen Palästina liefern die aus dem 9.-8. Jh. v.Chr. stammenden Inschriften aus Kuntillet ‘Aǧrūd und Chirbet el-Qōm, die Aschera dem israelitischen Gott Jahwe zur Seite stellen (s.u. 4.). Dass die Göttin auch bei den → Philistern
2.4. In Südarabien
Eine Göttin namens ’Aṯirat (in altsüdarabischer Orthographie ’ṯrt, ganz wie in Ugarit) ist auch in mehr als 50 Inschriften aus dem antiken Jemen (→ Saba

2.5. Charakterisierung
Die insgesamt spärliche Dokumentation macht eine Funktionsbestimmung der Göttin im levantinisch-arabischen Raum in der 1. Hälfte des 1. Jahrtausends v.Chr. nicht leicht. Ihr aus den mythologischen Texten von Ugarit abzulesender Charakter als Gemahlin des Schöpfergottes und Mutter zahlreicher Gottheiten sowie ihre explizite Verbindung mit Kindsgeburt in den altsüdarabischen Weihinschriften legen nahe, dass Aschera insbesondere im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit verehrt worden ist. Direkte Anhaltspunkte dafür, wie entsprechend ausgezeichnete Votivgaben in Heiligtümern, sind außerhalb Südarabiens allerdings nicht überliefert. Die diversen ikonographischen Repräsentationen weiblicher Figurinen mit betonten Geschlechtsmerkmalen (Abb. 3) oder Baumdarstellungen sowie Löwenattribute (Abb. 4) als Ausdruck von Fruchtbarkeit bzw. kriegerischen Aspekten müssen keineswegs notwendig mit der Göttin Aschera in Verbindung stehen, auch wenn dies nicht auszuschließen ist (Frevel 1995, 767-898). Die sich abzeichnende Verbreitung kultischer Verehrung der Aschera neben Jahwe in der israelitischen Königszeit (s.u. 4.) macht es jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass die aus der Eisen II-Zeit zahlreich überlieferten sogenannten Säulenfigürchen oder Pfeilerfigurinen (Abb. 5) als Ausdruck privater Frömmigkeit tatsächlich diese und keine andere Göttin repräsentieren (→ Göttin

3. Aschera im Alten Testament
3.1. Die Belege
Das Wort ist im AT insgesamt 40mal belegt, davon 22mal im Plural, wobei die männliche Pluralform ’ăšerîm אֲשֵׁרִים mit 19 Belegstellen gegenüber der weiblichen ’ăšerôt אֲשֵׁרֺות deutlich überwiegt. Der Großteil der Belege verteilt sich auf die Geschichtsbücher Ri, Kön und Chr. In diesen vom → Deuteronomismus

In den prophetischen Büchern findet Aschera nur ganz vereinzelt Erwähnung (Frevel 1995, 251-254 spricht vom „Ascheraschweigen“ der Propheten); die betreffenden Passagen (Jes 17,8
Die verschiedenen Kontexte der alttestamentlichen Belege lassen den Schluss zu, dass unter Aschera sowohl die Gottheit selbst (etwa in Parallelität zu dem oft in einem Atemzuge mitgenannten Baal) als auch ein diese Gottheit repräsentierendes kultisches Objekt (wie es die älteren Übersetzungen suggerieren) verstanden werden konnte. Die Texte liefern klare Indizien für beide Interpretationen, wie in den beiden folgenden Abschnitten ausgeführt wird.
3.2. Aschera als Gottheit
Eindeutig als Name einer Göttin muss Aschera in der bekannten Erzählung vom sogenannten Gottesurteil auf dem Berg → Karmel
Doch auch im Südreich Juda wurde die Göttin verehrt. Konkret wird davon berichtet, dass die Königinmutter → Maacha
Für eine Identifizierung der in Jer 7,18
3.3. „Aschera“ als Kultbild
Während der Gottesname an vereinzelten Stellen mit einem spezifizierenden Substantiv „Skulptur“ (pæsæl פֶּסֶל vgl. 2Kön 21,7
Da in Dtn 16,21
Der Bericht über die josianische Kultreform in 2Kön 23 legt nahe, dass ein Kultbild der Aschera im Innern des Tempels von Jerusalem gestanden hat. Hingegen lassen Texte wie Ri 6,25
4. Aschera und Jahwe
4.1. Der inschriftliche Befund
In den 1970er Jahren kamen an zwei ganz unterschiedlichen Stellen im Süden Palästinas mehrere althebräische Inschriften zutage, die den israelitischen Gott Jahwe in enge Beziehung zu Aschera setzen. In all diesen Texten wird im Rahmen formelhafter Wendungen der Segen von „Jahwe und seiner Aschera“ (jhwh w-ʼšrt-h) beschworen. Bei der ersten Fundstelle, mit modernem Namen Kuntillet ‘Aǧrūd, handelt es sich um einen kleinen befestigten Stützpunkt im Nordosten des Sinai am Handelsweg nach Ägypten, der um die Wende vom 9. zum 8. Jahrhundert v.Chr. in Betrieb war und aufgrund inhaltlicher und paläographischer Kriterien der dort gefundenen Inschriften politisch dem Nordreich Israel zugeschlagen wird (Meshel 2012; Renz 1997, 5f.; Naʼaman 2013). Die relevanten Texte (HAE I, 47-64; Meshel 2012, 73-142; TUAT.NF 6, 314-319) wurden mit Tinte auf zwei Vorratskrüge aus Ton geschrieben (Pithos A und B, Abb. 6), die in situ in einem Raum im Eingangsbereich der Befestigungsanlage gefunden worden sind. Ein vergleichbarer Schriftzug wurde auf dem Putz der Wand desselben Raumes hinterlassen.
Die Texte enthalten die einleitenden Bestandteile eines Briefformulars, wie es aus der eisen- und perserzeitlichen Korrespondenz des levantinischen Raumes bekannt ist (Schwiderski 2000, 28-42). Auf die Adressierung des Schreibens („Botschaft von X. Sprich [folgendes] zu Y [und Z...]!“) und die Erkundigung nach dem Ergehen des Adressaten (Pithos B: „Geht es dir gut?“) folgt eine standardisierte Segensformel, die nur im Beinamen der angerufenen Gottheit variiert: „Ich segne euch (bzw. dich) durch Jahwe von Samaria (bzw. Jahwe von Teman) und durch seine Aschera“ (brkt ’tkm [bzw. brkt-k] l-jhwh šmrn [bzw. l-jhwh tmn] w-l-’šrt-h). Mit Samaria (hebr. Šomərôn שֹׁמְרֺון), der von → Omri
Neben diesen Formularen finden sich zahlreiche weitere Kritzeleien (u.a. ein → Alphabet

