Fundamentalismus
Andere Schreibweise: engl. fundamentalism
(erstellt: Februar 2025)
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1. Begriff und Sprachgebrauch
Der Begriff Fundamentalismus wird nicht nur in religiösen, sondern z.B. auch in politischen Diskursen verwendet. Näher betrachtet muss sich eine genauere Begriffsbestimmung von Fundamentalismus mit der Problematik auseinandersetzen, dass dieser Begriff nicht nur häufig und vage verwendet wird, sondern auch dazu dienen kann, andere Personen oder Gruppen herabzusetzen. Letzteres kann dazu führen, dass manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen Begriff vermeiden oder ausdrücklich ablehnen. Obwohl diese Konsequenz auf den ersten Blick verständlich erscheinen mag, besitzt diese jedoch gravierende Schattenseiten, weil sich dadurch der wissenschaftliche Diskurs von der öffentlichen Diskussion isoliert und dementsprechend Einflussmöglichkeiten verliert (Riesebrodt, 2005, 15).
Um die Extreme des Sprachgebrauchs von Fundamentalismus (inflationärer Sprachgebrauch, polemisches Schlagwort, wissenschaftlicher Selbstisolierung) zu vermeiden, lohnt sich zunächst der Blick auf die Herkunft des Begriffs: Fundamentalismus leitet sich vom lateinischen fundamentum ab, was direkt übersetzt Unterbau, Grund und Fundament bedeutet. Daraus abgeleitet kann auf vorläufige Weise unter Fundamentalismus eine feste Grundüberzeugung verstanden werden, welche eine orientierende und handlungsleitende Funktion für die Lebens- und Weltanschauung von Personen und Gruppen besitzt.
Vor dem Hintergrund dieser weiten Begriffsbestimmung von Fundamentalismus wird im Folgenden durch den Blick auf die historischen Anfänge des Fundamentalismus eine erste Konkretion vorgenommen. Obwohl gegenwärtig bei religiösem Fundamentalismus oftmals an bestimmte Strömungen innerhalb „des“ Islam gedacht wird, liegen nämlich dessen Ursprünge innerhalb der evangelikalen Bewegung in den Vereinigten Staaten. Anhand dieses „Originals“ fundamentalistischer Gruppierungen lassen sich exemplarische Grundzüge des Fundamentalismus verdeutlichen.
2. Anfänge des Fundamentalismus
Der Begriff Fundamentalismus geht vermutlich auf die zwölfbändige Schriftenreihe "The Fundamentals – A Testimony to the Truth" zurück und wurde 1920 von Curtis Lee Laws geprägt, dem Herausgeber einer baptistischen Zeitschrift (siehe zum Folgenden Rothgangel, 2018). Kennzeichnend sind fünf Fundamentalartikel, die 1910 von der presbyterianischen Generalversammlung beschlossen wurden, um die Studienzulassung am Union Theological Seminary in New York zu reglementieren: 1. Irrtumslosigkeit der → Bibel
Allerdings darf man die Bedeutung dieser viel zitierten fünf Artikel nicht überschätzen: Das „Niagara Creed“ von 1878 ist eine andere bedeutende fundamentalistische Erklärung und enthält nicht fünf, sondern 14 Fundamentalartikel. Keineswegs zufällig findet sich jedoch wie bei den fünf Fundamentalartikel auch im ersten Artikel des Niagara Creed die Irrtumslosigkeit der Schrift.
Mit der Irrtumslosigkeit der Schrift liegt ein Merkmal vor, das bis in die Gegenwart hinein ein Unterscheidungsmerkmal zwischen evangelikal und fundamentalistisch orientierten Christinnen und Christen darstellt. So wird von evangelikaler Seite im Artikel 2 der Lausanner Verpflichtung (1974) festgestellt, dass die Bibel „das einzig geschriebene Wort Gottes [ist] ... ohne Irrtum in allem, was es verkündigt“. Der Begriff verkündigt signalisiert aber für die fundamentalistische Seite eine Einschränkung der biblischen Wahrheit auf das in ihr enthaltene Kerygma. Richtig müsste es nach ihrer Ansicht heißen: „die Bibel ist das einzig geschriebene Wort Gottes ohne Irrtum in allem, was sie sagt“. Es kam zwar nicht zur Scheidung zwischen Evangelikalen und Fundamentalisten, aber letztere verfassten 1978 in Chicago die „Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“, in der die Irrtumslosigkeit betont als Fundament fundamentalistischer Glaubensüberzeugung herausgestellt wird. Insgesamt betrachtet kann man den christlichen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten als den „konservativen“ Flügel der evangelikalen Bewegung bezeichnen (Barr, 1981, 26-32).
