Kirchenjahr, historisch
(erstellt: Februar 2026)
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1. Religiöse Feiertage in der pluralen Gesellschaft
Eine plurale → Gesellschaft
1.1. Phänomenologische Betrachtung
Verfolgt man Berichte oder gar Liveübertragungen über evangelische, katholische oder orthodoxe Ostergottesdienste im öffentlichen Fernsehen, im Internet oder in den Printmedien, so stehen diese Nachrichten in einer religionspluralen Gesellschaft häufig neben Berichterstattungen über das muslimische Zuckerfest oder den jüdischen Jom-Kippur-Tag. Auch germanische Volksbräuche wie die Walpurgisnacht werden dargestellt. Diese Praxis reagiert auf den kontinuierlichen Rückgang des christlichen Bevölkerungsanteils in Deutschland (mittlerweile unter 50 %) oder Österreich und der steigenden Anzahl von Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören (→ Religionssoziologie
Um den Angehörigen anderer Religionen im Zuge der Ausübung ihrer positiven Religionsfreiheit die Feier ihrer religiösen Feste zu ermöglichen, wurden arbeitsrechtlich oder schulrechtlich Freistellungsmöglichkeiten geschaffen (vgl. z.B. Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 7. Juli 2015, Az. II.1-BS4321-6a.79 304).
1.2. Die gewandelte Bedeutung der Feste des Kirchenjahrs
Die Strahlkraft der kirchlichen (Groß-)Feste in der Gesellschaft hat im Gegensatz zur zunehmenden Distanz der Bürgerinnen und Bürger zu Kirche (→ Kirche/n
Mit diesem Phänomen geht eine inhaltliche Transformation bestehender Feste einher: Mit den christlichen Inhalten werden Geschichten verschiedener Kulturkreise, Phänomene aus dem Brauchtum, gesellschaftliche Werte oder andere Traditionen verwoben oder ersetzen sie gar, denkt man beispielsweise an den Weihnachtsmann anstelle von Nikolaus- oder Christkind-Brauch oder an den Vatertag, der den Feiertag „Christi Himmelfahrt“ ersetzt (→ Kulturtransferforschung
1.3. Das Kirchenjahr als christlicher Anspruch an die Gesellschaft
Die neuen Phänomene bilden Bedürfnisse in der Gesellschaft sowie den Zeitgeist ab. Auch etablierte Bräuche und Auffassungen sind aus ihrer Zeit heraus entstanden. Für einen emanzipierten Umgang und eine Positionierung zu Traditionen und Neuentwicklungen ist stets ein Verständnis von Ursprung und Entstehungsgeschichte des jeweiligen Fest(kreis)es im → Kirchenjahr
2. Das Kirchenjahr und seine Entstehungskontexte
Basis des Kirchenjahres ist die Einteilung der Woche in sechs Arbeitstage und einen Ruhetag, die seit dem 8. Jahrhundert vor Christus im Zweistromland anzutreffen ist (Göttert, 2007, 22-27), sowie der Sonntag als christlicher „Urfeiertag“ (DBK, 2010, 3-4) und „Ziel- und Höhepunkt der wöchentlichen Osterfeier“ (Bieritz, 2014, 38;80-81). Das Kirchenjahr beginnt nicht wie das Kalenderjahr mit Party und Feuerwerk, sondern still mit dem ersten Adventssonntag als Auftakt der Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest.
2.1. Der Weihnachtsfestkreis
Das Weihnachtsfest gedenkt der Geburt und Machtentfaltung Jesu Christi sowie seiner Erscheinung. „In der Verbindung beider Komplexe, des Natale-Motivs und des Epiphanie-Motivs, stellt der Weihnachtsfestkreis die Menschwerdung Gottes als Offenbarung seiner Machtfülle heraus“ (Bieritz, 2014, 105).