Der zweite Fundort, → Chirbet el-Qōm

Die aus den Inschriften ablesbare Verbindung des israelitischen Gottes Jahwe mit Aschera sorgt in der Wissenschaft bis heute für Kontroversen. Zwar scheint sich ein Großteil der Forscher mit der Existenz einer kultischen Instanz neben Jahwe arrangiert zu haben (→ Jahwe/JHWH
4.2. Hinweise im Alten Testament
Die einschlägigen Belegstellen in den Königebüchern (s.o. 3.2.-3.3.) lassen darauf schließen, dass für das 9.-8. Jahrhundert v.Chr. von einer Verehrung der Göttin Aschera in Gestalt hölzerner Kultbilder in den Heiligtümern Jahwes in Israel und Juda auszugehen ist (→ Göttin

Aufschlussreiche Hinweise ergeben sich auch bei genauer Betrachtung des Berichts über die Kultreform → Josias
4.3. Nachleben in der Perserzeit?
Ob die Verehrung Ascheras in Jerusalem tatsächlich mit Josias Reform zum Erliegen kam oder erst im Zuge des Zusammenbruchs nach 587 v.Chr., hängt auch an der Frage der religionsgeschichtlichen Beurteilung der deuteronomistischen Literatur (Pakkala 2017). Eine Verbindung Jahwes (in der Form Jahû) mit anderen (weiblichen) Gottheiten, darunter eine Anat-Jahû, ist jedenfalls noch im ausgehenden 5. Jh. v.Chr. in der Korrespondenz der judäo-aramäischen Kolonie von → Elephantine
5. Quellenkritisches Nachwort
Die Identifizierung der biblischen Aschera mit einer kanaanäischen Göttin beruht in erster Linie auf der (weitgehend unstrittigen) etymologischen Übereinstimmung des hebräischen Namens mit dem in außerbiblischen Quellen des 2. und 1. Jahrtausends v.Chr. nachgewiesenen Gottesnamen ’Aṯirat. Die darüber hinaus ins Spiel gebrachten religionsgeschichtlichen, epigraphischen und archäologischen Indizien für eine Kontinuität des Kultes dieser kanaanäischen Gottheit im eisenzeitlichen Palästina und seine Integration in die Religion des vorexilischen Israel und Juda werden unvermindert kontrovers diskutiert. Eine methodische Schwierigkeit besteht dabei in der Verschiedenartigkeit und Vieldeutigkeit der vorhandenen Quellen, die einen direkten Vergleich überlieferter Erscheinungsformen, Attribute oder möglicher Funktionen der Göttin in den einzelnen Perioden und Kulturräumen erschweren. Es stellt sich die Frage, inwieweit zufällige Mosaiksteinchen aus so unterschiedlichen Gattungen wie mythologischen Texten, Briefformularen, unbeschrifteten Figurinen oder in viel späterer Zeit verfassten theologisch-historiographischen Reflexionen überhaupt geeignet sind, epochenübergreifend ein klares, unanfechtbares Bild der Gottheit zu zeichnen (vgl. Berlejung 2007). Doch auch die einzelnen Quellengattungen für sich genommen sind in ihrer Deutung nicht unumstritten. So lässt sich die religionsgeschichtliche Aussagekraft zahlreicher Bibelstellen, die erst lange nach den berichteten Ereignissen aufgezeichnet wurden, natürlich hinterfragen. Texte, die einem (spät-)deuteronomistischen Entstehungshorizont zuzurechnen sind, geben zunächst die theologische Perspektive ihrer Autoren wieder, die sich mit der historischen Realität früherer Jahrhunderte nur bedingt decken muss. Und selbst die zeitgenössischen Quellen lassen oft mehr als eine plausible Deutung zu. Beispielhaft sei nur