Globales Christentum
(erstellt: Februar 2026)
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1. Lebensweltliche Verortungen
Eine globale Perspektive ist für heutige Schülerinnen und Schüler einerseits Teil ihres Alltags (→ Alltag
Auch die Papstwahl 2025 hat gezeigt, wie global Kirche aufgestellt ist, was für Heranwachsende bei christlichen Großereignissen durch internationale Kontakte erfahrbar wird, wie der Weltjugendtag, das World Scout Jamboree oder die Internationale Ministrantenwallfahrt. Sie bringen Gleichaltrige aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen, wovon diese wiederum Erfahrungen in ihre Gruppen tragen und z.B. die Pfadfinderverbände sich durchaus im globalen Horizont sehen, wie es sich auch durch Reisen oder aber auch im Liedgut zeigt.
In ihrem schulischen Alltag ist für immer mehr Schülerinnen und Schüler in Folge von Migrationsprozessen (→ Migration
Als Zwischenfazit kann formuliert werden, dass das globale Christentum für einige Heranwachsende selbstverständlicher Teil ihres Alltags ist, für andere jedoch weniger. Längst nicht nur Migration und Digitalität befördern, dass die Globalität des Christentums ein Zukunftsthema darstellt. In der Realität des schulischen Religionsunterrichts ist dieses Thema jedoch noch nicht angemessen präsent: Es fehlt überwiegend noch an Perspektiven, die Verflechtungsgeschichten aufzeigen und die die globale Signatur des Christentums religionsdidaktisch operationalisieren und konkretisieren (Simojoki, 2023, 184). Um dieser bleibenden Aufgabe besser gerecht zu werden, sollte auch der Zugang der → Kirchengeschichtsdidaktik
2. Kirchengeschichtliche Einordnungen
2.1. Christentum als weltweite Bewegung
Das Christentum hat sich von Anfang an als eine Bewegung verstanden, die die Grenzen der Sprache, Kultur und Nation überschreitet (Apg 2
Im Folgenden werden die Grundzüge einer globalen Christentumsgeschichte dargestellt (vgl. zu Einzelheiten die Gesamtdarstellung und den Quellenband Koschorke, 2022; Koschorke u.a., 2021).
2.2. Antike und Mittelalter
Bereits im 2. Jahrhundert war die christliche Religion im gesamten Mittelmeerraum bzw. im Bereich des Römischen Reichs (→ Imperium Romanum
Im Mittleren Osten bedeutete das Vordringen des Islam seit dem 7. Jahrhundert keineswegs das Ende der dortigen Kirchen (wie etwa der Kopten in Ägypten), wohl aber deren wachsende Marginalisierung und Isolierung. Jenseits der Kette islamischer Staaten erlebten einzelne orientalische Kirchen im 13./14. Jahrhundert eine neue Blüte. So vor allem die ostsyrische (früher oft als „nestorianisch“ bezeichnete) „Kirche des Ostens“, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Ausbreitung von Syrien bis Ostchina und von Sibirien bis Südindien und Südasien erstreckte. Zwar überall nur eine Minderheit, übertraf sie in ihrer Ausbreitung die zeitgenössische lateinische und griechische Christenheit bei weitem. Später schrumpfte die einstige Weltkirche zu einer Regionalkirche. Aber noch anfangs des 16. Jahrhunderts trafen europäische Reisende ostsyrische Gemeinden in Südindien und Teilen des Indischen Ozeans an.
2.3. Frühe Neuzeit (16. bis 18. Jahrhundert)
In der Geschichte des globalen Christentums markiert das 16. Jahrhundert in doppelter Hinsicht eine entscheidende Zäsur. Einerseits durch das Aufkommen der reformatorischen Bewegung, die in Mitteleuropa das rechtliche Monopol der vom Papst geleiteten römisch-katholischen Kirche beendete und so einen konfessionellen Pluralisierungsschub einleitete. Andererseits durch die nun einsetzende iberische Übersee-Expansion von Spanien und Portugal, in deren Verlauf neue – und in Europa zuvor teils völlig unbekannte – Welten „entdeckt“ wurden. So in Amerika, im subsaharischen Afrika und in weiten Teilen Asiens. Überseeische Mission (→ Mission, christliche
Nennenswerte Anfänge protestantischer Missionstätigkeit sind seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu verzeichnen. Sie wurden vor allem von pietistischen Gruppen aus Deutschland (Halle, Herrnhut) und der britischen Erweckungsbewegung (Methodisten u.a.) getragen. In der orthodoxen Welt ist vor allem auf russisch-orthodoxe Aktivitäten im Rahmen der politischen und kirchlichen Expansion Russlands nach Sibirien zu verweisen.
