Erzählung
Andere Schreibweise: Narration
(erstellt: Februar 2026)
Vorgängerartikel von Heidrun Dierk
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.100051
1. Narration und Narrative Kompetenz
Auch wenn Begriffe wie „Narration“, Narratologie“ oder „Narrativität“ zu kulturwissenschaftlichen Leitkategorien geworden sind (Baumgärtner, 2023, 10-13), und „narrative Kompetenz“ zur Zielperspektive des Geschichtsunterrichts (zumindest nach Maßgabe fast aller Bildungspläne) erhoben wurde (Hass, 2016, 9-11), gilt es zunächst grundlegende Begriffsdifferenzierungen vorzunehmen, um den Gegenstand „Erzählung“ (kirchen-)historisch und (kirchen-)geschichtsdidaktisch (→ Kirchengeschichtsdidaktik
Hinsichtlich des Begriffs der „Narration“ ist zu konstatieren, dass damit einerseits eine erkenntnistheoretische (→ Erkenntnistheorie
Diese geschichtsdidaktischen Überlegungen korrespondieren dem fünfschrittigen Kompetenzmodell religiöser Lernprozesse, denn Geschichte verstehen impliziert „wahrnehmen, deuten und urteilen“. Geschichten bilden und erzählen kann als „kommunizieren und partizipieren/handeln“ verstanden werden (Kirchenamt der EKD, 2010, 17).
Wahrnehmungskompetenz: Kirchengeschichte muss narrativ entfaltet werden, wenn Bilder und Vorstellungen über Kirchengeschichte im Sinne kirchengeschichtlicher Zusammenhänge bei den Lernenden entstehen sollen. Die → Schülerinnen und Schüler
Deutungs- und Urteilskompetenz: Lernende sollen erkennen, dass Kirchengeschichte (im Sinne von quellenmäßig (→ Quellenarbeit, kirchengeschichtsdidaktisch
Handlungskompetenz: Schließlich sollen Schülerinnen und Schüler selbst „Kirchengeschichte schreiben“, nämlich im Sinne „echter“ auf Quellenstudium beruhender Kirchenhistoriographie, wie sie von Kirchenhistorikerinnen und -historikern betrieben wird.
Diese drei Ebenen sind auch im Sinne eines fortschreitenden Lern-, Erkenntnis- und Reflexionsschrittes zu verstehen, jedoch nicht simplifiziert in der Weise, dass in der Primarstufe Kirchengeschichte (→ Kirchengeschichte im Religionsunterricht der Primarstufe
2. (Kirchen-)historische Narrationen wahrnehmen
2.1 Kirchengeschichtliche Narrationen zwischen Rekonstruktion und Konstruktion
(Kirchen-)Historische Narrationen sind Rekonstruktionen und Konstruktionen zugleich. Rekonstruktionen sind sie insofern, als sie auf Quellen beruhen, die auf vergangene historische Situationen/Ereignisse/Personen Bezug nehmen. Historikerinnen und Historiker entwickeln aus der wissenschaftsgeleiteten Quellenarbeit Vorstellungen über die Vergangenheit, d.h. die damaligen Menschen und ihre Handlungen. Werden diese Vorstellungen in historischen Narrationen mit der Zielsetzung „Sinnstiftung“ dargestellt, ist von Konstruktionen der Forschenden zu sprechen. Dass diese nicht gänzlich beliebig sein können, ist evident, wenn man Rüsens Wahrheitskriterien historischer Erkenntnis folgt (Rüsen, 1990, 97f.). Wissenschaftlich verantwortete historische Narrationen wissen um ihre Standortgebundenheit und Vorläufigkeit, müssen also revisionsoffen bleiben. Gerade diese Fluidität und prinzipielle Unabgeschlossenheit (kirchen-)historischer Narrationen kann als didaktisches Potenzial im Religionsunterricht genutzt werden.
2.2 Hermeneutische Zugänge reflektieren
Damit verbunden ist „die grundsätzlich hinterfragende Haltung gegenüber jeglicher Art verbindlicher, identitätsstiftender (→ Identität, religiöse
An zwei Beispielen soll die Rezeption jüngerer Debatten aufgezeigt werden.
Grundsätzliche Kritik an westlicher (Kirchen-)Geschichtsschreibung kommt von Seiten globalgeschichtlicher Ansätze, die auch unter dem Einfluss der Postcolonial Studies stehen. Sie zielen darauf, eurozentrische Narrative aufzubrechen, die sich kirchenhistorisch zum Beispiel in der Missionsgeschichte zeigen. Aktuell ringt Globalgeschichte (→ Globales Christentum) mit der Forderung, „die in der ‚westlichen‘ Geschichtswissenschaft dominierenden Konzepte, Epistemologien und Begrifflichkeiten zu dezentrieren“. Diese Forderung richtet sich „auch auf die Art und Weise, wie westliche Historikerinnen und Historiker Geschichte bislang erzählt haben, darauf, wie sie Plots strukturieren, Argumente aufeinander aufbauen, narrativ Kohärenz herstellen und Wissenschaftlichkeit über Fußnoten, empirische Herangehensweisen et cetera zu erreichen versuchen“ (Lingelbach, 2022, 17). Im Hinblick auf die Chancen, Globalgeschichte didaktisch fruchtbar zu machen, verweist Susanne Popp auf ein „didaktisches Minimalkonzept“ im Sinne einer „Verschränkung der welt- und globalgeschichtlichen Perspektiven mit einem national- und europazentrierten Narrativ“, was bedeutet, Nationalgeschichte „in transnationale beziehungsweise globale Zusammenhänge und Kontexte“ einzurücken (Popp, 2022, 173f.) Das lässt sich auf kirchengeschichtliche Narrative übertragen.