auf die Bes-artigen Figuren auf einem der Krüge aus Kuntillet ‘Aǧrūd (Abb. 6) hingewiesen, deren (stets gut begründete!) Interpretationen von Schülerzeichnungen ohne jegliche religiöse Funktion über apotropäische Darstellungen zum Schutz vorbeiziehender Reisender bis hin zur Illustration des in der Inschrift darüber genannten Götterpaares reichen (vgl. die inzwischen schon wieder veraltete Zusammenfassung der Diskussion von Hadley 2000, 136-155). Schließlich ist auch die generelle Spärlichkeit und Fundzufälligkeit solcher Primärquellen zu berücksichtigen (vgl. Uehlinger 2005, 282-286). Dass die Göttin Aschera in einzelnen Quellengattungen wie beispielsweise dem kanaanäischen Onomastikon nicht vorzukommen scheint, muss keineswegs gegen ihre Präsenz im levantinischen Kult des 1. Jahrtausends v.Chr. sprechen, zumal auch in besser dokumentierten Nachbarkulturen die Hauptgottheiten nicht unbedingt zu den Favoriten bei der Namengebung zählen (z.B. Sima 2002). Letztlich bleibt der Ansatz, aus dem vermeintlichen „Fehlen“ bestimmter Hinweise in zeitgenössischen Quellen das Nichtvorhandensein eines Phänomens ableiten zu wollen (z.B. Blum 2023), nicht minder spekulativ als der Versuch, die vorliegenden Indizien unter gewissenhafter Ergänzung der Lücken zu einem aussagekräftigen Gesamtbild zu fügen.
Literaturverzeichnis
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Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Das Wort Aschera in Luthers Übersetzung „Hain“ samt seinen hebräischen und griechischen Quellen in der Konkordanz zur sog. Kurfürstenbibel (17. Jh.). Aus: F. Lanckisch, Concordantiae Bibliorum Germanico-Hebraico-Græcæ. Deutsche, Hebräische und Griechische Concordantz-Bibel, Leipzig / Frankfurt 1718, 437.
- Abb. 2: Die rabbinische Interpretation des Wortes Aschera in der Rezeption der Humanisten um 1500: Verweis auf das Wurzelwörterbuch „li(ber) ra(dicum)“ (Sefer Haššorāšîm) von „Rab(bi) Dav(id Qimchi)“. Aus: S. Pagninus, ’Ôṣar ləšôn haqqodæš, hoc est, Thesaurus linguæ sanctæ, Lyon 1529, 151.
- Abb. 3: Darstellung einer Göttin mit betonter Fruchtbarkeitssymbolik (Skarabäus aus Geser; Mittlere Bronzezeit IIB). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
. - Abb. 4: Heiliger Baum umrahmt von Steinböcken und einem Löwen auf einem Vorratskrug aus Kuntillet ‘Aǧrūd (Pithos A, um 800 v.Chr.). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
. - Abb. 5: Weibliche Säulen- oder Pfeilerfigurine mit Pressmodelkopf aus Massenfertigung (Terrakotte aus Juda, 8./7. Jh. v.Chr.). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
- Abb. 6: Vorratskrug aus Kuntillet ‘Aǧrūd mit zweizeiliger althebräischer Inschrift und figürlichen Darstellungen (Pithos A, um 800 v. Chr.). © public domain.
- Abb. 7: In die Wand einer Grabanlage gravierte althebräische Segensformel in Chirbet el-Qōm (8. Jh. v.Chr.). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
. - Abb. 8: Teilrekonstruktion der Kultnische aus Stratum IX des Tempels von Arad mit einer steinernen Kultstele und zwei Räucheraltären (8. Jh. v.Chr.). © public domain (Foto: J. Kiefer, 2014).
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