Das Weihnachtsfest wurde – wie heute immer noch in einigen unierten Kirchen oder in manchen orthodoxen Kirchen – ursprünglich am 6. Januar gefeiert. Die Empfängnis Jesu wurde bereits früh auf den 25. März datiert (dem sogenannten „ersten Tag der Schöpfung“ gemäß manchen Deutungen). Seine Geburt konnte damit auf den 25. Dezember datiert werden. Die Festlegung des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf Kaiser Konstantin den Großen (→ Konstantinische Wende
Während die katholische Kirche das Weihnachtsfest vom Heiligen Abend bis zum Abend des 25. Dezember begeht, am 26. Dezember aber bereits das Fest des Märtyrers Stephanus feiert, resultiert die heute geläufige Bezeichnung „erster“ und „zweiter Weihnachtsfeiertag“ aus der evangelischen Messordnung, die ihre Ursprünge in der Reformationszeit hat. Bis ins 18. Jahrhundert wurde der Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember zwischen 3 und 5 Uhr morgens gefeiert, woran sich die Bescherung anschloss. Diese verlagerte sich durch eine allmähliche Vorverlegung des Gottesdienstes auf den Heiligen Abend in manchen Ländern schließlich ebenfalls auf den 24. Dezember (Bieritz, 2014, 133-138).
Der Brauch der Bescherung am Weihnachtstag geht auf Martin Luther (→ Luther, Martin (1483-1546)
Die Adventszeit als Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest belief sich wohl ursprünglich ebenfalls wie die vorösterliche Fastenzeit auf 40 Tage. Regional unterschiedliche Regelungen von unterschiedlicher Dauer wurden schließlich auf die römisch-päpstliche Praxis von vier Adventssonntagen vereinheitlicht (Auf der Maur 1983, 180-185). Der Advent als Zeit des Fastens, der Buße und der Umkehr zeigt, dass es sich bei Weihnachten nicht allein um ein Gedenkfest an ein historisches Ereignis handelt, sondern vielmehr um eine Vorbereitung auf die eschatologische Wiederkunft des Herrn. Der diese Zeit begleitende Adventskranz hat seinen Ursprung wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert, als Johann Hinrich Wichern den Kindern seines Rettungshauses als Abzählhilfe für die Tage bis Weihnachten ein Wagenrad mit 20 kleinen und vier großen Kerzen ausstattete (Bieritz, 2014, 121-126).
Der Tag des heiligen Nikolaus wurde seit dem 6. Jahrhundert in der Ostkirche gefeiert, seit dem 10. Jahrhundert auch in der Westkirche. Über die Jahrhunderte und durch regionale Prägungen entwickelte sich ein vielfältiges Brauchtum zum Nikolaustag. In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine Säkularisierung der Nikolausfigur ein, die mit der Bezeichnung „Weihnachtsmann“ oder „Santa Claus“ einhergeht. Dessen roter Mantel ist schließlich vielfach der einzige Bezug zur Mitra des Bischofs Nikolaus von Myra (Bieritz, 2014, 131-132).
Früh sind (mehrtägige) Neujahrsfeiern für Christus als Herrn der Zeit belegt, fand doch in diesem Zeitraum in Rom seit 153 v.Chr. der staatliche Ämterwechsel statt. Spätestens seit dem 7. Jahrhundert wurde in Rom am 1. Januar ein Marienfest gefeiert, das jedoch im Mittelalter vom Fest der Beschneidung des Herrn (Lk 2,21
Am 6. Januar wird in der evangelischen und katholischen Tradition nicht allein die „Erscheinung des Herrn“ (Epiphanias) vor den Weisen (vgl. Mt 2,1-12
Epiphanias bildet evangelischerseits den Abschluss des Weihnachtsfestkreises; katholischerseits endet dieser eine Woche später.
