Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Berufung - Annäherung und Lebenskontext

Der Begriff „Berufung“ (lateinisch: vocatio) hat in religiösen wie säkularen Kontexten Konjunktur und doch bleibt er vielen fremd. Die religiöse Vorstellung, von Gott zu einer Aufgabe oder einem besonderen Leben berufen zu sein, wirkt wie aus der Zeit gefallen. In einer Gesellschaft, die von Selbstverwirklichungsidealen und dem Streben nach materieller Sicherheit geprägt ist, bildet die Frage nach der (eigenen) Berufung einen Kontrapunkt: Wer „ruft“ den Menschen? Gibt es eine Bestimmung oder Aufgabe, die über Rollenbilder und Erwartungen hinausweist? Zugleich trifft das Thema Berufung auf eine Lebenswelt der jungen Generation, denen sich einerseits endlose Möglichkeiten bieten und die andererseits zutiefst verunsichert und auf der Suche nach „Purpose“ (Sinn und Werten) und Orientierung sind. Etwas „sinnvolles tun“, einen „Unterschied machen“ oder einen „Beruf haben, der zu meinen Werten passt“ gehört zu den meistgenannten Wünschen. Aber dieser ständige Drang das Richtige tun zu müssen und die für sich perfekt passende Aufgabe zu finden, kann auch zur Belastung führen und zur Angst, „seine Berufung zu verpassen“ oder nicht genug zu bewirken. In den sozialen Medien verstärkt sich der Druck durch „Success Stories“ und die Erwartung, schon in jungen Jahren einen klaren Purpose zu haben (Klem, 2024, 52-55).

1.1. Zwischen Berufung und Beruf in der Moderne

In der religiösen Bildungsarbeit spielt „Berufung“ besonders im biografischen Lernen (→ Biografisches Lernen) eine Rolle: etwa im Religionsunterricht, in der Konfirmandenarbeit, aber auch bei Orientierungsangeboten für die Studiums- und Berufswahl und in lebensbegleitenden Angeboten wie Coaching oder Mentoring. Fragen nach ihrem Sinn, ihrer Identität und ihrem Platz in der Welt besitzen für Jugendliche eine hohe Relevanz, werden aber meist außerhalb religiöser Kontexte verhandelt. In der Moderne hat sich der Begriff der „Berufung“ aus seinem theologischen Kontext herausgelöst. Max Weber beschrieb in seiner berühmten Analyse der protestantischen Ethik den Übergang von der „innerweltlichen Askese“ zur Arbeitsberufung: Arbeit wurde zur Berufung im Sinne einer rationalisierten Lebensführung (Weber, 2011, 14). In diesem Verständnis wurde der „Beruf“ (Beruf als Übersetzung des englischen calling) mit religiösem Sinn aufgeladen - jedoch nicht im Sinne einer mystischen Berufung, sondern als alltägliche Pflicht. Arbeit war kein Mittel zur Selbstverwirklichung, sondern Ort der Bewährung vor Gott. Gleichzeitig entstand so ein geistiger Boden, auf dem kapitalistische Leistungs- und Rationalisierungslogiken gedeihen konnten. Die ursprünglich religiöse Idee der Berufung (3.3.) wurde innerweltlich transformiert - und damit auch säkularisiert. In der Spätmoderne wird Berufung zunehmend als subjektives Lebensprojekt verstanden: als das Finden des „richtigen“ Berufs, der „eigenen Bestimmung“ oder einer sinnvollen Aufgabe.

1.2. Interdisziplinäre Sichtweise von Berufung

Soziologisch betrachtet bewegt sich Berufung heute im Spannungsfeld von innerer Stimme und äußerem Kontext. Während das Ideal einer selbstgewählten Berufung betont wird, sind reale Berufslaufbahnen oft von strukturellen Bedingungen geprägt (z.B. Herkunft, Bildungszugang, Geschlechterrollen). Berufung wird damit zum umkämpften Begriff: zwischen Emanzipation und Ideologie, zwischen biografischer Sinnsuche und systemischer Rationalität.

In diesem Kontext stellen sich entwicklungspsychologisch (→ Entwicklungspsychologie) für Jugendliche zentrale Fragen des Erwachsenwerdens: Was ist mein Platz? Wofür bin ich da? Bin ich für etwas bestimmt? Diese existenziellen Fragen treffen einerseits auf scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten und andererseits auf Unsicherheit, Überforderung, ständige Vergleiche und die Begrenzungen des eigenen Lebens. In diesem Spannungsfeld kommt es zur Selbstwahrnehmung und -erfahrung, die auch eine spirituelle Dimension besitzen kann. Denn diese Fragen können nicht nur rational, sondern gerade in Momenten innerer Anrede und Resonanz Antworten finden. Religionspädagogisch eröffnet dies die Chance, Berufung als Verständnishilfe für die eigene Identität und für das Verhältnis zu anderen, zur Gesellschaft und Gott zu begreifen.