Einen entscheidenden Grund, warum Fundamentalisten so entschlossen für die Irrtumslosigkeit der Bibel eintreten, kann anhand eines Rückblicks auf den frühen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten gezeigt werden: Verschiedene Symptome der Moderne trugen in der zweiten Hälfte des 19. sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem steigenden Krisenbewusstsein bei. So führten die Industrialisierung und rapide Urbanisierung zur Herausbildung eines kulturellen Pluralismus, zu einer Infragestellung traditioneller Wertvorstellungen sowie zu einer dramatischen Veränderung der Sozialstruktur. Fundamentalisten sahen z.B. durch den sozialen und politischen Aufstieg von Frauen die patriarchale Familienstruktur gefährdet. Allein sie entsprach aber nach ihrer Ansicht der göttlichen Ordnung (Riesebrodt, 1990, 116f.). Neben der Familie waren nach Ansicht von Fundamentalisten aber auch die beiden anderen bisherigen „Garanten des christlichen Charakters der amerikanischen Nation“ gefährdet: Die religiösen Denominationen durch die liberale Theologie sowie die Schulen durch die Einführung der Evolutionslehre (Riesebrodt, 1990, 58). Die Säkularisierung dieses vormals so protestantisch geprägten Landes führte bis Ende der 20er Jahre sogar dazu, dass in zwölf der 49 Bundesstaaten die Bibellektüre an öffentlichen Schulen verboten wurde (Riesebrodt, 1990, 58).
Im Darwinismus sahen Fundamentalisten ein exponiertes Beispiel für die Verleugnung der biblischen Wahrheit und daraus resultierend die Herabwürdigung des zum Bilde Gottes geschaffenen Menschen zum Affen. Allerdings errangen fundamentalistische Vertreter im sogenannten Affenprozess in Dayton/Tennessee einen Pyrrhus-Sieg: Zwar wurde Thomas Scopes zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die Evolutionslehre an einer Highschool gelehrt hatte, und einige andere Bundesstaaten verboten gleichfalls die Evolutionslehre in der Schule. Jedoch hatte es sein Anwalt trefflich verstanden, in diesem Medienspektakel das Anliegen des Fundamentalismus der Lächerlichkeit preiszugeben. Nach diesem spektakulären Prozess galt der Fundamentalismus als „rückständig“ und hatte einen negativen Beigeschmack. Letztlich führte dies dazu, dass Fundamentalisten ihre gesellschaftspolitischen Aktivitäten in den 1930er Jahren weitgehend einstellten – bis es Jahrzehnte später zu seiner erneuten Renaissance in den Vereinigten Staaten kam (Brocker, 2004; Victor, 2005; Hochgeschwender, 2007; Jewett/Wangerin, 2008).