2.4. 19./20. Jahrhundert
Das frühe 19. Jahrhundert sah das Ende des sogenannten „Ersten Kolonialzeitalters“ und zugleich den Kollaps kolonialkirchlicher Strukturen in Übersee. Spanien und Portugal verloren ihre Besitzungen auf dem amerikanischen Festland und die Holländer die Reste ihres Kolonialimperiums im südlichen Asien. Zugleich erreichte die katholische Mission – geschwächt durch die revolutionären Veränderungen in Europa und die Auflösung des Jesuitenordens 1773 – einen Tiefpunkt, von dem sie sich lange Zeit lokal wie global nicht erholte. Einen enormen Aufschwung erlebte im 19. Jahrhundert hingegen die protestantische Missionsbewegung. Getragen wurde sie zunächst vor allem von nonkonformistischen Kreisen außerhalb des kirchlichen Establishments. Organisationsform war die des Vereins, des freien Zusammenschlusses frommer Individuen, und Mission galt nicht länger als Sache des kolonialen Staates. Frühe Zentren der protestantischen Missionsbewegung waren zunächst vor allem Großbritannien (Baptisten, Methodisten, Evangelicals), dann auch Deutschland und die Schweiz (u.a. Basler Mission) sowie bald auch die erst 1783 unabhängig gewordenen USA (erste Überseeaktivitäten seit 1810). Erstaunlich früh machten sich von dort aus auch afroamerikanische Missionare auf den Weg nach Afrika – zunächst entsandt von weiß dominierten Gesellschaften, zunehmend aber auch im Auftrag schwarzer Organisationen. Die protestantische Missionsbewegung war keineswegs nur evangelisatorisch tätig, sondern trat vielerorts als Faktor der Modernisierung in Erscheinung. Missionare errichteten nicht nur Kapellen, sondern auch – und oft zuerst – Schulen, Spitäler und Waisenhäuser. Sie studierten (und verschriftlichten) die regionalen Sprachen, übersetzten die Bibel und andere Texte, führten vielerorts die ersten Druckerpressen ein oder gaben Anstöße zur Entwicklung einer einheimischen Presse. Vor allem die Bibelübersetzungen in zahlreiche lokale Sprachen und Dialekte hatten weitreichende Folgen über den missionskirchlichen Bereich hinaus. Sie gaben – so etwa der westafrikanische Historiker Lamin Sanneh (1942-2019) – den entstehenden Gemeinden ein Instrument der Emanzipation und eigenständigen Aneignung des christlichen Glaubens in die Hand. Sie inspirierte zugleich die Bildung unabhängiger Kirchen unter einheimischer Leitung, die vor allem in Afrika seit ca. 1900 wie Pilze aus dem Boden schossen.
2.5. Westliche Missionen – ein Faktor unter anderen im Prozess der Globalisierung des Christentums
Die globale Präsenz des Christentums in allen sechs Kontinenten wird gemeinhin als das Ergebnis westlicher Missionstätigkeit seit Beginn der frühen Neuzeit wahrgenommen. Zwar spielten westliche Organisationen bei dessen Ausbreitung unstrittig eine wichtige, wenngleich im Einzelnen (regional wie zeitlich) deutlich begrenzte Rolle – als ein Faktor unter anderen. Von Anfang an ist demgegenüber eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, indigener Initiativen und polyzentrischer Ausbreitungswege zu berücksichtigen. Als der portugiesische „Entdecker“ Vasco da Gama 1498 erstmals indischen Boden betrat, traf er dort in Gestalt der indischen Thomaschristen auf eine uralte, bereits seit Jahrhunderten in der Region bestehende christliche Gemeinschaft. Die Anfänge des Christentums in Korea (seit 1784) liegen lange vor der Zeit, zu welcher der erste westliche Missionar 1836 das „verschlossene Königreich“ erreichte. Sie entstanden durch eine Initiative konfuzianischer Gelehrter, die mit katholischen Priestern in Peking (Beijing) Kontakt aufgenommen hatten. Auch die Anfänge des protestantischen Christentums in Korea 100 Jahre später sind vielfach als der Prozess einer „Selbstchristianisierung“ bezeichnet worden. Inzwischen ist Korea selbst zu einem der Zentren