In der gegenwärtigen Subjektkultur funktioniert „Berufung“ dann auch oft als biografische Erzählfigur. Inmitten von Freiheit, Optionenvielfalt und Unsicherheit wird Berufung zur Projektionsfläche für Sinn und Identität. Besonders im Coaching-, Bildungs- und Managementbereich wird zur Selbstoptimierung funktionalisiert („Finde deine Berufung“). Gleichzeitig kann er Suchbewegungen nach Tiefe, Verantwortung und Transzendenz Ausdruck verleihen. Berufung kann zugleich ein kritisches Korrektiv gegenüber neoliberalen Selbstverwirklichungsnarrativen sein. Sie erinnert daran, dass Leben nicht nur Produkt eigener Leistung ist, sondern Antwort auf etwas Größeres. Damit kann sie Perspektiven für eine solidarische, gemeinschaftsorientierte Lebensgestaltung eröffnen - etwa in berufsethischen Fragen, in der Gemeinwohlorientierung oder in der diakonischen Praxis.

2. Religionsgeschichtliche Perspektiven

2.1. Berufungserfahrungen im kulturvergleichenden Horizont

In religionswissenschaftlicher Perspektive wird Berufung als Erfahrung verstanden, in der sich ein Mensch in den Dienst einer übermenschlichen Macht gestellt erlebt (Hjede, 1998, 1347). Es handelt sich nicht um ein exklusiv biblisches, sondern transkulturelles Phänomen, das in vielfältigen Formen vorkommt: in visionären Erfahrungen, ekstatischen Zuständen oder autoritativen Aufträgen durch eine jenseitige Instanz. Klassische Beispiele für Berufungserlebnisse finden sich etwa im altiranischen Zarathustra, den alttestamentlichen Propheten, im sibirischen Schamanismus oder im Auftreten religiöser Reformgestalten wie Mani und des Propheten Muhammad. Berufungserzählungen berichten häufig von einer kollektiven oder individuellen Notlage oder Krisenerfahrung, auch körperlicher oder seelischer Art, etwa Krankheit, Isolation, Träume oder Visionen, in deren Gefolge sich der Berufene verändert. Diese Initiationsmuster sind im Schamanismus gut dokumentiert: Berufene erleben als Kinder oder Jugendliche eine Grenzerfahrung (wie eine schwere Krankheit oder einen Traum), bevor sie durch einen „Ruf“ oder eine Vision in die Rolle eines Mittlers zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt eintreten.

Nach der religionswissenschaftlichen Forschung lassen sich in Berufungserzählungen immer wieder fünf wiederkehrende Elemente beobachten (Hjelde, 1998, 1347; Habel, 1965; 297-323; Eliade, 1989, 18; 23; 33-35; 67; 81-95; 215-217):

  1. biografische Krise oder Notlage,
  2. plötzlicher oder visionär vermittelter Auftrag,
  3. Widerstand des Berufenen,
  4. göttliche Zusage,
  5. Beglaubigungszeichen oder Wunder.

Auch in der islamischen Überlieferung zur Berufung des Propheten Muhammad finden sich diese Elemente: Die Hadithe berichten von ihm als Waisenkind und schildern Mekkas moralische wie religiöse Krise (1). In der Hadith Bukhari 4953 wird dann berichtet, wie ihn der Engel Gabriel beauftragt („Lies!“) (2), was Muhammed dreimal zurückweist, weil er nicht lesen kann (3). Es folgen die Wiederholung und damit Bestärkung des göttlichen Auftrags (4), sowie neben der Engelerscheinung die Offenbarung der ersten Koranverse (5).

2.2. Transformation und Sendung

Im Zentrum vieler Berufungserzählungen steht wie beim Propheten Muhammed die Verwandlung des Berufenen. Aus einem gewöhnlichen Menschen, der nicht lesen kann, wird der Gesandte Allahs.

Berufene überschreiten dabei Grenzen: Sie lassen ihre alten Bindungen, ihr altes Leben um soziale Rollen, Familienbindungen und wirtschaftliche Sicherheiten zurück, um Heiler, Propheten oder Anführer zu werden. Ihre neue Identität wird ihnen nicht aus eigenem Antrieb, sondern von einer übermenschlichen Kraft verliehen - auch gegen ihren Willen.

Ausgehend von ihrer Transformation erfolgt dann ihre Sendung, die ihr weiteres Leben kennzeichnet. Sie sind für eine höhere Aufgabe erwählt und bestimmt worden, die meist mit einer besonderen Funktion für ihre Gesellschaft verbunden ist: Sie wirken als Mittler zwischen göttlicher Wirklichkeit und den Menschen, indem sie heilen, verkünden oder einer Gruppierung den Weg weisen.

2.3. Didaktische Perspektive: Interreligiöse Lernwege

Religionspädagogisch bietet eine religionswissenschaftliche Perspektive eine hilfreiche Bereicherung: Berufung wird nicht christlich verengt, sondern als grundlegende religiöse Erfahrung erschlossen. Kinder und Jugendliche begegnen einer zentralen Frage des Menschseins: Wie erfahre ich, wie erfahren andere Menschen Sinn? Wie deuten sie den „Ruf“ zu einer Aufgabe?

