Tradition(en)
(erstellt: Februar 2026)
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1. Begriffliche Bestimmungen und Problemhorizonte
Tradition zählt zu den Grundbegriffen der christlichen Theologie und findet sich, auch konfessionell profiliert (vgl. 4. und 5.), als Stichwort oder ausführliches Kapitel in den einschlägigen theologischen Handbüchern und Lexika. Der Begriff bezeichnet sowohl einen geschichtlich überlieferten Bestand (lat. tradendum, traditum) an Überzeugungen, Werten, Gewohnheiten, Lebensformen und Institutionen mit gegenwartsbezogenen Geltungsansprüchen als auch den Prozess der generationenübergreifenden, institutionenbezogenen Weitergabe (lat. tradere) dieses Bestandes inklusive seiner aktualisierenden, kritisch-produktiven Modifikation, Aneignung und Kommunikation. Als exemplarische Dimension des „kulturellen Gedächtnisses“ (J. Assmann, 2007, 64-66;130-144) gewährleistet Tradition die geschichtliche Kontinuität sozialer und – vermittelt durch entsprechende Bildungsprozesse – individueller Identität. Modernisierungstheoretisch (A. Assmann, 2021, 47f) wurde Tradition als negativ konnotierter Gegenbegriff zu Vernunft, Freiheit, Zukunft, Revolution u.a. konzeptualisiert; gleichwohl erzeugen auch traditionskritische Haltungen, auf Dauer gestellt, ihrerseits eigene Traditionsbindungen (revolutionäre Tradition, Freiheitstraditionen, Jugendsprache und Jugendkultur etc.). In dieser dialektischen Dynamik von Traditionsbildung, Traditionsbindung, Traditionskritik und modifizierender Traditionsfortschreibung bringt Tradition die unhintergehbare Geschichtlichkeit menschlicher Existenz zum Zuge; als „anthropologisches Grunddatum“ (Wiedenhofer, 2005, 254) bleibt Tradition daher für sinnorientierte Lebensdeutung und verantwortliche Lebensführung fundamental.
Kinder und Jugendliche sind deshalb für die Bewältigung ihrer zentralen Entwicklungsaufgabe, die Ausprägung einer stabilen personalen Identität, auf die Orientierungspotenziale von Tradition(en) angewiesen und bildungspraktisch zu ihrer kritisch-produktiven Aneignung und Modifikation zu befähigen.
Dies gilt auch für religiöse Tradition(en) und damit für den Religionsunterricht, womit sich tiefgreifende Problemhorizonte verbinden: In der Tat hat Tradition in der Postmoderne angesichts von Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung von Religion, angesichts von Traditionsabbruch und Phänomenen der Enttraditionalisierung nicht mehr per se Plausibilität. Erst recht ist die Relevanz der Tradition als Bezugspunkt christlichen Glaubens (→ Glaube
2. Biblische Grundlagen
Vergegenwärtigende Erinnerung der geschichtlich erfahrenen, heilvollen Zuwendung Gottes bzw. seiner → Offenbarung
Sachlicher Kern frühchristlicher Traditionsbildung (griech. paradosis) im Neuen Testament ist die in Leben, Sterben (Kreuz) und Auferstehung Jesu sichtbare unverbrüchliche Gottesgemeinschaft als heilvolle Bestimmung menschlicher Existenz. Damit verbindet sich im Blick auf die vorgegebene jüdische Tradition sowohl die Kritik bisheriger Heilsstellung der Tora (Mk 7,5-13
Diesem Verständnis biblischer Texte als Ergebnis komplexer und diverser Traditionsprozesse wird in den einzelnen Arbeitsschritten der historisch-kritischen Exegese auf grundlegenden Ebenen der Textgeschichte und Textbezüge differenziert Rechnung getragen.