protestantischer Weltmission geworden. Die geradezu explosive Ausbreitung des Christentums im subsaharischen Afrika des 20. Jahrhunderts erfolgte gerade nach dem Ende europäischer Herrschaft auf dem Kontinent (in den 1960er Jahren), als mit den früheren kolonialen Machthabern auch zahlreiche Missionare die nun unabhängigen Nationen verließen. Bei der Entwicklung eigenständiger kirchlicher Strukturen im Bereich der aus westlicher Mission hervorgegangenen Gemeinden im 19. Jahrhundert spielte vor allem im angelsächsischen Kontext das missionarische Konzept der „Three-Selves“ („Drei-Selbst“) eine wichtige Rolle. Ziel der missionarischen Arbeit – so Theoretiker wie der Engländer Henry Venn (1796-1873) und der Amerikaner Rufus Anderson (1796-1880) um 1850 – sollte die Gründung „einheimischer Kirchen“ sein, die sich „selbst regieren, selbst unterhalten und selbst ausbreiten“. Dies war ein Partizipationsversprechen, das jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts – nun auf dem Höhepunkt des westlichen Kolonialismus und Imperialismus – zunehmend in Vergessenheit geriet. Jetzt waren es vor allem indigen-christliche Eliten in Asien und Afrika, die kirchliche Selbstständigkeit einforderten und zugleich eigene missionarische Initiativen entwickelten. Die Evangelisierung Asiens – so etwa eine Konferenz asiatischer Delegierten 1907 in Tokio – könne „nur durch die Söhne (und Töchter) Asiens“ selbst erfolgen – also Indiens durch Inder, Japans durch Japaner oder Chinas durch Chinesen.
2.6. Migration (in unterschiedlichen Etappen der globalen Christentumsgeschichte)
Migration bezeichnet einen anderen wichtigen Aspekt der globalen bzw. überregionalen Ausbreitung des Christentums. Wichtiger als gezielte missionarische Aktivitäten war vielfach die ungeplante und spontane Verbreitung durch Migration. Dies gilt bereits für die neutestamentliche Periode, wo unser Bild weitgehend durch die sogenannten Missionsreisen des Apostels Paulus bestimmt ist, wie in der Apostelgeschichte dargestellt. Daneben gab es aber auch eine anonyme Ausbreitung, wie wiederum Paulus selbst bezeugt. Denn sein Römerbrief war ja an die bereits bestehende christliche Gemeinde in Rom gerichtet, der Paulus sich erst vorstellen musste (Röm 1
Das 19. Jahrhundert wurde dann die Zeit europäischer Massenauswanderung nach Übersee. Zwischen 1800 und 1925 verließ einer von fünf Europäern den alten Kontinent. Deutsche Emigranten gingen in die USA, nach Lateinamerika (vor allem Brasilien, Argentinien, Chile), in geringerer Zahl auch nach Südafrika sowie (nach 1890) in die neuen deutschen Kolonien. Irische Einwanderer flohen seit den 1840er Jahren vor dem Hunger in ihrer Heimat in die USA und stärkten dort das katholische Element. Umgekehrt führte etwa in Brasilien die 1824 einsetzende Einwanderung ganzer Dorfgemeinschaften aus Deutschland erstmals zu legaler protestantischer Präsenz in dem bis dato (offiziell) rein katholischen Land. In jedem Fall veränderte sich mit der massenhaften Migration auch das konfessionelle und religiöse Profil der Einwanderungsgesellschaften. – Gleiches gilt in verstärktem Maß für die globalen Migrationsströme seit den 1970er und 1980er Jahren. Dabei änderte sich vielfach auch deren Richtung. Zunehmend wurden nun die Industrieländer des Nordens (Europa, USA) Ziel wachsender Einwanderung aus den Regionen des globalen Südens. Dies führte einerseits etwa zur verstärkten Präsenz des Islam in Europa. Andererseits nahm vor allem in den urbanen Zentren Europas (London, Paris, Frankfurt etc.) und der USA die Zahl christlicher Migrationskirchen insbesondere aus Afrika sprunghaft zu. Viele afrikanische Diasporagemeinden wurden in ihrer neuen Umgebung ihrerseits missionarisch aktiv und gewannen zunehmend Mitglieder auch aus der örtlichen Bevölkerung.