In einer pluralen Gesellschaft eröffnet dieser Zugang interreligiöse Lernwege (→ Interreligiöses Lernen). Berufungserzählungen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen können miteinander verglichen werden z.B. Berufungen im Judentum, Christentum und Islam, aber auch in schamanischen, buddhistischen oder philosophischen Kontexten. Didaktisch anschlussfähig sind insbesondere:

  • die Erzählstruktur (Krise - Auftrag - Wandel),
  • die Frage nach dem Ursprung der Berufung (innen/außen),
  • die gesellschaftliche Funktion (Kritik, Heilung, Führung).

Solche Vergleiche fördern die narrative Kompetenz, Perspektivenübernahme und Deutungsoffenheit. Sie laden zur Selbstreflexion ein und stellen der gesellschaftlich verbreiteten Selbstfindung und -optimierung eine Idee als Angebot entgegen: Menschen könnten mehr sein als Funktionsträger oder Rolleninhaber, nämlich Adressaten eines Rufes. Ein Ruf, der von „außen“, durch das eigene Gewissen, von der Welt oder von den Bedürfnissen anderer Menschen ausgehen kann.

3. Biblische und theologische Perspektiven

3.1. Berufung im Alten Testament

3.1.1. Begriff und Konzept

Im Alten Testament existiert kein eigenes Wort für „Berufung“, doch wird das Konzept vielfach verwendet: Berufung bezeichnet hier die unmittelbare Zuwendung Jahwes, durch die ein Mensch aus seinem Alltag herausgerufen und mit einer besonderen Aufgabe oder Amt betraut wird. Häufiger als das im Kontext von Berufungen selten gebrauchte Verb qāra („rufen“) werden andere Begriffe verwandt, z.B. šālaḥ („senden“), bāḥar („erwählen“), rāʾāh („ersehen“) oder lāqaḥ („nehmen“). Ein enger konzeptioneller Bezug der Berufung besteht zur „Erwählung“: In der Erwählung zeigt sich die unverdiente Zuwendung Jahwes zu einzelnen Personen oder Größen wie Israel (Dtn 7,7; Jes 41,8; Jer 1,5). Auf dieser baut die Berufung durch Jahwe auf, der Personen oder Größen in seinen Dienst stellt oder mit einer konkreten Aufgabe versieht (Jes 6,9-10; Jer 1,7) (Schart, 2010).

3.1.2. Die Gattung des Berufungsberichts

In Berufungserzählungen im Alten Testament (→ Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Sekundarstufe; → Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Grundschule) begegnen wiederkehrende literarische Elemente, sodass in der Forschung von einer Gattung gesprochen wird. Häufig anzutreffende Elemente sind:

  1. Umstände der Berufung: Notlage des Volkes Israel oder biographische Einleitung (Ex 2,23; 3,7; Ri 6,11; Jer 1,1-3),
  2. Göttliche Beauftragung, oft eingeleitet mit einer Vision oder Audition und mit šlch „senden“ formuliert (Ex 3,10; Ri 6,14),
  3. Einwand des Berufenen (Ex 3,11;13; 4,1;10;13; Jer 1,6),
  4. Entkräftung des Einwands und Zusage göttlichen Beistands (Ex 3,12; 4,15)
  5. Die Entkräftung und Zusage göttlichen Beistands werdenggf. mit einem beglaubigenden Zeichen versehen (Ex 3,12; 4,2-9; Ri 6,17-21).

Diese Struktur kommt sowohl in prophetischen (→ Propheten, bibeldidaktisch) Selbstzeugnissen wie Jes 6, Jer 1,4-10 und Ez 1-3 als auch in Fremdberichten wie der Berufung Gideons (Ri 6,11-24) oder Sauls (1. Sam 9-10) vor.

3.1.3. Beispiele von Berufungen

Die bekanntesten alttestamentlichen Berufungen finden sich bei: Abraham (Gen 12,1-3), der als Erzvaters Israels berufen wird (→ Abraham und Sara, bibeldidaktisch, Grundschule; → Abraham und Sara, bibeldidaktisch, Sekundarstufe). Mose (Ex 3-4), dessen Berufung durch eine Gottesoffenbarung am Dornbusch geschieht (→ Mose und Mirjam, bibeldidaktisch, Grundschule; → Mose und Mirjam, bibeldidaktisch, Sekundarstufe). Gideon (Ri 6,11-24), dessen Berufung einen Einwand und Zeichenhandlung enthält. Samuel (1. Sam 3) vernimmt die Stimme Gottes im Tempel. Saul (1. Sam 9-10) wird durch Samuel gesalbt.Auch David (1. Sam 16,12-13; 2. Sam 7,8) wird von Samuel gesalbt, wobei seine Erwählung trotz seiner geringen Herkunft eine besondere Rolle spielt (→ König David, bibeldidaktisch).