3. Kirchengeschichtliche Grundlinien
Die Zeit der Alten Kirche, insbesondere das 3./4. Jahrhundert, ist in Auseinandersetzung mit hellenistisch-römischen Einflüssen und innerchristlichen Oppositionsbewegungen (Gnosis, Markionismus, Montanismus) durch eine intensive traditionsbezogene Formierung gekennzeichnet, im Dienst der Sicherung authentischen Traditionsbezuges, verbindlicher Grundlagen für Glaube und Lehre und der institutionellen Einheit der Kirche (→ Kirche/n
4. Tradition in katholisch-systematischer Perspektive
4.1 Notwendige Differenzierungen: Tradition ist nicht gleich Tradition
Da ‚Tradition‘ semantisch mehrdeutig ist, bedarf der Begriff der Ausdifferenzierung (Dürnberger, 2020, 161-162). Formal bezieht sich „Tradition“ auf den Prozess der geschichtlichen Überlieferung der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus. Dieser Prozess umfasst das Empfangen, die konstruktive Aneignung und die Weitergabe der mit dieser Selbstmitteilung verbundenen Zusage in der Gemeinschaft der Glaubenden. Material bezieht sich „Tradition“ auf den verbindlichen Gehalt dieser Selbstmitteilung und damit auf den verbindlichen Gehalt des Glaubens. Aus diesem Grund spielt die Berufung auf die Tradition innerhalb der kirchlichen Lehre eine wichtige Rolle. Im alltäglichen katholischen Sprachgebrauch wird „Tradition“ sogar häufig mit „Lehramt“ gleichgesetzt, was sachlich-theologisch allerdings eine Verkürzung darstellt (siehe 4.4). Angesichts dessen ist es bei Diskussionen über die Rolle von Tradition in Bildungsprozessen unerlässlich zu klären, was die einzelnen Betreffenden meinen, wenn sie von Tradition sprechen. Innerhalb der römisch-katholischen Kirche wissen sich die sogenannten Traditionalisten in besonderer Weise der Tradition verpflichtet, indem sie großen Wert auf die Wahrung sowohl der dogmatischen als auch der liturgischen Tradition legen und Reformen im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil (→ Vaticanum, Zweites
4.2 Tradition und Traditionen
Von der Tradition sind die vielen unterschiedlichen Traditionen zu unterscheiden, die kirchliches und individuelles Glaubensleben bestimmen. Sie finden ihren Niederschlag in Texten, Symbolen, Riten, Darstellungen der Kunst, spirituellen Ausdrucksformen und auch in Institutionen. Solche Traditionen unterliegen einem ständigen Wandel, sind veränderlich und wurden verändert, wie das Verbot des Zins-Nehmens oder das sogenannte Nüchternheitsgebot vor dem Empfang der Eucharistie. Die Verwendung des Plurals „Traditionen“ impliziert also im Unterschied zu „Tradition“ eine weite und offene Begrifflichkeit. Welche Traditionen für Erwachsene in ihrem Glaubensleben oder für Jugendliche in religiösen Bildungsprozessen relevant sind, kann daher stark divergieren und sich im Lauf des Lebens verändern.
4.3 Schrift und Tradition
Theologisch zählt im katholischen Kontext nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch die Tradition als Glaubensquelle. Bisweilen ist in diesem Zusammenhang auch von „Apostolischer Tradition“ die Rede, um ihre Bedeutung und ihre Wurzeln in apostolischer Zeit hervorzuheben. Mit der Reformation stellte sich die Frage, ob nicht die Schrift allein genügt, insofern sie alles enthält, was für den Glauben verbindlich ist. Nach verschiedenen Versuchen der Verhältnisbestimmung stellt das Zweite Vatikanische Konzil die enge Verbindung und Anteilhabe aneinander heraus (Dei Verbum 9). Die Schrift ist selbst Ergebnis eines Überlieferungsprozesses und insofern Teil der Tradition der Kirche; sie ist daher im Rahmen der kirchlichen Tradition zu lesen und auszulegen. Umgekehrt muss sich die Tradition aber stets an der Schrift ausweisen und hat in ihr ein kritisches Gegenüber. Das Konzil betont, dass die Kirche ihre Gewissheit über die Offenbarung nicht allein aus der Schrift bezieht; daher ist sie auf die Tradition angewiesen. Zugleich trifft es implizit eine Aussage über den Vorrang der Schrift, wenn es von ihr heißt, dass sie das Wort Gottes ist, die Tradition „aber […] das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter(gibt) und vermittelt“ (Dei Verbum 9). Mit dieser Aussage, die die Schrift als normierende Größe der Tradition bestimmt, wird die Konkurrenz von Schrift und Tradition zwar nicht völlig aufgelöst, aber doch entschärft.