Weitere Feste im Kirchenjahr beziehen sich auf das Weihnachtsfest und seinen Termin am 25. Dezember in inhaltlicher oder chronologischer Hinsicht, wie beispielsweise das Fest „Darstellung des Herrn“, auch bekannt als „Mariä Lichtmess“, am 02. Februar, 40 Tage nach Weihnachten. Die an diesem Tag abgehaltene Lichterprozession wurde schließlich für die Namensgebung des ursprünglich der Reinigung Mariens gewidmeten Tages mitherangezogen. Moderne katholische Messbücher verweisen in der Bezeichnung auf den biblischen Bezug (Lk 2,22-39
2.2. Der Osterfestkreis
Erste Zeugnisse für ein christliches Osterfest gemäß der biblischen Tradition am Termin des jüdischen Pessach-Festes finden sich im zweiten Jahrhundert in der Diskussion um den rechten Termin für die Feier im sogenannten Osterfeststreit. Im ersten Konzil von Nizäa wurde im Jahr 325 der Ostertermin auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt (Bieritz, 2014, 171; Göttert, 2007, 94-112; besonders zur katholischen Liturgiereform nach dem Zweiten Vaticanum vgl. Auf der Maur, 1983, 140-143; → Zweites Vatikanisches Konzil, kirchengeschichtsdidaktisch
Das ‚christliche Pessach-Fest‘ begann den frühen Quellen zufolge mit einem Pessach-Mahl am Samstagabend und wurde nach einer Nachtwache mit Lesungen über den Exodus sowie das Leiden und Sterben Jesu abgeschlossen mit einer morgendlichen Eucharistiefeier, die von der Auferstehungsfreude (→ Auferstehung
Bereits im 4. Jahrhundert ist eine Entfaltung des Osterfestes auf das Triduum sacrum (von Donnerstagabend, der zum Folgetag gezählt wurde, bis Sonntag) sowie die Karwoche zu beobachten. Ebenfalls entwickelte sich eine vierzigtägige Vorbereitungszeit vor Ostern (die Quadragesima) sowie eine fünfzigtägige Freudenzeit danach, die im inzwischen eigenständigen Pfingstfest besiegelt wurde (Auf der Maur, 1983, 77-83;143-153; Bieritz, 2014, 177).
Die vorösterliche Bußzeit beginnt infolge eines Wegrechnens der sechs Sonntage und der Hinzufügung von Karfreitag- und -samstag am Aschermittwoch. Ab dem 9./10. Jahrhundert blieb an diesem Tag das Aschenkreuz als Relikt der vorher gängigen kirchlichen Bußpraxis erhalten, seit dem 12. Jahrhundert wurde der Ritus mit der Asche der Palmzweige des Vorjahres durchgeführt (Bieritz, 2014, 188-193). Die Art des Fastens als Vorbereitung auf das Osterfest war regional und temporär unterschiedlich geregelt: Zwischen strenger Abstinenz und kleineren Einschränkungen, Fasten als eigenem Wert und Abgabe der nicht benötigten Nahrungsmittel an Bedürftige oder auch dem Erwerb von sogenannten „Butterbriefen“ bei der Kirche, die das Geld für Kirchbauten nutzte, sind die verschiedensten Varianten belegt (Göttert, 2007, 87-91).
Der Palmsonntag stand zunächst ganz im Zeichen der Vorbereitung auf Ostern und die Taufe. Erst im 7. Jahrhundert wurde der Einzug Jesu in Jerusalem in den Gottesdienst aufgenommen und im Verlauf des Mittelalters zu Prozessionen ausgeformt.