Die bekanntesten Berufungen in den Prophetendienst Jahwes sind: Jesajas (Jes 6) Berufung erfolgt im Rahmen einer Vision durch den himmlischen Thronrat. Jeremia (Jer 1,4-10) wird trotz seiner Jugend und Furcht berufen. Auch Ezechiels (Ez 1-3) Berufung erfolgt durch eine überwältigende Vision. Die wohl bekannteste Berufung eines Propheten, die von Jona (Jona 1), wird dagegen phasenweise ironisch zugespitzt und bricht bewusst mit den üblichen Berufungselementen (siehe 3.1.2.) (→ Jona, bibeldidaktisch, Grundschule; → Jona, bibeldidaktisch, Sekundarstufe).

3.1.4. Berufung Israels und Universalität

Gerade in den prophetischen Texten des Alten Testaments über die fernere Zukunft wird auch das Volk Israel als Ganzes mit einer Berufung versehen. So wird in Jes 49,3 der „Knecht Jahwes“ mit Israel identifiziert. Ein individuelles Berufungsverständnis wird so auf eine kollektive Größe hin übertragen. Im Kontext des Universalismus können dann auch fremde Könige wie Kyros als von Gott berufen dargestellt werden (Jes 44,24-45,7), um Jahwes universelles Handeln in der Geschichte aufzuzeigen und die historischen Umwälzungen als Wirken Jahwes zu deuten.

3.1.5. Theologische Deutung und Legitimation des Berufenen

Berufungen werden im Alten Testament als Jahwes göttliche Initiative gedeutet. Der Berufene handelt nicht aus eigener Überzeugung, sondern aufgrund des unerwarteten göttlichen Auftrags. Auch die regelmäßig vorgebrachten Einwände verdeutlichen die menschliche Unzulänglichkeit des Berufenen und betonen die Notwendigkeit des fortwährenden Handelns Jahwes in dessen Berufung (z.B. Ex 4,13; Jer 1,6).

Berufung bedeutet auch eine radikale Diskontinuität zur bisherigen Lebenswelt: Abraham muss seine Heimat verlassen (Gen 12), Amos wird aus seinem Beruf als Viehhirte abgerufen (Am 7,15) und Mose verlässt seine Hirtentätigkeit, um fortan Israel anzuführen (Ex 4,18-23). Die Berufung stellt den Berufenen ganz in den Dienst Jahwes. Von Jahwe berufen zu sein, bedeute dabei nicht bedingungslosen Erfolg oder ein einfaches Leben, sondern gerade das prophetische Verkündigungsamt mit seiner Gerichtsbotschaft gegen das eigene Volk erfuhr großen Widerstand (Jer 26,8-11,20-23; vgl. die neutestamentliche Tradition dazu in Hebr 11,36-38). Die gesellschaftliche Anerkennung war daher entscheidend für die wahrgenommene Legitimität und Autorität und somit für die Wirkung des Berufenen. Zur Untermauerung des Anspruchs von Jahwe berufen zu sein, wurden auch Zeichen (z.B. Wunder, erfüllte Weissagungen), äußere Merkmale (z.B. Kleidung in 1. Kön 19,19; 2. Kön 1,8; 2,12-13) und Formeln (z.B. Jes 43,14; Ez 6,1) eingesetzt. Dabei spielen prophetische Zeichenhandlungen eine besondere Rolle, so musste der Prophet Jesaja drei Jahre nackt und barfuß durch die Lande ziehen (Jes 20,1-6), Jeremia mit einem Joch auf den Schultern durch Jerusalem gehen (Jer 27-28) oder Hesekiel Monate lang auf einer Seite liegen (Hes 4,4-8). Auch die Gattung „Berufungsbericht“ (3.1.2.) entstand offenbar im Kontext solcher Legitimationserfordernisse.

Ein Beispiel hierfür ist die Erzählung in Am 7,10-17, in der Amos seine Berufung als Prophet (→ Propheten, bibeldidaktisch) gegen die Autorität des Priesters Amazja verteidigt und nicht auf seine Initiative, sondern auf Gottes unwiderstehlichen Ruf verweist.

3.2. Berufung im Neuen Testament

Die neutestamentliche Sicht auf Berufung baut auf den Perspektiven des Alten Testaments auf und setzt diese fort.

3.2.1. Die Berufung durch Jesus

In den Berufungserzählungen (→ Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Sekundarstufe; → Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Grundschule) der Evangelien steht Jesus als das berufende Subjekt im Zentrum. Die Berufung gründet nicht in einer menschlichen Bitte, sondern entstammt seinem Ruf, mit dem er zugleich eine sofortige und vorbehaltlose Nachfolge einfordert (Mk 1,16-20; Lk 5,1-11; Joh 1,35-51).

In literarischer Hinsicht ähneln viele Berufungserzählungen alttestamentlichen Vorbildern und der antiken chreiai, einer kurzen Anekdote mit zugespitztem Inhalt. Jesus agiert vor allem im Kontext der rabbinischen Praxis. Von dieser setzt er sich aber auch deutlich ab, da Jesus seine Jünger auswählt, sie mit auf Wanderschaft nimmt und sie in seine lebenslange Nachfolge beruft.