3. Fundamentalismus als „moderner Antimodernismus“
Anhand der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Evolutionslehre kann man erkennen, dass Fundamentalisten auf „moderne“ Verunsicherungen mit einer regressiven Strategie reagieren: mit einer Rückkehr zu den Prinzipien göttlicher Ordnung, wie sie verbalinspiriert und irrtumslos in der Bibel dokumentiert sind. In einer irrtumslosen Bibel finden die Fundamentalisten religiöse Sicherheit gegen eine orientierungslose Moderne. Eines darf aber nicht übersehen werden: Dieser Antimodernismus trägt moderne Züge. Auf subtile Weise zeigt sich nämlich, wie sehr Fundamentalisten einer gängigen naturwissenschaftlichen Denkweise des 19. Jahrhunderts verhaftet sind. Fundamentalisten sprechen immer wieder von den facts, den Tatsachen. Nur beziehen sie sich nicht auf die facts der Natur, sondern auf die facts der Bibel. Und ausgehend von diesen biblischen „facts“ konstruieren sie z.B. mit dem Kreationismus eine „wissenschaftliche“ Gegentheorie zur Evolutionslehre. Damit bestätigen die Beobachtungen zum amerikanischen Fundamentalismus Jürgen Moltmanns Ansicht, dass sich der Fundamentalismus nicht mit der Moderne an sich, sondern nur mit den ihn bedrohenden Aspekten der Moderne auseinandersetzt (Moltmann, 1992, 270). In diesem Sinne werden technische Fortschritte wie etwa moderne Kommunikationsmittel in Dienst genommen oder Ergebnisse historischer oder empirischer Wissenschaften rezipiert, solange sie die zeitlose Autorität der Bibel nicht in Frage stellen.
Mit Gottfried Küenzlen lässt sich demnach der Fundamentalisten als ein moderner Antimodernismus charakterisieren (Küenzlen, 1991, 196-201). Gerade im modernen Antimodernismus kann man jenen Grundzug sehen, den fundamentalistische Bewegungen generell teilen. Weitere Präzisierungen dieses Verständnisses von Fundamentalismus lassen sich vor dem Hintergrund der nachstehenden Charakteristika vornehmen.
4. Charakteristika fundamentalistischer Gruppierungen
Im vielbeachteten Fundamentalismusprojekt von Martin Marty u.a. wurden verschiedene christliche, islamische, jüdische sowie einzelne südasiatisch-religiöse Gruppierungen untersucht (Almond/Appleby/Sivan, 2003; Marty/Appleby, 2004; 1995; 1993a; 1993b; 1991). Diese Analyse führte zu fünf ideologischen (1.-5.) sowie vier organisatorischen Merkmalen fundamentalistischer Gruppierungen (6.-9.) (siehe zum Folgenden Rothgangel, 2018, 348-350; sowie Grünschloß, 2009):
- Reaktivität: Fundamentalisten reagieren auf Infragestellungen von Religion, die insbesondere durch „‚die’ Moderne, ethnische Konflikte, Säkularer Staat, Konfrontation mit anderen Religionen, postkoloniale und xenophobische Ressentiments“ (Grünschloß, 2009, 186).
- Selektivität: Fundamentalisten nehmen eine Komplexitätsreduktion vor, indem sie drei eng miteinander verbundene Selektionsstrategien anwenden (Grünschloß, 2009, 187f.): Erstens wird nicht einfach die ganze religiöse Tradition konservativ bewahrt, vielmehr werden bestimmte Traditionselemente ausgewählt – oftmals solche, die zu einer deutlichen Unterscheidung vom jeweiligen „Mainstream“ führen (z.B. Vorrang apokalyptischer Tradition der Bibel im protestantischen Fundamentalismus der USA); zweitens wird eine selektive Rezeption von Aspekten der Moderne vorgenommen: so kann ein großer Teil moderner Wissenschaft und Technologie (z.B. Email) akzeptiert werden; drittens erfolgt eine selektive Opposition gegen bestimmte Konsequenzen und Prozesse der Moderne. Diese werden besonders exponiert, um dann Ziel des Widerstands zu werden (z.B. Tourismus in Ägypten, Abtreibungskliniken in den USA, „land for peace“ in Israel).
- Moralischer Manichäismus: Für Fundamentalisten ist eine manichäische Weltsicht grundlegend, d.h. die Welt wird dualistisch in ein Reich des Lichts (die Welt des Geistes und des Guten) und in Reich der Dunkelheit (die Welt der Materie und des Bösen) aufgeteilt. Am Ende wird das Gute über das Böse siegen (Grünschloß, 2009, 188f.). „Der Innenbereich wird mit ‚Reinheit’ und ‚Heiligkeit’ assoziiert, der Außenbereich unterliegt dagegen schlimmster ‚Kontamination’“ (Grünschloß, 2009, 188).
