Normativität
Andere Schreibweise: normativ; engl. normativity
(erstellt: Februar 2025)
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400064
1. Begriffsverständnis
Der Begriff norma in seinem lateinischen Ursprung beschreibt sowohl ein Winkelmaß oder eine Richtschnur als Termini der Architektur und verweist so auf Exaktheit, Klarheit und Einheitlichkeit; die so genannten DIN-Normen sind das beste Beispiel für letzteres. Er deutet aber ebenso auf eine Regel oder Vorschrift in einem sozialen bzw. ethischen Sinne hin, ein Verständnis, das in der Theologie eher im Vordergrund steht. Normen regeln in einem soziologischen Sinne das gesellschaftliche, das soziale Zusammenleben, sie lassen Aussagen über richtig und falsch zu. Sie treten in vielfältiger Form auf, zum Beispiel „als technische Norm, als Rechtsnorm, als kulturelle oder ästhetische Norm, als religiöse, als moralische oder als pädagogische Norm“ (Meseth/Casale/Tervooren/Zirfas, 2019, 6). Ungeachtet dessen, welcher Art die Norm auch ist, immer geht es um die Regulierung menschlicher Aktivitäten (Meseth/Casale/Tervooren/Zirfas, 2019, 6). Normative Sätze formulieren dementsprechend das Gesollte und Gewollte in einer Gesellschaft, das Erwünschte/Erlaubte sowie das Unerwünschte/Unerlaubte, aber auch das vom Individuum oder gesellschaftlich für richtig Gehaltene und Gebotene. Normative Sätze beschreiben damit nicht nur einen Sachverhalt oder ein bestimmtes Verhalten, sondern beurteilen auch Verhalten und Handeln und formulieren ethische und moralische Maßstäbe. Normativität ist, so haben es Rainer Forst und Klaus Günther (2011) formuliert, „eine Art Bindung ohne Fesseln – also ein intelligibles Phänomen des Sichgebundensehens durch Gründe für bestimmtes Verhalten“ (Forst/Günther, 2011,16). Damit wird auch deutlich, dass Normen und normative Sätze ihren Geltungsanspruch nicht aus sich selbst schöpfen, sondern rechtfertigungs- und begründungspflichtig sind. Mit Durchsetzung der Moderne hat nun der unhintergehbare Rekurs auf Transzendenz (→ Transzendenz (und Immanenz)
2. Normativität und Religionspädagogik
Die Frage der Normativität und ihrer jeweiligen Begründung und Begründungsstruktur stellt sich nun für die Religionspädagogik als Fach in mehrfacher Hinsicht: Zum ersten hat sie es in ihrem Gegenstand der christlichen Religion mit inhaltlich ausformulierten normativen Ansprüchen zu tun, insofern Religionen und die sich auf sie beziehenden Wissenschaften, die Theologien (→ Theologie
Religiöse Bildungsprozesse (→ Bildung, religiöse
3. Normativität in der Religionspädagogik – vom instruktionstheoretischen zum hermeneutischen Paradigma
Die Frage nach dem Umgang mit Normativität stellt sich für die Religionspädagogik überhaupt erst, nachdem sich Konzepte religiöser Bildung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endgültig aus dem kerygmatischen Dogma (→ Kerygmatischer Religionsunterricht
Seit diesem Paradigmenwechsel orientieren sich der Religionsunterricht und alle religionspädagogischen Konzeptionen – bei allen Veränderungen der gesellschaftlichen und gesellschaftlich-religiösen Situation, der Weiterentwicklung der Wissenschaftstheorie und den damit einhergehenden Erweiterungen im Verständnis von → Hermeneutik
Anerkannt wird diese existentielle Dimension des Religionsunterrichts als normativer Horizont auf katholischer Seite im Beschluss zum Religionsunterricht der Würzburger Synode 1975 (→ Würzburger Synode, Beschluss zum Religionsunterricht
Über diese Bestimmung hinaus bereitet die Würzburger Synode mit dem Konvergenzmodell einer sowohl bildungstheoretischen wie theologischen Begründung des Religionsunterrichts die Rezeption des theologischen Prinzips der → Korrelation
Das Elementarisierungsmodell (→ Elementarisierung