Die Erzählungen zeigen, dass Jesus nicht hoch angesehene oder gebildete Menschen auswählt, sondern einfache Fischer oder verhasste Zöllner. Ein Jünger von Jesus (Simon, der Zelot) entstammt der fanatischen religiösen Bewegung der Zeloten, die Gottes Reich mithilfe von Gewalt herbeiführen wollten. Die Berufung durch Jesus in seine Nachfolge setzt demgegenüber eine neue Identität als Jünger. Die Berufung ist damit kein psychologischer Prozess, sondern ein „performativer Akt“ (Strecker, 2010), der göttliche Vollmacht aufzeigt und Nachfolge als neues Lebensprogramm versteht. Die Struktur ist dabei meist einheitlich: Nennung der Berufenen, Beschreibung ihrer Lebenssituation, der Ruf Jesu, die unverzügliche Reaktion sowie die tatsächliche Transformation des eigenen Lebens.

3.2.2. Die Berufung des Paulus

Paulus (→ Paulus, bibeldidaktisch, Grundschule; → Paulus, bibeldidaktisch, Sekundarstufe) deutet seine Berufung (Gal 1,15-17) in Anlehnung an alttestamentliche Vorbilder (Jer 1,5; Jes 49,1), als göttliche Erwählung (Gal 1,15). Seine Berufung fällt mit der Christusvision bei Damaskus zusammen (1 Kor 9,1; 15,8) und ist mit einer apostolischen Sendung zur Verkündigung unter den nichtjüdischen Völkern versehen. Dieses göttliche Handeln und seine Beauftragung begründen seine Gleichrangigkeit mit den anderen Aposteln (Röm 1,1; 1. Kor 1,1). Insgesamt wird die Berufungsgeschichte dreimal narrativ in der Apostelgeschichte (9,1-19; 22,4-21; 26,9-18), einmal im Galaterbrief (Gal 1,15-17) erzählt und dreimal indirekt von ihren Auswirkungen (Phil 3,4-14; 1 Kor 9,1 und 15,8-10 sowie 2. Kor 4,1-6) her thematisiert.

Im Unterschied zu anderen Berufungserzählungen steht bei Paulus sein radikaler Bruch mit seiner Vergangenheit als Verfolger der Gemeinde im Vordergrund. Diese Diskontinuität bedeutet aber keinen Bruch mit dem Judentum. Seine Berufung stellt daher keine Wandlung „vom [jüdischen] Saulus zum [christlichen] Paulus“ dar, wie sie oft populärwissenschaftlich behauptet wird. Paulus bekam bereits bei seiner Geburt neben seinem römischen Hauptnamen Paulus den jüdischen Beinamen Shaul.

Entsprechend der biblischen Berufungsperspektiven, wonach Gott das Vorhandene gebraucht und in seinen Dienst stellt, stehen auch bei Paulus zahlreiche Kontinuitäten im Vordergrund: So war Paulus bereits vor seiner Berufung ein gebildeter Theologe und Lehrer (u.a. Schüler des angesehenen Gamaliel), später wirkte er dann als Theologe und Lehrer für die neu entstandenen christlichen Gemeinden. Wie früher nutzte er seine Herkunft, Kontakte und seine Stellung wie bspw. sein römisches Bürgerrecht. Sein strategisches Vorgehen ist auch in seinen Gemeindegründungen in der weit entfernten römischen Welt zu bemerken. Er blieb ein „Eiferer“ und voller Leidenschaft für seinen Glauben - bis hin zur Billigung tödlicher Gewalt und Verfolgung, so scheute er auch nach seiner Berufung weder Tod noch Leben - er wurde verfolgt, gesteinigt und am Ende getötet.

3.2.3. Die allgemeine Berufung in den paulinischen Briefen

In der paulinischen Briefliteratur ist „Berufung“ ein terminus technicus für den Eintritt in die Gemeinschaft mit Christus und damit in das Heil (Horn, 1998, 1349). Meist wird Gott als berufender Akteur benannt, vereinzelt Christus selbst (z.B. Röm 1,6). In der Berufung entfaltet sich die Erwählung des Einzelnen aufgrund des göttlichen Ratschlusses (Röm 8,28-30), die sich durch das Evangelium im Einzelnen manifestiert (2. Thess 2,13-14).

Alle Christinnen und Christen sind „Berufene“ (z.B. 1. Kor 1,2; Röm 1,7), gänzlich unabhängig von irdischen Identitätsmarkern wie Herkunft oder Status. Vielmehr begründet die Berufung eine neue geistliche, soziale und existenzielle Identität: „zur Gemeinschaft mit Christus“ (1. Kor 1,9), „zum Frieden“ (Kol 3,15), „zur Heiligkeit“ (1. Thess 4,7), „zur Freiheit“ (Gal 5,13), „zum ewigen Leben“ (1. Tim 6,12). Durch die Berufung in die Heilsgemeinschaft mit Christus ergeht somit keine bloße Einladung, vielmehr noch vollzieht sich ein schöpferischer Akt Gottes, der Christinnen und Christen Anteil an der eschatologischen Wirklichkeit des Reichs Gottes gewährt.