- Absolutismus und Irrtumslosigkeit: Für Fundamentalisten ist die jeweils eigene „Heilige Schrift“ (z.B. Tora, Bibel, Koran) göttlichen Ursprungs und in allen ihren Teilen absolut wahr. Diese Irrtumslosigkeit kann variieren und in den Schriftreligionen selbst (päpstliche Unfehlbarkeit), aber besonders in den östlichen Religionen wie dem Hinduismus auf andere „Fundamente“ übertragen werden. Der Umgang von Fundamentalisten mit ihren religiösen Quellen ist dadurch gekennzeichnet, dass sie profane hermeneutische, philologische und historische Methoden zur Auslegung ablehnen.
- Millenarismus und Messianismus: Dabei handelt es sich um einen wundervollen Kulminationspunkt der Weltgeschichte, in dem Gott endgültig über das Böse siegen wird. „Typisch sind hierbei die Versprechen einer baldigen Erlösung oder Entrückung durch Modelle des Millenarismus (Kompensation für erlittenes Unrecht und Leiden) oder durch Modelle des Messianismus (allmächtiger Heilsbringer)“ (Grünschloß, 2009, 189). Die konkreten Ausformungen unterscheiden sich je nach religiöser Tradition und sind in den abrahamitischen Religionen stärker ausgeprägt.
- Gemeinschaft der Erwählten: Fundamentalisten verstehen sich als eine göttlich berufene Gemeinschaft. Dieses Erwählungsbewusstsein kann mit unterschiedlichen Begriffen zum Ausdruck gebracht werden (z.B. „heiliger Rest“) und steht im engen Zusammenhang mit dem folgenden Punkt.
- Scharfe Grenzziehung: Generell lässt sich beobachten, dass Fundamentalisten strikt zwischen sich und den anderen dualistisch unterscheiden (siehe 3.), indem z.B. zwischen sich selbst als gerettetem Personenkreis und den anderen als verlorenen Sündern unterschieden wird.
- Autoritäre Organisationsstruktur: Die Zugehörigkeit zu fundamentalistischen Gruppen ist in der Regel freiwillig und unbürokratisch, woraus prinzipiell ein gleichrangiger Status der Mitglieder resultiert. Ungeachtet dessen ist aber die fundamentalistische Organisationsform „das charismatische Führerprinzip“ (Grünschloß, 2009, 190).
- Strikte Verhaltensvorschriften: „Ein Kodex elaborierter Verhaltensvorschriften sorgt für starke affektive Bindungen, regelt Kleidung, Konsum, zwischengeschlechtliche Beziehungen, mögliche Zensur, etc.“ (Grünschloß, 2009, 190).
Zwischen diesen neun Charakteristika bestehen enge Zusammenhänge, wobei das erste Merkmal Reaktivität grundlegend ist: Fundamentalistische Bewegungen sind im Wesentlichen religiöse Reaktionen – genauer: Es handelt sich um ‚militante, mobilisierte und defensive Reaktionen auf die Moderne’ bzw. auf bestimmte modernistische Auswirkungen. Dies führt dazu, dass selektiv auf ‚fundamentale’ Traditionsstände zurückgegriffen wird, die absolut wahr sind und auf diese Weise einen klaren „Weg aus der Unübersichtlichkeit einer beängstigenden Krise weisen“ (Grünschloß, 2009, 191). Dabei führt insbesondere der Erwählungsgedanke dazu, dass eine dualistische Grenzziehung zur Außenwelt vorgenommen wird.