4.4 Tradition und Lehramt
Schrift, Tradition und Lehramt gelten in ihrem Zusammenspiel als klassische theologische Erkenntnisorte, sogenannte loci theologici, die im Sinne einer theologischen Erkenntnislehre Auskunft darüber geben, „wie – metaphorisch: wo – man Argumente auffinden kann, die im theologischen Streit Geltung und Autorität besitzen“ (Seewald, 2020, 107). Sowohl die ursprüngliche Loci-Lehre des Melchior Cano (1509-1560) als auch neuere Loci-Entwürfe sehen noch weitere solche Erkenntnisorte vor, wie die Kirche als ganze, die Konzilien, die Theologie, die Liturgie und andere, auf die in diesem Rahmen nicht einzeln eingegangen werden kann. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, aber auch noch in der Gegenwart wurde und wird diskutiert, ob das Lehramt, insbesondere infallible päpstliche Lehrentscheidungen, in Konfliktsituationen letztlich darüber entscheiden können, was die wahre Tradition der Kirche ist. Demgegenüber ist zu bedenken, dass das Lehramt nicht autonom über
der Schrift und der Tradition steht. Dass damit keineswegs alle Probleme gelöst sind und dass weder geklärt ist, was zur Tradition der Kirche gehört (und was nicht) und wer dies letztlich entscheiden kann, zeigen unter anderem die gegenwärtigen Diskussionen um Diakonat und Priesteramt von Frauen.
4.5 Notwendigkeit der Traditionshermeneutik
Das Zweite Vatikanische Konzil und die damit einhergehende Wahrnehmung der Dynamik von Traditionen und ihrer Interpretation führten dazu, dass sich die katholische Theologie in den letzten Jahr(zehnt)en verstärkt der Traditionsdeutung gewidmet hat. Dabei wurden interkulturelle, ökumenische und interreligiöse Perspektiven aufgenommen und hermeneutische, philosophische und kulturwissenschaftliche Traditionstheorien rezipiert, die zeigen, dass Tradition nicht einfach durch die Kirche vorgegeben wird, sondern dass Tradition und Rezeption, Wahrung von Glaubensbeständen und kreative Aneignung, Kontinuität und Dynamik in einem Wechselspiel stehen. So lässt sich als Einsicht festhalten: „Tradition ist nicht das natürlich Gewachsene, Ursprüngliche, als einheitliches Ganzes uns mit dem Anspruch der Wahrheit und der Verehrungswürdigkeit Entgegentretende, sondern Tradition ist immer eine Konstruktion der Gegenwart und zuletzt immer auch von partikulären Machtinteressen bestimmt“ (Wiedenhofer, 2005, 268). Aktuell werden im theologisch-systematischen Kontext vor allem Fragen der Traditionshermeneutik (→ Hermeneutik
5. Tradition in evangelisch-systematischer Perspektive
5.1. Reformatorische Traditionskritik und Schriftprinzip
Der traditionskritische, freiheitsorientierte Impuls reformatorischer Theologie wird anschaulich in der kontroverstheologisch motivierten, kategorialen Unterscheidung Luthers zwischen der primären, prinzipiellen Autorität der Schrift als Fundament des Glaubens und einer nur sekundären Autorität (schriftgemäßer) kirchlicher Tradition als Bezeugung und Erläuterung des Glaubens unter Bestreitung ihres schriftergänzenden und auslegungsnormierenden Anspruches. Denn, so Luther, nur im Lesen und Hören des biblischen Wortes (solo verbo) als Evangelium von Jesus Christus, d.h. nur in einer durch den Heiligen Geist (sola gratia) bewirkten Einsicht in die erlösende Zuwendung Gottes in Jesus Christus (solus Christus), komme es zur individuell unvertretbaren, befreienden Heilsgewissheit des Rechtfertigungsglaubens (sola fide), in welchem das Schriftwort zum Wort Gottes wird. Dementsprechend sind Wort Gottes und Schriftwort unterschieden, stehen gleichwohl durch die innere und äußere Klarheit der Schrift in konstitutivem Zusammenhang, so dass Luther die Schrift allein (sola scriptura) als erstes Prinzip für Glaube, Theologie und Kirche festhält und sich die Schrift folglich selbst auslegt, indem sie von ihrer rechtfertigungstheologisch konturierten „Mitte“ in Christus her verstanden wird (Lauster, 2004, 11-15).