2.2.1. Das Ostertriduum
Infolge der antiken Auffassung, dass der neue Tag am Vorabend beginnt, bildet der Gründonnerstag den Auftakt des heiligen Triduums, das über den Karfreitag hinweg seinen Höhepunkt in der feierlichen Osternachtsmesse findet und das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu feiernd erinnern lässt. Ursprünglich wurden am Gründonnerstag die öffentlichen Büßer wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen, woher der Festtag wahrscheinlich auch seinen Namen ableitet (büßen → weinen → greinen → mhd. gronan → „grün“). Nach der aktuellen Ordnung zelebriert katholischerseits der Bischof am Morgen des Gründonnerstags zusammen mit den Priestern des Bistums die Chrisam-Messe, in der die heiligen Öle geweiht werden. Die Abendmesse erinnert an die Einsetzung des Abendmahls und die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern, die erstmals im 7. Jahrhundert als Teil des Gottesdienstes bezeugt ist (Bieritz, 2014, 207). Entsprechend dem Anlass wird am Gründonnerstag das Gloria mit Orgelspiel und Glockengeläut gesungen, das dann bis zur Osternacht wieder verstummt. In vielen evangelischen und katholischen Gemeinden findet ein gemeinsames Mahl (Agape) sowie eine Ölbergwache in der Tradition des nächtlichen Gebets Jesu im Garten Getsemani statt.
Die Tradition der Nachtwache ist zusammen mit dem Trauerfasten im Rahmen der katholischen Karfreitagsliturgie bereits früh in verschiedenen Ausprägungen bezeugt (Bieritz, 2014, 210-211). Seit dem siebten Jahrhundert ist die Verbindung eines Wortgottesdienstes zusammen mit der Kreuzverehrung und einer Kommunionfeier mit am Vortag konsekrierten Hostien belegt. Am Ende des Wortgottesdienstes finden sich in der katholischen Kirche an diesem Tag schließlich noch die Großen Fürbitten für die Kirche, die Christen, die Juden, die Andersgläubigen und für weltliche Belange. In der evangelischen Kirche wird der Karfreitag zur Todesstunde Jesu mit einem Abendmahlgottesdienst begangen (Auf der Maur, 1983, 107-113; Bieritz, 2014, 212-215).
Die Feier der Osternacht bildet den Höhepunkt des Osterfestes und des Kirchenjahrs. Für die Lichtfeier zu Beginn des Gottesdienstes sind erst seit dem 12. Jahrhundert wichtige Elemente bezeugt, ihre Ursprünge liegen aber wahrscheinlich in jüdischen Traditionen und unterliegen dem Einfluss spätantiker Mysterienkulte. Ihr ursprünglicher Ort lag wohl bei der Tauffeier, zwischen den alttestamentlichen und neutestamentlichen Lesungen als Übergang vom Dunkel zum Licht der Auferstehung. Die Osternacht bindet die Auferstehung Jesu in den heilsgeschichtlichen Zusammenhang des Exodus ein. Jesus ist die Vollendung des Pessach-Lammes, durch dessen Opfer Tod und Sünde besiegt werden. Der Sieg über die Finsternis wird durch den Beginn der Feier in den frühen Morgenstunden durch den Aufgang der Sonne hinter der Kirchenapsis symbolisch untermalt (Bieritz, 2014, 217-227). Die katholische Speisensegnung ist ebenso wie die in verschiedenen Konfessionen praktizierten Agapefeiern im Anschluss an die Messe seit dem 12. Jahrhundert Brauch (Auf der Maur, 1983, 117).
2.2.2. Die Osterwoche und die Zeit bis Pfingsten
Dass die Osteroktav in besonderer Weise mit Gottesdiensten begangen wurde, ist seit dem ausgehenden dritten Jahrhundert bezeugt. In diesen Gottesdiensten wurden die Neugetauften in die Mysterien der Eucharistie eingeführt. Da sie ihre weißen Kleider in dieser Zeit anbehielten, wird die Woche auch die Weiße Woche (hebdomada in albis) genannt, deren Abschluss der Weiße Sonntag mit dem Ablegen der Alben bildet. Die heutige Praxis der Konfirmation (evangelisch) oder Erstkommunion (katholisch) (→ Erstkommunion/Erstkommunionkatechese
Die in der Osterzeit stattfindenden katholischen Maiandachten sind ein Produkt des Mittelalters und der Barockzeit und setzten sich erst im 19. Jahrhundert allgemein durch (Bieritz, 2014, 239).