Neben der existenziellen Veränderung soll die Berufung auch im Handeln des Berufenen Folgen entfalten: Sie verpflichtet zu einem Verhalten, das „würdig der Berufung“ ist (Eph 4,1; 1. Thess 2,12). Das ethische Handeln wird jedoch nicht als die Grundlage oder Bedingung des Heils angesehen, sondern als angemessene Konsequenz der Berufung.

3.2.4. Theologische Deutung

Berufung im Neuen Testament ist ein theologisches Schlüsselkonzept für das Verständnis von Heil, Jüngerschaft und Kirche. Jesus beruft seine Jünger mit göttlicher Vollmacht in seine Nachfolge, wie dann auch in der Kirche alle Christinnen und Christen von Gott in die Gemeinschaft mit Christus berufen werden. In dieser Berufung zeigt sich die erwählende Gnade Gottes, die dem Einzelnen die Teilhabe am Heil ermöglicht und ihn mit seiner Persönlichkeit und Fähigkeiten in den Dienst Gottes stellt. Die Berufung steht somit nicht bloß am Anfang der Nachfolge, vielmehr zeigt sich in ihr die umfassende Zuwendung Gottes, die alle Lebensbereiche - Identität, Beziehung, Ethos und bis zur Eschatologie - umfasst. Berufung im Neuen Testament ist in dieser Perspektive ein wirkmächtiges Handeln Gottes, das den ganzen Menschen ergreift, ihn zurück auf Gott verweist und ihn in eine neue Lebensweise führt.

Zusammenfassend können drei unterschiedliche Formen von Berufungen im biblischen Kontext feststellen:

  1. Die personale Berufung: Zahlreiche biblische Figuren werden in konkreten Situationen von Gott berufen: Abraham (Gen 12), Mose (Ex 3), die Propheten (z.B. Jes 6; Jer 1) oder Maria (Lk 1). Charakteristisch ist die Initiative Gottes: Berufung geschieht nicht auf Grundlage menschlicher Eignung, sondern in Freiheit und Gnade. Oft geht der Berufung ein Widerstand oder ein Gefühl der Überforderung voraus (z.B. Jer 1,6). Berufung zielt auf Sendung - sie ist nie Selbstzweck, sondern dient dem Heilsplan Gottes.
  2. Die kollektive Berufung: Neben individuellen Berufungen steht die kollektive Berufung Israels (z.B. Dtn 7,6-8) oder der Kirche (1. Petr 2,9). Berufung ist hier Ausdruck einer Beziehung: Gott erwählt ein Volk, um durch es Segen für die Welt zu bringen. Diese kollektive Dimension von Berufung gewinnt angesichts moderner Individualisierungsprozesse neue Aktualität.
  3. Die universale Berufung zum Leben und zur Nachfolge: Im Neuen Testament erweitert sich der Berufungsbegriff: Alle Menschen sind zur Gemeinschaft mit Christus berufen (1. Kor 1,9), zur Heiligkeit (1. Thess 4,7), zum Frieden (Kol 3,15) und zur Freiheit (Gal 5,13). In der paulinischen Theologie ist Berufung eng mit Gnade, Erwählung und Sendung verbunden - aber auch mit dem Ruf zur Christusnachfolge, der Leiden einschließt.

3.3. Dogmatisch-ethische Perspektiven

Berufung gründet aus dogmatischer (→ Dogmatik) Sicht im Wesen Gottes: Gott als sich mitteilendes, von Liebe geprägtes Wesen, tritt in die Beziehung mit den Menschen. Er erwählt und beruft sie aufgrund seiner Initiative, die aus seiner göttlichen Liebe und seinem Heilswillen entspringt. Zugleich stellt er den Menschen in die Kirche als Glaubensgemeinschaft. Berufung geschieht jedoch dialogisch: Auf den Ruf Gottes antwortet oder verweigert sich der Mensch, Gott achtet dabei die Freiheit des Menschen.

Als ethische (→ Ethik) Konsequenz der Berufung zum Leben mit Gott und in der christlichen Gemeinschaft ergibt sich eine Ausrichtung auf den Nächsten. Ein Leben, das nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden strebt. Aber auch schöpfungstheologisch lässt sich der Ruf Gottes an die ganze Menschheit und Schöpfung deuten: Als Aufruf und Einladung Gottes zu einem erfüllten, friedlichen, liebevollen gerechten und solidarischen Zusammenleben - gerade im Hinblick auf die Schwachen und Armen der Gesellschaft (Schambeck, 2016).