Mit diesen Grundlinien des reformatorischen Schriftprinzips wird das Traditionsprinzip, nicht jedoch die Tradition als solche zurückgewiesen (Beintker, 2002, 721). Vor dem Hintergrund der reformatorischen Betonung der Unverfügbarkeit individuell unvertretbarer, gleichwohl schriftgebundener Glaubensgewissheit ist von kirchlicher Tradition nur als menschlicher Überlieferung (traditio humana) die Rede (Mk 7,8
5.2. Schrift und Tradition
Die Freilegung der Geschichtlichkeit der biblischen Texte und ihre historisch-kritische Erforschung im Kontext der Aufklärung führten zu einer „Krise des Schriftprinzips“ (Pannenberg, 1962, 11) und in der Folge zu dessen produktiver Umformung bis in die gegenwärtige evangelische Theologie hinein (Lauster, 2004, 401-439). Mit der Entdeckung, dass die biblischen Texte und der biblische Kanon durch vielschichtige, gegebenenfalls auch widersprüchliche theologische Traditionen und Traditionsprozesse, Traditionsbindung und -kritik geprägt sind, ebenso wie ihre Rezeption und Auslegung(sgeschichte) jeweils kontextuell, nämlich durch Tradition mitbestimmt ist (Tietz, 2018, 284), relativierte die Entgegensetzung von Schrift und Tradition, erledigt sie jedoch nicht, denn: Tradition ist nicht gleich Tradition (4.1).
So wird aus evangelischer Perspektive (Härle, 2006, 624-629, mit exemplarischem Verweis auf J. Calvin und K. Barth) der Prozess der Kanonbildung (4.3) als „Versuch“ der Kirche verstanden, „diejenigen Schriften auszuwählen und auszuzeichnen, die das [christliche] Ursprungsgeschehen bezeugen, durch das sie [die Kirche!] sich selbst konstituiert weiß“ (Härle, 2006, 625). D.h., der Kanon stellt die normierende Norm (norma normans) für die Kirche(n) und ihre Lehrtradition als normierte Norm (norma normata) dar. Im Sinne dieser reformatorischen Unterscheidung (Konkordienformel. Epitome, 1577, 1216) ist evangelische Theologie auch selbst traditionsbildend geworden, in den Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts und in neueren Bekenntnissen bis in die Gegenwart hinein, im Dienste je situativ-kontextueller, hermeneutischer Erschließung des Evangeliums von Jesus Christus als „Mitte“ der Schrift und als „Grund eines Selbstverständnisses“ (Slenczka, 2020, 703).