Seit dem vierten Jahrhundert finden sich Belege für das Fest der Himmelfahrt Christi als 40. Tag nach der Auferstehung gemäß der ‚Chronologie‘ des Lukas, auch um zur 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern eine Entsprechung herzustellen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erfährt dieser Tag durch „Herren-Partien“ zu Ehren Jesu Christi zunehmend eine Bedeutungsverschiebung hin zum heute bekannten „Vatertag“ (Göttert, 2007, 142-147; Bieritz, 2014, 240-241).
Der 50. Tag nach Ostern (Pentecoste) bildete traditionell den Abschluss der Osterzeit. Während in den Anfängen die Himmelfahrt Christi an diesem Tag gefeiert wurde, setzte sich seit dem Ende des vierten Jahrhunderts die Feier der Geistsendung als Abschluss der Christusgeschichte gesamtkirchlich durch und wurde im Mittelalter zu einem bedeutenden Zeitpunkt für politische Aktivitäten wie Hoftage (Göttert, 2007, 148). Die Ausgestaltung durch das Brauchtum ist wahrscheinlich aufgrund der Abstraktheit des Inhalts weniger ausgeprägt als bei den anderen Hochfesten. Die meisten mit Pfingsten verbundenen Bräuche wie der Schmuck der Kirchen mit Birken, der Tanz um den Maibaum, Brunnen- und Wasserfeiern sind wohl ursprünglich im Naturjahr beheimatet (Bieritz, 2014, 242-248).
Der Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis) nach Pfingsten „setzt gleichsam den dogmatischen Schlusspunkt unter Weihnachten (Werk des Vaters), Ostern (Werk des Sohnes) und Pfingsten (Werk des Heiligen Geistes)“ (Bieritz, 2014, 251).
Zu den auf Ostern hingerichteten Ideenfesten gehört katholischerseits ebenfalls das Fronleichnamsfest, das auf einer gewandelten Frömmigkeitshaltung gegenüber der Eucharistie beruht. Die 1215 festgesetzte Lehre der Transsubstantiation bildet die theologische Voraussetzung, die Vision einer Augustinernonne den Anlass für ein besonderes Fest zu Ehren der Eucharistie, das schließlich im Jahr 1264 für die gesamte westliche Kirche vorgeschrieben wurde. Die für die Zeit typische Verehrung der Hostie als vollzogenes Sakrament und Opfer fand ihren Niederschlag in der Praxis der Prozession, die bis heute am Fronleichnamstag in den Pfarrgemeinden praktiziert wird. Martin Luther wandte sich gegen dieses von ihm als allerschädlichstes bezeichnete Fest und die dahinterstehende Vorstellung von der Eucharistie (Bieritz, 2014, 252-256; Auf der Maur, 1983, 199-207), weshalb Fronleichnam in der evangelischen Tradition nicht gefeiert wird.
2.3. Der Abschluss des Kirchenjahres
In der Regel am ersten Sonntag im Oktober wird das Erntedankfest gehalten. Der Dank der Menschen für das Geschenk des eigenen Lebens und der Ernte, die das Überleben sichert, ist in der neueren Zeit in den umfassenderen Zusammenhang der Bewahrung der Schöpfung (→ Schöpfung
Die katholische Kirche feiert spätestens seit dem 8. Jahrhundert den Gedenktag aller Heiligen am 1. November. Durch die Verbindung mit dem Allerseelentag am 2. November wurde aus dem im Spätmittelalter so genannten ‚Ostern des Herbstes‘ ein Trauerfest (Göttert, 2007, 212). Da Martin Luther der Überlieferung nach seine 95 Thesen am Vortag des Allerheiligenfestes 1517 veröffentlichte, beging die evangelische Kirche bereits seit dem 16. Jahrhundert am 31. Oktober den Reformationstag (→ Reformation
Der 1893 von der evangelischen Kirche vereinheitlichte Buß- und Bettag zum Gebet der Bevölkerung für allgemeine oder akute Gefahrensituationen wurde 1994 in Deutschland außer in Sachsen abgeschafft. Allein für Schülerinnen und Schüler bleibt dieser Tag in mehreren Bundesländern schulfrei (Göttert, 2007, 222-225).