2.7. Interkulturelle und interreligiöse Beziehungen
2000 Jahre Kirchengeschichte sind gekennzeichnet durch den sukzessiven Eintritt des Christentums in eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturräume. Dies hatte unter anderem die Ausprägung unterschiedlicher Christentumsvarianten zur Folge. Diese kulturelle Vielgestaltigkeit des Weltchristentums macht sich fest etwa an der Sprachenfrage, der Bibelübersetzungen oder vielfältiger Traditionen in Liturgie, Kunst, Theologie, Ethik und sozialer Lebensformen, die bis heute auch im ökumenischen Dialog eine Rolle spielen. Afrikanische Christen beispielsweise haben immer wieder das auch biblische (im Alten Testament bezeugte) Recht der Polygamie verteidigt. Bei der Aufnahme etwa der afrikanischen Kimbanguisten-Kirche – die offiziell Polygamie akzeptiert – in den Ökumenischen Rat der Kirchen (1959-2021) wurde diese Frage kontrovers diskutiert. Kontroverse Fragen heute sind oft gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder die Rolle der Frau.
Im Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen gab es von Anfang an ein breites Spektrum der Reaktionen, das von Gegnerschaft und Abgrenzung bis zur Suche nach gemeinsamen Elementen und partieller Akkommodation (gemäß 1Kor 9,19
2.8. Konfessionen, Ökumene, „World Christianity“
Traditionellerweise werden drei große Kirchenfamilien unterschieden: 1. Orthodoxie; 2. Katholizismus; 3. Protestantismus (Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, Baptisten u.a.), wobei die seit Anfang des 20. Jahrhunderts boomende globale Pfingstbewegung vielfach als eigene vierte Gruppe gerechnet wird. Daneben gibt es eine wachsende Vielzahl unabhängiger christlicher Kirchen und Bewegungen. Bei der Orthodoxie ist die Unterscheidung der sogenannten östlich-orthodoxen Kirchen (griechisch, russisch, ukrainisch, rumänisch etc.) und orientalisch-orthodoxen Gemeinschaften (Kopten, Äthiopier, Syrisch-Orthodoxe u.a.) von Bedeutung. Viele dieser Kirchen waren ursprünglich regional begrenzt, sind aber inzwischen – als Folge von freiwilliger oder unfreiwilliger Migration – weltweit anzutreffen (gilt insbesondere für die orientalischen Kirchen). – In der Geschichte hat es immer wieder Versuche zur Überwindung der innerchristlichen Spaltungen gegeben. Im protestantischen Kontext gingen für die ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts wesentliche Impulse von der Weltmissionskonferenz Edinburgh 1910 aus. Über verschiedene Zwischenstationen führte diese 1948 zur Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) mit Sitz in Genf, dem heute (Stand 2025) 352 protestantische und orthodoxe Kirchen aus 120 Ländern mit ca. 580 Mio. Mitgliedern angehören. In der römisch-katholischen Kirche – die lange Zeit ökumenischen Bestrebungen ablehnend gegenübergestanden hatte – markierte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) eine Wende und leitete eine Öffnung zum ökumenischen und interreligiösen Dialog ein. Vielfältige Formen der inner- und außerchristlichen Kooperation entwickelten sich auch auf anderen Ebenen. In letzter Zeit wird das Konzept des „Weltchristentums“ intensiv diskutiert. Vom klassischen Begriff der Ökumene unterscheidet es sich dadurch, dass es nicht nur der konfessionellen Pluralität des globalen Christentums gerecht zu werden sucht, sondern auch seiner kulturell-kontextuell-geographischen Vielgestaltigkeit. Neben den kirchlichen Organisationsformen werden dabei auch fluide Formen christlicher Präsenz ins Auge gefasst.
2.9. Neuere Entwicklungen
Seit Mitte der 1980er Jahre lebt eine wachsende Mehrheit der christlichen Weltbevölkerung im globalen Süden. Dies gilt – bei allen Schwierigkeiten der Religionsstatistik – sowohl für die einzelnen Kirchenfamilien (römisch-katholisch, anglikanisch, reformiert etc.) wie für das Gesamtbild. Nach Angaben des renommierten PEW-Research Centers (2017) bildeten christliche Gemeinschaften um 2015 mit ca. 31 % die größte religiöse Gruppe in der gesamten Weltbevölkerung (Muslime 24,1 %; Hindus 15,1 %; Buddhisten 6,9 %; Juden 0,2 %; andere 16 %). Innerhalb der christlichen Weltgemeinschaft sieht die regionale Verteilung wie folgt aus: Subsaharisches Afrika 26 %; Lateinamerika/Karibik 25 %; Asien/Pazifik: 13 %; Europa 24 %; Nordamerika 12 %; Nahost/Nordafrika 1 %.