5.3. Evangelisches Traditionsverständnis
Vor dem Hintergrund der Konzentration auf die Schrift und der damit verbundenen relativen Abwertung von Tradition(en) kann dem Protestantismus durchaus eine „faktische Traditionsschwäche“ (Herms, 2005, 515) attestiert werden, deren konfessionell positive Kehrseite in der Betonung der Unverfügbarkeit und individuellen Unvertretbarkeit befreiender Glaubensgewissheit besteht (5.1). Im Horizont des allgemeinen Priestertums aller Glaubenden bzw. Getauften (Luther, 1520, 13) ist Tradition folglich „die Gemeinschaftstätigkeit aller Christen“ als „Dienst an der christlichen Freiheit“ (Herms, 2005, 513), schriftbezogen konkret im Selbstverständnis als „Auslegungsgemeinschaft“ (Oorschot, o.J.) in der Ausrichtung auf einen nur diskursiv zu erreichenden Konsens (CA 1; magnus consensus). Ein evangelisches Traditionsverständnis muss daher sowohl der fundierenden und kritischen Funktion der Schrift als auch der Unverfügbarkeit der Glaubensentstehung (CA 5) Rechnung tragen. Als „Wegmarken“ dafür gelten (Maikranz, 2023, 485-493) schriftbezogen u.a. die Notwendigkeit von produktions- wie rezeptionsästhetischen Interpretationsmethoden, welche die Intertextualität und traditionsgeschichtliche Pluralität der biblischen Texte im Prozess der Aneignung ihrer transformierender Impulse für ein dadurch bestimmtes Selbst- und Weltverhältnis einbeziehen. Zugleich geht es glaubensbezogen um die Offenheit für die Unverfügbarkeit geistgewirkter Selbstvergegenwärtigung Gottes. Ein solches umfassendes Traditionsverständnis ist nur in der interdisziplinären Zusammenarbeit aller theologischen Disziplinen zu leisten.
6. Ökumenische Perspektiven
Die Themenbereiche „Tradition(en)“ und „Schrift und Tradition“ sind in den bisherigen ökumenischen Gesprächen intensiv behandelt worden und haben in den letzten Jahrzehnten zu grundsätzlichen Klärungen geführt (Oberdorfer/Swarat, 2010, 18-20;52-62): Alle christlichen Konfessionen bilden vielfältige Traditionen aus zur kritisch-konstruktiven Vergewisserung ihrer ursprungstreuen Identität im geschichtlichen Wandel. Als „gemeinsam anerkannter Fokus der Traditionstreue“ gilt das „trinitarisch entfaltete Christuszeugnis“ (Oberdorfer/Swarat, 2010, 61) in der als Kanon anerkannten Schrift. Die Einsicht in den geschichtlichen, traditionsbestimmten Charakter der biblischen Texte und der Kanonbildung wie in die geschichtliche Wandelbarkeit von Traditionen und tradierenden Gemeinschaften hat zu einer Relativierung entsprechender konfessioneller Differenzen geführt. Gleichwohl bleiben offene Fragen, wie die inhaltliche und normative Füllung des de facto sehr vielfältigen Traditionsbegriffs oder die Frage nach der Legitimität und dem Vollzug von Traditionskritik. In der bilateralen evangelisch-katholischen Ökumene bleibt aus evangelischer Perspektive offen, wie die kritische Funktion der Schrift gegen die traditionelle Auslegungshoheit des Lehramtes zur Geltung kommen kann. Aus katholischer Perspektive bleibt offen, wie in den evangelischen Kirchen in einzelnen Fragen, etwa der nach der Bedeutung des Bischofsamtes, der Erkenntniswert und die Autorität der Tradition zu bestimmen sei (Böttigheimer, 2017,185-202).
7. Didaktische Potentiale von Tradition(en)
7.1 Anregungen von katholischer Seite
Wenngleich Tradition und Traditionen in der katholischen Theologie eine wesentliche Rolle spielen, wird ihre Bedeutung in der katholischen Religionspädagogik bislang wenig bedacht. Nach einer korpuslinguistischen Analyse zählte „Tradition“ bereits in den Jahren 1999 bis 2008 zu den im wissenschaftlichen Diskurs der Religionspädagogik am seltensten verwendeten Begriffen (Altmeyer, 2011, 31-46). Daran hat sich in den nachfolgenden Jahren nichts geändert. Auch im konkreten Unterricht spielt der Bezug auf Tradition nur eine geringe Rolle, wie Unterrichtsforschungen zeigen (Englert/Hennecke/Kämmerling, 2014, 117). Vor allem wird hier christliche Tradition eher als „‚Spielmaterial‘ für individuelle Adaptionen denn als produktive Herausforderung in ihrem auch widerständigen vollen Eigenanspruch eingebracht“ (Peter, 2019, 203).