4. Aktuelle Entwicklungen und Diskussionen
Das Thema Normativität erfährt derzeit in der Religionspädagogik aus zweierlei Gründen eine erneute Virulenz, zum einen dadurch, dass religiös normative Ansprüche und individuelle Haltungen angesichts der sich zunehmend entkirchlichenden Gesellschaft immer stärker auseinandertreten und die Vermittlung der unterschiedlichen Positionen auszuhandeln ist (siehe 2); zum anderen dadurch, dass in den vergangenen Jahren das Thema der grundlegenden normativen Orientierungen in der Religionspädagogik als wissenschaftlichem Fach mit ihrer erneuten und wieder erstarkten Öffnung für eine politische, öffentliche und gesellschaftliche Dimension (Könemann/Mette, 2013; Grümme, 2018; Herbst, 2021; → Politische Religionspädagogik
Es geht also darum, wie Positionalität (→ Positionalität, Lehrende
Diese Debattenlage führt derzeit zu einer lebhaften Diskussion über das Selbstverständnis der Religionspädagogik, ihrer Selbstverortung und der (Selbst‑)Reflexion der sie leitenden Konzepte und Theorien inkl. der diesen eingeschriebenen Aporien (Herbst, 2022; Grümme, 2021).
Mit der hermeneutischen Wende hat die Religionspädagogik wie die Theologie insgesamt die Wende zu einer Wissenschaft vollzogen, die die soziale Wirklichkeit nicht nur wahrnimmt, sondern teilweise zu ihrem Ausgangspunkt macht, indem sie vom Primat der Praxis ausgeht und diese als theologiegenerativen Ort bestimmt (Klein, 1999, 60-67). Damit hat die → Theologie
Insofern die Theologie als Ganze und die Religionspädagogik im Besonderen immer in den Streit um Wahrheit eingebettet ist, diese aber weder positivistisch verengt zu verstehen ist, noch ein für alle Mal feststeht, erweist sich die elementare Wahrheit, der Sprache des Elementarisierungsmodells folgend, in dem, was sich im subjektiven Erweis als existentiell wahr und überzeugend bzw. relevant zeigt und so seine Normativität auch auf individueller Ebene sichern kann. Ein solches Verständnis von Wahrheit schützt davor, die Verwobenheit der normativen Orientierungen mit historisch bestimmten Kontexten und die damit einhergehenden politischen Implikationen aus dem Blick zu verlieren, und macht sie der religionspädagogischen Reflexion zugänglich.
Ist es die grundlegende Aufgabe von Wissenschaft, Erkenntnis voranzutreiben, dann kann die Auseinandersetzung um Erkenntnis und Geltung, um universale und partikulare Ansprüche und ihre Verhältnisbestimmung gerade nicht im Suchen eines Konsenses erfolgen, sondern muss vielmehr in Auseinandersetzung mit der Interpretation von Tradition und Überlieferung, und das bedeutet auch im Streit und im Dissens mit anderen Interpretationsentwürfen, aber eben auch immer in Rückbindung zur Lebenspraxis und dem, was sich subjektiv als wahr im Sinne von relevant und überzeugend erweist, erfolgen. Stehen sich kirchliche Normativitätsansprüche sowie Einstellungen und Haltungen disparat gegenüber, weil sich erstere subjektiv nicht als existentiell wahr erweisen, dann bedarf es somit im besten Sinne dieses Streits um Wahrheit. Anders gesagt: Diesen Überlegungen liegt ein Wissenschaftsverständnis zugrunde, für das die diskursiv-strittige Performanz der Wissenschaft und so auch der Theologie wesentlich bedeutsamer ist als eine konsenserzwingende Konzeptualität (Baumgartner, 1991, 285; Bucher, 2022). In diesem Sinne ist der Theologie die (Lebens-)Praxis als Ausgangs- und Bezugspunkt theologischer Reflexion schon immer unabdingbar eingeschrieben. Der Religionspädagogik als wissenschaftlicher Reflexion auf religiöse Bildungsprozesse obliegt es, für diese Auseinandersetzung zwischen dem Subjektiven und dem universal Gültigen das notwendige Instrumentarium bereitzustellen.
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