In der Theologiegeschichte erfuhr das neutestamentliche Berufungsverständnis, von der allgemeinen Berufung (3.2.3.), zahlreiche Weiterentwicklungen (Sparn, 1998, 1351-1352). Zwei Beispiele verdeutlichen die Spannweite: In altkirchlichen wie mittelalterlichen Theologien wurde Berufung häufig auf den monastischen bzw. geistlichen Stand begrenzt. Berufung wurde hier als Ruf Gottes zu einem heiligen und gottgefälligen Leben in einem besonderen Lebensstand (wie als Nonne oder Priester) verstanden. Dieser Engführung trat die Reformation entgegen, wobei insbesondere Martin Luther neben der geistlichen Berufung des Menschen noch eine äußerliche Berufung zu einem irdischen Beruf annahm (WA 34/2, 1531, 300; 306). Diese Verschmelzung von Beruf und Berufung war kulturell folgenreich und prägte ein Verständnis von der spezifischen Berufsausübung als religiös motivierter Pflichtausübung (Wagner, 1980, 691–693). Beide Vorstellungen, Berufung als speziellem Ruf für Heilige und eine besonders, sinnerfüllte Bedeutung des Berufslebens (siehe 1.1.), wirken bis heute nach.

Kirche versteht sich als Gemeinschaft der Berufenen. In ihr entfaltet sich die Berufung, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, sowohl durch Laien als auch durch besondere Dienste wie dem pastoralen Amt. In der Berufung des Einzelnen kann dabei zwischen einer inneren Berufung, vocatio interna, und der äußeren Berufung, vocatio externa, unterschieden werden. Die katholische Kirche unterscheidet in ihrem Berufungsverständnis in drei Lebensstände: die Laien, geweihte Amtsträger (wie Priester) und Ordensleute. Jeder dieser Lebensstände hat einen eigenen Berufungscharakter, sie betont dabei aber den sakramentalen Charakter (Sakrament der Weihe) und die besondere wie lebenslange Berufung ins Priestertum und Ordensleben. In diesem Kontext kommt der vocatio externa eine besondere Bedeutung zu: Sie wird durch das Sakrament der Weihe durch den Ortsbischof erteilt. In evangelischer Perspektive gibt es kein sakramentales Priestertum, vielmehr stehen die allgemeine Berufung aller Getauften und das Amt als funktionalen Dienst an der Gemeinde im Zentrum. Ein kirchliches Amt wird dabei nicht als Lebensstand, sondern als zeitlich begrenzter Dienst an der Gemeinde und dem Wort verstanden.

4. Religionspädagogische Perspektiven

Die Berufungserzählungen der Bibel eröffnen grundlegende Einsichten über Gottes Beziehung zum Menschen und bieten mit ihren Charakteren ein Identifikationspotenzial für Zweifel (Mose), Vertrauen (Abraham) und Glauben (Petrus). Religionspädagogisch bietet sich daher die Chance, ihre Deutungsoffenheit für Lehr-Lern-Prozess fruchtbar zu machen, ohne die Spannungen und Differenzen von der biblischen Erzählung und der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen außer Acht zu lassen.

4.1. Entwicklungspsychologische und bildungstheoretische Erwägungen

Biblische Berufungserzählungen sind für die meisten Kinder und Jugendlichen zunächst fremd. Die Unmittelbarkeit Gottes, sein unmittelbares Eingreifen in das Leben eines Menschen irritiert und ist weltanschaulich schwer zugänglich (Schambeck, 2016). Gerade die mit der Berufung einhergehenden Brüche mit der bisherigen Lebenswelt sind für Kinder wenig anschlussfähig und schwer nachvollziehbar (Kothmann, 2016). Gerade weil Bindung, Sicherheit und Familie für Kinder und Jugendliche die entwicklungspsychologische Basis für Beziehung darstellen (Pinquart/Schwarzer/Zimmermann, 2019, 145; 318), wirken die Brüche, die Gottes Ruf für Menschen wie Abraham bedeuten, wenig lebensnah. Wenig überraschend sind Berufungserzählungen Kindern nicht spontan präsent und werden oft ausgeblendet (Hanisch/Bucher, 2002, 28; 35). Für Kinder eignet sich die persönliche Ansprache Gottes (vgl. Samuel) mit ihrer emotionalen Dimension („Gott kennt und liebt mich“) als Anknüpfungspunkt ebenso wie die besondere Aufgabe, die Gott einer Person gibt. Hier kann eine Reflexion über die eigenen Gaben und Fähigkeiten einsetzen. Auch die Krise/Notlage, in die Gott einen Menschen hinein sendet (bspw. Mose zur Bekämpfung von Unrecht), kann Kindern helfen bspw. durch ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn anzuknüpfen (Kothmann, 2016).

Bei (hoch-)religiös sozialisierten Kindern und Jugendlichen andererseits können Berufungserzählungen die Erwartung bzw. Sehnsucht nach dem Ruf Gottes in das eigene Leben wecken. Dies gilt besonders für Jugendliche, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, Bedeutung und ihren Stärken wie Lebenszielen sind. Verstärkt wird dies durch die in der Theologiegeschichte (3.3.) vorgenommene - und in der Neuzeit säkularisierte (1.1.) - Gleichsetzung von Beruf und Berufung, als Suche von Bestimmung. Aber auch generell bieten Berufungsgeschichten für Jugendliche Gelegenheit zur Selbstreflexion über die eigene Identitäts- und Sinnsuche. Neben biblischen Geschichten können gerade zeitgenössische biografische Zeugnisse anschlussfähiger sein. Auch die bewusste Wahrnehmung von Zweifeln und das Ringen mit Gott in Berufungserzählungen sind für die narrative Identitätsarbeit wichtig.