Fundierte Überlegungen zur Bedeutung von Tradition in religiösen Bildungsprozessen hat auf katholischer Seite Rudolf Englert vorgelegt. Auf dem Hintergrund seiner Unterrichtsanalysen (Englert 2013; Englert/Hennecke/Kämmerling, 2014) bemängelt er die mit der zunehmenden sachkundlichen Ausrichtung des Religionsunterrichts einhergehende Marginalisierung von Tradition und des damit verbundenen lebenspraktischen bzw. „soterischen“ (Englert, 2017, 23) Orientierungspotentials.
Im Gegenzug möchte Englert Tradition auf unterschiedliche Weise neu ins Spiel bringen: Als Resonanzraum ist sie „eine Art geistiger Aufenthaltsraum, den man bewohnt oder in dem man sich mindestens immer wieder einmal aufhält, sich umschaut und inspirieren lässt. ‚Tradition‘ wird hier als ein komplexer Wirkungszusammenhang verstanden, zu dem viel mehr als nur Texte […] gehören; dazu gehören vor allem Menschen, auch Menschen der Gegenwart und der Vergangenheit, die diese Bücher gelesen, die mit ihnen gelebt und die auf vielfältige Weise auf sie reagiert haben; es gehört die Wirkungsgeschichte dazu, die mit dieser Tradition verbunden ist und sich in vielfältigen geschichtlichen Spuren und Erinnerungen niedergeschlagen hat. Und schließlich sind ganz besonders auch die Prägungen mit einzubeziehen, die die eigene Geschichte mit dieser Tradition ausmachen“ (Englert, 2020, 107). Tradition, so verstanden, bewirkt Resonanz, Achtsamkeit, Sensibilität, aber bietet keine Normen oder ewige Gültigkeiten, sondern befähigt zur Erkenntnis, was in einer bestimmten Situation geboten ist. Tradition kann aber auch die Funktion eines Spiegelkabinetts annehmen: „Die Spiegelkabinett-Konzeption dagegen hat demgegenüber etwas Verspieltes, geradezu Rokokohaftes und nimmt all das viel leichter und unbeschwerter. Der Wahrheitsanspruch biblischer Texte zum Beispiel ist aus dieser Sicht uneinlösbar und nicht besonders interessant. Und auch ob der Gott, von dem in diesen Texten erzählt wird, mit einer Wirklichkeit außerhalb der Texte korrespondiert, ist im Grunde nicht wichtig. Insofern unterhält man unter dem Einfluss dieses Konzepts ein eher ästhetisches Verhältnis zur Tradition“ (Englert, 2020, 109). Tradition gewinnt „gerade dann Bedeutung, wenn man sie nicht überanstrengt; wenn man sie ernst nimmt, aber nicht schwer; wenn man sie von allem Druck, was auch immer legitimieren und ins Recht setzen zu müssen, freihält; wenn man ihr die Last nimmt, sich anderen Perspektiven überlegen zeigen zu müssen; und schließlich auch: wenn man es ihr erspart, Antworten auf unsere heutigen Lebensfragen geben zu sollen“ (Englert, 2020, 111). Tradition ist schließlich Kontrastmedium, „nicht als Legitimation des Bestehenden aufgerufen, sondern als Zeuge dafür, dass die Gegenwartsgestalt gesellschaftlichen, kirchlichen und auch individuellen Lebens nicht so alternativlos ist, wie es im Lichte gerne beschworener Sachzwänge erscheint“ (Englert, 2020, 111). Als Kontrastmedium „kann sie auf die blinden Flecken zeitgenössischen Denkens aufmerksam machen“ (Englert, 2020, 111), „kann sie uns die Befangenheiten erkennen lassen, in denen wir in der Gegenwart stecken; und sie kann uns Mut machen, dass sich dem vermeintlich Unvermeidlichen entkommen lässt“ (Englert, 2020, 112).