Einen wichtigen Globalisierungsschub markierten die Jahre 1989/1990: Kollaps der Sowjetunion, Ende des „Kalten Krieges“, Öffnung der Grenzen zwischen Ost und West, verstärkter Zustrom aus dem östlichen Europa nach Deutschland (und Westeuropa). Darunter auch viele orthodoxe Christen, die das konfessionelle Gefüge in Deutschland veränderten. Mit dem Jahr 1989/90 verbindet sich auch die Erfindung des Internets, das eine Epoche digitaler Globalisierung einleitete und auch in seiner Auswirkung auf neue Formen religiöser Kommunikation sowie der Formation religiöser Gemeinschaften nicht überschätzt werden kann. Sie ermöglichte die einfache Verbindung von Migrationskirchen und anderer Diaspora-Gemeinschaften mit ihren jeweiligen Ursprungsgesellschaften und verstärkte so zugleich die religiöse → Pluralisierung
Kriegerische Ereignisse lösten neue Migrationswellen aus, mit unmittelbaren Folgen gerade auch für Deutschland: Der Bürgerkrieg in Syrien führte 2015/16 zur Flucht von zwei Millionen Menschen in die EU und der Überfall Russlands auf die Ukraine (seit 2022) zur (zumindest temporären) Einwanderung von 1,3 Millionen Ukrainern in Deutschland (Stand Februar 2025). Der eine Konflikt führte unter anderem zu wachsender muslimischer Präsenz und der andere zum Zustrom gerade auch orthodoxer Christen. Zugleich verstärkte sich die religiöse und konfessionelle Vielfalt in deutschen Klassenzimmern.
3. Kirchengeschichtsdidaktisch-praktische Überlegungen
Die grundlegende Herausforderung kirchengeschichtsdidaktischen Lernens im Religionsunterricht besteht darin, dass kirchengeschichtliche Inhalte im Religionsunterricht eine randständige Rolle spielen. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Anliegen, nun entgegen diesem Trend für mehr Kirchengeschichte und eine Erweiterung der Inhalte um ihre globale Dimension zu plädieren, wenig Erfolg haben wird. Sinnvoller erscheint es daher, die Potenziale eines Lernens im globalen Horizont zukünftig noch stärker dahingehend zu erschließen, dass gängige Inhalte des Religionsunterrichts auch globalhistorisch fundiert und erschlossen werden.
Welche Lernmöglichkeiten damit verbunden sein können, wird nun exemplarisch in fünf Feldern beschrieben.
3.1. Lernmöglichkeiten
Eine erste Lernmöglichkeit liegt – das wurde bei der Entfaltung der globalen Christentumsgeschichte durchgehend deutlich – im Ökumene lernen (→ Ökumenisches Lernen
Eine zweite Lernmöglichkeit dreht sich um die Frage, wie es gelingen kann, in auf Ökumene zielenden Bildungsprozessen nicht in die differenzhermeneutische Falle zu tappen, sondern gerade in kooperativen Lernsettings vom gemeinsamen Christlichen auszugehen (Lindner/Schambeck/Lorenzen/Witten, 2025). Die globale Christentumsgeschichte ist für das Entdecken von Crossover-Phänomenen (Schambeck, 2025) eine reiche Fundgrube. Zu fragen ist, wo es christentumsgeschichtliche Crossover-Phänomene gibt, die z.B. Überlappungen von Konfessionskulturen zeigen und Gemeinsamkeiten bzw. Verbindungslinien verdeutlichen.
Eine dritte Lernmöglichkeit reflektiert das Themenfeld Ekklesiologie (→ Kirche/n
Eine vierte Lernmöglichkeit greift den Vorschlag einer „elementaren Kirchengeschichte“ (Dierk, 2005, 225-226) auf. Dierk schlägt für einen kirchengeschichtsdidaktischen Unterricht eine Auswahl an Grundbegriffen vor, die sie als hermeneutischen Schlüssel zur Erschließung kirchenhistorischer Themen versteht und die auch für eine globalhistorische Perspektive genutzt werden können. Einer dieser Grundbegriffe ist Befreiung, im Zusammenhang mit Exodus, Wunder, Umkehr und Rechtfertigung. Das Befreiungsmotiv durchzieht auch die globale Christentumsgeschichte, wobei sich Verflechtungen sowie Machtfragen deutlich zeigen.