Erst 1925 wurde in der katholischen Kirche zum Abschluss des Kirchenjahrs das Christkönigsfest eingeführt, um nach dem Untergang der großen Monarchien im Ersten Weltkrieg das wahre Königtum Christi herauszustellen. Damit wurde durch die Förderung dieses Freudenfestes im Zweiten Vatikanischen Konzil trotz aller Bemühungen um die Ökumene der Gegensatz zum von der evangelischen Kirche als Kirchenjahrsabschluss gefeierten Ewigkeitssonntag („Totensonntag“) verstärkt (Bieritz, 2014, 263-274; Göttert, 2007, 228-229).
2.4. (Katholische) Marienfeste
Die Ursprünge der Marienverehrung reichen bis ins vierte Jahrhundert zur Zeit des Konzils von Ephesos (381) zurück. Während die Marienfeste zunächst Begleitfeste zu Weihnachten waren, erlebte die Marienverehrung seit dem fünften Jahrhundert einen starken Aufschwung. Martin Luther selbst widersprach der Marienverehrung nicht, wollte aber gewährt wissen, dass sie nicht die Christusverehrung überstrahlte. Im Verlauf der Reformation wurde die Marienverehrung jedoch zu einem Differenzpunkt zwischen den Konfessionen; nicht zuletzt verstärkt durch die relativ jungen Dogmen der unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) und ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel (1950). Einige Marienfeste wurden daher umbenannt und werden wegen ihres Bezugs zu Christus als Herrenfeste gefeiert, z.B. die Verkündigung des Herrn am 25. März und die Darstellung des Herrn am 2. Februar (ausführliche Darstellung der Entwicklung, Theologie und Form der Marienfeste bei Bieger, 1997, 237-273).
3. Religionsdidaktische Perspektiven auf das Kirchenjahr
3.1. Bewusstseinsbildung für christliche Traditionen
Das Kirchenjahr bildet die Grundlage des christlichen Zeitverständnisses und der Traditionen, auch wenn diese unter Umständen nicht mehr als rein christlich empfunden werden und möglicherweise von ökonomischen Interessen oder profanen Strömungen überlagert sind. Nicht zuletzt bildet das Kirchenjahr mit seinen Feiertagen die Basis für die Einteilung der Schulferien in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern, sodass die Lebenswirklichkeit der → Schülerinnen und Schüler
Eine Beschäftigung mit der Entstehung der Feiertage und ihrer Gehalte ist somit nicht allein ein Thema des Religionsunterrichts, sondern gehört zum zentralen Bildungsauftrag aller Schulen, die Kinder und Jugendlichen dazu zu befähigen, als mündige Bürger bewusst ihr Lebensumfeld wahrzunehmen und mitzugestalten. Die Wahrnehmung der christlichen Tradition im Alltag und das Wissen um ihren Hintergrund befähigt die Schülerinnen und Schüler, mit neuen Strömungen oder Entwicklungen bewusst umzugehen. Ein verständnisbasierter, stabiler eigener Standpunkt unterstützt eine offene aber auch eine kritische Auseinandersetzung sowie die Dialogfähigkeit mit anderen Positionen und Religionen (→ Positionierung im Religionsunterricht, interreligiös
„Bräuche und Brauchelemente haben nomadenhaften Charakter: Sie wandern in geographischer wie kultureller Hinsicht, sie dringen ein, vermischen sich mit bestehenden Brauchkomplexen, überformen Bräuche, diffundieren und zeigen neben ihrer Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit manchmal eine eigenwillige Persistenz“ (Dewald, 2008, 100). Ein jüngeres Phänomen der Fortentwicklung von traditionellen Bräuchen ist das Halloween-Fest am 31. Oktober. Während in den 1980er und 1990er Jahren Halloween-Partys Neuerungen darstellten und nicht selten abgelehnt wurden, haben sich inzwischen Halloween-Bräuche und -Produkte im gesellschaftlichen Alltag weitgehend durchgesetzt. Hierbei hält darüber hinaus die mexikanische Allerheiligenfest-Praxis (Día de los muertos) Einzug, deren Ausgestaltung in Halloween-Kostümen und Dekorationen zu bemerken ist (Hunecke/Müller/Rechenberg-Winter, 2013, 82-84; zum Anliegen und Potenzial des Día de los muertos muss aufgrund der Rezeption in Deutschland erst in den letzten Jahren auf die nordamerikanische Reflexion der kulturellen Rezeption zurückgegriffen werden: Marchi, 2022).