Wie im Unterricht „Tradition“ bearbeitet werden kann, zeigen exemplarisch und zugleich auf ganz unterschiedliche Weise einzelne Beiträge des unter das Thema „Tradition“ gestellten Jubiläumshefts der Katechetischen Blätter (2025): Tradition(en) in ihrer transformativen Kraft werden relevant im Zuge von Social-Media-Erkundungen, bei religiösen Ritualen, bei Übergängen im Lauf des Schullebens und spielen auch eine Rolle innerhalb einer Kultur der Digitalität. Nicht zuletzt sind Tradition und Traditionen ein zentrales Thema für konfessionell-kooperativen Unterricht, und zwar nicht nur als konfessionsdifferenter Lerngegenstand, sondern auch aufgrund ihrer womöglich subkutanen prägenden Wirkung auf Lehrkräfte wie auf Schülerinnen und Schüler.
7.2 Anregungen von evangelischer Seite
Der für die katholische Religionspädagogik (7.1.) konstatierte Befund einer Marginalisierung von „Tradition“ kann für die evangelische Religionspädagogik nur bekräftigt werden, ebenso wie ein „posttraditionaler“, auf kritisch-reflexive Aneignung ausgerichteter Umgang mit Tradition in der Konsequenz reformatorischer Theologie (5.) liegt. Im Blick auf die bei Kindern und Jugendlichen zu konstatierende „eher diffuse Religiosität jenseits konkreter Glaubenstraditionen“ (Schröder/Woppowa, 2021, 374) bietet die unterrichtliche Behandlung der Reformationszeit und ihrer Wirkungsgeschichte, insbesondere in konfessionell-kooperativen Settings, vielfältige Lernchancen im Blick auf die lebensförderlichen, aber auch kritisch begrenzenden Potenziale von religiöser Tradition und die geschichtlich produktive Dynamik von Traditionsbildung, Traditionsbindung, Traditionskritik und modifizierender Traditionsfortschreibung (1.). Als entsprechende elementare Lernform (Schröder/Woppowa, 2021, 378-384) eröffnet „narratives historisches Lernen“ am Beispiel von Tradition die Einsicht in das eigene, immer auch traditionsbestimmte geschichtliche Gewordensein; „kulturhermeneutisches Lernen“ sensibilisiert für die Prägungen der umgebenden Alltagskultur durch religiöse bzw. konfessionelle Traditionen. Mit der Veranschaulichung der gegebenenfalls auch konfliktträchtigen Mehrdeutigkeit von religiösen bzw. konfessionellen Traditionen wird zugleich auch Ambiguitätstoleranz als zentrale Dimension von Pluralitätsfähigkeit gefördert.
Durch die Schriftbindung evangelischer Theologie (5.1) enthalten evangelische Bildungspläne einen kontinuierlichen Schriftbezug. Bibeldidaktisch ist nicht nur der geschichtliche, traditionsbestimmte und -bestimmende Charakter der biblischen Texte herauszustellen, sondern wesentlich ihre existenzielle Dimension als „hermeneutische[r] Horizont“ des reformatorischen Schriftprinzips für die „Entwicklung narrativer Identität“ (Kumlehn, 2016, 410f) fruchtbar zu machen. Hier bieten sich auch Texte aus der evangelischen Bekenntnistradition an, beispielsweise aus Luthers Katechismen.
Interreligiöse Perspektiven zeigen schließlich, dass der Umgang mit Tradition, die Spannung zwischen Normativität und Geschichtlichkeit, Traditionsbewahrung und Traditionskritik, eine Grunddimension aller Religionen darstellt (Köster/Dierks, 2021, 370f); zugleich eröffnen sich Einblicke in die faktische, jeweils kulturell geprägte Vielfältigkeit religiöser Traditionen.
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