Das führt zur fünften Lernmöglichkeit: Eine bleibende Aufgabe für religiöse Bildung und die Kirchengeschichtsdidaktik ist die postkoloniale Reflexion (→ Postkolonialismus, kirchengeschichtsdidaktisch
3.2. Zugänge über ein Lernen an Biographien
Für die Zugänge zu den globalen Perspektiven der Christentumsgeschichte bietet sich ein Lernen an Biographien (Lindner, 2007; Witten, 2014) an, wobei einzelne Biographien beispielhaft für jeweils ein bestimmtes Thema und einen historischen Kontext stehen (Koschorke, 2022), wie z.B. die folgenden:
- Bartholomé de las Casas (16. Jahrhundert), der Zeitzeuge und schärfster Kritiker der spanischen Kolonialherrschaft in Lateinamerika sowie Vorkämpfer für die Menschenrechte der Indigenen war (Koschorke, 2022, 29-33).
- Samuel Ajayi Crowther (1806-1891) aus Nigeria, „the slave boy who became bishop“: Ein befreiter Sklave, erster schwarzafrikanischer Bischof der Neuzeit und damit Symbol der Aufstiegshoffnung afrikanischer Eliten auf beiden Seiten des Atlantiks im 19. Jahrhundert. Er inspirierte (nach seiner Entmachtung in den 1880er Jahren) die Entstehung unabhängiger afrikanischer Kirchen (Koschorke, 2022, 156-158).
- Pandita Rambai (1858-1922), indische Christin, Sozial- und Bildungsreformerin, Vorkämpferin für Rechte der Frauen auf Bildung, von der Impulse für die Pfingstbewegung ausgingen.
- Desmond Tutu (1931-2021), Vorkämpfer gegen die Apartheid, Friedensnobelpreisträger (1984) und anglikanischer Erzbischof von Kapstadt (Südafrika).
Ein Lernen an Biographien bietet sich an, da diese anschaulich sind und einen Zugang zum Thema bieten, ohne allzu viel vorauszusetzen.
Als Zugang für das Thema Befreiung (vierte Lernmöglichkeit) eignet sich die lateinamerikanische Befreiungstheologie und hier wiederum das Beispiel des Wirkens des Märtyrerbischofs Oscar Romero (1917-1980) (Koschorke, 2024, 232; 260; 280; 256-260;2021, 301-311 – mit Informationen, Bildmaterialien, Quellentexten sowie Literaturangaben). Über Oscar-Romero-Häuser, die es an einzelnen Orten gibt, die Christliche Initiative Romero sowie im Internet zugängliche Ressourcen (wie Wikipedia, das Ökumenische Heiligenlexikon oder bei Seiten kirchlicher Hilfswerke wie Adveniat und Misereor) können die Lernenden zum einen vor Ort Spuren entdecken und sich zum anderen informieren. Die am Westportal der Westminster-Abbey 1998 errichtete Galerie der „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ lässt fragen, wer die abgebildeten Personen sind, was sie getan haben, wie sie zueinander stehen und diskutieren, ob eine solche Auswahl gerechtfertigt ist und wie sie für andere Zeiträume aussehen könnte.
Durch die Biographie Romeros erhalten die Lernenden sowohl Zugang zur Befreiungstheologie als auch zum historischen Kontext. Dies schließt die Debatten um sozioökonomische Strukturen im katholischen Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die globale Rezeption, gerade auch im protestantischen Mitteleuropa, die bis heute virulenten Fragen des konziliaren Prozesses (Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung) ein und ist gut anschlussfähig an die aktuellen Diskurse um → Bildung für nachhaltige Entwicklung
4. Schluss
Es wurde deutlich, dass Perspektiven des globalen Christentums für den Religionsunterricht eine Bereicherung sind und zukünftig stärker berücksichtigt werden sollten. So plausibel diese Forderung ohne Frage erscheint, soll nicht verschwiegen werden, dass sich die Umsetzung jedoch durchaus herausfordernd gestaltet und mehr Unterstützung durch religionsdidaktische Konkretisierung sowie Professionalisierung der Lehrkräfte erfordert. Dabei liegt ein Hindernis auch darin, dass der Religionsunterricht mit den heterogensten Lerngruppen meistens derjenige ist, der die geringsten kirchenhistorischen Anteile hat. Umso wichtiger ist es, die globale Dimension des Christentums nicht nur als eine kirchengeschichtsdidaktische Aufgabe, sondern als Grundaufgabe des Religionsunterrichts und religiöser Bildung zu verstehen.
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