Ein Verständnis bezüglich der Grundanliegen des Allerheiligen- oder vielmehr des Allerseelenfestes/Totensonntags sowie der internationalen Bräuche kann helfen, gegenwärtige gesellschaftliche Rezeptionen kirchlicher Feste wahrzunehmen und zu beurteilen, inwiefern sie eine moderne, andersartige und sinnvolle Bereicherung darstellen (Kranemann, 2019, 395; Dewald, 2008, 101-108; zur Verknüpfung mit dem Karnevals-, Fastnachts- oder Faschingsbeginn und dem Martinsfest vgl. Richter, 2011, 163-168).
3.2. Das Kirchenjahr in einer säkularen Gesellschaft
Während einige Feiertage inhaltlich mehr oder weniger verschwinden, wie das Pfingstfest oder Christi Himmelfahrt, gewinnen die Hochfeste Ostern und Weihnachten immer stärker konfessions- und religionsübergreifend an gesellschaftlicher und auch kommerzieller Bedeutung, werden als Tradition und Kultur empfunden, verlieren aber zunehmend ihren christlichen Bezug (der Zusammenhang von Kultur und Ritual wird bei Dücker, 2007, 74-134 dargestellt). Einst genuin kirchlich-christliche Feiertage werden somit zu gesellschaftlichen und damit säkularen Festtagen. Als solche erschließen sie nach Walther-Sollich eine „außergewöhnliche Wirklichkeitssphäre“ (Walther-Sollich, 1997, 64) ebenso wie sie Regeneration vom Alltag bieten.
Nach Göttert ist es gerade die Entchristlichung des Weihnachtsfestes und die Feier der Feiertage als Familienfest, an dem ein Kindheitsgefühl wiedererlangt wird, die das christliche Fest aufgewertet und die zu einer immer größeren Anziehungskraft geführt hat (Göttert, 2007, 263-265). Dieses „Weihnachts-Christentum“ (Titel der Monographie von Morgenroth, 2002, vgl. auch die Ausführungen zum gewandelten Weihnachtsfest von Fuchs, 2002) zeugt von der menschlichen Grundsehnsucht nach Familie, Gemeinschaft und Hoffnung, die in einer säkularen Gesellschaft bleibt, wenn auch der religiöse Hintergrund zurücktritt bzw. von anderen Vorstellungen (Weihnachtsmann) überlagert wird.
Es sollte ein pädagogisches Anliegen sein, dass Schülerinnen und Schüler moderne Phänomene reflektieren und dabei sowohl die persönliche Praxis wie auch das gesellschaftliche Brauchtum überdenken, um den ursprünglichen Sinn des jeweiligen Festes mit der Realität abzugleichen und persönliche wie auch gesellschaftliche Handlungsoptionen abzuleiten.
3.3. Bildende Potenziale kirchlicher Feiertage
Die Feier der kirchlichen Feste mit verteilten Geschenken im Kreise der Familie kann eine Insel im stressigen Alltag bilden und (im besten Falle) Freude, Geborgenheit und Hoffnung schenken. Diese sind jedoch abhängig von situativen weltlichen Umständen, die nicht immer den gewünschten Erfolg bringen.