Als weiteres Beispiel sei auf die Dis/ability History verwiesen, die die historische und kulturelle Bedingtheit dessen aufzeigt, was gegenwärtig unter Behinderung verstanden wird. Gängige Narrative von Behinderung als Schicksal, Strafe Gottes, Leiden und Ähnlichem können als Ausdruck offensichtlicher gegenwärtiger Normalitätsvorstellungen entlarvt werden, die für andere Epochen oftmals gar nicht galten. Insofern bietet die → Dis/ability History
Beide Beispiele verweisen darauf, dass bei der Darbietung historischer Erzählungen die eigene Position als Erzählende/r kritisch zu reflektieren und transparent zu machen ist. Verengungen der eigenen Wahrnehmung sind aufzuzeigen und nach Möglichkeit durch multiperspektivisches Erzählen aufzubrechen.
3. Narrative Kompetenz entfalten
Auch wenn die empirische Erforschung narrativer Kompetenz im Geschichtsunterricht an Grenzen stößt und umstritten ist (Baumgärtner, 2023, 17f.), erscheinen dennoch die Vorschläge von Barricelli und Pandel weiterhin zielführend, narrative Kompetenz zu fördern, insbesondere für kirchengeschichtliche Themenfelder. Kirchengeschichtliche Themen im Religionsunterricht fokussieren Subjektorientierung und religiöses Lernen und setzen damit andere Akzente als der Geschichtsunterricht.
Wenn zur Entwicklung narrativer Kompetenz die Fähigkeit zu kommunikativer und partizipierender Aneignung gehört, dann müssen Lernende sich die Denkform „Kirchengeschichte“ produktiv aneignen und mitgestalten. Im Sinne einer Handlungs-, Produkt- und Subjektorientierung (→ Subjekt
Wesentliches Unterscheidungsmerkmal (kirchen-)historischer Erzählungen von chronistischen Darstellungen ist die Plausibilitätsstruktur, die Ereignisse, Denkansätze usw. in einen logischen, nicht nur temporalen Zusammenhang bringt. Dass Schülerinnen und Schüler dabei ihre eigenen Vorstellungen in ihre historischen Deutungen einbringen, entspricht dem Sinnbildungsprozess historisch Forschender. Barricelli bezeichnet daher konsequent die Lernenden als eigene „Sinnbildner“, wobei er in seinen Untersuchungen feststellen konnte, dass sie sich um möglichst große Plausibilität und damit um einen möglichst großen Wahrheitsgehalt (→ Wahrheit
Folgende Formen von Kirchengeschichtserzählungen kann man mit schulischen Lerngruppen, aber auch mit Erwachsenengruppen, erarbeiten. Narrativieren (Pandel, 2010, 152-154) meint die narrative Konstruktion: Aus Quellen und darstellenden Texten erarbeiten sich die Lernenden ihre „Version“ der kirchengeschichtlichen Erzählung. Aus der Transformation (→ Lernen, transformatives
Eine alternative Form (gegebenenfalls als Vorstufe zur ersten Form) ist das perspektivische Umerzählen (Pandel, 2010, 156f.), das ausgehend von bestehenden Kirchengeschichten „dasselbe“ aus einer anderen Perspektive beleuchtet und wiedergibt. Ein solches Vorgehen wäre im konfessionell-kooperativen (→ Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht
Beide Formen der Produktion tragen dazu bei, dass die unter 2. genannten Prinzipien, (kirchen-)geschichtliche Erzählungen als Rekonstruktionen und Konstruktionen zu erkennen und die Standortgebundenheit von Erzählungen zu reflektieren, gefördert werden kann. Gleichzeitig kann durch diesen offenen, d.h. nicht bis ins Einzelne steuerbaren kirchengeschichtlichen Unterricht die Entwicklung fachspezifischer Denkoperationen gefördert werden. Dazu gehört auch eine Reflexion der eigenen Emotionen (→ Emotionale Bildung
4. Ausblick
Erzählungen/Narrationen sind forschungsmethodisch wie funktional für (kirchen-)historisches Forschen und Lernen unverzichtbar. Die aktuellen Debatten um inhaltliche und perspektivische Ausrichtungen der allgemeinen Geschichte befruchten auch die Kirchengeschichte und zeigen die Dynamik, die historischen Prozessen und ihrer Deutung innewohnt.
Literaturverzeichnis
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