5. Religionspädagogische Herausforderungen
Die historischen Anfänge des Fundamentalismus sowie die Charakteristika fundamentalistischer Gruppierungen implizieren grundlegende religionspädagogische Herausforderungen (Eppler, 2015) sowie Bildungschancen. Auch in didaktischer Hinsicht lässt sich das Thema unschwer für den Religionsunterricht begründen (Kubik, 2017). Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien folgende drei Punkte hervorgehoben (ausführlich bei Rothgangel, 2010):
- Begriffsbildung. In Anbetracht dessen, dass der Begriff Fundamentalismus immer wieder als ein Schlagwort verwendet wird, um andere herabzusetzen, gilt es im Blick auf andere Konfessionen und Religionen herauszuarbeiten, dass diese nicht einfach mit Fundamentalismen identifiziert werden dürfen, d.h. dass z.B. zwischen islamischem Fundamentalismus und Islam ebenso zu unterscheiden ist wie zwischen protestantischem Fundamentalismus und Protestantismus. Die anhand des Vergleichs fundamentalistischer Gruppierungen herausgearbeiteten Charakteristika können als Kriterien dienen, um eine Gruppierung begründet als fundamentalistisch bezeichnen zu können.
- Bildungspotentiale des frühen Fundamentalismus. Eine Behandlung des Fundamentalismus sollte sich keineswegs auf den sogenannten islamischen Fundamentalismus konzentrieren. Vielmehr kann gerade anhand des protestantischen „Originals“ in den Vereinigten Staaten der Fundamentalismus als „moderner Antimodernismus“ exemplarisch veranschaulicht werden. Historische Begebenheiten wie der sogenannte Affenprozess (1925, Dayton/Tennessee) eignen sich vorzüglich, um die problematischen Konsequenzen eines wortwörtlichen Schriftverständnisses exemplarisch darzulegen. Zudem sind die Auseinandersetzungen um den Kreationismus wieder hochaktuell. Ein wortwörtliches Verständnis von Gen 1
im Sinne eines vermeintlichen Schöpfungsberichts führt jedoch zu einem unnötigen Konflikt mit der Urknall- und Evolutionstheorie, da Gen 1 fälschlicherweise als ein „naturwissenschaftliches“ Zeugnis verstanden wird. Weiterführend ist demgegenüber ein Verständnis von Gen 1 als einer Schöpfungserzählung, in dem Menschen vor 2500 bis 3000 Jahren ihren Glauben an Gott als Schöpfer und Bewahrer mit den Mitteln des damaligen Weltbildes zum Ausdruck brachten. Hinsichtlich des wortwörtlichen Schriftverständnisses sind allerdings entwicklungspsychologische Studien zu bedenken: James Fowler spricht beim zweiten Stadium der Glaubensentwicklung vom „mythisch-wörtlichen“ Glauben! Ein wortwörtlicher Glaube ist demnach kennzeichnend für eine bestimmte strukturgenetische Phase des Glaubens. Aus diesem Grund empfiehlt sich die Auseinandersetzung mit dem wortwörtlichen Schriftverständnis von Fundamentalisten erst in der Sekundarstufe I. - Bildungsziel Pluralitätsfähigkeit. Grundsätzlich ist der Fundamentalismus als eine Reaktion auf „moderne“ Verunsicherungen darzulegen. Vor diesem Hintergrund können seine Vor- und Nachteile gegenüber der entgegengesetzten Alternative einer „völligen Beliebigkeit“ erörtert werden. Positiv gesetzt lautet das angemessene Bildungsziel Pluralitätsfähigkeit. Gegen ein problematisches Bestreben nach Eindeutigkeit und klaren Grenzziehungen ist christlich-theologisch u.a. die „faktische Pluralität des Fundamentes der christlichen Religion“ anzuführen: Dies zeigt der Blick „auf das Fundament der christlichen Rede von Gott, also auf den biblischen Kanon der alt- und neutestamentlichen Schriften“, der formal wie inhaltlich „eine wahrhaft bunte Fülle unterschiedlicher Stimmen“ aufzeigt, „die auf je eigensinnige Weise von Gott in der Geschichte erzählen“ (Wunderlich, 1997, 108).
Gleichwohl besteht zum Thema Fundamentalismus noch erheblicher religionspädagogischer Forschungsbedarf (Schweitzer, 2015). Insbesondere fehlen empirische Untersuchungen zur Verbreitung fundamentalistischer Einstellungen sowie entsprechende Interventionsstudien (siehe aber Streib, 2001), mit deren Hilfe die Wirkung von Bildungsmaßnahmen bezüglich fundamentalistischer Einstellungen analysiert werden.
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