Der christliche Glaube, der die kirchlichen Feiertage begründet hat, bietet ein universales Sinnangebot, das sich nicht auf wenige Tage beschränkt und abhängig ist von Atmosphäre und Konsum. Das Kirchenjahr sollte nicht nur als Hintergrund für die erlebten Feiern und Bräuche der säkularen Gesellschaft betrachtet werden, vielmehr repräsentiert es in regelmäßigen Abständen im Jahr besondere christliche Zeiten, die eine Heiligung des Alltags ermöglichen. Die Feste im Kirchenjahr erinnern an das vielfältige Heilshandeln Gottes an den Menschen und bekräftigen immer wieder aufs Neue die Zusage seiner Liebe. Bereits die Vorbereitung auf die Feste wie auch die Feier selbst können situationsunabhängig Hoffnung schenken, die über das Miteinander an den Festtagen zeitlich und inhaltlich hinausreicht und nicht nur kurzfristige Freude, sondern auch langfristig Sinn zu stiften vermag. Die Thematisierung dieses Kontextes im Rahmen religiöser Lern- und Bildungsprozesse ermöglicht somit die historische Einordnung eigener Lebenszusammenhänge wie auch ein sinnstiftendes und lebensbereicherndes Angebot.
Literaturverzeichnis
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- Bieger, Eckhard, Das Kirchenjahr entdecken & erleben. Entstehung, Bedeutung, Brauchtum der Festtage, Leipzig 2006.
- Bieger, Eckhard, Das Kirchenjahr zum Nachschlagen. Entstehung – Bedeutung – Brauchtum, 4. Aufl. Kevelaer 1997.
- Bieritz, Karl-Heinrich, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart, neu bearb. u. erw. v. Christian Albrecht, 9. Aufl. München 2014.
- Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (dbk)/Generalsekretariat der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Das Kirchenjahr in der Tradition des Ostens und des Westens, Bonn/Dortmund 2019.
- Dewald, Markus, Trend zum Event. Die neue Festkultur einer atemlos gelangweilten Gesellschaft, Ostfildern 2008.
- Dücker, Burckhard, Rituale: Formen – Funktionen – Geschichte. Eine Einführung in die Ritualwissenschaft, Stuttgart 2007.
- Fechtner, Kristian, Im Rhythmus des Jahreskreises. Praktisch-theologische Perspektiven des Kirchenjahres, in: Theologische Literaturzeitung (2005), 351-370.
- Fuchs, Guido, Heiligabend. Riten – Räume – Requisiten, Regensburg 2002.
- Göttert, Karl-Heinz, Alle unsere Feste. Ihre Herkunft und Bedeutung, Stuttgart 2007.
- Hunecke, Rosario/Müller, Monika/Rechenberg-Winter, Petra, Día de los muertos. Der Tag der Toten in Mexiko, in: Leidfaden 1 (2013), 82-84.
- Kranemann, Benedikt, Allerheiligen – Entstehung und Bedeutungswandel eines Hochfestes, in: Theologisch-Praktische Quartalschrift 167 (2019), 388-395.
- Marchi, Regina, Day of the Dead in the USA. The Migration and Transformation of a Cultural Phenomenon, Chicago 2022.
- Morgenroth, Weihnachts-Christentum. Moderner Religiosität auf der Spur. 3. Aufl. Gütersloh 2004.
- Richter, Günther, Feste und Bräuche im Wandel der Zeit: Kirmes, Kürbis und Knecht Ruprecht, Bielefeld 2011.
- Wallraff, Martin, Christus verus sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike, Münster 2001.
- Walther-Sollich, Festpraxis und Alltagserfahrung. Sozialpsychologische Predigtanalysen zum Bedeutungswandel des Osterfestes im 20. Jahrhundert, Stuttgart u.a. 1997.
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