Entwicklungspsychologische Modelle wie das der religiösen Stile (→ Entwicklungspsychologie) (Streib, 2001; 2023) eröffnen hier Wege zu einer differenzsensiblen Didaktik: Wie das Leben der Berufenen in der Bibel, verläuft auch die religiöse Entwicklung nicht linear oder progressiv, sondern situationsbezogen, vielfältig und oft widersprüchlich. Die Subjektorientierung macht deutlich, dass Berufung bereits in der Bibel als individuelles Erleben verstanden wird und keinen einfachen, idealisierten Weg verheißt.

4.2. Religionspädagogische Herausforderungen

Hauptaufgabe ist es, die Spannung zwischen lebensweltlicher Distanz und der Berufungserzählungen didaktisch fruchtbar zu machen. Berufung zielt nicht auf Leistung oder Erfolg, sondern auf ein verantwortetes und sinnerfülltes Leben ab. Gerade von der Lebenswelt von Jugendlichen, die durch Schule, Eltern und Soziale Medien stark von Leistungsdruck geprägt ist, bietet sich hier eine andere Perspektive jenseits von Selbstoptimierung und Leistung an. Hier kann die universale Berufung Gottes zu den Menschen (geschaffen, geliebt, gewollt) aus anerkennungstheoretischer Sicht sehr hilfreich sein (Honneth, 1992). Dabei muss die kulturelle Fremdheit der Texte - etwa Gottes unmittelbares Reden oder die Indienstnahme des Berufenen - nicht aufgehoben werden, sondern kann als produktiver Impuls gestaltet werden.

Berufung fordert heraus: Sie bedeutet sich einem höheren Ziel unterzuordnen, aufzubrechen, sich neu zu orientieren und nicht selten auch zu verzichten. Diese Spannung ist insbesondere für Jugendliche anschlussfähig, die sich selbst im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit verorten.

Je nach Alter variieren die Zugänge. Während Kinder eher auf narrative, bildgestützte oder spielerisch-dramatisierende Formen ansprechen, sind bei Jugendlichen biografisch-reflexive, dialogische und kontroverse Lernformen wirksam. Besonders der Aspekt der sozialen Gerechtigkeit, etwa in der Berufung von Propheten wie Amos, eröffnet Jugendlichen Räume zur Reflexion eigener Werthaltungen und gesellschaftlicher Verantwortung.

4.3. Religionsdidaktische Implikationen

Die Beschäftigung mit Berufung ist von der Spannung zwischen der Fremdheit der biblischen und der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen geprägt. Die biblischen Texte sind dabei nicht nur kulturell fremd, sondern auch konzeptionell um die Indienststellung des Berufenen und die direkte Ansprache durch Gott. Diese Differenz sollte weder nihiliert noch banalisiert werden, sondern gerade mit Jugendlichen kritisch reflektiert und auf die Aussagefähigkeit für das eigene Leben (→ Bibeldidaktik, Grundfragen) hinterfragt werden. Das biblische Verständnis von Berufung kann hier als Deutungsangebot verstanden werden, auch um die eigenen Haltungen und die eigene Identität zu hinterfragen. Insbesondere das dialogische Geschehen zwischen Gott und Mensch in den Berufungserzählungen weist auf ein personales Gottesverständnis hin, wonach Gott den Einzelnen anspricht, begleitet und befähigt. In diesem Sinne können Berufungen als tiefe Gotteserfahrungen reflektiert werden, wie sie - in anderer Form - auch heute noch empfunden werden können (Fiß/Neebe, 2013, 131). In der erweiterten Schau auf das Leben der Berufenen kann dann ihr Leben zwischen Anspruch und Realität, Erfolg und Scheitern auch als Spiegel für eigene Entwicklungspotenziale dienen (Mendl, 2013, 269).

Didaktisch sinnvoll können Berufungserzählungen als Resonanzräume für die eigene Lebensgestaltung genutzt werden. Neben interreligiösen Lernformaten (siehe 2.3.) bieten sich dafür etwa die Biografiearbeit (→ Biografisches Lernen), eine performative Bibeldidaktik (wie → Rollenspiel; → Bibliodrama), mediale Zugänge (wie Digital Storytelling) oder interaktive Formate an. Durch den ergänzenden Vergleich mit zeitgenössischen biografischen Zeugnissen kann die Pluralität von Lebensgestaltung, Sinn und Bestimmung erfahrbar und die kritische Auseinandersetzung mit Berufung erleichtert werden. Auf diese Weise werden die religiöse Urteilskompetenz, Identitätsreflexion, Empathie und narrative Kompetenz gestärkt. Insgesamt werden so die theologische Tiefe und persönliche Herausforderung erlebbar: Als Einladung, das eigene Leben zu deuten - auch in Relation zu Gott und den Mitmenschen.

Literaturverzeichnis

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